"Wenn Du ein Land kennenlernen willst, gehe nicht zu den Ausgrabungsstätten, sondern in die Tavernen." Das habe er so oder so ähnlich einmal gelesen. Michael Höller hat den Spruch nur etwas abgewandelt und ihn zu seinem Lebensmotto gemacht: "Statt Tavernen sind es bei mir eben Stadien."[Allgemeine Zeitung / Rhein Main Presse, 1.8.2015]

zum Fußball 2013 (2)




27.11.13 * Bayer Leverkusen - Manchester United   0:5 * 20:45 Uhr * Champions League, Gruppenphase * BayArena, Leverkusen * 29 412 Zu- schauer * Eintritt: 56,20 EUR * An- und Abreise im Omnibus

Als Bayern-Fan hat man keinen Grund, ManU zu mögen. Und auch keinen Grund, Bayer 04 irgendwelche Sympathien entgegen zubringen. Gute Voraus-setzungen also für einen entspannten Champions League-Abend bei klirrender Kälte. Vor dem Anpfiff schmetterten die Engländer etwas aus ihrem breiten Schlachtruf-Repertoire in die Nacht, während man gegenüber mit der Blockfahne haderte. Die hatte sich an einem Ende so verdreht, daß sie sich nicht hochziehen ließ und somit ging der Aha-Effekt einer eigentlich tollen Choreographie ziemlich in die Hose.

Pillen-Pleiten-Choreo

Vollhaar-Rooney

In die Hose ging auch Bayers Versuch, erstmals ManU zu besiegen und sich an die Gruppenspitze zu schießen. Die Engländer nutzten ihre erste Chance eiskalt und begünstigt durch ein Leverkusener Eigentor war das Spiel nach 30 Minuten schon entschieden. Das es nicht langweilig wurde, war einzig und allein den Gästen von der Insel und ganz besonders Wayne Rooney zu verdanken, der letztendlich an vier der fünf Tore maßgeblich beteiligt war. Mein englischer Sitznachbar schaute mich nach dem 0:3 mitleidig an, was ich aber energisch abwehrte. An seiner anschließenden Einschätzung, daß in dieser Saison gegen Bayern München kein Team in Europa eine Chance haben würde, konnte ich seinen scharfen Fußballsachverstand erkennen.






28.10.13 * Jong Ajax Amsterdam - FC Dordrecht * 20 Uhr * 2. Liga * De Toekomst, Amsterdam

Mal ne ganz neue Variante, warum man es nicht zu einem Spiel schafft: "Sturmschade", wie der Holländer sagt. Mit der ganzen Familie unterwegs, hätten wir im ICE International um 13:26 Uhr in Amsterdam Centraal ankommen sollen. Stattdessen rollten wir um diese Zeit gerade erst in Arnhem ein, wo der Zug wegen des Sturmes diesmal endete. Mit Bussen ging es weiter nach Ede-Wageningen. War gar nicht so einfach, inmitten drängelnder Menschenmassen mit drei Kindern, zwei großen Koffern plus Kinderwagen Plätze zu ergattern. Irgendwann fuhr von Ede ein Zug gen Utrecht, wo das ganze Chaos des Tages offensichtlich wurde: Die meisten Züge fielen kurzfristig aus, von und nach Amsterdam ging gar nichts. Es war nicht abzusehen, ob und wann wieder etwas fahren sollte. Sobald doch mal was fuhr, wurde gestürmt. Wir bekamen den Hinweis, ab Utrecht weiter bis Breukelen zu fahren. Vielleicht gäbe es dort Busse oder Anschluß nach Amsterdam-Holendrecht. In Breukelen war nichts mit "vielleicht". Der einzige Bahnsteig war gerammelt voll und inzwischen stürmte es wieder. Ein netter Holländer versorgte unseren kleinen Martin mit Lebkuchen. Irgendwann kam ein Nahverkehrszug, der es tatsächlich bis Amsterdam Centraal schaffte. Um 20:30 Uhr konnte ich endlich unsere FeWo am Purmerplein aufschließen, da hatte ich das geplante match längst geknickt. Es bei einer nur zweieinhalb stündigen Fahrt auf sechs Stunden Verspätung zu bringen, ist persönlicher Rekord! Mal sehen, was die Bahn uns rückerstattet.



In einer dämmrigen Dönerbude am Purmerplein, die wir später aufsuchten, saß ein älterer Araber mit Kufi (Gebetsmütze) über seinen Tee gebeugt. An seiner Hose trug er tatsächlich einen Aufnäher vom FC Bayern! In diesem Millieu, dazu noch in Holland, hätte ich das am allerwenigsten erwartet. Ich stellte uns auch als Bayern-Fans vor, worauf der Mann uns freudig begrüßte und unser Martin (2) sein "Bayern München - Hurra - Tor - Patsch!" zum Besten gab.


5.10.13 * Bayer 04 Leverkusen - Bayern München   1:1 * 18:30 Uhr * 1. Bundesliga * BayArena, Leverkusen * 30 210 Zuschauer * Eintritt: 36 EUR für einen Sitz im Gästeblock * An- und Abreise im Omnibus *

Nur 15,7 km liegt die BayArena von meiner Haustüre entfernt und die ist somit quasi mein Bundesliga-Stadion "dahoam". Und trotzdem dauerte es exakt 3 500 Tage [!], daß ich hier wieder einmal Bayer 04 - FC Bayern gucken konnte (abgesehen von einem A-Juniorenfinale 2007 u.a. mit Toni Kroos [!!] ). Und die tickets für das match vor 3 500 Tagen, am 6.3.2004,  hatte ich bei einer Verlosungs-Aktion der Bayern-VISA-Card gewonnen [!!!]. So war ich mehr als froh gewesen, endlich mal wieder vom FCB tickets zugeteilt zu kriegen. Und wegen der nur 15,7 km Anreise sagte sogar mein Sohn Paul sein Mitkommen zu! Supi [!!!!].


Der Gästeeingang hat was von Stierkampfarena. Warum die Wartereihen vor dem 2. Drehkreuz vergittert sind (und z.B. vor dem ersten Drehkreuz nicht), muß man nicht verstehen. Wer´s doch tut, mag sich bei mir melden. Jedenfalls braucht es ewig, bis man durch ist. Im Glück ist, wer keinen um sich herumstehen hat, der seine Blase nicht mehr einhalten kann. Neben mir saß übrigens mit Alex vom Fan-Club "Adler Bretten" einer der verrücktesten Vielfahrer des FCB.

Stierkampfarena, Ronda

Die Atmosphäre war ganz ordentlich und vor allem die Jungspunde im Unterrang tobten sich 90 min fast durchgehend aus. Der Block der LEV-Ultras gegen- über machte auch einen besseren Eindruck, seitdem die nicht mehr in einem der Eckblöcke gedrängt stehen.

Die Bayern spielten ähnlich stark auf wie zuletzt in Gelsenkirchen. 27:5 Torschüsse und 78% Ballbesitz auswärts gegen den Tabellendritten sagen alles. Aber es gibt so Tage, da... läßt der FC Bayern den Zuschauer fassungslos zurück. Dortmund überholt und die Tabellenführung übernommen zu haben, konnte nicht so recht trösten. Ein Sieg hätte es sein müssen !!!!



