"Wenn Du ein Land kennenlernen willst, gehe nicht zu den Ausgrabungsstätten, sondern in die Tavernen." Das habe er so oder so ähnlich einmal gelesen. Michael Höller hat den Spruch nur etwas abgewandelt und ihn zu seinem Lebensmotto gemacht: "Statt Tavernen sind es bei mir eben Stadien."[Allgemeine Zeitung / Rhein Main Presse, 1.8.2015]

zum Fußball 2019 (4)




19. bis 26.Oktober: Familienurlaub mit 4 Personen in Litauen: Flüge DTM -> PLQ und zurück mit wizzair zu 530,93 EUR * 1x ÜF im Senoji Hansa Hotel***, Palanga zu 89 EUR * 6x Ü im Apartment Pusynas, Nida zu 360 EUR *

Nida ist von mir insofern geadelt worden, als das ich hier mit Frau und Kindern (diesmal mit Nr. 3 und 4) nach 2008 ein zweites Male Urlaub mache. Sonst gilt ja meine Maxime: "Keine Wiederholungen!". Mußte man damals noch umständlich nach Vilnius fliegen und vier Stunden nach Klaipeda mit dem Zug fahren, gibt es nun quasi eine Direktverbindung von Doofmund nach Palanga. Zwar ist man dann immer noch nicht am Ziel, aber die schönsten Fleckchen Erde liegen selten neben einem Flughafen.

Juodkrantės stadionas im Jahre 2008




Im litauischen Teil der Kurischen Nehrung gibt es, so glaube ich, nur einen Fußballplatz, den im Dorf Juodkrante (Schwarzort). Von 2003 bis 2006 spielte dort der unterklassige Verein FK Kursiai Neringa. Wegen des Standortnachteils zog der Verein aber wieder zurück nach Klaipeda und nennt sich heute FK Kursiai Klaipeda. Ob neben internationalen Fußballturnieren und Freundschaftsspielen im Sommer sonst auf dem Rasen ein regelmäßiger Spielbetrieb stattfindet, weiß ich nicht genau. Mein Gefühl sagt mir aber "Nein". Die wenigen kleinen Dörfer auf der Kurischen Nehrung leben allein vom Tourismus. Deshalb ist die Gegend jetzt im Oktober auch fast menschenleer, die (Tourismus-)Saison ist vorrüber. Der Ort Preila beispielsweise gleicht einer Geisterstadt. Kann mir nicht vorstellen, daß man in Juodkrante in der Lage ist, unter diesen Bedingungen einen Fußballverein am Leben zu erhalten.

1. - 4. Tag

Palanga


Seebrücke Palanga


Große Düne, Nida



Preila


Deutsche Schule von 1907, Preila




Nida


am Ostseestrand Nida


Tote Dünen, Prevalka




Tote Dünen, Prevalka / im Hintergrund die Ostsee


5. Tag

Busfahrt Nida -> Kaliningrad Zheleznodorozhnaya und zurück zu 14,04 EUR

Die isolierte Lage der Kurischen Nehrung ist nicht nur geografisch, sondern auch politisch bedingt. Denn fast in der Mitte wird sie von der EU-Außengrenze Litauen / Russland durchschnitten. Da kam es mir doch sehr gelegen, daß das Kaliningrader Gebiet seit dem 1. Juli 2019 mittels einem kostenlosen e-Visum nun recht einfach zu bereisen ist. Das schwierigste beim Visum-Procedere war noch, mein Passfoto so zu gestalten, daß von vom russischen Programm geschluckt wurde. Nach vier Tagen hatte ich es als pdf-Datei im e-mail-Briefkasten.

e-Visa für das Kaliningrader Gebiet, kostenlos


Immer weiter...!


Mein Bus-Fahrplan für heute: Abfahrt um 8:09 Uhr ab Nida, Ankunft um 10:00 Uhr in Kaliningrad (Zeitumstellung -1 h). Zurück ab 16:30 Uhr und Ankunft in Nida um 20:35 Uhr (Zeitumstellung +1 h).

Der Bus, von Vilnius kommend, ist nur zu einem Drittel besetzt. Nach wenigen Minuten erreichen wir schon die litauische Zollstation. Die Pässe werden eingesammelt und nach kurzer Zeit wieder im Bus verteilt. Ein Stück weiter bei den Russen muß man sich schon aus dem Bus bemühen und einzeln am Schalter bei einer Zollbeamtin vorsprechen. Das Gepäck wird durchleuchtet. Nach einer Stunde ist der Grenzübertritt geschafft und der Bus düst entlang einer langen Straße, die auf beiden Seiten von einem Kiefernwald flankiert ist, gen Süden. Zwischenstop in Selenogradsk (früher Cranz), hier scheint ein Bauboom ausgebrochen zu sein.

Kant, deutscher Philosoph


Jaschin, russischer Torwart


Platte


Zirkusbär, ohne Mascha


Kaliningrader WM-Stadion


Pünktlich erreicht man den Busbahnhof in Kaliningrad. Bin gut vorbereitet, um die sechseinhalb Stunden in der Stadt effektiv nutzen zu können. Angesichts der zahlreichen interessanten Grounds und Lost Grounds ist der Königsberger Dom mit dem Grab von Immanuel Kant gar nicht erst eingeplant.

