"Wenn Du ein Land kennenlernen willst, gehe nicht zu den Ausgrabungsstätten, sondern in die  Tavernen." Das habe er so oder so ähnlich einmal gelesen. Michael Höller hat den Spruch nur  etwas abgewandelt und ihn zu seinem Lebensmotto gemacht: "Statt Tavernen sind es bei mir eben Stadien."[Allgemeine Zeitung / Rhein Main Presse, 1.8.2015]



6. Tag

CGH -> CWB mit GOL LINHAS AÉREAS zu 49,16 EUR, CWB -> POA mit LATAM zu 54,62 EUR, 1xÜ im SPACE 4 U - HOTEL BOUTIQUE TEMÁTICO, São José dos Pinhais zu 21,50 EUR, 2x ÜF im Ritter Hotel, São Paulo zu je 50 EUR, 7x UBER zu insgesamt 26,80 EUR

CGH



Es blieb dabei: Neuer Tag, neue Stadt! Diesmal stand Curitiba (sprich: Kuritschiba) auf dem Programm. Das liegt etwa 350 km südlich von São Paulo (von wo ich morgens startete) und 550 km nördlich von Porto Alegre (was abends mein Ziel war). Zum Abstellen vom Koffer und um Duschen zu können, quartierte ich mich tagsüber in einer preiswerten Absteige ein. 

CWB


SPACE 4 U - HOTEL BOUTIQUE TEMÁTICO - Aeroporto


Im UBER gings zum Estádio Pinheirão. Der Fahrer vergewisserte sich gleich drei Mal, ob ich wirklich hierher, zu diesem aufgegebenen Stadion wolle. Selbst als ich mit nach oben gestrecktem Daumen ausstieg und versicherte, alles sei OK, schaute er ziemlich ungläubig drein. Das war ein geiles Teil! Riesengroß und richtig vergammelt. Es war auch rundherum abgezäunt, doch wenn ich wirklich hätte reingehen wollen, wäre mir das auch gelungen. So unüberwindbar waren die Zäune nicht. Aber es war Security vor Ort...  Weil ich von außen alles sehen konnte, was mich interessierte, riskierte ich keine Konfrontation.

LOST GROUND Estádio Pinheirão, Curitiba



Estádio Major Antônio Couto Pereira, Curitiba





Anschließend ließ ich mich noch zu dem Ground von Coritiba FC, dem Estádio Major Antônio Couto Pereira und dem Ground von Paraná Clube, dem Estádio Durival de Britto e Silva (auch Estádio Vila Capanema genannt) kutschieren. Im letzteren haben während der WM 1950 die zwei Vorrundenspiele Spanien - USA 1:3 und Schweden - Paraguay 2:2 stattgefunden, jeweils mit weniger als 10 000 Zuschauern.

Hier rotiert mein Mittagessen.



Estádio Durival Britto e Silva, Curitiba



In den Straßen in der Nähe meines Hotels fiel mir ein ziemlich ungewöhnliches Gefährt auf, das ich unbedingt näher unter die Lupe nehmen mußte. Ein Lada Marke Laika mit Kennzeichen aus Russland und Brasilien. Dazu unzählige (ich vermute echte aber arrangierte) Einschußlöcher und ein ekliger Bolsonaro-Aufkleber auf der Heckscheibe. Ob das ein authentisches Polizeifahrzeug ist, kann ich nicht sagen, jedenfalls war mir das Ding ziemlich unsympathisch. Wie, zum Teufel, war die Karre hierher gekommen?

Gibt´s nich....?!



Der Flug nach Porto Alegre ging erst spät am Abend und verspätete sich zusätzlich um eine Stunde. Dafür gab´s online einen Fress-Gutschein für die nächste Heineken-Bar am Flughafen. Sonst waren in BRA und ARG alle Verbindungen pünktlich und auch Check-In und Boarding waren immer schneller und besser organisiert, als man das aus Europa kennt.

POA



7. Tag

6x UBER zu insgesamt 29,21 EUR

Porto Alegre



Die Ankunft im Hotel Ritter in Porto Alegre kam erst weit nach Mitternacht zustande. Trotzdem war ich morgens Erster am Frühstücks-Buffet, denn es stand der große Tag bevor! Heute sollte es geschehen, der Besuch des Estádio Olimpico Monumental. Und es wurde großartig! Ich kam natürlich nicht rein, aber die Umrundung war vollkommen ausreichend. 

LOST GROUND Estadio Olimpico Monumental, Porto Alegre



Sowohl für diesen, wie auch für alle anderen LOST GROUNDS, die hier im Bericht erwähnt werden, wird es in der Zukunft einen ausführlicheren Bericht in irgendeiner Form geben! Plus jede Menge Fotos dazu. Vielleicht sogar wieder in Buchform, wer weiß. Doch das braucht seine Zeit.