Dieser Tage ist im nofb-shop ein weiteres Buch eines Groundhoppers erschienen. Titel:"Ayia Napa!" Ich hab es mir nur deswegen gekauft, weil der Autor Jörg Pochert u.a. im Iran gewesen ist. Leider nimmt dieser Trip nur wenig Raum ein, weil es sich lediglich um eine Tagestour ab/bis Istanbul nach Teheran handelte. Aber dennoch sehr interessant. Der Rest des Buches beschränkt sich u.a. auf Städte, die der gemeine Hopper als Standard schon längst erledigt haben dürfte: Istanbul und Lissabon. Das wäre gar nicht so schlimm [weiß man ja vor dem Erwerb], wenn das Buch wenigstens spannend geschrieben wäre. Ist es aber nicht. An einigen Stellen hat man das Gefühl, einen Baedeker in der Hand zu halten. Als ob es Fotos vom Bosporus oder eines Botanischen Gartens in Portugal bedarft hätte, um zu beweisen, daß Groundhopper nicht nur kulturlose Trunkenbolde sind, sondern sich auch (hört, hört !) für Land und Leute interessieren. Gelangweilt haben mich ausschweifende Beschreibungen von dem, was der Autor wann und wo außerhalb der Grounds gegessen hat und auch eine Episode über Sonnenblumenkerne empfand ich als ärgerlich.  Im Nachtrag erfährt man von Omas Tod und dem Adieu der Freundin...  Es hätte dem Buch gut getan, wenn es der Lektor um gut ein Drittel gekürzt und mehr Fotos von Spielen und Stadien gebracht hätte. Schade! Keine Weiterempfehlung von mir.


21.9.13 * FC Schalke 04 - Bayern München   0:4 * 18:30 Uhr * 1. Bundesliga * Veltins Arena, Gelsenkirchen * 61 973 Zuschauer * Eintritt: 51,50 EUR für einen Sitzplatz unterm Dach * An- und Abreise in Chris seinem BMW für lau *

Es ist immer wieder ein Höhepunkt, mit Kollege und Schalke-Fan Christos gemeinsam ein Spiel unserer teams zu besuchen. Diesmal tat er mir aber fast schon leid: Gleich viermal tobte um ihn herum der Bayern-Block, während er desillusioniert auf den Boden starrte. Schalke hatte nicht den Hauch einer Chance, die Münchner dominierten nach Belieben. Die Stimmung in der Halle war wieder phantastisch, weil die Schalker trotz Niederlage lautstark feierten. Respekt!  

Auf der Hinfahrt waren wir wegen einer gesperrten Autobahn in Essen trotz Navi zeitlich in Rückstand geraten und kurvten etwas zu lange um die Arena auf der Suche nach einem Parkplatz. Um es noch rechtzeitig zum Anpfiff ins Stadion zu schaffen, stellte Christos den Wagen einfach an der Kurt-Schumacher-Straße, wo der Ernst-Kuzorra-Weg zum ground führt, ab. Nach dem Spiel saßen wir im Wagen, als Christos sich erinnerte, wie man am schnellsten auf die Autobahn kommt. Schnell gewendet und Vollgas geradeaus. Etwa zeitgleich wunderten wir uns, warum unsere Straße menschenleer war, sich auf der Seite rechts von uns aber ein langer Stau gebildet hatte - und eine Hundertstel Sekunde später bestätigten dreispurig auf uns zurasende Scheinwerferpaare unseren Verdacht: Wir waren als Geisterfahrer unterwegs. So eine Sch....! Das Wichtigste an diesem Abend war also nicht das 4:0 bzw. 0:4, sondern das Christos es irgendwie schaffte, den Wagen mitten durch den Gegenverkehr zu wenden und uns in die richtige Richtung zu bringen! Schwein gehabt!!!




17.8.13 * FK Smorgon - FK Gorodeja   2:1 * 18 Uhr * 2. Liga, Belarus * Stadion Junost, Smorgon * ca. 300 Zuschauer * Eintritt: 5000 BYR (0,42 EUR) * Anreise: Transfer Weeze 24,70 EUR; Flug Weeze -> Vilnius mit Ryanair 28,99 EUR;  Zugfahrt Vilnius -> Smorgon 34,60 LTL (10,02 EUR) *

Es gibt Städte, die sind bockig. Zigmal ist man da, aber mit einem Spiel klappt es einfach nicht. Vilnius ist so eine Stadt für mich. Wenn man Anzahl Über- nachtungen durch Anzahl gesehener Spiele in einer Stadt als einen "Hopper-Erfolgs-Quotienten" nimmt, dann ist meiner bei Vilnius unübertreffbar schlecht: 0,03!

Für meine ersten beiden Urlaubstage in den Sommerferien hatte ich mir folgendes zurecht gelegt: Samstags um 14 Uhr Zalgiris Vilnius - Ekranas Panevezys (1. Liga), abends Zugfahrt nach Minsk, sonntags dann Shakter Soligorsk - FK Minsk (auch 1. Liga). Vier Stunden vor meiner Abreise, d.h. freitags um 22 Uhr kippten meine Pläne. Aufgrund der Teilnahmen von Zalgiris und dem FK Minsk in der Europa-League-Quali wurden BEIDE Begegnungen verschoben. Zwar sollte am Samstag nun um 17 Uhr Polonija Vilnius - Nevezis Kedainiai (2. Liga) im von mir sehnsüchtig erwarteten Stadionas LFF ausgetragen werden, doch OHNE Zuschauer. Ultras hatten zuletzt den Rasen (oder die Laufbahn ?) durch Pyro beschädigt. Ich habe es immer gesagt: Pyro IST ein Verbrechen, z.B. an groundhoppern! Und so blieb mein Vilnius-Quotient bei 0,03.

Durch das verlegte Zalgiris-Spiel konnte ich einen früheren Zug nach Weißrussland nehmen und so tat sich plötzlich die Gelegenheit auf, in Smorgon einen Ground zu machen. Abfahrt Vilnius 14:58 Uhr, Ankunft Smorgon 17:08 Uhr, Spielbeginn 18 Uhr und Weiterfahrt nach Minsk um 19:47 Uhr. Knapp, aber sollte gehen. Da ich schon um 9:40 Uhr in Vilnius gelandet war, hatte ich noch gut fünf Stunden Aufenthalt. Warum nicht also wieder mal zu den beiden Stadien vor Ort pilgern? Das Stadionas LFF (früher "Vetra") hatte sich leicht verändert und das Stadionas Zalgiris bröckelte weiter vor sich hin. Die Tribüne war wegen Einsturzgefahr gesperrt und Spiele fanden hier wohl seit Jahren nicht mehr statt. Egal, DEN Ground hab ich wenigstens (schon 1994) gemacht.



Als ich fertig war, das Stadionas Zalgiris vom Dach einer Autowerkstatt aus abzulichten, bemerkte ich plötzlich, daß ich ohne Portemonnaie war. Den Taxi- fahrer, der mich zum Ground gebracht hatte, hatte ich noch daraus bezahlt. Danach verlor sich von dem Objekt jede Spur... muß ich wohl beim Aussteigen verloren haben! Sooo doof! Typisch ich! Wenigstens nicht beklaut worden! Zum Glück waren weder Kreditkarte noch Barschaften in EUR drin, sondern "nur" etwa 40 EUR in LTL, die Fahrkarte nach Smorgon und... der Talon (mit Öffnungscode) von meinem Bahnhofsschließfach. Bullshit! Wenn nun jemand meinen Rucksack (u.a. mit Teleobjektiv) aus dem Schließfach holt, bevor ich zurück am Bahnhof wäre?

