"Wenn Du ein Land kennenlernen willst, gehe nicht zu den Ausgrabungsstätten, sondern in die Tavernen." Das habe er so oder so ähnlich einmal gelesen. Michael Höller hat den Spruch nur etwas abgewandelt und ihn zu seinem Lebensmotto gemacht: "Statt Tavernen sind es bei mir eben Stadien."[Allgemeine Zeitung / Rhein Main Presse, 1.8.2015]



Samstag, 22. Februar (8. Tag)

Flug BOM -> GOI mit Air India zu 47,23 €, 2x ÜF im Hotel Grande Delmon, Panaji zu je 52 €

Gestern hatte ich das gute Gefühl gehabt, den Durchfall überstanden zu haben. Trugschluß, wie ich spätestens beim Anflug auf Goa feststelle. Im Flieger sitzen 50% Europäer - in der Abflughalle des Flughafens Dabolim stehen 100% Russen, für die es zurück nach Moskau geht. Goa, der kleinste indische Bundesstaat, ist DAS Urlaubsparadies in Indien für Touristen aus nah und fern. Sonne, Strand und Meer.

In Goa ist UBER verboten. Die Gewerkschaft (man sagt auch: die Mafia) der Taxifahrer hat sich bisher erfolgreich dagegen gestemmt. So kursieren Horrorstories im Netz, was einem alles drohen kann, wenn man in Goa in ein Taxi steigt. Dabei ist die Fahrt mit einem Pre-Paid Taxi völlig unproblematisch und preislich im Rahmen. So erreiche am frühen Morgen mein Hotel im Städtchen Panaji (oder auch Panjim oder auch Pangim genannt). Ich verweigere das Frühstücksbuffet, werfe auf dem Zimmer mein leichtes Gepäck in die Ecke und die Klimaanlage an. Bin fix und alle. In meiner Not werfe ich Ciprofloxacin ein. Ein Mittel, von einem Online-Tropeninstitut empfohlen - das mir mein Doc aber nur sehr zögerlich verschrieb und bei dem die Apothekerin bei der Herausgabe vor Schreck zu Stottern begann.



Nach etwa zwei Stunden riskiere ich einen Rundgang durch das Örtchen. Es ist mit 36° C brutal warum und außerhalb des Schattens von Häusern halte ich es kaum aus. Ich fühle mich total unwohl und krank. Trotzdem muß ich zumindest einen Eindruck von Panaji gewinnen. Ich liebe diese alte portugisische Architektur und die grandiose Our Lady of the Immaculate Conception Church muß ich unbedingt gesehen haben. Die Kraftanstrengungen lohnen sich.







Our Lady of the Immaculate Conception Church in Panaji






GoaMilesApp


Gegen Mittag falle ich im Hotelzimmer wieder auf´s Bett. Sicherheitshalber stelle ich mir ne Mülltonne nebendran. Übelkeit statt Heiterkeit macht sich breit. Für 15:45 Uhr hatte ich via GoaMilesApp, einer offiziellen UBER-Alternative, eine Fahrt nach Madgaon gebucht. Doch ich komm einfach nicht mehr hoch. Drei Tage ohne feste Nahrung zeigen Wirkung. 90 Minuten Taxifahrt, zwei Stunden im Ground und dann wieder zurück? Nicht heute, nicht für mich! Schweren Herzens ringe ich mich durch, Spiel, Ground und Taxifahrt zu canceln. Hauptsache liegenbleiben können.

Churchill Brothers Goa FC – Mohun Bagan  x:x * 17:30 Uhr * I- League * Fatorda Stadium, Madgaon *

Panjim Local Market



Nach Sonnenuntergang nochmal vor die Tür. Während daheim in Bergisch Gladbach der Karnevalszug wegen Sturm abgesagt wird, bekomme ich hier - unverhofft - einen der indischen Art geboten. Sensationell!



Tutti Frutti.


Höhepunkt am Schluß des Zuges: Radschlagender Pfau statt Dreigestirn.


Off Shore Casino auf dem Mandovi River, Panaji





Sonntag, 23. Februar (9. Tag)

Cruise Goa (Mormugao) -> Mumbai (Princess Docks) mit Angriya zu 95 €



Die komischen Tabletten helfen nix. Außerdem sollte man nicht mit naßgeschwitzten Klamotten unter der Klimaanlage einschlafen. Ach Du Kacke! Weil mir auch 12 Stunden Schlaf nicht reichen, bleibe ich bis mittags auf dem Hotelzimmer und streiche den Ausflug nach Velha Goa aus dem Programm. Sind eh nur alte Steine.

