"Wenn Du ein Land kennenlernen willst, gehe nicht zu den Ausgrabungsstätten, sondern in die Tavernen." Das habe er so oder so ähnlich einmal gelesen. Michael Höller hat den Spruch nur etwas abgewandelt und ihn zu seinem Lebensmotto gemacht: "Statt Tavernen sind es bei mir eben Stadien."[Allgemeine Zeitung / Rhein Main Presse, 1.8.2015]


Reisevorbereitungen, etwas umfangreicher als sonst: Tourist eVisa für 1 Jahr (mehrfache Einreise), Havrix 1440 Aca Müller, Ixiaro FER, Ibuprofen 400, Perenterol, Imodium Akut, Ciprofloxacin Abz 250 mg, Vomex A, Travelbacs Asien, O.R.S., Nobite Imprägnierspray, DEET-Spray, Trabug Travel Phone,

Mittwoch, 1. Januar bis Donnerstag, 9. Januar

Tage voller Zweifel. Mein Schicksal wirft schon nach wenigen Stunden alle guten Vorsätze fürs neue Jahr über Bord und verpasst mir heftigste Magen-Darm-Attacken. Ich bekomme mein persönliches Feuerwerk aus Nahrung und Körperflüssigkeiten. Dauert sechs Tage, bevor erste Anzeichen von Besserung in der Kloschüssel zu sehen sind.

Genau DAS ist es, wovor ich so großen Horror habe - das mir DAS auch in Indien passieren könnte. Vermutlich bin ich etwas wehleidig, aber mir ging es sooo dermaßen schlecht! Ständig mußte ich daran denken, wie es sich anfühlen würde, jetzt mutterseelenallein in irgendeiner Absteige zu hängen, unfähig den Ort zu verlassen, während sich nach und nach alle Flüge, Spiele und Reisepläne den Ganges hinunter spülten. DAS würde ich nicht überstehen! Never ever!

So kommen mir bald schon Gedanken, den ganzen Trip auf nur zwei Tage Kalkutta mit einem Spiel zu reduzieren und danach den Maharadschas wieder "Lebe wohl !" zu sagen. Hopperkollege Carlo Farsang empfahl mir „2 Tage Kalkutta??? Flieg vormittags hin und nach dem Spiel gleich wieder raus… länger muß man in dem Drecksloch nicht bleiben… Als ich gesehen hab, wie Kühe, Ziegen, Schafe und andere Nutztiere den Müll gefressen haben… von da ab hab ich nur noch Kekse zu mir genommen… selbst den Salat im Hilton hab ich stehengelassen…“

Am 8. Januar der Absturz eines Flugzeuges in Teheran. Ein Flugzeug ausgerechnet DER Fluglinie, mit der ich nach Indien jetten will, der Ukraine International Airlines. Ein technischer Defekt sei die Ursache gewesen, weiß der Iran schon sehr bald. Einen  Abschuß vermutet dagegen der Rest der Welt. Auweia! Erst Tage später bestätigt der Iran den irrtümlichen Abschuß.


Der Mensch neigt zum Verdrängen. Ich will nach Indien, ich will es jetzt einfach wissen. Der Mensch ist auch lernfähig: Strategiewechsel! Statt einer längeren Rundreise, so wie ich es sonst bevorzuge, werde ich diesmal ab dem dritten Reisetag bis zum Ende der Tour in Mumbai eine Art feste Basis beziehen. Stress raus, Entspannung rein. Nur ein optionaler Abstecher nach Goa. Das ist der Plan.


„How´s the josh?“

Vor einem Jahr gab´s bei "11 freunde" einen Bericht über das Kalkutta-Derby. Dort schaut ein East Bengal-Ultra auf seinem Handy eine Szene aus einem indischen Kriegsfilm an.

Der Kommandant schreit: „How´s the josh?“, was übersetzt in etwa „Wie ist die Energie?“ bedeutet. Die Kompanie bellt zurück „High Sir!“ (Zitat aus "11 freunde")

Der Blödsinn ist mir im Gedächtnis hängen geblieben. Der virale Dialog aus Aditya Dhar's Kriegsdrama Uri: The Surgical Strike ist in Indien in aller Munde, vom Premierminister Modi bis zum indischen Cricket-Team. Wie Vicky Kaushal (Schauspieler) sagte, ist es "nicht mehr nur eine Zeile", sondern eine "Emotion“. Ich bin angesteckt, ich spüre die Energie: How´s the josh? High Sir!

How´s the josh?

Am Rande eines Militär-Festivals in Mumbai.