Ich fing an zu joggen, stoppte das nächste Taxi und ließ mich möglichst so nahe an den Bahnhof fahren, wie man mit 15 LTL (die ich noch als Münzgeld in der Hosentasche hatte) halt kommt. Hätte fast gereicht, aber die letzten 500 m mußte ich wieder joggen. An den Schließfächern stellte ich fest, daß womöglich noch keiner an meinem Fach gewesen war. Nur, wie sollte ICH nun ohne Öffnungscode an meinen Rücksack kommen? Ich klopfte an die Tür eines Nebenraumes an und eine mürrische Alte bat mich herein. Ich verstand nichts, aber offensichtlich hatte sie mein Problem erkannt, denn sie drückte mir ein englischsprachiges Formular in die Hand. Es war ein Antrag auf Öffnung eines Schließfaches unter polizeilicher Aufsicht. Kurioserweise kamen binnen Minuten noch mehr Leute rein, die inzwischen keinen Talon mehr hatten... In das Formular mußte ich u.a. genau eintragen, welche Gegenstände in dem Schließfach seien. Das Öffnen eines Schließfaches kostete 20 LTL (=5,79 EUR). Als ich vom Geldtausch zurückkam, war ein Polizist eingetroffen, der Englisch sprach und mit mir und der Alten zum Fach ging. Nun wußte ich natürlich nicht mehr genau, WELCHES Schließfach ich belegt hatte. War es die 6 oder die 10? Ich tippte auf 6, zahlte 20 LTL an die Alte und der Polizist öffnete. Nein, nicht meines. OK, sollten wir die 10 probieren. Nochmals 20 LTL gezahlt, geöffnet... Bingo, mein Rucksack! Im Nebenraum legte ich den Inhalt des Rucksackes auf einen Tisch, der Polizist glich das kurz mit meinem Formular ab, ließ mich unter-schreiben und ich konnte verduften.

Nun mußte ich mir erneut eine Fahrkarte für nach Smorgon kaufen. Die Tante guckte mich schon genervt an, warum ich wohl schon wieder da sei. Hatte ich doch vor drei Stunden erst ein Ticket für den selben Zug bei ihr gekauft... Sie gab mir den Hinweis, ich solle etwa 40 min vor der Abfahrt zum Gleis kommen. Neuerdings findet nämlich die litauische Zollkontrolle nicht mehr während der Fahrt im Zug oder am Grenzort Kena, sondern vorher im Bahnhof Vilnius statt.



Bis Smorgon ging dann alles glatt. Pünktlich angekommen, wollte mir vorab für die Weiterfahrt nach Minsk eine Fahrkarte holen. Aber ich hatte keine weiß- russischen Rubel, einen Geldautomaten am Bahnhof gab es nicht und meine Kreditkarte lehnte die Tante am linken Fahrkartenschalter ab. Außerdem stimmte etwas mit dem 19:47 Uhr-Zug nach Minsk nicht. Verstand nur "Njet!". Ich sprach ein junges Pärchen an und fragte, wo man einen ATM finden könne. Das Mädchen konnte etwas Englisch und man bot mir an, mich im Auto mit in die Stadt zum nächsten Automaten zu bringen. Erst müße man sich aber selbst eine Fahrkarte holen. Während des Pärchen am linken Schalter vorsprach, versuchte ich es einfach erneut am Nebenschalter rechts. Hier wurde, wie sonderbar und unerwartet, VISA akzeptiert. Mit 8 350 BYR (= 0,70 EUR) wurde meine Karte belastet und ich erhielt mein ticket. Und ich verstand, daß ich einen mir unbekannten Zug um 21:16 Uhr nehmen müsse, weil der um 19:47 Uhr ein Nachtzug nach Moskau sei. Nun würde mein Schwiegervater um 21:45 Uhr in Minsk Pass. vergeblich auf mich warten. Da ich mal wieder meine SIM-Karte gesperrt hatte (3x PIN falsch getippt... bin sooooo blöd!) konnte ich auch nicht anrufen. Inzwischen war das hilfsbereite (?) Pärchen neben mir verschwunden. Egal, ATM und Ground würde ich schon von alleine finden.



Eine halbe Stunde vor Anpfiff war ich am Ground, der in einer unscheinbaren Seitenstraße lag. Die davor parkenden Mannschaftsbusse hatten ihn verraten. Nach dem Ticketkauf mußte ich ein zweites Male an diesem Tag den Inhalt meines Rucksacks auf einem Tisch ausbreiten - die Miliz am Eingang wollte es sehr genau wissen. Ich nahm Platz auf einer nicht sehr stabil wirkenden Tribüne der Gegengeraden. Genau hinter mich, obwohl noch hundert andere Plätze frei waren, setzte sich eine junge Polizistin. Sonderbewachung für den Besucher aus der EU?



Nach dem Verkünden der Mannschaftsaufstellungen erfolgte das obligatorische Abspielen der weißrussischen Nationalhymne. Selbstredend, daß auch eine Fahne des Landes im sommerlichen Abendwind wehte. Ausnahmslos standen auf beiden Seiten Weißrussen auf dem Platz. Gorodeja war Tabellenführer, der Gastgeber rangierte im Mittelfeld der 16er Liga.

Es entwickelte sich ein munteres Spielchen. Beim Überschlagen der Zuschauerzahl kam ich auf so ca. 300 Leute. Gemeldet wurden später eintausend mehr. Keine Ahnung, wo die sich versteckt gehalten haben?! Smorgon hatte auf der Haupttribüne einen etwa 20 Mann starken Ultra-Block, der sich regelmäßig bemerkbar machte. Die vielleicht 40 Gorodeja-Fans saßen verstreut im ganzen Junost (= Jugend)-Stadion. Smorgon gehörte die erste Hälfte und führte verdient. Zur Pause lief die Mehrzahl der Besucher raus und kam vollbepackt mit Chipstüten und Getränkeflaschen zurück.

Die zweite Hälfte ging klar an Gorodeja, die folgerichtig zum Ausgleich kamen. In der 83. Minute fiel dennoch der Siegtreffer für Smorgon und das ganze Stadion stand Kopf. Smorgon gegen Gorodeja klang ziemlich blaß und uninteressant, aber es bot ein durchweg unterhaltsames Spielchen. Sehr zufrieden verließ ich den Ground.



Mir sollte es anschließend nicht gelingen, in der Stadt noch was Warmes zu Essen aufzutreiben. Die einzige "Bar" hatte nur aufgewärmte Pizzas im Angebot und das einzige Restaurant am Platze war, wie wohl an jedem Samstagabend, durch eine Hochzeitsgesellschaft belegt. Supermärkte haben immer bis mindestens 21 Uhr auf, aber man kann sich ja nicht den ganzen Tag nur von Keksen ernähren?!



Bei untergehender Sonne lief ich eine gute 3/4-Stunde zurück bis zum Bahnhof, wo ich mich am Gleis Myriaden von Mücken erwehren mußte, die es alle nur auf mich, den süßblutigen EU-Bürger (Delikatesse !) abgesehen hatten.


Nun rollte ich um 23:20 Uhr in Minsk Pass ein und, wie erwartet, stand niemand da, der mich abholen sollte. Den Weg "nach Hause" zu den Schwiegereltern hatte ich mir aufgrund der Vielzahl an Verkehrsmitteln und Routen mit Umsteigen usw. nie einprägen können. Bekanntlich hat der Tüchtige meist auch Glück, so wie ich: 1. Glück: Es hatte um die späte Stunde noch im Bahnhof das Postamt samt Telefon-Service geöffnet (öffentliche Telefone kann man in Minsk knicken) 2. Glück: Ich kannte das Telefonprocedere (Anmelden, Vorkasse am Schalter, nachher Restgeld abholen), 3. Glück: Das Fräulein am Schalter kürzte meine 14stellige Telefonnummer um die Vorwahl in korrekter Weise, 4. Glück: Nachdem meine Frau immer wieder den Hörer auflegte, fiel mir ein, daß ich nach Verbindungsaufbau erst das Knöpfchen am Telefon drücken muß, damit auch sie mich hören konnte 5. Glück: Das lebensrettende Ortsgespräch kostete nur 100 BYR (=0,01 EUR).



