"Wenn Du ein Land kennenlernen willst, gehe nicht zu den Ausgrabungsstätten, sondern in die Tavernen." Das habe er so oder so ähnlich einmal gelesen. Michael Höller hat den Spruch nur etwas abgewandelt und ihn zu seinem Lebensmotto gemacht: "Statt Tavernen sind es bei mir eben Stadien."[Allgemeine Zeitung / Rhein Main Presse, 1.8.2015]




Donnerstag, 20. Februar (6. Tag)

Noch ne Tour. Diesmal mit Guide Ankit und einem Fahrer. Start: Um angenehm frischen 5:30 Uhr morgens. Erstes Ziel: Die Zeitungssortierer von Mumbai. Jeden Morgen verbringen Tausende von Menschen in der ganzen Stadt Stunden damit, Zeitungen in mindestens 7 verschiedenen Sprachen zu sortieren und in Stapeln zu organisieren, um sie an die Kioske und Zeitungsläden zu verteilen. Da sie die vertretenen Sprachen nicht sprechen, müssen sie stattdessen einfach die Schrift erkennen und die richtigen Papiere in die richtigen Stapel legen.





Nächstes Ziel: Irgendein Markt für Obst und Gemüse, den ich geografisch nicht verorten kann. Hier gibt es (für Europäer) exotische Früchte, wie z.B. Jackfruits, aber auch (für Inder) exotisches Gemüse, wie Brokkoli, Eisbergsalat usw.





Am Rande des Gemüsemarktes ein Lastwagen mit dutzenden Hühnerkäfigen auf der Ladefläche. Wem der Appetit noch nicht vergangen ist: Frischfleisch schmeckt immer noch am besten!



Wenig später erreichen wir den Dadar Flower Market. Hier geht es zu, als gäbe es kein Morgen mehr. Teilweise muss man minutenlang stehenbleiben, weil kein Durchkommen mehr ist.






Dhobi Ghat, gegründet 1890 von den Briten, ist die größte Freiluftwäscherei der Welt. Die Wäscher ("Dhobis") arbeiten im Freien, um Kleidung und Wäsche aus den Hotels und Krankenhäusern in Mumbai zu reinigen. Es gibt Reihen von Betonwaschställen, die jeweils mit einem eigenen „Schleuderstein“ ausgestattet sind. Das Schleudern der nassen Wäsche auf den Stein ist eine spezielle Waschmethode der Dhobis.
18 bis 20 Stunden lang schleudern, schrubben, färben und bleichen täglich über 7 000 Menschen Kleidung, trocknen sie an Seilen, bügeln sie ordentlich und transportieren die Kleidungsstücke in verschiedene Teile der Stadt. Ihre größten Kunden sind Wäschereien in der Nachbarschaft, Kleiderhändler, Hochzeitsdekorateure und Caterer sowie mittelgroße Hotels und Clubs. Um Verwechslungen zu vermeiden, haben die Wäschestücke ein besonderes Kennzeichnungssystem. Bei Verlust haftet der Dhobi.
Das Dhobi Ghat ist auch das Zuhause der Dhobis und ihrer etwa 200 Familien. Traditionell wird Arbeit und Standort von einer Generation an die nächste weitergegeben. Während die Dhobis morgens im Einsatz sind, um sich um die Wäsche zu kümmern, sind die frühen Nachmittage eine ideale Zeit, um die Wäsche zu trocknen. Ein kompletter Durchlauf der Wäsche dauert zwei Tage.





Gutes Karma kann man sich in Indien machen, wenn man eine Kuh mit Gras füttert. In einer großen Stadt wie Mumbai gibt es Leute, die sich eine Kuh ausleihen, Gras besorgen und den Menschen auf der Straße gegen einen kleinen Betrag das Füttern anbieten. Gras gibt es u.a. auf den Blumen- oder Gemüsemärkten.