Als eingefleischter Interrailer würde ich ja zu gerne auch in Indien eine etwas längere Strecke mit dem Zug unterwegs sein. Ideal zum Antesten hätte sich da die etwa 600 km lange Strecke Mumbai -> Madgaon / Margao angeboten. Reisezeit ca. 10 Stunden zu 30 EUR in 1st Class AC (oder alternativ in der Holzklasse zu ca. 5 EUR). Aber dieser Trip läßt sich nicht zwischen die beiden anvisierten Spiele in Mumbai und Madgoan / Margao einbauen.

Desweiteren prüfe ich die Rückreise-Verbindung Madgoan / Margao -> Neu-Dehli. Der schnellste Zug, der GOA SMPRK K EXP mit der Nr. 12449 braucht für die 2 101 km gut 30 Stunden. In der 1st Class AC zu unter 60 € zu haben. Zeit zwischen Ankunft um 17.45 Uhr in Neu-Delhi NDLS und Heimflug ab DEL um 23:30 Uhr wäre normalerweise komfortabel. Aber in Indien? Ich frage im lonely planet-Forum um Rat und Erfahrungen. Tenor: Bloß nicht, besser fliegen. Aber auch dann besser eine Übernachtung in Neu-Delhi einplanen. Verspätungen bis zu 12 Stunden, z.B. wegen Nebels, seien nicht ungewöhnlich. Man kann bei der Indischen Bahn die history des running status seiner Zugnummer abfragen. Die liegt für die 12449 bei 43 Minuten. Geht ja eigentlich, oder? Der 11061 - Darbhanga Express als most delayed train liegt Ende Dezember 2019 bei 4414 Stunden und zwei Minuten. Das sind in etwa ein halbes Jahr!

Nach meinem Strategiewechsel (Basis in Mumbai statt Rundreise) ist klar, daß ich das Spiel Churchill Brothers Goa FC – Mohun Bagan nur noch optional im Reiseplan führe. Bin ich gesundheitlich fit, mache ich von Mumbai einen Abstecher nach Goa, sonst bleib ich in Mumbai. So ergibt sich die Möglichkeit, von Madgaon / Margao nach Mumbai den Zug zu nehmen. Ich registriere mich bei www.irctc.co.in und zahle als Ausländer eine kleine Gebühr, dafür daß ich einen account erstellen kann. Klappt. Nun suche ich für Madgaon / Margao -> Mumbai nach Zügen. Es gibt eine Auswahl von 5 – 6 Verbindungen, aber als Ausländer kann ich nur Züge aus dem Kontingent foreign quota buchen. Da bleibt nur noch eine Verbindung übrig. Egal, die passt einigermaßen und die will ich buchen. Zur Auswahl stehen im foreign quota nur Liegeplätze. lower ist dabei der bevorzugte Platz, den will jeder in Indien haben. Man sagt, wer lower reist, reist wie ein König. Die anderen haben die Arschkarte gezogen. Mein Platz ist available, jetzt muß ich nur noch bezahlen. Bei der Gebühr für den account hat das problemlos geklappt. Warum sollte es also bei den Fahrkarten auch klappen? Eben. Der Zahlungsvorgang wird drei-, viermal abgebrochen. Beim letzten Versuch bestätigt mir VISA die erfolgreiche Zahlung, aber ich bekomme keine Antwort von www.irctc.co.in. In der Buchungshistorie kann ich sehen, daß sämtliche Zahlungen fehlgeschlagen sind. Am nächsten Morgen bekomme ich eine mail von meiner Bank: Meine Kreditkarte wiese auffällige Bewegungen auf und sei vorsorglich gesperrt worden. Innerhalb zwei Wochen würde ich eine neue Karte erhalten…


Fußball in Indien

Der Fußball in Indien kann auf eine lange Tradition zurückblicken – und dennoch spielt das Land in der Fußballwelt keine Rolle. Warum das so ist, kann besser ein Inder selbst erzählen. Doch dazu später. Zuerst ein bisschen Geschichtsunterricht: Ein jeder ahnt schon, daß der Sport von den Briten nach Indien gebracht wurde. Die ersten Spiele wurden zwischen Armee-Teams gespielt, doch schon bald wurden landesweit Vereine gegründet. Als Hauptstadt von Britisch-Indien wurde Kalkutta ein Zentrum des indischen Fußballs. Zu den ältesten noch existierenden Clubs gehören der Aryan FC (gegründet 1884) und vor allem Mohun Bagan (gegründet 1889), beide aus Kalkutta. Zwei der ältesten Fußballwettbewerbe überhaupt werden noch heute in Indien ausgetragen: Der Durand Cup (seit 1888) und der IFA Shield (seit 1893). Nur die FA-Cups in England und Schottland sind älter.

Der Aryan FC spielt im East Bengal Ground.


Vereinslogo Mohun Bagan.