18.8.13 * FK Osipovichi - FK Baranovichi   1:2 * 17 Uhr * 3. Liga, Belarus * Stadion Junost, Osipovichi * ca. 150 Zuschauer * Eintritt: frei * Anreise: Zugfahrt Smorgon -> Osipovichi (über Minsk) zu 15 700 BLR (1,32 EUR) * Abreise: Zugfahrt Osipovichi -> Vilnius (über Minsk) zu 200 450 BYR (16,80 EUR); Flug Vilnius -> Weeze mit Ryanair zu 33,82 EUR; Transfer Weeze nach Hause zu 16,50 EUR *

Am Sonntag machte ich mich gegen Mittag wieder auf den Weg zum Bahnhof. Alternativ wäre in Minsk noch der Rasenplatz SOK Olimpiskij bei Partizan MTZ - Neman Most irgendwo am Stadtrand in der gleichen Liga machbar gewesen, aber den hol ich mir mal, wenn ich nicht einen ganzen Tag zur freien Verfü- gung habe. Most gewann übrigens 7:3.



Komisch, wenn eine zweistündige Zugfahrt soviel kostet wie ein Becher Kaffee. Die "Elektritschka" hielt an wirklich jeder Milchkanne. Das ist hier wörtlich zu nehmen. Auf der Bank vor mir saß ein fein gestriegelter Mann mit strengem Blick. Er war ständig in Bewegung: Bier trinken, Raus zum Rauchen, Raus zum Pissen, Bier trinken usw. Je näher wir Osipovichi kamen, umso häufiger bearbeitete er seinen mitgeführten Strauß Rosen. Bier trinken, Raus zum Pissen, Blumen neu einwickeln, Bier trinken, Blumen auspacken, einzelne Blumen herauszupfen, Raus zum Blumenwegwerfen, Raus zum Pissen, Blumen neu einwick- eln, Bier trinken, Raus zum Rauchen usw. In Osipovichi bekam ich leider nicht mit, welche Glückliche den dezimierten Blumenstrauß von dem vollgetankten gentleman in Empfang nehmen durfte.

* Nachtrag vom 9.11.13: Durch Zufall entdecke ich, daß ich das match Bayer Leverkusen - GKS Katowice 4:0 am 7.11.90 irrtümlich nie in meine Liste besuchter Spiele eingetragen hatte. So ist der kick in Osipovichi tatsächlich Spiel 801.



Der Ground lag am anderen Ende der Stadt. Meine Frau hatte mir dessen Adresse in kyrillisch aufgeschrieben und mit mir die Frage "Was kostet das?" auf Russisch eingeübt. Entsprechend gut vorbereitet, konnte nichts schiefgehen. Für 50 000 BYR (= 4,20 EUR) fuhr mich der erstbeste Taxifahrer zum Stadion Junost. Es gelang mir noch, mich mit ihm zu verständigen, daß er mich nach Spielende hier wieder abholen solle.


Am Eingang lümmelten sich ein paar Polizisten herum. Eintritt war frei, daher leider kein Ticket für die Sammlung. Der Platz wurde zu 2/3 von einer charakteristischen blauen Rohrkonstruktion umgeben, vermutlich eine Sprinkleranlage. Die Tribünen schienen mir noch brüchiger als die in Smorgon zu sein, was aber den kleinen Ultra-Mob aus dem 240 km entfernten Baranovichi nicht davon abhielt, sich dort zu postieren. Auf das Abbrennen von Pyrotechnik ("fackel") bzw. Hüpfeinlagen ("knacks") verzichteten die Jungs wohl allein schon aus gesundem Selbsterhaltungstrieb. Das Grüppchen Ultras aus Osipovichi übte sich das ganze Spiel über in Schweigen. Vielleicht waren sie von der lautstark präsenten Konkurrenz aus Baranovichi vollends eingeschüchtert?!


Immerhin gut 150 Leute versammelten sich an diesem Sonntagnachmittag um den Junost-Sportplatz. Seltsamerweise wurde auf das Abspielen der National- hymne verzichtet. Oder hat man das, oh welch Frevel am Vaterlande, einfach vergessen?


Ähnlich wie am Vortage wurde ich auch hier überrascht von der sowohl frischen Spielwiese als auch der frischen Spielweise. Wenn beide Teams so motiviert und einsatzstark zur Sache gehen, dann kann ich persönlich gerne auf technische Kabinettstückchen verzichten. Wieder ein Spiel, wo man den Abpfiff bedauerte und gerne noch länger zugeschaut hätte.



Die nächsten Tage verbrachte ich mit der Familie "im Wald", fernab eines jeden Ligaspiels. Am 28.9. schaute ich mich in Trakai um und übernachtete in Kaunas. Ich wollte meinen "Hopper-Erfolgs-Quotienten" für Vilnius nicht noch weiter verschlechtern. Am Tag darauf war sogar Fußball in Vilnius! Das sportlich unbedeutende match Zalgiris - RB Salzburg wurde gespielt. Anpfiff: 20:30 Uhr. Mein Abflug aus Vilnius: 17:45 Uhr. War klar! Mein Quotient bleibt also vorerst bei 0,03! Irgendwann kriege ich dieses lausige Stadionas LFL.





4.8.13 * DJK Teutonia Schalke-Nord - FC Gladbeck 1920/52 II   6:0 * 15:00 Uhr * Freundschaftsspiel * Kampfbahn Glückauf, Gelsenkirchen * 10 Zuschauer * Eintritt: - * An- und Abreise mit Bahn 23,50 EUR *

Als ich Zimmer 326 des Medizinischen Zentrums der Essener Uniklinik mit gemischten Gefühlen verließ, war die Mission des Tages erfüllt. Ein Blick auf die Uhr offenbarte, daß ich noch locker einen Spielbesuch anhängen konnte und ich entschied mich für ein Freundschaftsspiel Kreisliga A - Kreisliga B.



Die Kampfbahn hab ich zwar schon 1993 gemacht, aber nach 20 Jahren kann man den auch gerne mal wiederholen. Diesen für Schalke so historisch wert- vollen Ground umgibt meiner Meinung nach heute keine besondere Aura mehr. Es mag evt. dem Fehlen der Stehränge, dem Kunstrasen und diesem komischen "modernen" blauen Metallgerüst am Tribüneneingang geschuldet sein. Vor genau 50 Jahren, am allerersten Spieltag der neuen Bundesliga, trafen hier der FC Schalke 04 und der VfB Stuttgart vor 28 000 Zuschauer aufeinander. Die Knappen gewannen 2:0, aber zu einer Meisterschaft reichte es bekanntlich nicht mehr...  

Kopf hoch, Festus!





27.7.13 * Borussia Dortmund - Bayern München  4:2 * 20:30 Uhr * DFL-Supercup * Westfalenstadion, Dortmund * 80 645 Zuschauer *  29 EUR für n Sitzplatz Kurve, oben * An- und Abreise mit der Bahn zu 13,90 EUR *

Nach dem Triple haben die Kollegen schon mit Sprüchen genervt "Wer soll die Bayern jetzt noch schlagen...?" usw.  Da mußte ich denen mal Kaiser Franzl und seine Aussage nach dem Gewinn der WM 1990 in Erinnerung rufen. OK, gleich im ersten Pflichtspiel die erste Klatsche hat auch nicht sein müssen. Aber verdient war sie. Was aber an dem Tag viel schwerer wog war die Tatsache, daß mir mein älterer Sohn (13) sechs Stunden vor Anpfiff offenbarte, daß er nun keine Lust mehr habe, mit mir zu Fußballspielen zu fahren. DAS ist hart - Erziehungsauftrag VERMASSELT! Bei seinem kleinen Bruder mache ich es anders... !