Unmittelbar in der Nähe der alten Spielstätte von Grêmio gibt es noch einen weiteren LOST GROUND. Auch spektakulär, aber auf ganz andere Weise: Das Estádio da Montanha. Und unweit des Stadions von Grêmios Rivalen SC Internacional, dem Estádio Beira-Rio, liegt ein gut gemachter Ort der Erinnerung an das Estádio dos Eucaliptos, auch einem WM-Stadion von 1950. Drei hochkarätige LOST GROUNDS innerhalb weniger Stunden hat man nicht so oft. 

Cemitério Ecumênico João XXIII, Sao Paulo



LOST GROUND Estádio dos Eucaliptos, Porto Alegre



Verwaister Hotelpool.


Blick auf die Guaiba Bridge, die (an einer Stelle für große Schiffe) 24 m hochgehoben werden kann.


14.4.2026 * Grêmio Porto Alegre - Deportivo Riestra  1:0  * 18:30 Uhr * CONMEBOL Sudamericana * Arena do Grêmio, Porto Alegre, Brasilien * Eintritt: 41,50 EUR (Paket für 3 Spiele) * Zuschauer: 13 518

Am Abend wieder Fußball, das vierte Spiel in sechs Tagen. Der Termin war ein richtiger Glücktreffer, denn mein Tag in Porto Alegre war absolut unverschiebbar eingeplant gewesen und etwa zwei Wochen vorher wurde plötzlich genau heute ein Heimspiel von Grêmio in der Copa Sudamericana angesetzt. Der Groundhopping-Gott belohnte seinen treuen Jünger wahrhaftig! 

Arena do Grêmio, Porto Alegre



Grillen ist Geil!











Was kann Kannemann?



Heiligtum LOST GROUND-Tasse!


"Ich habe mich entschlossen, für Grêmio zu leben"


Diesmal kam ich ohne Guide aus, denn mir war es gelungen, die Hürden der biometrischen Datenerfassung erfolgreich zu überspringen und sogar Tickets zu ordern. Allerdings gab es nur ein Package für alle drei Gruppen-Heimspiele. 

Der Verein Grêmio Porto Alegre war mir schon als kleiner Junge bekannt, bekanntlich schlugen die Brasilianer den Hamburger SV 1983 im Weltpokalfinale. Bevor ich ins Stadion ging, durchlief ich den Fan Shop und deckte mich mit einer Tasse des Estádio Olimpico Monumental ein. Eine LOST GROUND-Tasse, aus der zu Trinken nicht erlaubt sein wird. 

Auf meinem Ticket war nur der Eingang vorgegeben, danach war wieder freie Platzwahl. Ich hatte mir, wie meist üblich, einen Platz im Oberrang gesichert, wo möglichst wenig Leute abhängen. Als ich am Eingang fragte, wie ich dahin komme, wies mich die Ordnerin zum Fahrstuhl. Da stand ich nun, umringt von 5 bis 6 grauhaarigen Opas und fuhr senkrecht hoch in die fünfte Etage. Ich fühlte mich plötzlich soooo alt. 





Der Gegner von Grêmio war Deportivo Riestra aus Argentinien. Noch nie gehört von diesem Verein. Laut europlan spielen die in einem Stadion mit einer Kapazität von 3 500 Zuschauern. Zumindest beim Rückspiel aber werden sie im Stadion von San Lorenzo, dem Estadio Pedro Bidegain antreten. Immerhin hatten sie einen Support von etwa 200 Leuten mitgebracht.

Die Stimmung in der Arena do Grêmio war trotz eines Füllgrades von nur etwa 20% klasse. Bemerkenswert, wie der Trompeter (wahrscheinlich sind es mehrere?) 90 Minuten ohne Pause in sein Blechinstrument tröten kann. Wie die Fans in brasilianischen Stadion so singen, klingt in meinen Ohren oft sehr gewöhnungsbedürftig, denn in jedem "Lied" finden sich mindestens ein oder mehrere Wörter, die in einer total unmelodischen Tonlage gesungen werden. Was das betrifft, war Grêmio anders und so bekommt Grêmio von mir 10 Punkte für die melodischsten Fangesänge. Wirklich was zu feiern gab es für die Brasilianer erst ab der 87. Minute, als das längst überfällige 1:0 fiel. So fand ich mich später in einem Aufzug voller glücklicher Menschen auf dem Weg ins Erdgeschoß. 




Moskito oder Musketier? Mosqueteiro!