Die erste indische Mannschaft, die Erfolg hatte, war der Sovabazar Club, der 1892 den Trades Cup gewann. Mohun Bagan gewann 1911 als er als erste indische Mannschaft den IFA-Shield, ein Turnier, das zuvor nur von britischen Mannschaften mit Sitz in Indien gewonnen wurde. Im Finale des Turniers besiegte der Club das East Yorkshire Regiment mit 2:1, ein Sieg, der von vielen immer noch als der größte Sieg einer indischen Mannschaft vor der Unabhängigkeit angesehen wird.

Zwischen 1951 und 1962 hatte die indische Nationalmannschaft einige Erfolge, u.a. einen vierten Platz bei Olympischen Spielen. Die Inder bestanden übrigens bis weit ins 20. Jahrhundert darauf, barfuss zu spielen.

Im September 1977 war Kalkutta im Pelé-Fieber. In einem Freundschaftsspiel gegen Cosmos New York erreichte Mohun Bagan vor 65 000 Zuschauern im legendären Eden Gardens-Stadion ein denkwürdiges 2:2-Unentschieden.

Eden Gardens Stadium, auch Ranji Stadium genannt


Indien hieß die U17 WM der FIFA (im Cooperage Ground) willkommen!


Erst 40 Jahre später, am 6.10.2017 trat eine indische Nationalmannschaft erstmals zu einem Spiel in einem Endrundenturnier der FIFA an: Bei der U17-Weltmeisterschaft war Indien als Gastgeber qualifiziert… vor 47 000 Zuschauern verlor man gegen die USA mit 0:3 (und auch die zwei anderen Gruppenspiele).

Warum sind die Inder nun so schlecht im Fußball? Ich persönlich könnte das niemals beantworten. So kommt es mir ganz gelegen, im Netz auf den Zeitungsartikel (vom Dezember 2018) eines indischen Journalisten gestoßen zu sein. Die Ursachenanalyse klingt so auch weniger despektierlich, als hätte sie etwa ein hochnäsiger Europäer geschrieben. Hier ein paar übersetzte Auszüge:

Die englische Premier League, die spanische La Liga, die italienische Serie A oder die deutsche Bundesliga erfreuen sich in Indien großer Beliebtheit. Ebenso starteten die Indian Super League und I-League in Indien und die Zuschauer sitzen in Massen gebannt vor dem Fernseher.

Es ist schwer zu glauben, dass Indien in Asien nicht an erster Stelle (des FIFA-Rankings) steht. Nach dem Ranking vom 25. November (2018) belegte Indien in Asien Platz 8.

Fan zeigt Flagge im Salt Lake Stadium


East Bengal, der Club der Flüchtlinge aus dem heutigen Bangladesh.


In einem Land mit 1,4 Milliarden Einwohnern, in dem es keinen Bürgerkrieg und keine Diktatur gibt, die Instabilität in den meisten Staaten nicht so schwerwiegend ist - die Wirtschaft ist insgesamt stabil -, gibt es kein Team, das gegen das vom Bürgerkrieg heimgesuchte Syrien oder den Libanon kämpfen kann.

Indien verlor sieben seiner acht Spiele in der WM-Qualifikationsrunde, u.a. mit 0:2 gegen Guam. Bemerkenswert ist, dass Guam in der Fußball-Rangliste nur 5 Schritte von Indien entfernt ist. Dabei hat das Land nur 165 000 Einwohner. Der indische Fußballtrainer Stephen Constantine sagte: "Heute war der Unterschied zwischen einer Gruppe von Spielern mit der besten Fußballausbildung und den anderen sehr deutlich. 75 Prozent der Spieler, die Guam repräsentieren, sind in den USA geboren, und das hat einen großen Unterschied gemacht. "

Das Komische ist, die Medien haben nicht viel darüber geschrieben und das Spiel wurde nicht live im Fernsehen gezeigt. Anschließend haben sich Menschen aus demselben Land die Spiele der WM in Russland in den Trikots von Brasilien, Argentinien oder Deutschlands angesehen.

Was auch immer der Grund für die Fußballbegeisterung in Indien ist, über die eigene Nationalmannschaft weiß niemand Bescheid. Die Fans wollen Indien mit den großen Mächten des Weltfußballs spielen sehen. Dies ist eine Fußball-Fantasie!.Es gibt keine Leidenschaft für die Clubs, nur für die Spieler, die großen Namen.

Große Namen! Fotogalerie in einem Fußgänger-"Subway" in Kolkata.


Ein mir unbekannter Held am Salt Lake Stadium.


Die Inder erwarten nicht, dass Indien im Fußball etwas Positives erreichen wird. Fußballer aus dem Senegal, der Elfenbeinküste oder Kamerun spielen in Europa und bei der Weltmeisterschaft. Die Gesamtzahl der Fußballvereine im Senegal ist niedriger ist als die der registriertenVereine in Kolkata.

