11. Tag
Ein Urlaubstag ganz ohne Verkehrsmittelnutzung: Das musste ich ROT in meinem Kalender anstreichen. Aber heute war kein normaler Urlaubstag, denn ich war zu Besuch bei einem ganz besonderen Ground (der sogar nicht einmal LOST ist).
Im Jahr 2015 hat das World Football Museum der FIFA in Zürich in seiner Ausstellung "Planet Football" Bilder vom Fußball an verschiedenen, völlig unter-schiedlichen Orten gezeigt - von der marokkanischen Wüste bis hin zu einem brasilianischen Strand (ich weiß nicht, ob es die Ausstellung heute noch gibt). Mit dabei war auch der Balla Sports Ground auf der schottischen Insel Eriskay, der seitdem eine gewisse Berühmtheit erlangt hat. Ich finde es bemerkens-wert, daß gerade die FIFA mit ihrem miserablen Ruf zumindest damals noch einen Blick für Plätze und Vereine abseits der Beton&Stahl-Arenen und der großen Ligen hatte.
Seitdem gilt Eriskay auf den Äußeren Hebriden zu Recht als Heimat einer der schönsten Plätze der Welt. Und seit etwa vier bis fünf Jahren befindet sich dieser Platz in meiner gedanklichen, sehr überschaubaren "to hop"-Liste. Der heimische Eriskay FC gehört der aus sechs Mannschaften bestehenden Uist and Barra Football Association an, die zwischen April und September eine Liga und (zumindest) einen Pokalwettbewerb ausspielen. Es dürfte klar sein, daß es sich hier um Mannschaften des absolut untersten Levels handelt. Im Allgemeinen ist man zudem froh, an Spieltagen elf bis 13 Spieler zusammenzubekommen. So kann es kurzfristig durchaus zu Spielabsagen oder -verschiebungen kommen, wie z.B. bei einem Trauerfall o.ä. Das immer mehr junge Menschen die Inseln verlassen, ist der Spielbetrieb einer solch kleinen Liga durchaus bedroht.
So schön und bekannt der Fußballplatz auf Eriskay auch ist, er wird nur selten besucht. Dafür ist er einfach zu abgeschieden und zu schwer erreichbar. Neben dem Luftweg, den ich gewählt hatte, gibt es noch zwei Land-& Seerouten, die nach Eriskay führen: Oban -> Castlebay auf Barra (mit der Fähre, Dauer: knapp 5 h und nur 5x die Woche möglich), dann mit dem Auto nach Ardmhòr und mit noch einer Fähre nach Eriskay ODER Mallaig -> Lochboisdale auf Uist (mit der Fähre, Dauer: 3 h, 1 - 2x täglich) und dann weiter mit dem Auto über den Eriskay Causeway nach Eriskay. Für jemanden wie mich als Alleinreisender und ohne Auto fast unmöglich... Eine weitere Schwierigkeit ist die Unterkunft. Diese sind gerade im Sommer sehr begrenzt, manchmal nur wochenweise mietbar (z.B. Ferien- wohnungen für Selbstversorger), oft nur mit dem Auto erreichbar und die Preise sind so salzig wie das Meerwasser, das die Insel umgibt. Camping geht auch, aber das hat auch einen Haken... (siehe Ende des Berichts).
Während meines Reisezeitfensters hatte Eriskay ein Heimspiel sicher und ein weiteres war möglich. Das sichere Heimspiel lag allerdings auf dem Samstag, an dem ich in Fort William sein wollte (15.8.) und das ließ sich nicht umplanen, weil dann Thurso und alles andere nicht mehr gepasst hätte. Das unsichere Heimspiel war das Pokal-Halbfinale (am 18.8.), für das sich Eriskay aber (am 8.8.) noch gegen einen stärkeren Gegner qualifizieren mußte. Dieser Termin (der 18.8.) war nicht fix und aus Kostengründen wollte ich mit den Flugbuchungen nicht bis drei Tage vor Anpfiff warten. Und wer weiß, ob dann (m)eine Unterkunft frei gewesen wäre...? Da muß ein Groundhopper abwägen und ggf. einen Bock schießen. Mit dem Alter bin ich diesbezüglich abgeklärter geworden, d.h. ein verpasster Ground regt mich kaum noch oder gar nicht mehr auf.