Ich habe mir die Buslinien und deren Streckenverläufe herausgesucht und mir eine Route zurechtgelegt: Maraunenhof -> Steffekstraße (Prussia Samland) ->  Fuchsberger Allee (Rasensport Preussen Königsberg) -> Baltika Stadion -> Sackheimer Allee -> Stadion am Friedländer Tor -> unbekannter Lost Ground (ulitsa Yemelyanova im Süden) -> Kaliningrader Stadion.

Doch bevor es losgehen kann, brauche ich Bares. Den Geldautomaten im Südbahnhof kann ich nix entlocken. So muß ich etwas herumlaufen, bis ich eine Bank finde, in der ich EUR gegen Rubel tauschen kann. Das kostet mich wertvolle Zeit.

Südbahnhof


Wagen der letzten Tramlinie Nr. 5


Ich nehme Bus 24 in den Norden. Der Frust beginnt genau jetzt. In dieser Stadt scheint mir zu jeder Tageszeit und rund um jede Kreuzung Dauerstau zu herrschen. Bei mehr als 400 000 Einwohnern und keiner U-Bahn ist das auch nicht verwunderlich. Der Bus hält seine (geplante ?) Route nicht ein und so ruckelt man am Maraunenhof vorbei, ohne es zu merken. Auf dem Rückweg von der Endhaltestelle gibt mir die Fahrkartenverkäuferin im Bus einen Wink, wo ich auszusteigen habe. Klappt, finde den Ground sofort. Auf G**gle heißt der Ground sehr klangvoll "Bgarf - Kgtu". Bei der Umrundung finde ich den Gedenkstein des VfB Königsberg (der bis 1945 hier kickte) für seine im 1. Weltkrieg gefallenen Mitglieder. Grüble darüber nach, ob hier auch einst Udo Lattek herumgelaufen ist. Immerhin war er in einer der Juniorenmannschaften des VfB Königsberg aktiv, bevor er wegen des 2. Weltkrieges in den Westen floh.

Stadion im Maraunenhof




Gedenkstein am Maraunenhof


Ein Blick auf die Uhr: Schon 13:30 Uhr und ich hab gerade mal einen Ground geschafft. Es ist zum K*tzen! Meine Route kann ich getrost knickten. Also ändere ich meine Strategie und nehme die Grounds in der Reihenfolge der Wichtigkeit für mich in Angriff. Zurück in den Süden, wieder am Bahnhof vorbei bis zum Friedländer Tor. Stadtauswärts nur Stau.

Der Sportplatz am Friedländer Tor heißt heute Lokomotiv Stadion. Vielleicht spielte hier zu Sowjetzeiten eine Mannschaft gleichen Namens?! Vor dem 2. Weltkrieg passten 22 000 Zuschauer in das Stadion rein und zweimal wurden hier sogar Länderspiele der Deutschen Nationalmannschaft ausgetragen (1935 gegen Lettland und 1937 gegen Estland). Heute erinnert daran rein gar nichts. Der 08/15-Platz diente während der WM als Trainingsplatz für die in Kaliningrad antretenden Nationalmannschaften. Die alte Tribüne hat man zwischen 2015 und 2017 komplett abgerissen.

Stadion am Friedländer Tor


alte Stadionmauer


Friedländer Tor


"deutsches" Bierhaus


Im Bus 44 sitzend, fahre ich auf die Suche nach einem Sportplatz mit kleiner Tribüne, der mir auf G**gle M*p aufgefallen war. Sah so schön "Lost" aus. Irgendwo entlang der Ulitsa Yemelyanova muß er sein. Ich sehe Kasernen. Eine verlassene, vergammelte Kaserne nach der anderen. Fahre natürlich wieder viel zu weit. Am Stadtrand steige ich aus und nehme den Bus in die Gegenrichtung. Jetzt kann ich die Lage es angepeilten Grounds zwar lokalisieren, aber die Zeit drängt inzwischen so sehr, daß ich Nummer sicher gehe und im Bus sitzen bleibe. Den Bus zurück nach Nida zu verpassen wäre der Worst Case heute, denn es gibt ja nur diesen einen.

Während ich an diesem Tag nur Bustickets sammeln kann, ist der Rest der Familie 90 km nördlich am Ostseestrand erfolgreicher: Bernstein. Da bin ich neidisch!

Welches Fazit soll ich nach sechs Stunden in Kaliningrad ziehen? Die Stadt stand schon sehr, sehr lange auf meiner Bucket List. Jetzt konnte ich sie mal ohne großen Aufwand antesten. Nein, sie hat mir nicht gefallen. Zu chaotisch, zu kalt. Viele "historische" Gebäude sehen mir zu glatt und zu sauber aus. Uninteressant. Das Friedländer Tor war authentisch, toll! Soll ich einen 2. Anlauf nehmen? Vielleicht, aber nicht unbedingt. До свидания!

Busfahrkartensammlung.