Der indische Fußball ist langsam. Der Klubfußball ist sehr langsam, lethargisch. Das soll an den unebenen Plätzen Indiens liegen, der ein Hindernis für den spektakulären und dynamischen Fußball darstellt.

Derzeit gibt es keine wirksame Methode, um junge Talente in der großen Masse von kickenden Kindern zu entdecken und zu fördern. Infolgedessen verbringen Talente auf Universitätsniveau, die eigentlich zur Nationalmannschaft gehören sollten, ihre Tage damit, Gemüse zu verkaufen, Autos zu fahren oder in einer Autowerkstatt zu arbeiten.

Nach einigen Spielzeiten ist klar geworden, dass die Indian Super League keine andere Rolle spielt, als die Zuschauerzahlen des Fernsehsenders zu erhöhen. Es wird ohne Kontrolle viel Geld für ausländische Stars und Trainer ausgegeben.

„Indien muss einen Zyklus von zwei Jahrzehnten einplanen. Sponsoren, Investoren, Fans sind jedoch ungeduldig und reden weiter über die WM. Wir sollten versuchen, uns in Asien zu verbessern. Auch die Jugendförderung ist das einzige Lippenbekenntnis im indischen Fußball. Der Altersgruppenfußball in Indien ist voll von betrügerischen Spielern, die sich als Jugendliche tarnen. Das Spiel verbreitet sich nicht im ganzen Land. Es wird nur in Taschen gespielt. Daher sind die internationalen Ergebnisse schlecht. "

Dies spiegelt sich in den Interviews des indischen Kapitäns der Männerfußballmannschaft, Sunil Chhatri, wider, in denen er wiederholt betont, dass Indien auf asiatischer Ebene weit hinterherhinkt.

Ohne ein klares, solides Fundament von unten kann die Fußballinfrastruktur eines Landes nicht aufgebaut werden. Fünf bis zehn Jahre lang müssen kontinuierliches Training, eine angemessene Infrastruktur und vor allem eine Ausbildung im Fußballbereich gewährleistet sein, um einen guten Fußballer zu machen.

Gegen Cricket ist der Fußball in Indien chancenlos.


Nachwuchs trainiert.


Die Frage ist, warum sollte jemand Fußball spielen? Diejenigen, die die Fähigkeit haben, können es entweder lernen oder Cricket spielen. Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass es für nationale Sportfussballer erforderlich ist, die zehnte Schulklasse zu bestehen.. Aber man weiß, dass viele Kinder, die kleine Spieler sind, nicht zur Schule gehen konnten. Ich habe viele Talente gesehen, die es nicht geschafft haben. Ihr einziges Ziel war es, ein guter Fußballer zu sein. Diese Leute verbringen jetzt Tage in kleinen Unternehmen oder Jobs.

Wir müssen immer wieder an Sunil Chhatri (derzeit bester indischer Spieler und Star in Indien), der sagte: "Die seltsamen Regeln unseres Landes. Wenn Sie ein erfolgreicher Mensch sind, haben Sie viel Licht, viel Unterstützung. Wenn Sie ein Niemand sind, ein Kind, das sich bewegen will - gibt es nichts. Als meine Fußballschuhe kaputt gingen, flickte ich sie und sie hielten wieder eine Weile. Heute bin ich ein Star. Mein Sponsor Nike hat mir 40 Schuhe nach Hause geschickt. Aber jetzt brauche ich diese Unterstützung nicht, denn ich könnte mir die teuersten Nike-Schuhe auch selber kaufen. Damals hätte ich die Unterstützung brauchen können und bekam keine. (Quelle: irgendein Lokalblatt in Kalkutta)

 

Samstag, 15. Februar (1. Tag)

Flüge DUS -> KBP -> DEL mit Ukraine International Airlines (mit Rückflügen zu 482,16 €)

How is the josh? Total high! Endlich geht es los!


Ab Kiev stehen noch 4552 Flugkilometer an.


Delhi International Airport.


Sonntag, 16. Februar (2. Tag)

Ankunft in DEL, Weiterflug DEL -> CCU mit Air Asia India zu 104,97 €, 2x ÜF im Hotel  The Stadel, Kolkata zu je 46,71 €

Problemlose Einreise in Delhi. Nur kurze Wartezeit bei der Passkontrolle, Gepäckinhalte interessieren niemanden. Soviel zu den strengen Einschränkungen bei der Einfuhr von Lebensmitteln und Medikamenten...

Pünktliche Landung in Kalkutta, der City of Joy und einstigen Wirkungsstätte von Mutter Teresa. Mit dieser Stadt, mit diesem Namen verbinde ich – abgesehen vom Fußball – nur das Schlimmste vom denkbar Schlimmsten: Menschliches Elend, Anarchie und Chaos. Armut, Krankheit und Hoffnungslosigkeit. Mal gucken, was wirklich ist.