Letztendlich hat Eriskay das Viertelfinale überraschend gegen North Uist Utd mit 4:2 gewonnen und so kam es am 18.8. (und leider nicht 2 Tage später) zum Halbfinale Eriskay - Iochdar Saints Football Club, das Eriskay ebenfalls mit 5:4 für sich entscheiden konnte. Das andere Halbfinale zwischen Barra und Benbecula war sogar noch torreicher gewesen (5:6) und so kam es am Tag meiner Abreise von Eriskay auf Uist (leider spontan unerreichbar, hätte dann zwei Flüge ausfallen lassen müssen) zum Finale Eriskay - Benbecula. Hier triumphierte Eriskay gegen den haushohen Favoriten wieder mit 5:4 und sicherte sich den Billy McNeill Cup. Den Pokalsieg hat Eriskay garantiert ausgiebig im Pub "AM Politicain" gefeiert..., denn sechs Tage später gab es bei den Saints, gegen die man ja im Halbfinale noch gewonnen hatte, ein 0:14. Verrückte Fußballwelt.
Ich war also auf Eriskay und würde kein Spiel sehen. Wer wagt gewinnt... oder verliert manchmal. Aber von "verlieren" im eigentlichen Sinne kann keine Rede sein, wenn man auf Eriskay Stunden damit verbringen kann (Achtung! Keine Übertreibung!), deren Fußballplatz, der auf schottisch Cnoc Na Monadh heißt, zu genießen. Insgesamt dreimal bin ich hingelaufen (morgens, mittags und abends) und konnte mich jeweils nur schwer losreißen.
Das besondere an dem Platz ist sein absoluter Minimalismus. Außer zwei Toren, sechs Fahnen und einer Kreidelinien-"Maschine" gibt es nichts. Keine Trainerbänke, keine Zuschauerbänke, kein WC, keine Gastronomie, keine Umkleiden, kein Flutlicht, keine Fangnetze und auch kein Parkplatz. Lediglich von Norden und Süden führt ein schmaler Trampelpfad hinauf- bzw. hinunter zu dem Spielfeld. Das wirft einige Fragen auf, wie z.B. wo landen und bleiben all die Bälle, die meerseitig über den Spielfeldrand geschossen werden? Und wie kommen die Gegner mit dem gnadenlos welligen Platz zurecht? Es gibt genug Gründe, hier mal ein Spiel zu sehen... und für mich, eines Tages wiederzukommen.
Am Abend erzählte ich meinem Gastgeber, daß ich nur wegen des Fußballplatzes nach Eriskay gekommen sei und daraufhin holte er begeistert zwei seiner Vereins-Jacken aus dem Schrank und ließ sie mich anprobieren. Grün-Weiß steht mir gut... wenn es Celtic oder Eriskay ist :-). Ich denke, man muß nicht großartig erklären, welche Bedeutung der Verein für die Insel hat. Ohne den Eriskay Football Club wäre die Insel fast nicht auf der Weltkarte.
12. Tag
Eriskay (South Uist) -> Ardmhor (Barra) mit der Fähre von Caledonian MacBrayne zu 4,20 GBP, BRR -> GLA mit Loganair zu 170 EUR, 1x Ü im Safestay Glasgow Charing Crosszu 49 EUR
Es soll Leute geben, die auf einen Sommerurlaub in Schottland verzichten, nur um dort den berüchtigten Mücken, den Midges, zu entgehen. Die Biester stechen nicht, sondern beißen und sind so klein, daß sie sogar durch Malarianetze durchpassen. Daher gibt es besonderes engmaschige Netze gegen diese Plagegeister. Midges sind an Gewässern heimisch und treten bevorzugt am Morgen und in der Abenddämmerung sowie bei "schlechtem" Wetter auf. Sie können Menschen an ihrem Geruch erkennen und so gibt es eine Vielzahl an Anti-Sprays. In Foren ist zu lesen, daß die bei dem einen helfen, bei dem anderen widerum nicht. Es gibt mit "The Scottish Midge Forecast" sogar eine Seite, auf der man sich die Vorhersagen der aktuellen Midge-Aktivitäten anschauen kann.
Nun war ich fast zwei Wochen in Schottland unterwegs und wäre fast dazu übergegangen, diese Midges in das Reich der Fabel zu verweisen. Egal wo und egal bei welchem Wetter, Midges waren mir nirgendswo aufgefallen. Und für die Äußeren Hebriden lagen die Vorhersagen im August immer sehr niedrig. So kam ich also am Tag meiner Abreise an der Fährstation von Eriskay an und wartete auf einer Holzbank auf das Schiffchen. Plötzlich spürte ich im Gesicht irgendwo einen "Stich" oder etwas ähnliches. Es tat nicht wirklich weh, aber es war unangenehm. Ich versuchte, das Viech mit der Hand wegzuschlagen, aber es wurden immer mehr. Keine fünf Sekunden später war ich von einem ganzen Schwarm umzingelt. Genau das ist das fiese an den Tierchen: Sie kommen nicht allein, sie kommen zu Tausenden! Ich flüchtete schnell in die kleine "Schutzhütte" am Hafen und kramte Spray ("Smidges") und Kopfnetz heraus. Die erste Ladung Anti-Spray landete in meinem Auge. Ich hatte die Düse falsch herum gedreht. Danach klappte es mit dem Einsprühen der Stirn. Dann zog ich das sackförmige Netz über meinen Kopf und kaschierte es mit meiner Kappe. Sah ziemlich scheiße aus, aber es wirkte einigermaßen. Einige der Midges hatten es in das Netz geschafft und so ärgerten mich die Mücken weiterhin. Aber das große Geschwader war abgewehrt und ließ mich, zum Glück, auch auf der Fähre in Ruhe.