Letzte Station der morgendlichen Tour: Der Fischmarkt an den Sassoon Docks. Die Fischer sind mit ihren Booten zwei bis fünf Tage auf See und kommen dann mit ihrem Fang zurück. Entsprechend gibt es eine ausgeklügelte Logistik für Treibstoff und Eis. Das alles sieht sehr chaotisch aus, scheint aber zu funktionieren. Leider darf ich davon keine Fotos machen. Generell ist das Fotografieren innerhalb des Marktes verboten, so daß einem viele superschöne Motive durch die Lappen gehen, wie die exotischer Fänge. Der Grund des Verbotes: 2008 kamen die Attentäter der Mumbai Terror Attacks als Fischer getarnt übers Meer in die Stadt. Die Frauen der Fischer nehmen die Fische aus und verkaufen sie. Ihnen sollte man mit großem Respekt begegnen, warnt Ankit. Feilschen ist zwecklos, sonst lassen die Frauen ihre scharfen Messer aufblitzen...







Am Nachmittag mache ich mich mit UBER auf den Weg zum Crawford Market. Der befindet sich in einer riesigen Halle, ist aber nicht sooo total interessant, weil es hier überwiegend brands (Fabriklebensmittel) gibt. Am Rande stoße ich auf einen Tiermarkt und eine Metzgerei. Mich nervt ein Guide, der mir die ganze Zeit mit seiner offiziellen Plakette hinterher steigt. Meinen Hinweis, daß ich seine Hilfe nicht brauche, ignoriert er. So ignoriere ich die tatsächlich in Stein gemeißelte Regel, Besucher mögen sich von einem Guide begleiten lassen. Hätte der Heini das vernünftig kommuniziert, dann hätte ich es wahrscheinlich sogar gemacht.









Mein Märkte-Tag ist noch nicht zu Ende. Nach einer weiteren Pause auf dem Bett unter der Klimaanlage fährt mich ein UBER zur Mohammed Ali Street.

Dieses Viertel, in dem überwiegend Muslime wohnen, wird schnell zu meinem Lieblingsviertel in Mumbai. Es ist vergleichsweise ärmlich und erinnert mich stark an Kalkutta. Fast alles findet auf der Straße statt: Der Verkauf von Möbeln, Autoreifen, Metallwaren und Baustoffen, das Vermieten von Transportern oder das Reparieren von Autos usw. Verführerisch duften die Hühner- und Lammkebaps durch die Straßen. Mmmhhh! Unaufdringlich werde ich ab und zu angebettelt.















Ich latsche die Mohammed Ali Street entlang Richtung Sandhurst Station und komme am Chor Bazaar vorbei, dem "Markt der Diebe". Wie viel von dem angebotenen Zeugs (Antiquitäten usw.) tatsächlich geklaut sind, will ich lieber nicht wissen. Ich liebe solche Läden, aber mit Rucksack kann ich mich da unmöglich durchwinden. Die meisten Sachen sind ziemlich sperring und bieten sich daher nicht unbedingt als Souvenir an.









Wahrscheinlich hat das morgendliche Füttern der Kuh mein Karma verbessert, nicht jedoch meinen Durchfall. Das Ganze wird langsam zu einem Problem. Ich kann kaum was essen und obwohl ich Unmengen Wasser trinke, verliere ich u.a. wegen dem Schwitzen mehr Flüssigkeit, als gut für mich wäre. Werde zunehmend kraftlos.



Freitag, 21. Februar (7. Tag)



Ich fresse mittlerweile nur noch Immodium akut, doch meinem Körper scheint das egal zu sein. Hänge den Vormittag am Marine Drive ab, schreibe Postkarten und organisiere Mitbringsel.



Mumbai City FC  - Chennaiyin FC   0:1 * 19:30 Uhr * Indian Super League * Mumbai Football Arena, Mumbai * Zuschauer: 5 817 * Eintritt: 530 ₹ (6,64 €)

Endlich wieder Fußball. Anreise mit Western Railways ab Churchgate. Die Züge sind nicht so überfüllt, wie gedacht (oder gar erhofft ?). Unterwegs kleine Schlägerei zwischen Dränglern und Passagieren. Amüsiere mich über den Hinweis, das das Mitfahren auf dem Dach des Zuges verboten ist. Seit 2012 fließen 25.000 Volt Wechselstrom (vorher 1.500 Volt Gleichstrom) durch die Oberleitungen der Western Railways. Bis 2012 gab es also noch ne gute Chance, so eine Fahrt auf dem Dach zu überleben. Jetzt sitzt niemand mehr auf einem Dach.