Ein vorbestelltes Taxi bringt mich zu meinem Hotel „The Stadel“, das – wie praktisch – im Salt Lake Stadium untergebracht ist. Keine Ahnung, was „Stadel“ im indo-britischen Sprachraum bedeuten kann, aber ne Scheune (oder gar der Geist von Peter Steiner) erwartet mich nicht. Im Gegenteil: Alles ist prunkvoll geschmückt, die Männer tragen historische Kostüme mit Turban und die Damen sind nicht weniger festlich gekleidet. Hochzeitssaison!

Anflug auf Kalkutta.


Salt Lake Stadium.


ATK Kolkata  - Chennaiyin FC   1:3 * 19:30 Uhr * Indian Super League * Yuba Bharati Krirangan (Salt Lake Stadium), Kolkata * Zuschauer: 37 406 * Eintritt: 1000 ₹ (12,41 €)

Sachen ins Zimmer werfen, der Manager on duty richtet auf meinem Handy wifi ein. Draußen ist es angenehm warm. Ganz in der Nähe soll mein online ergattertes VIP-Ticket abholbereit liegen. Tatsächlich, an einem Kassenhäuschen mit mehreren Schaltern werde ich fündig. Meine Bestellbestätigung schiebe ich in ein dunkles Loch, sie wird offenbar gescannt (high tech trifft auf Bruchbude) und eine Hand schiebt mir meine Eintrittskarte ins Sonnenlicht. Klappt ja wie am Schnürchen.



An der Hauptstraße vor Gate 3 tummeln sich zwischen den ersten Fans Snackverkäufer und Devotionalienhändler. Der Inder trägt klimabedingt seltener Schal, sondern bevorzugt Stirnband (zu 50  ₹). Verkaufsschlager sind aber Trikots. Ob Plagiate oder Originale, keine Ahnung. Vielleicht gibt es da auch keinen Unterschied?! Fahnen gibt es schon für 40 ₹.

Mir kommt ein Typ mit einem How´s the josh?-T-Shirt entgegen. Ich muß grinsen, so ein Ding hätte ich auch gerne. Der Typ blickt irritiert zurück.

Keine Schals im Angebot!


Snack aus Puffreis.


Hier und heute ist Indian Super League. Dann gibt es noch die I-League. Doch was steckt dahinter? Wikipedia weiß Rat (gekürzt):

1. Indian Super League

Im Gegensatz zu der großen Mehrheit der Fußballligen auf der ganzen Welt nutzt die Indian Super League nicht das Auf- und Abstiegssystem. Stattdessen verwendet es ein Franchise-System nach amerikanischem Vorbild (siehe Cosmos New York), bei dem zehn Mannschaften speziell für die Teilnahme an der Liga geschaffen wurden. Jedes Team in der ISL setzt sich aus Spielern der I-Liga oder einer staatlichen Liga zusammen, mit Ausnahme der Ausländer, die der I-Liga angehören können oder auch nicht. Die Indische Super League, ein erst kürzlich von der AFC oder der FIFA anerkanntes Turnier, wurde 2013 mit dem Ziel gegründet, den Fußball in Indien zu einer Spitzensportart und den indischen Fußball weltweit zu einem wichtigen Akteur zu machen.

2. I-League

Die I-League wurde 2006 gegründet, nachdem sich Indiens ehemalige Top-Liga, die National Football League aufgelöst hatte. Die Verbindungen zu Vereinen, die nicht in der I-League waren, wurden beibehalten, und jede Saison steigen die beiden untersten Vereine aus der I-League ab und werden durch zwei aus der I-League 2 ersetzt. Das Kalkutta-Derby in der I-League, das zwischen Mohun Bagan und East Bengal ausgetragen wird, ist eine der heftigsten Rivalitäten und eines der ältesten Derbys der Welt. Wenn Indien ab der Ausgabe 2021 den Gruppenspielplatz in der AFC Champions League erhält, wird das parallele Ligasystem nicht mehr existieren und die ISL wird die erste Liga Indiens sein und der Sieger wird der indische Meister sein.(Quelle: Wikipedia)

Das letzte große Kalkutta-Derby fand vor vier Wochen statt. Mohun Bagan, die zum Ende der Saison mit dem Franchise ATK fusionieren werden, gewannen vor 63.756 Zuschauern gegen East Bengal mit 2:1.