CHAMPIONS LEAGUE FINALE 2013

BAYERN MÜNCHEN - BORUSSIA DORTMUND


Das Ticket!

Als ich nach dem 4:0 der Bayern gegen Barcelona die Allianz Arena verlasse, will ich nachholen, was ich zu Beginn verpaßt hatte: Mir einen Spiel-Schal besorgen. Ich hätte ´nem Wimpel den Vorzug gegeben, aber die gibt es ja kaum noch zu solchen Anlässen. Doch die Halswickler sind, nicht zuletzt begünstigt durch das sensationelle Spiel und das phänomenale Ergebnis, ausverkauft.

Warum ich das hier erwähne, hat einen bestimmten Grund: Ich war nun dazu gedrängt, im online-Fan-Shop des FCB einzukaufen, was ich bisher noch nie gemacht hatte. Ja, ich bin jemand, bei dem die Merchandising-Abteilung nicht viel holen kann. Als Mitglied und Kunde bei Bayern München hat man account und Kundennummer. Will man mehrere Bereiche (ticketing, Fan-Shop, FCB.tv usw.) nutzen, so muß man seinen account für die einzelnen Bereiche jeweils freischalten lassen. Zahlungen sind bereichsabhängig uneinheitlich mal per Kreditkarte (tickets), mal per Lastschrift (Mitgliedsbeitrag) zu leisten. So hab ich nun also meinen Schal und einen rot-weißen Body für Martin geordert und geliefert bekommen. So weit so gut

Am Dienstag, den 7. Mai um 11 Uhr beginnt die Verlosung. Ich gebe zu, daß ich in den nächsten Tagen relativ oft meinen e-mail-Eingang kontrolliere. Vielleicht bin ich etwas verwöhnt, weil ich für das Finale Dahoam schon nach wenigen Stunden nach Verlosungs-Start eine Zuteilung erhalten hatte. Am 8. Mai erscheint im ticketing-Modul nach meiner Anmeldung der lapidare Hinweis, daß ich in der Kundendatei gesperrt sei. Zwei Telefonate später weiß ich auch warum. Beim Registrieren im Fan-Shop-Bereich hatte ich irgendwann mal meine Kontonummer mit einem Zahlendreher eingegeben. Weil ich bisher nie was bestellt hatte, war das gar nicht aufgefallen. Somit konnte meine Lastschrift für Schal und Babybody nicht gutgeschrieben werden... Gesperrt! Mein gesamter Account ist gerade in den Tagen gesperrt, in der die Tickets für das CL-Finale "verlost" werden. Es darf nicht wahr sein!!! Ich zahle die Rechnung zwar umgehend, aber die Sperre wird erst aufgehoben, als alle Tickets längst zugeteilt worden sind. Nur wenige Tage in meinem Fan-Leben sind so grausaum wie die vom 7. bis 10. Mai 2013. Keine Zuteilung, keine Absage. Doch, am Vatertag bekomme ich eine Absage: Keine Karten für´s DFB-Pokalfinale. Am Freitag, den 10. Mai um 18:22 Uhr erreicht mich eine mail von mdx, Präse und Kartenorganisator vom Bayern-Fan Club Niederrhein ´84. Für den Fall einer Absage für Wembley sichert er mir definitiv ein Ticket fürs CL-Finale zu. Der Wahnsinn...! Ich bin dabei!!!

Der Vollständigkeit halber: Montag, 13. Mai um 11:25 Uhr trudelt die Absage meiner eigenen Anfrage ein. Ich kann es zwar nur vermuten, aber ich bin mir ziemlich sicher, daß mich meine Kundendatei-Sperrung meine eigentlich gute Chance auf eine Zuteilung vernichtet hat. Wegen eines Tippfehlers nicht zum CL-Finale? Es wäre kaum zum Aushalten gewesen!

Ticket-Ausgabe im "Finkenkrug", Duisburg: Vier Tage vor dem Endspiel krieg ich endlich meine Karte in die Finger. 76 EUR für´s Dabeisein beim event des Jahres. Mein ewiger Dank gilt mdx!

Die Reiseplanung!

Nach London wollen nun 25 000 Rote und ebenso viele Schwarz-Gelbe. Und viele werden den gleichen Anfahrtsweg haben, was die Kapazitäten in Flugzeugen, Bussen, Zügen und auf den Fähren knapp werden läßt. Von Hotels mal ganz zu schweigen.

Als am 24. April in Dortmund deren Hinspiel gegen Real Madrid (4:1) abgepfiffen wird, sind die beiden Finalisten ja nur noch unschwer zu erahnen. So buche ich umgehend und dabei ein gewisses Risiko eingehend die zu diesem Zeitpunkt preisgünstigste Kanalquerung, nämlich die Unterquerung per EUROSTAR. Die Strecke Brüssel Midi -> London St. Pancras und retour ist noch zu 135 EUR zu haben, Stornierung ausgeschlossen. Am 10. Mai (Tag der Ticket-Zusage) hätte ich dafür mit 390 EUR das Dreifache hinblättern müssen. Köln/Bonn -> Stansted und zurück mit Germanwings kostet dann schon 603 EUR, nach Heathrow sind alle Rückflüge ausgebucht und mit Billigflieger Ryanair von Dortmund (Gott bewahre !) nach Stansted und zurück wären 461 EUR fällig gewesen. Die Sache mit dem Hotel ist dank HRS (bis 24 h vor Anreise kostenlos stornierbar) dagegen weitaus einfacher: Meine Bleibe am Earl´s Court (tiefste Innenstadt !) hatte ich schon am 18. Februar gebucht. 


25.5.13 * Borussia Dortmund - Bayern München   1:2 * Champions League, Finale * 19:45 Uhr *  Wembley Stadium, London * Zuschauer: 86 298 * Eintritt: 60 GBP für 4. Kategorie *

An- und Abreise: GL -> Brüssel H/R im ICE zu 74,40 EUR, Brüssel -> London St. Pancras im Eurostar H/R zu 135 EUR * Übernachtung: Mowbray Court ** in London, EZ mit Bad und Frühstück zu 70 GBP *

Erste Bayern- und Dortmund-Fans lümmeln sich schon am frühen Morgen am Kölner Hbf herum. Wie den ganzen Tag über, so habe ich auch jetzt das Gefühl, daß mehr Rote als BVBler unterwegs sind. Es gibt keine Feindseligkeiten, man tauscht aber auch (wie es sonst bei einem internationalen Gegner durchaus üblich gewesen wäre) keine Nettigkeiten aus. Schlichtes Ignorieren auf beiden Seiten.

EUROSTAR: Rein (Brussels Midi).l..

... und raus (London St. Pancras).

Nachdem einen der ICE in Brüssel Midi ausspuckt, gilt es, sich in die Reihen der Wartenden auf die Sicherheits- und Zollkontrollen für den EUROSTAR einzu-fügen. Die laufen ähnlich ab wie die in Flughäfen, evt. nicht ganz so streng. Das Waggonmaterial ist schon etwas in die Jahre gekommen, was aber nichts an der Genialität dieser Züge und deren Routen ändert. In nur zwei Stunden von Brüssel in die Londoner Innenstadt! Wenn man, wie ich, erstmals EURO- STAR fährt und sich noch gut an zahlreiche Nachtfahrten (Köln -> Ostende per Zug, bis Dover mit der schaukelnden Fähre im Sitzen an der Bar oder auf dem Boden schlafend und im Morgengrauen mit dickem Kopf weiter bis London Victoria mit dem unkomfortablen Channel Train) erinnert, der kann das nur als "sensationell" empfinden.