Zurück nach Mumbai geht es auf einem Luxusdampfer. Der einzige Grund: Die Flüge für den heutigen Tag waren irgendwie exorbitant teuer und das Kreuzfahrtschiff die preiswerteste Alternative. Das hat sogar den Vorteil, ich muß mich nicht bewegen und hab immer ein WC in der Nähe.

Ausnahmsweise mal zu Wasser statt in der Luft unterwegs.


Die Angriya, benannt nach einem indischen Piraten.



Mehrbett-Kabine.



Coole Sikhs!


Ich werde nie verstehen, was Leute an Kreuzfahrtschiffen so toll finden. Langweilig und öde! Mit mir an Bord ist die indische Mittelschicht. Der Pool wird zuerst, statt von den Kiddies, von jungen Männern mit Handies bevölkert. It´s Selfie Time! Nicht meine Szene. Die Live Music verschlafe ich, dafür bin ich nachher der vorletzte Gast in der Disco. Inder scheinen keine Feierbiester zu sein. Die Nacht im 14-Personen-Stall verläuft ruhig.

Sonnenuntergang über dem Arabischen Meer.


Um 2 Uhr morgens ist er allein auf der Tanzfläche. Ich schaue ihm gerne zu.



Montag, 24. Februar (10. Tag)

Werde um 8 Uhr wach. Entdecke Mückenstich am Fuß unter der imprägnierten Socke. Malaria kann ich jetzt gar nicht gebrauchen. Beim Blick vom Deck "lagen wir schon vor Madagaskar".... nein, Mumbai. Unser Dampfer ist umringt von hunderten anderen kleineren Schiffen, eine Wahnsinns-Szenerie. Die Ausschiffung erfolgt mittels kleinem Shuttle-Boot. Da ich kein Gepäck aufgegeben hatte, komme ich aus dem Hafengelände schnell raus und zurück zum Hotel.

"Wir lagen vor... Mumbai!"





Bollywood ist nicht mein Ding, aber an diesem Mittag ist jeder dieser Programm-Sender eine gute Alternative zu der Live-Schalte ins neue Cricket-Stadion in Ahmedabad. Dort sitzt der amerikanische Depp und labert davon, wie toll sein Amerika ist und wie toll es für die Inder jetzt ist, "to deal with us". Ich gucke, wo der Mülleimer gerade steht. Glaube, gleich brauche ich ihn doch.

Der Depp aus Amerika ist nur 440 km entfernt von mir.



Carpe diem! So ein richtig cooler Gewürzmarkt mit hot spices fehlt mir noch. UBER bringt mich zum Lalbaug Spice Market, doch hier sind, warum auch immer, 90% aller Läden und Stände geschlossen. Doof!

Lalbaug Spice Market, Mumbai.


Kurkuma.


Man beachte die Füße des schlafenden Händlers!


Die dummen Hühner sitzen drin, die schlauen Raben fliegen draußen herum. Karma?!


Sehnsuchtsort Bahnhof. Vom Gewürzmarkt lasse ich mich zur Mumbai Central Railway Station bringen. Neidisch auf all die Reisenden schleiche ich durch die riesigen Hallen. Wie gerne würde ich von hier aus zu einer tagelangen Fahrt nach Nordindien oder sonstwohin aufbrechen. Ich muß wohl wiederkommen!


Wartesaal am Hauptbahnhof Mumbai.


Ticketschalter.


Verfügbarkeitsanzeige.


Gujarat Express nach Ahmedabad Junction. Könnte den Trump noch erwischen... ;-/



Pendlerzug der Western Railway.



Der erste und einzige Western Supermarket, den ich in ganz Indien auftreiben konnte.


Messerschleiferei a la Mumbai.


Gandhi himself.


In Bäumen hängende Reifen zeigen an: Hier ist eine Reifenflickwerkstatt.



Dienstag, 25. Februar (11. Tag)

Am Vorabend hatte ich am Fernseher von irgendeinem Fußballturnier erfahren, daß gerade in Mumbai begonnen hatte. Rechere im Internet offenbart, daß es sich um ein Nachwuchs-Turnier in Navi Mumbai handelt. Immerhin sind Teams aus der englischen Premier League beteiligt. Hin da!

mit UBER nach Navi Mumbai


Welcome... für Akkreditierte.