ATK (Amar Tomar Kolkata, früher bekannt als Atlético de Kolkata) ist ein Fußball-Franchise mit Sitz in Kolkata im Bundesstaat Westbengalen. Es wurde am 7. Mai 2014 als erste Mannschaft in der indischen Super League gegründet. Die Mannschaft ist im Besitz der Kolkata Games and Sports Pvt. Ltd. In den ersten drei Spielzeiten war auch Atlético Madrid Miteigentümer. Nach dem Ende der Partnerschaft mit den Spaniern wurde Atlético de Kolkata im Juli 2017 in ATK umbenannt.

Chennaiyin FC ist ein Fußball-Franchise mit Sitz in Chennai, im Bundesstaat Tamil Nadu. Er wurde im August 2014 zur Eröffnungssaison der indischen Super League gegründet. Das Franchise gehört u.a. einem Bollywood-Schauspieler und einem indischen Cricketspieler. (Quelle: Wikipedia)


Ehre wem Ehre gebührt.


Mache eine halbe Runde ums Stadion. Der Ground war mit einer Zuschauerkapazität von 120 000 einst das drittgrößte Fußballstadion weltweit. Nach seiner Renovierung 2013/14 und einer völligen Versitzplatzung fasst es nur noch 68 000 Zuschauer. Damit ist es immerhin noch die größte Sportarena Indiens… für etwa eine Woche. In neun Tagen, am 25. Februar 2020, wird in Ahmedabad das Cricket-Stadion Sardar Partel eingeweiht. Kapazität: 110 000!

Habe Bedenken, ob ich mit meiner kleinen Fotokamera ins Stadion komme. Offiziell heißt es, daß Ton- und Bildaufzeichnungsgeräte verboten sind und wer eines dabei hat, bekommt es abgenommen und sieht es nie wieder. Da mein Hotel innerhalb des ersten Sicherheitsringes liegt, muß ich auf dem Weg ins Stadioninnere keine Körperkontrolle mehr passieren. Mein VIP-Ticket beinhaltet eine Lunchbox (ich nehme vegetarisch) und unbegrenzte Softdrinks.

Die Indian Super League hat etwas Champions League-haftes: Der Stadionsprecher zählt nicht nur, unterstützt von einem „Kinderchor“, den Countdown zum Eintreffen der Mannschaften auf dem Rasen herunter, nein, während des Spiels wird er sogar das Heimteam anfeuern: „ATK !“. Au weia! Bevor es los geht, dröhnt die indische Nationalhymne durch die Lautsprecher - getragen von angeblich 37 406 Besuchern. Ich hätte – zugegeben, pessimistisch – eher auf etwa 15 000 getippt. Der Ground hat ne gute Akustik.


Das heutige match ist ein Treffen der ISL-Sieger von 2014 und 2016 (ATK) sowie 2015 und 2017/18 (Chennaiyin). Hochklassig auf dem Papier, auf dem Rasen wird es jedoch grottig schlecht:

Nach nur 7 Minuten steht es 0:1. Die Stimmung im Stadion kocht schon hoch, sobald ATK nur mal in der gegnerischen Hälfte im Ballbesitz ist. Indien Deine Torhüter! Ich bekomme es immer mit der Angst zu tun, wenn die ins Spiel eingreifen. So in Minute 39, als eine Ecke von Chennaiyin in den Strafraum segelt, der ATK- Keeper kreisklassig ins Leere greift und ein Spieler aus Malta (!) nur noch einköpfen braucht. 0:2. Etwa 200 Fans jubeln für Chennaiyin. Direkt im Gegenzug der Anschlußtreffer für ATK. Hier haut sich der Schlußmann den Ball selbst ins Netz.

In der 2. Hälfte ist ATK etwas stärker. Die Stürmer sind auch nicht gerade in Topform. Einen Abpraller schießt ein Blauer vom Elfmeterpunkt am fast leeren Tor vorbei… Den hätte jedermanns Oma versenkt. Von draußen ziehen Rauchschwaden und der Geruch von verbranntem Plastik & Kuhscheiße herein. Sooo habe ich mir Indien vorgestellt. Kleine Racker besorgen sich im VIP-Block immer wieder Wasser und Lunchboxen und verteilen sie durch den Zaun an ihre Kumpels auf den billigen Plätzen. Reis wird dabei mit einer Gabel in bloße aufgehaltene Hände geschaufelt.

In der Schlußminute die Entscheidung, das 1:3 für den CFC. Einen guten Monat später werden beide Mannschaften im Finale um die ISL wieder aufeinander treffen. Dann wird ATK das glücklichere Team sein und sich den Titel um 3. Mal holen.


Zuschauerrekord: 131 781 (1997)



Zufahrt zum Hotel "The Stadel".




Montag, 17. Februar (3. Tag)



Die Nacht ist für mich schon um 3:45 Uhr zu Ende. Erstmals nutze ich UBER, um mir in Indien eine innerstädtische Fahrt zu organisieren. Das klappt prima, so daß UBER-Fahren in den nächsten Tagen zu einer echten Leidenschaft von mir werden wird.