In London St. Pancras, wie auch überall sonst in der Stadt, laufen nicht nur Trikotträger aus Deutschland (Fußball), sondern auch aus England herum. In Twickenham findet heute vor ebenfalls mehr als 80 000 Zuschauern ein Rugby-Finale zwischen Leicester und Northampton statt.



Ich werfe meine Sachen ins Hotelzimmer und fahre drei Stationen weiter bis Parsons Green, um mir den Ground des FC Fulham mal anzuschauen. Dabei komme ich auf der Fulham Road an dem Octoberfest Pub vorbei, in dem der Bayern Munich Fanclub UK beheimatet ist und der fest in rot- weißer Hand ist. Sicher der standesgemäßeste Orte in London, um nachher den Titel zu feiern! Das Craven Cottage ("Jagdhütte") ist nur von außen zu besichtigen, aber geil! Ein absolutes Muß für meinen nächsten London-Besuch.



Noch mal vier Stationen weiter springe ich am Wimbledon Park aus der Tube und gebe mir die Plough Lane, wo einst das gleichnamige Stadion des FC Wimbledon stand. Nur ein merkwürdiges Kunstwerk, welches sich auf den FA-Cup-Sieg des Clubs 1988 gegen Liverpool bezieht, erinnert an den Ground, der hier bis 2002 stand. Von Wimbledon nun aber endlich ab nach Wembley!

Das Wembley Stadium verfügt gleich über drei Anschlüsse an (U-)Bahnlinien, so daß An- und Abfahrt trotz der Besuchermassen ganz bequem verlaufen. Ich nehme die Variante über Wembley Central, was noch einen 15 minütigen Fußweg zum Ground bedeutet. Die Szenerie wirkt auf mich etwas unwirklich: Deutsche Fußballfans marschieren zu dem vielleicht größten Spiel ihres Lebens durch eine ärmliche East End-Gegend mit billigen Fast Food- und Klamotten- läden und überwiegend indisch-pakistanischen Bewohnern beim samstäglichen Shopping. Die Einheimischen sind von den trinkfreudigen Germans nicht zu beeindrucken.



Dicht am Stadion an einer Straße mit einigen Cafés und Pubs hat sich ein größerer Mob Roter gesammelt. Wie man heraushören kann, haben nicht alle Tickets. Die wenigen Dortmunder, die sich hier her wagen, werden zu Spießrutenläufern und müssen sich jenen populären Schlachtruf mit den H****söhnen anhören. Als drei, vier Autos mit schwarz-gelben, großformatigen und ziemlich lächerlichen Plakaten mit Slogans wie "From Dortmund with Love... Yeah Yeah Yeah" vorbeirauschen, empört sich die Menge und es fliegen Bierbecher. Zwei Wochen zuvor war genau so ein Werbetafelwagen von den Schalkern am Westfalenstadion vorbei geschickt worden, um von Draxlers Vertragsverlängerung bis 2018 zu verkünden. Scheint beim BVB echt Eindruck gemacht zu haben... Es gibt einen kleinen Schwarzmarkt, aber was geht und für wieviel interessiert mich nicht.


Ich sichere mir zwei Programme und verschiebe den Kauf von nicht lizensierten Fan-Artikel auf nach dem Spiel, wenn die Preise dafür fallen. Besondere Sicherheitsaufgebote oder -kontrollen sind nicht vorhanden.






Beim Reingehen wird nur flüchtig in meinen Rucksack geguckt, dann geht es mit der Rolltreppe nach ganz  oben auf die billigen Plätze. Dort treffe ich wieder auf das Phänomen, was mich schon in Turin so schrecklich genervt hat: Der Ultra-Szene angehörige Gestalten stehen in Sitzreihen herum, wofür sie keine Tickets haben (um statt verstreut im Stadion relativ dicht beisammen sein zu können) und blockieren so den eigentlichen Karteninhabern ihre Sitze. Die Mannschaft unterstützen gut und schön, aber bei solchem Selbstverständnis könnt ich kotzen... stundenlang! Das neue Wembley-Stadion gefällt mir ganz gut, doch der Verlust der Twin Towers schmerzt.

Das dritte Finale in vier Jahren. Da kommt schon so was wie Routine auf. Die 2010 in Madrid noch vorhandene Gänsehaut bei "Stern des Südens" im Vorpro- gramm stellt sich bei mir nicht mehr ein. Aber dafür ist die Eröffnungszeremonie überwältigend... verstörend. Wohl in Anlehnung an die englische Geschichte gedacht, stehen sich zwei feindliche Ritterheere gegenüber, die zweifelsfrei als Bayern und BVB zu erkennen sind. Man bekämpft sich unter martialischer Musik und die Werbebanden "stehen in Flammen". Vielleicht hoffen die Engländer, daß sich die Deutschen gegenseitig umbringen, damit mal wieder ein Premier League Team in ein CL-Finale rutschen kann? So ganz zu der "Respect"-Kampagne der UEFA passt das ganze Schauspiel jedenfalls nicht. Paul Breitner, heute statt als Potato Fritz ganz wie ein Ritter ausstaffiert, bringt mit Lars Ricken den Pott ins Stadion.

Es muß wohl außergewöhnlich schwer für den Club Nr. 12 (u.a. Organisator der Stadion-Choreograhien) gewesen sein, auch in London wieder was ins Stadion zu zaubern. Der Mittelrang mußte von der Choreo ausgenommen werden (Sponsorenplätze), weswegen ein dämlicher Streifen entsteht. Und bewundernswert, daß es trotz der stets auftretenden Hindernisse (die Dortmunder haben deswegen auf eine Choreo verzichtet) genug Verrückte gibt, die viel Zeit und Anstrengungen in so ein Projekt investieren. Wie ich finde, hat es sich gelohnt. Es wird tatsächlich ein guter Tag...!




In der Bayern-Kurve ist man sehr siegessicher. An einen ähnlichen Fluch, wie ihn Benfica Lissabon ein paar Tage zuvor ausgebaut hat (sieben Finals in Serie verloren), will man nicht glauben. Ein Niederlage heute gegen den BVB würde wohl eine unauswetzbare Scharte im Gemüt der Fans und in der Historie des FC Bayern darstellen. Es geht auch gleich so los, wie man es gar nicht brauchen kann: Dortmund ist gut und drückt in den ersten 20 Minuten so ziemlich. Die Souveränität aus den Spielen der letzten Wochen fehlt den Bayern gänzlich. Na ja, der BVB ist ja auch nicht Barca - leider! Bis zur Pause aber über- nimmt der FCB das Kommando und kommt zu vier Torschüßen.


Zu Beginn der 2. Hälfte werden von den Ultras vor mir bengalische Feuer abgebrannt. Weil die Jungs fast pausenlos mit ihren großen Fahnen am Wedeln sind, sieht man vom Spiel nicht immer alles. Die Stimmung im Stadion ist für meinen Geschmack nicht so überragend, wie man es vielleicht von einem "historischen Finale" erwarten könnte. Ich will da nicht meckern, denn ich selbst bin nicht der Lauteste. Erst als Mario Mandzukic in der 60. Minute die Bayern in Führung bringt, geht so richtig die Post ab! Der FCB hat schon öfter mal geführt und dann ein Finale doch noch verloren. Der Ausgleich per Elfmeter scheint die logische Konsequenz zu sein: Als wolle das Schicksal aus bajuwarischer Sicht das Drehbuch vom "Finale dahoam" wiederholen. Vor meinem geistigen Auge sehe ich gegenüber die gelbe Wand schon den Pokalsieg feiern.