Dieser Fuchs an der litauischen Grenzstation wollte offenbar auch in die EU.


Bernstein!


Ausbeute von einem Nachmittag am Strand von Frau & Kindern.



6. und 7. Tag

Kurisches Haff, Nida


Kurenfahne


Haus Undine von 1921, Nida



Kurenkreuze auf dem Friedhof Nida






8. Tag

26.10.19 * Atlantas Klaipeda - FK Palanga   0:1 * 13:00 Uhr * A Lyga (1. Liga) * Klaipedos centrinis stadionas, Klaipeda * Zuschauer: ca. 80 * Eintritt: 4 EUR * Anreise ab Nida mit Bus und Fähre zu 5 EUR, Abreise nach Palanga Flughafen mit Bussen zu 2,80 EUR

Fähre Smiltyne -> Klaipeda


Klaipeda, früher Memel




Dieses Spiel und diese Anstoßzeit passt besser in den Ablauf unseres Abreisetages, als ich es selbst hätte planen können. Absolut perfekt! Es wird sogar noch perfekter als perfekt: Meine Schwiegereltern aus Belarus sind vor zwei Tagen mit dem Auto nach Nida gekommen - und fahren heute Frau & Kinder samt Gepäck zum Flughafen nach Palanga. Sturmfreie Bude... bzw. ein paar Stunden Ruhe zum Groundhoppen für mich.

Klaipedos centrinis stadionas


fast das Wichtigste: Ticket & Kaffee


Das Stadion von Atlantas hatte ich mir schon 2008 angesehen. Seitdem hat der Nebenplatz eine Tribüne bekommen und im großen Stadion gibt es jetzt VIP-Logen. Die Hauptattraktion sind die geilen Flutlichtmasten. Der Seewind ist stark, der Besucherandrang schwach: Nur 80 Leutchen bei nem Erstligaspiel (6. gegen 7. in der 8er-Liga)! Verpflegung gibt es nur aus dem Kaffeeautomaten, der neben der Eingangstüre zur Kabine der Gäste steht. Der schmeckt genau so, wie das Spiel verlaufen wird: Gräulich! Ein gutes Dutzend hüpffreundiger Hanseln tummeln sich im Ultra-Block von Atlantas. Aus dem benachbarten Palanga kann ich keine Supporter ausmachen. Als der Abpfiff erfolgt, laufe ich zum Bus.


Atlantas-Ultras.



Floodlight P*rn



Während meine Familie schon am Flughafen Palanga angekommen ist, habe ich am Busbahnhof in Palanga noch kurzen Aufenthalt. Der will für einen kurzen Ausflug genutzt werden. Diesmal aber nicht zu einem Ground, sondern zu einem historischen Gebäude. Beziehungsweise zu dem, was von ihm übrig geblieben ist. Ich nehme ein Taxi und lasse mich nur ein paar Kilometer südlich fahren.

Wir schreiben das Jahr 1914. Das Deutsche Reich hat seinen nördlichsten Punkt in einer Ortschaft mit dem merkwürdigen Namen Nimmersatt (heute Nemirseta). Dort verläuft die Grenze zum Russischen Reich. Nimmersatt ist eigentlich kein richtiger Ort, denn es besteht nur aus ein paar verstreut liegenden Häusern. Vom Kurhaus Nimmersatt, dem nördlichsten Gasthaus des Deutschen Reiches, bis zum Zollhaus sind es noch etwa 2,5 km. Dahinter liegt die Stadt Palanga (zu deutsch Polangen). 

Reste des alten Kurhauses in Nimmersatt





Das ehemalige Kurhaus Nimmersatt besteht, obwohl denkmalgeschützt, im Oktober 2019 nur noch aus seinen in Planen gehüllten Grundmauern. Vor zwei Jahren noch soll das Obergeschoß und der Giebel des Hauses gestanden haben. Es ist das angeblich einzig übrig gebliebene Wohngebäude an der Straße zur ehemaligen Reichsgrenze aus der Zeit. Das Zollhaus gibt es nicht mehr und auch der Grenzgraben soll kaum noch auszumachen sein. In der Nähe liegt noch ein Rettungsschuppen des Seenotrettungsdienstes, von dem wesentlich mehr erhalten ist. Aber den zu besuchen, dafür fehlt mir die Zeit. 

Ich steige auf der Rückfront des Hauses durch ein Fenster ein. An einigen Wänden ist noch der Putz und die blaue Wandfarbe erhalten. Besonders faszinieren mich die ungewöhnlich stark strukturierten Wandfliesen.Wüßte gerne, ob die einst ein deutscher Handwerker an die Wand gebracht hat, oder einer von den Sowjets. Wenn nicht schon zusammengefallen, so werden es die letzten Decken in den nächsten Monaten bestimmt tun.

Früher gab es den Kinderreim "Nimmersatt - wo das Reich sein Ende hat". Für mich hat in Nimmersatt heute mein Urlaub sein Ende. Fast genauso traurig.

Lost Place P*orn


Hier irgendwo endete bis 1918 das Deutsche Reich.


Kurhaus Nimmersatt 1914 (aus wikipedia)