Die App erkennt, wo man sich gerade befindet (und abgeholt werden will), man gibt sein Ziel ein und erhält den zu erwartenden Fahrpreis genannt (in Indien spottbillig, ca. 10 € für eine Stunde Fahrt). Dann fordert man die Tour an und erfährt umgehend, wer einen abholt (Name und Auto-Kennzeichen) und in wieviel Minuten er am Startpunkt der Fahrt ankommen wird. In der Praxis muß man außer Good …[daytime]! nix sagen. Der Fahrer weiß, wo man hin will und zum Ende der Fahrt bekommt man die UBER-App des Fahrers unter die Nase gehalten, die den exakten Fahrpreis anzeigt. Keine Verhandlungen, keine Überraschungen! Gezahlt wird (in Indien) stets in bar. Meine Erfahrung: UBER-Fahrzeuge sind stets sauber und in gutem Zustand, während die üblichen Taxis oft Schrott und innen echt dreckig sind. Es lebe die Zukunft, es lebe UBER! Aber bitte nur in Indien!

Um 5 Uhr beginnt meine Führung Magic Hour. Der Treffpunkt befindet sich irgendwo im Norden Kalkuttas, 20 UBER-Minuten von meinem Hotel entfernt. Die Straßen scheinen menschenleer und doch sind sie voll von ihnen. Sie kauern in Hauseingängen oder liegen an Bürgersteigen (wo sie vermutlich auch leben) auf Bänken und Paletten oder in Holzverschlägen. Die Menschen haben dünne Decken bis über den Scheitel gezogen. Ob hier ein alter Mann oder eine junge Frau liegt, man weiß es nicht. Durch die Dunkelheit fallen sie gar nicht auf und alles wirkt friedlich – anders als in unseren Breitengraden ein Gelage von Obdachlosen.  

Ich treffe auf Soham, den jungen Guide von Calcutta Capsule. Das One-man-Unternehmen gehört ihm selbst. Soham ist äußerst freundlich und aufmerksam, kommunikativ und sein Englisch ist sehr gut verständlich. Wer Indisch-Englisch kennt, weiß , was ich meine. Wir stehen vor seinem Elternhaus und bald treffen eine Singaporerin aus Bhutan (plappert sehr viel) und ein deutsches Ehepaar, Harriet und Markus aus Berlin ein.

Tram von annodazumals



Kurz nach 5 Uhr nehmen wir die erste Tram des Tages und rumpeln von deren Endhaltestelle ins Stadtzentrum. Sie ist die einzige in Indien und die älteste Asiens. Die Tram gibt es seit 1898 und der Fuhrpark sieht aus, als wäre er aus dieser Zeit (vermutlich aber eher aus den 1940er Jahren, auch nicht schlecht). Langsam belebt sich die Stadt. Soham erzählt von den neighborhoods und Vierteln, die wir durchqueren. Es gibt die Straße, wo nur Handwerker auf Jobs warten, oder die, wo nur Baustoffe verkauft werden. Warum es aber auch endlose Kolonnen von Taxis und Krankenwagen (kein Irrtum !) gibt, verstehe ich nicht ganz.

Im Stadtzentrum steigen wir aus und setzen uns im Halbdunkel an einen Stand, wo Tee und Gebäck angeboten wird. Während sich überall in Indien Plastik durchgesetzt hat, bewahrt man sich in Kalkutta die Tradition, Tee aus Tontassen, den sogenannten bhar zu trinken. Der Ton dieser Tassen stammt aus dem Fluß Hoogly, einem Nebenarm des Ganges. Unser Guide erzählt, Bengalen lassen nur das an ihre Lippen, was „ihnen selbst gehört“. So wie diese Tassen. Nach dem einmaligen Gebrauch werden die Tontassen weggeworfen. Eine Plastikflasche hingegen würde nie die Lippen eines Bengalen berühren. Er kippt das Wasser aus der Flasche aus 3-4 cm Abstand in seinen Mund. Der Tee schmeckte einmalig gut! Meine Tasse hat den Weg nach Europa angetreten.

Ich erfahre etwas mehr über das deutsche Ehepaar. Harriet ist Redakteurin bei der TAZ und schreibt auch gelegentlich für Geo. Bei Markus handelt es sich, ich mag es kaum glauben, um den Comic-Zeichner Rattelschneck. Freunde von "11 freunde" werden sich an seine Werke garantiert erinnern. So können wir ein wenig über Fußball fachsimpeln und ich etwas übers Groundhopping von mir geben.