Es kommt der Augenblick, den ich bis heute nicht glauben kann*. 89. Minute! Arjen Robben ist plötzlich vor Weidenfeller, macht den Ball irgendwie rein und rennt wie ein Verückter den jubelnden Mitspielern davon. Ekstase pur im Bayern-Block! So einen Jubel hab ich bestimmt seit 20 Jahren nicht mehr erlebt! Einer fällt über den anderen, man umarmt fremde Menschen und kriegt Küsse von einem Schnauzbart ab. Denn trotz der Sache mit ManU 1999 ist es zu 100% sicher: 

Hier und heute wird der Champions League Sieger BAYERN MÜNCHEN heißen! 

Statt gezittert wird gefeiert und beim Schlußpfiff geht nochmal ein kleines Erdbeben durch das Stadion! 1974 * 1975* 1976 * 2001 * 2013 ! Der fünfte Titel ist dahoam!
(* Drei Finalniederlagen können traumatische Spuren im Hirn eines Fans hinterlassen!)


Rot-Weiß feiert, Schwarz-Gelb trauert. Ob verdient oder nicht, interessiert keinen. Die Situationen der zwei nicht gegebenen roten Karten gegen Bayern hat im FCB-Oberrang ohnehin keiner genau sehen können. Die Spieler hüpfen auf dem Rasen herum, wir auf den Rängen. Die nun folgende Siegeszeremonie find ich persönlich nicht so prickelnd: Ein Mini-Feuerwerk, ein paar Schnipsel Konfetti. Das hat man beim DFB-Pokalfinale in Berlin sieben Tage später deutlich besser hinbekommen. Als die BVB-Kurve schon leer ist, beginnen die Helden das Tornetz zu zerschnippeln. Einfach geil! Herr Platini, keine Strafe für das Zerstören fremden Eigentums?


In Gedanken hab ich es in meinem Fanleben mehr als einmal durchgespielt, wie es wäre, wenn der FCB den Europacup gewinnt und ich im Stadion dabei wäre. Es wäre absolut ekstatischdauerorgasmengleich! Jetzt ist es soweit und es ist anders. Natürlich ist die Freude riesig und die Stimmung klasse, aber... ?! Es scheint mir, als wenn den meisten (mich eingeschlossen) der letzte Kick fehlen würde, um eine einmalige Feté vom Zaun zu reißen. Auch die sich breitmachende Atmosphäre nach der Siegerehrung ist da nicht förderlich: Es werden lustlos ein paar Lieder abgespielt (wo blieb z.B. "Weeee are the champions......!" ???), das Stadion ist schnell halbleer und selbst als die Bayern-Spieler noch auf dem Rasen mit dem Pott herumrennen, sind viele Bayern- Fans schon draußen. Kaum sind die Münchner vom Rasen runter, wird man von den Ordnern aus dem Stadion gedrängelt. Ich finde, die UEFA könnte sich hier noch was besseres einfallen lassen in Richtung "after show party".






In Wembley besorge ich mir Schal und pin zum Spiel und fahre mit einem Nahrverkehrszug in die Innenstadt zum Bahnhof Marylebone. Jetzt müßte man die ganze Nacht durchfeiern, oder? Da zum Feiern für den Fußballfan Alkohol gehört und ich einen solchen nicht trinke, hat sich das für meinen Teil schon erübrigt. Zudem habe ich schon schmerzlich erfahren müssen, daß in London nach Mitternacht kaum ne U-Bahn mehr rollt und man sich dann möglichst nah an seinem Hotel befinden sollte, wenn man nicht in Taxis investieren oder meilenweit laufen will. Man könnte ja den anderen Fans beim Feiern zuschauen und davon ein paar tolle Fotos schießen. Aber wo sollten die Fan-Massen zusammenlaufen? Vermute, daß kaum ein Bayern-Fan am Trafalgar Square in den Brunnen gehüpft ist (falls doch, laßt es mich wissen -> mit Fotobeweis). London ist einfach zu groß und hat keine kneipengepflasterte Altstadt, wo nach Spielende noch die Post abgehen könnte. Was tun nach einem Europapokalsieg? Ab zum Earl´s Court, nen Kaffee geschnappt und ins Hotel.

Diaschau mit 110 Fotos vom CL-Finale!




Am nächsten Morgen mache ich mich auf den Weg zum Bahnhof London Bridge, um von dort aus mit dem Schienenersatzverkehrsbus (die Station South Bermondsey ist wegen Bauarbeiten geschlossen) zum Stadion des Millwall FC zu fahren. Die Gegend ist bekanntlich nicht gerade Notting Hill: Entlang der Ilderton Road ein großer Schrottplatz, schwarze Frauen in farbenfrohen Kleidern und bemerkenswerten Kopfbedeckungen ziehen bei Glockengeläut in die Christ Apostolic Church Surrey Docks District ein, in der Zampa Road schauen zwei Schwarze hinter unzähligen Stapeln Autoreifen einem Dritten zu, der unter einem PKW herumschraubt.




Der Zaun zum Gelände des "Den" ist offen, so daß ich um den Ground herumgehen kann. Einige Dortmunder haben die gleiche Idee. In einer Ecke ist ein "Garden of Remembrance" eingerichtet: Etwas Rasen und ein kleines Kieselsteinbeet, auf dem einige wenige Metall- oder Steintafeln verstorbener Millwall- Fans hergerichtet worden sind. Hinter dem billigen Bretterzaun stehen Dutzende Wagen der Müllabfuhr und entsprechend riecht es hier auch. Beschließe, irgendwann auch hier ein match anzusehen. Ob von dem viel gerühmten Millwall Roar noch etwas übrig geblieben ist?



Über Canada Water und Highbury&Islington steuere ich nach über 20 Jahren wieder einmal Arsenal an. Mein Interesse gilt dem, was man aus dem Arsenal Stadium (Highbury) nach dessen Schließung gemacht hat. Den Häusern an der Gillespie Road scheint es gut getan zu haben, nicht mehr am Trampelpfad von Fanmassen zu liegen, die allwöchentlich zum Stadion ziehen. Ich hatte die schmuddelig und immer mit Müll übersäten Vorgärtchen in Erinnerung. Die Stelle, wo früher ein rotes Tor als Eingang zur Nordtribüne war und ein unverkennbarer Schriftzug "Welcome to Highbury..." auf einer roten Tafel zwischen zwei Häusern hing, heißt heute Stadium Mews. Wenn auch Tor und Tafel weg sind, so sind doch zumindest die Stahlrahmen und -aufhängungen von beidem tatsächlich noch da - ob im Original oder als Rekonstruktion (?) ist eigentlich egal. Man hat der Stelle einen Wiedererkennungswert gegeben. Das zählt!




Rechts um die Ecke in die Avenell Road eingebogen, hat sich auf den ersten Blick kaum was verändert. Und das macht Highbury meines Erachtens heute aus: Die Rückfront der Osttribüne im Art Deco Stil aus dem Jahre 1936 ist unverändert erhalten geblieben. Nur daß sich dahinter keine Tribüne, sondern die Appartment-Anlage Highbury Stadium Square verbirgt. Doch damit nicht genug. Die übrigen Appartments stehen ebenfalls genau an den Stellen, wo sich früher die drei restlichen Tribünen befanden. Im Innenraum wächst, seit jeher, Rasen. Dort kann zwar kein Fußball mehr gespielt werden (u.a. weil hier in einem nicht öffentlichen Bereich die Urnen von 500 Arsenal-Fans liegen sollen), aber ein bisschen einer Stadionatmoshpäre ist geblieben. Highbury ist kein Ground mehr, aber es ist immer noch da! Das gefällt mir richtig gut! Dagegen fällt das nur 250 m Luftlinie entfernte Emirates Stadium in meiner Gunst stark ab - sofern man das von außen beurteilen kann.