8. Tag

Porto Alegre -> Tramandai mit dem Bus zu 12 EUR, 1x ÜF im Hotel Schenkel, Tramandai zu 61 EUR, 3x UBER zu insgesamt 15,63EUR


Abfahrt nach Tramandai




Auf die Idee nach Tramandai zu fahren, wäre ich natürlich nicht gekommen, wenn es dort in der Nähe nicht einen lohnenswerten LOST GROUND geben würde. Das Örtchen (50 000 Einwohner) direkt am Atlantik hat sich zu einem beliebten Touristenziel entwickelt. Nach knapp zweistündiger Busfahrt war ich am Ziel und nach dem Check-In im Hotel wurde sofort ein UBER gechartert und ich befand mich auf dem 25 km langen Weg nach Cidreira.

LOST GROUND Estádio Antônio Braz Sessim, Cidreira



Das Estádio Antônio Braz Sessim liegt am Rand der Ortschaft Cidreira und ist umgeben von einer Müllkippe. Der Geruch von kokelndem Plastik zog mir in die Nase. Auf eine gründliche Begehung wurde dennoch nicht verzichtet, denn immerhin konnte ich diesmal problemlos das Teil entern. Ständig kläffende Köter ganz in der Nähe wirkten sich leicht nervend auf mein selbiges Kostüm aus. Ein vorbeifahrender Autofahrer schrie mich mit irgendwas an und als er kapierte, daß ich nicht kapierte, fügte er ironisch ein "very nice" hinzu. Ihm passte es wohl nicht, daß ich ausgerechnet einen verwahrlosten Ort wie diesen ablichtete und als Botschaft aus Brasilien mit nach Europa nehmen würde. 

Lençóis Cidreirenses (weiße Dünen), Cidreira


Mein persönliches Highlight der ganzen Reise hatte, wie komisch eigentlich, gar nichts mit Fußball zu tun. Zwischen Cidreira und Tramandai liegt der/die/das Lençóis Cidreirenses, eine Landschaft aus weißen Dünen. Mein UBER setzte mich mitten in dieser menschenleeren "Wüste" ab. Meine Abholung per UBER bestellte ich schon vorher, solange ich noch Netzempfang hatte, denn eine Nacht alleine wollte ich hier auch nicht verbringen.

Das Besondere an diesen Dünen war, daß ohne Unterlaß ein geräuschvoller Wind aus Nordosten wehnte. Dadurch war der weiße Sand flächendeckend bis etwa 5 cm über der Erdberfläche ständig in einem rasenden Fluß. Trifft der Sand auf ein Hindernis (hier nicht abgebildet), wie z.B. einen Stein, ein Stück Holz o.ä., dann entstehen in seinem Windschatten kleine Dünen. So weit bekannt. Aber hier in den Dünen entstanden auch Gebilde aus bloßem Sand, die so abgefahren waren, daß ich sie nicht für möglich gehalten hätte. Wie Kelche oder Pilze sahen die Formationen manchmal aus. Als ich ein besonders schönes Paar mit der Spiegelreflex fotografieren wollte und ich die Kamera herauskramte, war in der Zwischenzeit einer der Kelche schon "zerbrochen". Der Wind hatte ihn geschaffen und schon wieder zerstört. Und da war tatsächlich nichts außer Sand (und wahrscheinlich etwas Feuchtigkeit). Ich bin auch Wochen später noch total fasziniert davon. 

Sandworms of Arrakis?


Wiesenchampignons?


Ein Piratenschatz?


Wüste?


Scherben?!



Plateauberge?


Reisewecker?




Abends wurde noch kurz in Tramandai herumgelatscht. 

in Tramandai






9. Tag

Tramandai -> Porto Alegre mit dem Bus zu 12 EUR, POA -> AEP mit Aerolineas Argentinas zu 97 EUR, 2x UBER zu insgesamt 7 EUR


Osório


Es war nur der Bruchteil einer Sekunde gewesen, in dem ich auf einem Hinweisschild einen Namen wahrgenommen hatte, der eigentlich nicht sein konnte und hier überhaupt nicht in die Gegend passte. Oder doch? Das war gestern auf der Hinfahrt von Porto Alegre nach Tramandai und der Bus fuhr gerade durch den Ort Osório. Das mußte ich unbedingt prüfen und so fuhr ich am Morgen zurück nach Osório. 

Ich fand das Schild wieder und ich hatte mich nicht getäuscht. Hier ging es nach "Borússia". Borussia ist bekanntlich der lateinische Name von Preußen und damit sowas von Deutsch, wie es deutscher nicht geht. Vermutlich gibt es nicht mal in Deutschland einen Ort solchen Namens. Aber dafür hier in Brasilien! Borússia ist eine Ortschaft oder ein Gebiet oberhalb von Osório, wo es nur so von Borússia wimmelt: Es gibt eine Borússia-Aussichtsplattform, einen Borússia-Hügel, einen Borússia-Wasserfall usw.