Weit im Norden, in Andheri muß ich auf ein neues Verkehrsmittel umsteigen, die Metro. Alles viel moderner, als die alten Pendlerzüge und ihre Bahnhöfe. An der Station Azad Nagar bin ich am Ziel.





Mumbai City FC ist ein Franchise und seit 2019 zur Mehrheit im Besitz der City Football Group, zu der auch Manchester City gehört. Das Sagen haben also Scheichs und Chinesen. Mumbai City spielte seine Heimspiele für zwei Spielzeiten (2014-2015) im DY Patil Stadium, ab der 3. Saison verlegte er sein Heimspiel in die Mumbai Football Arena. Der offizielle Fanclub des FC Mumbai City ist die West Coast Brigade, die für ihre Unterstützung der Mannschaft sowohl zu Hause als auch auf Reisen bekannt ist. Das Management des MCFC und die Spieler schätzen die Westküstenbrigade sehr. Sie haben den Mitgliedern eine Tribüne im Stadion reserviert. (Quelle: Wikipedia)






Das kleine, hufeisenförmige Stadion ist für 8 000 Besucher vorgesehen. Vor dem Ground werden nur Trikots verkauft. Meine benötigte Fahne ergattere ich im Innenbereich des Stadions, wo jeder Besucher eine für lau in die Hand gedrückt bekommt. Ebenso wie die unsäglichen „Luftstangen“. Von Popcorn, Eistee, Sandwichs oder Samosa lasse ich die Finger. Die Musik plärrt mit einem Bass durch die Boxen, daß es mir fast den Magen restlos leer pumpt. Der Stadionsprecher weist darauf hin, das Rauchen, Alkohol und Rassismus verboten sind. Bei Stromausfall bitte sitzen bleiben. Dem folgt die peinliche Aufforderung „Waving the flag, high and proud“.

Neben mir sitzt ein kleines zittriges Hündchen. Ein Zuschauer nimmt sich dem Tier an und bringt es nach draußen. Die Ultras präsentieren beim Einlauf der Spieler eine große Blockfahne, die ich aber nicht gut sehen kann. Wüßte zu gerne, was draufsteht. Die Stimmung ist gut, the josh is high und es wird die indische Hymne gespielt. Höhepunkt der ersten Hälfte ist der Spurt eines Hundes über die ganze Spielfeldlänge, was von den Rängen mit „Who let the dog out“ gefeiert wird.



Pause. Ach ja, die Liga hat soeben der FC Goa gewonnen und somit einen Startplatz in der AFC Champions League sicher. Hier geht es heute nur noch theoretisch um die Qualifikation für die drei restlichen Plätze der ISL Play offs. Am 14. März wird, ich hatte es schon verraten, der ATK Kolkata die Indian Super League gewinnen.

Die Schlüsselszene des Spiels geht ungefähr so: Chennai-Torhüter reißt weit außerhalb des Strafraums Gegenspieler um. Mumbai-Torhüter rennt zum Schiri und meckert. Nach Freistoss für Mumbai schneller Konter des CFC, Mumbai-Torhüter kommt nicht schnell genug zurück in seinen Kasten, Mumbai-Abwehrspieler muß Chennai-Stürmer über die Zehenspitzen springen lassen. Rote Karte, Unterzahl. Die Entscheidung in der 83. Minute, als Chennaiyin nach einer Ecke das 0:1 macht. Ziemlich haltbar, da der Ball in die kurze Ecke des Tors kam, wo der Keeper stand. Indien, deine Torhüter… Etwa 100 Fans jubeln für Chennaiyin. Der Frust bei den Mumbai-Supportern scheint sich in Grenzen zu halten. Chennaiyin wird in der Liga 4., Mumbai nur 5. und ist raus.





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