UBER fährt mich schon am frühen Morgen raus aus der Stadt über den Thane Creek nach Navi Mumbai (mit 1,1 Mio Einwohnern die größte Planstadt der Welt). Es dauert über eine Stunde, bis wir am Reliance Corporate Park ankommen. Ich muß feststellen, daß es sich hier um ein gut gesichertes Firmengelände (oder einen Firmenpark ?) handelt. Auf Nachfrage werde ich nach Gate A geschickt. Dort sitzt ein junger Mann mit Laptop und einer handvoll Lanyards. Ich gebe ihm zu verstehen, daß ich mir eines der Turnierspiele anschauen wolle. Ob ich akkreditiert sei? Nee! Dann leider keine Chance. Fuck! Na ja, sooo wichtig ist mir das jetzt auch nicht, als daß ich n Willi machen müßte, um doch reinzukommen. Trotzdem, den knapp vierstündigen Ausflug und die etwa 20 € für UBER hätte ich mir sparen können.

Jugend-Turnier.


Flutlichter des Reliance Corporate Park Cricket Ground.


Hundstage! Bahnhof Churchgate!


Haus Nähe Marine Lines.


Nachmittags fahre ich mit der Western Railway bis zur Station Marine Lines. Die Gegend rund um die Kalbadevi Road sei sehenswert, weiß mein Reiseführer. Recht hat das Buch.

Ich stoße auf ein paar schöne, abgewrackte Häuser, einen zooastrischen Feuertempel (einen solchen hatte ich schon mal in Teheran besucht), ein paar antiquiert dreinschauende Geschäfte und - mein persönliches Highlight - auf das Lokal Kyani. "Legendary Irani Restaurant und Bakery" steht groß über der Tür. Die Kuchenauswahl hätte sich auch in jedem Café im Schwarzwald gut gemacht. Was mich aber so sehr an dem Laden fasziniert, ist das alte, zeitlose Interieur. Stundenlang hätte ich hier sitzen und einfach das Hiersein genießen können. Eine ideale Filmkulisse, wie ich finde.

Anjuman Parsee Fire Temple




Kyani, "legendary Irani Restaurant and Bakery"



Gruseliges Haus in der Nähe der Kalbadevi Road.



Gateway of India.



Das Gateway of India ist der einzige Ort, den ich während meiner Zeit in Mumbai ein zweites Male aufsuche. Diesmal ist der Platz vor dem Monument frei zugänglich.

Während vorhin das Kyani ein Zufallsfund war, suche ich das Café Leopold gezielt auf. Dabei fehlt diesem Laden der Charme des Kyani und alles ist, wegen der zentralen Lage, etwas touristischer. Am Eingang gibt es Taschenkontrolle und Leibesvisitation. Das Café Leopold kann ich locker in meine Sammlung Dark Places einfügen.

Das Café war ein Schauplatz von Schüssen und Granatenexplosionen während der Angriffe von Terroristen in Mumbai 2008 am 26. November gegen 21.30 Uhr. Die Terroristen sprühten von außen Feuer in das Restaurant, wobei 10 Personen getötet und viele andere verletzt wurden. Das Restaurant wurde während der Angriffe stark beschädigt. Es gab Blutflecken auf dem Boden und auf den Schuhen, die von fliehenden Gästen zurückgelassen worden waren. Sourav Mishra, ein Reporter von Reuters und einer der ersten Medienzeugen des Anschlags, erlitt schwere Schussverletzungen. Nachdem die Terroristen anderthalb Minuten im Leopold-Café verbracht hatten, gingen sie zum Taj Mahal Palace Hotel, dem Hauptziel. (Quelle: Wikipedia)

Cafe Leopold: 1871 eröffnet, 2008 von Terroristen attackiert.


Einschusslöcher.


Ich bestelle mir, erstmal seit langem, etwas zu Essen. Ich hab das Gefühl, auf heißen Kohlen zu sitzen. Ungeduldig warte ich darauf, daß ich mein Sandwich bekomme und meine Cola runterspülen kann. Ich fühle hier äußerst unwohl und bin heil froh, als ich wieder auf die belebte Straße treten kann. Der Film im Kopfkino ist zu Ende :-). Und auch meine Reise nach Indien nähert sich dem Abschluß.


The Taj Mahal Palace.