What the f**k?!


Da oben liegt die Borússia-Aussichtsplatzform!


Die einst nach Brasilien ausgewanderten Deutschen haben nicht nur "Borússia" mitgebracht, sondern auch ihre Namen. In Tramandai (wie schon zuvor in Curitiba) scheint es besonders viele Geschäfte etc. mit deutschen Namen zu geben. Was aber nicht bedeutet, daß die Menschen dort Deutsch (geschweige denn Englisch) verstehen. Não!

Man spricht (trotzdem kein) Deutsch...!






Praia de Tramandaí: Die Badesaison ist vorbei!




Am Nachmittag nahm ich den Bus zurück nach Porto Alegre und im UBER ging es zum Flughafen POA. Nächstes Etappenziel war Mar del Plata in Argentinien. Dazu war ein Umstieg und eine Nacht am Flughafen AEP erforderlich. Für acht Stunden zwischen Ankunft und Abflug lohnte es sich nicht, ein Hotel zu nehmen. Zumal ich meinen Koffer in Buenos Aires wieder entgegennehmen, vom Zoll inspizieren und wieder aufgeben musste, obwohl ich die Strecke POA -> MPQ in einer Buchung getätigt hatte. Da der Check-In erst um 3 Uhr morgens öffnete, war nix mit ruhigem Airportsleeping. 



10. Tag

AEP-> MPQ mit Aerolineas Argentinas zu 57 EUR, 1x ÜF im Hotel Compostela, Mar del Plata zu 26 EUR, MPQ -> AEP mit Aerolineas Argentinas zu 86,33 EUR, 3x Ü(F) im Hotel Palermo Bridge, Buenos Aires zu je 61,50 EUR, 7x UBER zu insgesamt 39 EUR

AEP



MPQ


Um 8:10 Uhr landete ich in MPQ, dem für mich jetzt südlichsten bereisten Ort auf dem Globus (bisher Kapstadt). Mar del Plata liegt 400 km südlich von Buenos Aires und hat knapp 700 000 Einwohnern. Weil ich die Stadt am Abend wieder verlassen würde, hatte ich mir, wie in Curitiba, für den Aufenthalt tagsüber ein billiges Hotel genommen. Das Ding war wirklich eine schimmelige Bruchbude, aber das Frühstück war OK. Gut daß ich hier nicht wirklich übernachten mußte. 


LOST GROUND Estadio General San Martín, Mar del Plata


Erstes Ziel: Der LOST GROUND  Estadio General San Martín, auf dem heute ein Supermarkt steht. Übrig geblieben ist lediglich das Eingangsportal. Der Ground hat deswegen eine besondere Bedeutung, weil hier, man wird es kaum glauben, Diego Armando Maradona im Alter von 16 Jahren seine ersten beiden Tore im Profifußball erzielt hat. 

Wow!


Cancha De San Jose


"Die Stadt gehört uns"


"Die Barrios gehören uns"


"La Brava / Die Herrscher der Stadt"



Zweites Ziel: Das Estadio José María Minella, in dem die beiden lokalen Vereine Aldovisi (1. Liga, grün-gelb) und Alvarado (4. Liga, blau-weiß) auflaufen. Das Stadion ist ziemlich marode und zwei Studenten, mit denen ich vor Ort ins Gespräch kam, meinten sogar, da würde keiner mehr drin spielen. Während der WM 1978 fanden hier sechs Gruppenspiele statt, u.a. 3x mit Brasilien und 2x mit Italien und Frankreich. 

Estadio José María Minella, Mar del Plata



Ziemlich krass fand ich, daß in Mar del Plata nahezu jeder Laternen- oder Telefonmast entweder mit blau-weiß (Alvarado) oder grün-gelb (Aldovisi) markiert ist. Dabei sind die in der Stadt nicht bunt gemischt, sondern klar abgegrenzt, d.h. in einem Viertel herrscht nur Alvarado und in dem anderen nur Aldovisi. Beide Vereine nutzen übrigens das Kürzel CAA.

Markierungen im Barrio.



Anschließend fuhr mich UBER zu einem Steinbruch: Dort in der Tiefe liegt das ehemalige Stadion von CA Aldovisi, das des zutreffenden Namen La Cantera trägt. Hier hat es während der Betriebszeit zwei Tote gegeben. Rein kam ich natürlich nicht, aber oben von der Steinbruchkante war die Aussicht perfekt. 

LOST GROUND La Cantera, Mar del Plata




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