Bald bin ich wieder am Bahnhof St. Pancras, wo ich mir beim Inder gegenüber ein paar englischsprachige Zeitschriften besorge. Dabei begegne ich Marco L. und Robert D., auch vom Fan-Club Niederrhein. Wir stellen fest, daß wir den gleichen EUROSTAR um 15:04 Uhr gen Festland nehmen. Marco bunkert reichlich Dosenbier und wir gehen zum Check-In rüber. Der Andrang dort ist noch schlimmer als an jedem Flughafen. Die Schlange Wartender zieht sich durch den ganzen Bahnhof. Ziemlich unbritisch führt uns Marco unter einem Absperrband zunächst an der Bahnhofs- und dann auch noch dreist an der Check-In-Schlange vorbei zu einem sehr freundlichen Herrn, der uns fix die Fahrkarten stempelt. Kein Protest in den kilometerlangen Menschenreihen hinter uns. Wie durch ein Wunder wird nun auch gerade vor unserer Nase ein Schalter zur Passkontrolle aufgemacht und flupp sind wir drin... geil!

Die Rückfahrt über döst man rum und zieht sein persönliches Fazit dieser Tour: Ich scheiß auf das durchschnittliche Stadionerlebnis! Was zählt: Man war dabei, beim Jahrhundertspiel! Bayern ist Europapokalsiiiiiiiiiiieeeeeeeeeeeeger!!!






23.4.13 * Bayern München - FC Barcelona   4:0 * 20:45 Uhr * Champions League, Halbfinale, Hinspiel * Allianz-Arena, München * 69 000 Zuschauer * 60 EUR für einen Sitzplatz Südkurve Oberrang * An- und Abreise: mit der Bahn zu 146 EUR *

Stadionsprecher Stephan Lehmann meinte hinterher, daß sei ein Spiel gewesen, von dem man noch seinen Enkelkindern erzählen würde. Wie wahr! Nur um zu verstehen, warum das so ist, müssen die Enkelkinder eine Ahnung davon bekommen, welche besondere Situation vor und nach dem Spiel bestand.

Die Situation vor dem Spiel: Der FC Bayern wird aufgrund seines irren Vorsprungs von 20 Punkten auf Tabellenzweiten Borussia Dortmund schon am 28. Spieltag Deutscher Meister. Dies ist nur ein Rekord von vielen, den die Münchner in der Saison 2012/13 aufstellen. Im DFB-Pokal ist man, wie erwartet, locker ins Endspiel eingezogen und ein Sieg gegen den VfB Stuttgart wird sicher erwartet. In der Champions League wurde der künftige Italienische Meister Juventus Turin gleich zweimal eindrucksvoll mit 2:0 geschlagen. Im Blätterwald ist zu lesen, daß man derzeit den besten FC Bayern aller Zeiten auf dem Rasen spielen sieht. Nur wenige dürften daran zweifeln - ich tue es nicht.

Im Januar wird die Verpflichtung von Pep Guardiola als neuer Trainer ab 2013/14 bekannt gegeben. Eine Sensation, der in München geradezu ein Guardiola-Hype folgt. Denn bisher gingen Übungsleiter dieses Formats nach England, Italien oder Spanien.

Fünf Tage vor dem Spiel ein erster Mißton: Die große Fan-Choreographie wird abgesagt. Die Gründe sind vielschichtig. Die Fangruppen der Südkurve sind sich nicht einig darin, wie man sich dem Gebaren der Vereinsführung in fanspezifischen Belangen gegenüber verhält.

Drei Tage vor dem Spiel geht eine mediale Bombe hoch: Bayern-Präsident Uli Hoeness wird der Steuerhinterziehung beschuldigt. Das Magazin "Focus" hat erfahren, daß sich Hoeness im Januar selbst angezeigt hat, um Strafbefreiung zu erreichen. Es sickert durch, daß sein Anwesen am Tegernsee durchsucht wurde. Die Folge ist eine bundesweite Debatte auf allen Kanälen bis in höchste Regierungskreise über Steuersünder, über den Umgang mit denselben und über die Moral von Reichen und Mächtigen. Damit nicht genug.

Ein Tag vor dem Spiel schlagen die Wellen wieder ungewöhnlich hoch: Der FC Bayern hat bekannt gegeben, daß Mario Götze von Borussia Dortmund für die nächste Saison verpflichtet werden konnte. Beim BVB ist man ahnungslos. Trainer Flopp ist von der Nachricht "weggedonnert" und Präsident Fatzke empfindet einen "schlechten Stil". Die Presse ist empört.  

Im Camp Nou hatte der FC Bayern 2009 schon nach 43 Minuten vier Tore kassiert und damit ein Debakel erlebt. Auch 2013 kommt der FC Barcelona als Favorit und unangefochtene Nr. 1 in Europa nach München. In dem Star-Ensemble tummeln sich Welt- und Europameister Pique, Puyol, Jordi Alba, Fabregas, David Villa und vor allem Iniesta und Xavi. Doch unerreicht an Popularität und Spielkunst im Team ist Lionel Messi, genialer Dribbler und Weltfußballer der Jahre 2009 - [Ende offen]. Allerdings ist Messi nicht fit und Barça schwächelt derzeit etwas. 

Aus dieser Situation erklärt sich nun die Spannung und die Bedeutung dieses Spiels. Der historisch beste FC Bayern gegen das spanische bzw. katalonische Dream Team um Fußballgott Messi.



Wenn ich gut darin wäre, Spielverläufe zu beschreiben, wäre ich Sportreporter geworden. Bin ich aber nicht, also lassen wir das. Nur so viel: Was die Bayern auf dem Rasen zeigten, war wohl das mit Abstand spielerisch beste match, das ich je vom FCB live im Stadion erleben durfte. Es war unbeschreiblich verrückt und eine kleine Entschädigung für das verlorene "Finale dahoam" elf Monate zuvor an gleicher Stelle. Das 1:0 und 2:0 wurde frenetisch gefeiert. Ab dem 3:0 kam noch eine gewisse Ungläubigkeit dazu: "Das gibt´s doch gar nicht...!" war von überall zu hören. Der Klassiker unter den Sprechchören "Oh, wie ist das schön...!" wird in deutschen Stadien ja nur noch selten angestimmt, aber an diesem Abend passte er besser als jeder andere. München war den Spaniern tatsächlich so deutlich überlegen gewesen, wie es das Ergebnis ausdrückt. Zwei irreguläre Treffer wurden durch zwei nicht gegebene Elfmeter "ausgeglichen". Damit war nicht zu rechnen gewesen. "Oh, wie ist das schön...!" Zwischendurch wurde für den Bruchteil einer Sekunde der im Stadion anwesende Uli Hoeness über die Videowände eingeblendet und es brauste tosender Beifall auf. Daß er nur auf Kaution auf freiem Fuß war, konnte man am nächsten Tag in der Zeitung lesen.

Die Situation nach dem Spiel: Welchen sportlichen Wert (Eintagsfliege oder Machtwechsel) dieses Spiel haben wird, muß sich am 1.5.2013 beim Rückspiel in Barcelona und anschließend in Wembley noch zeigen. Aber wer mag daran zweifeln, daß der FCB in dieser Saison in Europa das Maß aller Dinge ist?



Im Schaufenster am Marienplatz jubelten sie noch...