Der Rückflug nach Glasgow lief ähnlich ruhig und störungsfrei ab, wie der Hinflug. An die ultrakurzen Check In- und Boarding-Zeiten sowie die fehlenden Sicherheitskontrollen von Personen und Gepäck (!) könnte ich mich gewöhnen.
Später im Stadtzentrum von Glasgow sorgten die Filmaufnahmen für einen Streifen mit irgendwas über Gotham für Aufsehen, Absperrungen und Umwege. Fast alle Fahrzeuge am Set waren im sommerlichen Schottland mit reichlich Chemie auf tiefen Winter gestylt worden. Sogar die Mülltonnen trugen die Aufschrift "Gotham City". Ich brachte mein Gepäck ins Hostel und fuhr zum Hampden Park raus.
22.8.26 * Queen's Park FC - Stenhousemuir FC 0:2 * Scottish Championship * Lesser Hampden Park, Glasgow, Schottland * Eintritt: 24 GBP * Zuschauer: 886
Nach der Renovierung des Lesser Hampden Parks, gelegen im Schatten des "großen Bruders", scheint der Queen's Park FC hier seine neue/alte Heimat gefunden zu haben. Ich habe keine Ahnung, wie der Ground vorher ausgesehen hat, aber der neue Zustand gefällt mir nicht besonders. Immerhin ist das Stadion schon über 100 Jahre alt. 2021 wurde leider das sogenannte "farmhouse" abgerissen. Als der Queen's Park FC 1923 hier einzog, wurde das bereits bestehende Gebäude als Umkleidekabine, Klubhaus und Pavillon umfunktioniert. Es galt wegen seines Alters und seiner durchgehenden Einbindung in den Fußballbetrieb als weltweit ältestes erhaltenes Gebäude im Zusammenhang mit Fußball. Für mich ist der Abriss unverständlich und unverzeihlich.
Wie das Spiel war, hab ich vergessen. Stimmung gab es nur in dem kleinen Block der Gästefans aus Stenhousemir zum Ende der Begegnung.
Als ich Lesser Hampden verließ, lenkten mich meine Füße beinahe wie von selbst am Hampden Park vorbei und weiter in Richtung Shawfield Stadium. Den Weg kannten meine Beine gut. Ich war mir unschlüssig, ob ich tatsächlich noch einmal an einem meiner Lieblings-LOST GROUNDS vorbeigehen sollte. Schließlich nahmen mir meine Füße die Entscheidung ab und plötzlich stand ich wieder auf dem großen Parkplatz auf der Haupttribüne. Ich ging links an der Tribüne den kleinen Hügel hoch und wo vor drei Jahren noch eine unberührte Wiese stand, fand ich nun einen Trampelpfad vor. Und das Blech, das ich damals mühevoll etwas zurückgebogen hatte, um einen Blick vom Stadioninneren zu erhaschen, lag kompett auf dem Boden. Der Ground hat sich stark verändert, aber nicht zu seinem Vorteil. Sprayer-Freunde und Vandalen haben deutlich ihre Spuren hinterlassen. Die damals noch intakte Haupttribüne ist total auseinandergenommen worden und ein gepflegter Rasen gehört der Vergangenheit an. Sehr traurig!
Bereut hab ich mein Kommen dennoch nicht, denn diesmal hatte ich mein Weitwinkel-Objektiv dabei und so gelangen mir ein paar eindrucksvolle Fotografien, die ich später in irgendeiner Form veröffentlichen werde.
13. Tag
GLA -> HAJ mit Eurowings zu 170,80 EUR, Hannover Flughafen -> Bergisch Gladbach mit Deutschland-Ticket
Alles hat ein Ende und meine Schottland-Tour endete nach 13 Tagen mit dem Rückflug nach Deutschland. Es bleiben Erinnerungen an tolle Tage in einem wunderschönen Land.



