Im Bus geht es weiter zum Maidan, dem riesigen Stadtpark Kalkuttas. Zu ihm gehören u.a. die Grounds von East Bengal und Mohun Bagan, die aber von unserem Standpunkt aus aufgrund der Größe des Parks und des morgendlichen Nebels nicht zu sehen sind. Soham meint, jeder Bewohner Kalkuttas mag den Maidan, weil ein jeder Kindheitserinnerungen (Ausflüge mit der Familie, Sportveranstaltungen usw.) an ihn hat. Einige Pferde stehen oder liegen herum, Motorräder knattern vorbei oder Menschen spazieren. Einige Jungs nutzen die frische Luft des frühen Morgens und spielen Cricket. Wirklich pünktlich auf die Sekunde kündigt Soham den Sonnenaufgang an. Herrlich!

Wasserträger holt sich Wasser an einem Brunnen.


Der Barbier von Kolkata.


Flower MArket am Mullick Ghat.


Man selbst umgeben von Blumen.


Weiter geht es zum Flower Market am Mullick Ghat. Hier werden eher weniger Blumensträuße für die holde Weiblichkeit angeboten, als vielmehr Blumengirladen oder ganze Gestecke zum Schmücken von Statuen oder anderen religiösen Zwecken. Der Markt zieht sich über Eisenbahnbrücken hinüber am Hoogly entlang bis zur Howrah Bridge. Ein buntes, friedliches Getümmel. Ich frage mich nur, wer diese schiere Masse an Blumen und Blüten pflückt, zu Girlanden und Gestecken verarbeitet… und kauft?!


Howrah Bridge, eine Auslegerbrücke von 1943


Morgendliche Wäsche am Hoogly zwischen Händlern.


Fußgänger und Lastenträger auf der Howrah Bridge.


Fischer auf dem Hoogly.


Unter Sohams Führung spaziert unsere fünfköpfige Gruppe über die Howrah Bridge in die Stadt Howrah. Etwa jeder 5., der uns entgegen kommt, trägt schwere Lasten und die Fahrräder transportieren Menge, die bei uns nur mit einem LKW gehändelt würden. In einem Café gegenüber der Howrah Station gibt´s für uns bengalisches Frühstück: Rotis, Tee, Omelett mit Chili und ein mildes Curry. Sooo geil! Man hat von hier eine unübertreffliche Aussicht auf den großen Fluß und das morgendliche Treiben.

Respekt vor diesem Knochenjob!


Roti in the Making.


Ein Blick in die Küche.


Bengalisches Frühstück.


Fähre auf dem Hoogly.


Körperpflege am Ghat (Ufertreppe).



Der Alte lässt die Mucki-Männer blass aussehen.


Anschließend gehen wir zum Fähranleger, wo gerade eine Fähre in nördliche Richtung startet. Wir unterqueren die Brücke und nach fünf Stationen steigen wir mit den örtlichen Pendlern in Bagbazwar aus. Mit dem Tuk-Tuk rattern wir nach Kumortuli.


Kali, Göttin der Zerstörung und Erneuerung, triumphiert über Shiva.




Kumortuli ist der vielleicht ungewöhnlichste Ort in Kalkutta. In diesem Stadtviertel der Töpfer werden aus dem Schlamm des Hoogly, Stroh und Bambus Figuren gemacht. Sobald diese in Handarbeit hergestellt und getrocknet sind, werden Schichten und Schichten von Schlamm hinzugefügt.
Die Statuen werden dann sorgfältig von einem Künstler bemalt. Einige Statuen haben sehr komplizierte Details, während andere einfacher oder abstrakter sind. Über dem Viertel liegt der penetrante Geruch von Kunstharz, der bei aufwändigeren Werken verwendet wird.
Die Anfertigung Göttin Durga erfordert einen zusätzlichen Schritt, bevor sie als vollständig betrachtet werden kann. Um diese herzustellen, muss ein Priester Erde von außerhalb des Hauses einer Prostituierten sammeln. Sobald der spezielle Boden mit Kuhdung, Kuhurin und Schlamm aus dem heiligen Fluss kombiniert wird, ist die Durga-Statue fertig.
Im Laufe religilöser Feste, sogenannter Pujas, werden die Figuren (finanziert von den communities der neighbourhoods) im Fluß Hoogly (einem Nebenarm des heiligen Ganges) versenkt. Nicht ganz unproblematisch ist, daß dabei die ganze Ölfarben der Figuren in den ohnehin nicht sauberen Fluß gelangen. Diese Beschreibung ist ziemlich kurz gefaßt. Die religiöse Bedeutung der Tonfiguren und die Handlungen, die mit ihnen in Verbindung stehen, sind sehr interessant, können aber in diesem Rahmen nicht weiter ausgeführt werden.

Die Tour geht hier zu Ende und Soham bucht mir über UBER ein Taxi. Mein Handy funktioniert in Indien natürlich nicht die Bohne.







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