Hab schon seit ein, zwei Tagen so ein Jucken an den Unterarmen. Am Abend auf dem Hotelzimmer wird daraus ein Brennen und innerhalb von ein, zwei Stunden habe ich überall am Körper rote Flecken, die wie Feuer brennen. Es hilft auch nichts, sich unter die kalte Dusche zu stellen oder gezielt in den Luftstrom der Klimaanlage zu liegen. Plötzlich eine Eingebung: Ich sollte mal den Beipackzettel von meinem Bakterientöter Ciprofloxacin lesen. Oh oh! Das Zeug sorgt für eine starke Sonnenlichtempfindlichkeit der Haut. Wie gut, daß ich die zuletzt gestern eingeworfen hatte. Aber das Problem ist damit nicht gelöst. Ich könnte unter die Decke gehen... 

Eigentlich hab ich geplant, in der Nacht um 1 Uhr (!) zum public screening des Spiels Chelsea - Bayern München (0:3) zu den Redbrick Offices nach Andheri rauszufahren. Veranstalter sind u.a. örtliche Fan-Clubs der Bayern! Aber als burning man hab ich gerade keinen Sinn dafür.



Mittwoch, 26. Februar (12. Tag)

Flug BOM -> DEL mit Air India zu 61,19 €, Anschluß DEL -> KBP mit Ukraine International Airlines

Irgendwie gelingt es mir doch, so zwischen 2 und 6 Uhr etwas zu Schlafen. Als ich wach werde, sind die roten Flecken fast weg und das Brennen hat sich auf ein erträgliches Maß reduziert. Das nennt man mal Glück! Mein Trabug-Indien-Handy verpackt an der Rezeption (zur Abholung) abgegeben, ausgecheckt und in einem schäbbigen schwarz-gelben Taxi ab nach BOM.

So vereinzelte Mundschutz-Träger sieht man schon seit Wochen auf allen internationalen Flughäfen. Jetzt beginnen erste "Schnelltests" der Passagiere, in dem man beim Aussteigen ein Ohrthermometer in die Lauscher gesteckt bekommt.


Besser als ihr Ruf und eine gute Wahl mit schwerem Gepäck: Air India!


In DEL hab ich knapp 12 Stunden Aufenthalt. Das reicht locker für eine Exkursion in die Stadt. Meinen Koffer gebe ich am Flughafen in die Gepäckaufbewahrung und düse dann mit dem Airport Express (eine Art S-Bahn) zu dessen Endhaltestelle, dem Bahnhof der indischen Hauptstadt. Ich gebe acht, nicht zu lange und zu oft unter freiem Himmel herumzudackeln. Das Feuer auf der Haut von letzter Nacht hab ich noch nicht vergessen. So verbringe ich die meiste Zeit in U-Bahnen und dessen dunklen Bahnhöfen.



Ans Tageslicht wage ich mich nur am Jawaharlal Nehru Stadium (scheinbar jeder 2. Ground in Indien heißt so) und am Dr. Ambedkar Stadium. In erstgenanntem Ground spielte einige Zeit das Franchise Delhi Dynamos FC, bis die umfirmierten in Odisha FC und nach Bhubaneswar umzogen. Das gewaltige Stadion (Kapazität: 60 000) ist offensichtlich nicht zugänglich und so spare ich mir die Zeit, es einmal komplett zu umrunden. Anschließend, bei Dr. Ambedkar habe ich mehr Glück. Es ist offen und ich werde sogar hereingewunken. Hier spielt aktuell der Garhwal FC in der 2nd League. Die aushängende fixture list erwähnt freien Eintritt für alle Spiele. Es ist wohl das größte, reine Fußballstadion in New-Delhi.

Jawaharlal Nehru Stadium: Reifenpanne wird auf offener Straße behandelt.


Delhi Gate.



Dr. Ambedkar Stadium, Delhi


Letztes Abendmahl... in Indien.


Pünktlich um 23:30 Uhr Ortszeit hebt ein vollgepackter Jet mit mir in der letzten Reihe sitzend ab und schwebt gen Europa.



Donnerstag, 27. Februar (13. Tag)

Flug KBP -> DUS mit Ukraine International Airlines

6 Stunden Aufenthalt am Flughafen Boryspol.



Fazit: Indien ist ungewöhnlich und anstrengend, aber sehr lohnenswert! Habe unglaublich viele Eindrücke gewonnen. Sollte es ein nächstes Mal geben, werde ich den Fokus weniger auf Metropolen und mehr auf Landschaften und vor allem auf das Reisen mit dem Zug legen. Allem Dünnschiß und Lichtempfindlichkeiten zum Trotz: India, your josh is high!