"Wenn Du ein Land kennenlernen willst, gehe nicht zu den Ausgrabungsstätten, sondern in die Tavernen." Das habe er so oder so ähnlich einmal gelesen. Michael Höller hat den Spruch nur etwas abgewandelt und ihn zu seinem Lebensmotto gemacht: "Statt Tavernen sind es bei mir eben Stadien."[Allgemeine Zeitung / Rhein Main Presse, 1.8.2015]


4. Tag

Früh am Morgen klingelte der Wecker. Um 7 Uhr ließ ich mich im Taxi zur etwa 3 km außerhalb der Sadtmauern liegenden On Gözlü Köprü (10-Augen-Brücke) fahren. Sie wurde in den Jahren 1064 / 1065 errichtet und gilt als die erste islamische Brücke Anatoliens. Von hier hat man einen wunderbaren Blick auf die gewaltigen Stadtmauern von Diyarbakir und den Flußlauf des Tigris. Ich lief über die Brücke auf die gegenüberliegende Anhöhe. Auch von hier ne tolle Aussicht.

Nur leider fanden in letzter Zeit in der unmittelbaren Umgebung der Brücke massive Erdarbeiten statt: Die Brücke wurde um zwei "Augen" (Bögen) gekürzt (Was für ein Wahnsinn!) und an der Stelle eine Moschee und einige Ausflugslokale hingesetzt. In der Gegend sollen Wohnungen für Reiche entstehen. Bedroht sind auch die Felder der eher armen Bauern in den Hevsel-Gärten.

On Gözlü Köprü (Brücke mit den zehn Augen)



Fast 1000 Jahre alte Inschrift der Marwaniden, einer kurdischen Dynastie.



Ist es Camelot? Nein, Diyarbakir.


Wanderung zurück in Richtung Diyarbakir. In der morgendlichen Frische ein richtiger Genuß. Ich konnte den Bauern bei der Ernte von Petersilie u.a. zusehen und einen Blick auf das Bewässerungssystem der Hevselgärten werfen. Das Wasser entspringt Quellen unterhalb der Stadtmauern und läuft dann über verschiedenste Wasserrinnen den Berg hinunter zum Tigris.

War rechtzeitig zurück im Hotel, um endlich mal das gebuchte Frühstück in Anspruch nehmen zu können. Lohnte sich.

Bewässerungssystem in den Hevsel Gärten





Mittags war ich wieder in Sur unterwegs, zunächst innerhalb der nördlichen Stadtmauern. Leider waren die Stadtmauern vielerorts eingerüstet und durch bunte Tafeln verdeckt. Na ja, aber es ist besser man restauriert sie als sie verkommen zu lassen. In der Nähe des Diyarbakir Müzesi fanden Ausgrabungen statt, nachdem dort neulich ein geheimer, uralter Gang wiederentdeckt wurde. Die Eingänge zur Altstadt waren mit gepanzerten Kontrollposten ausgestattet, die jedoch unbesetzt waren.

Nun zweigte ich immer wieder von den Hauptstraßen ab in die verwinkelten Gassen der Altstadt. Hinter jeder Ecke neue Eindrücke! So etwas liebe ich! Hier wie später auch vor den Geschäften oder Werkstätten hatten die Leute nix gegen das Fotografieren. Alle zurückhaltend, aber freundlich. Manchmal wurde ich sogar aufgefordert, dies und das oder die Leute selbst abzulichten. Die einzige Ausnahme war das AKP-Partei-Gebäude. Über die gesamte Fassade hing ein großformater Erdogan. Bewacht wurde das Haus von Polizisten, die sogar über ein gepanzertes Fahrzeug verfügten. Als ich das Haus von weitem fotografieren wollte, hatte ich schnell die Cops am Hals und mußte das Foto löschen. Merkwürdig. Dabei hängt die Fresse von dem Kerl an jedem Laternenpfahl. Und warum so ein aufwänder Schutz? Sollte es etwa Menschen geben, die... ach, lassen wir das.


Stadtviertel von Möbelschreinern und Holzdrechslern




Herstellung von Töpfen, Kesseln und anderen Küchenutensilien


gehäutete Lämmer



Wahrscheinlich Mohnpaste.


Vermutlich Karpfen?!



Kaffee, Mandeln usw


Während des ganzen Tages sah ich nirgends einen Briefkasten. Vielleicht gab es in Sur aus Sicherheitsgründen auch keine?! So ging ich auf´s Postamt. Gute Entscheidung. Denn so kam raus, daß die Tante im Briefmarkenmuseum in Ankara das Porto für Postkarten nach Deutschland falsch berechnet hatte. Statt 6,50 TRY waren nun über 18 TRY fällig.

ein Klafter (?) Feuerholz



Beim Kauf einer Amedspor-Tasse an der Gazi Cd. kam ich mit einem Lehrerehepaar aus Şanlıurfa (auf Englisch) ins Gespräch. Sie fragten mich, ob sie mich ein bisschen auf meinem Weg zum Sonnenuntergang-Gucken an der südlichen Stadtmauer begleiten könnten. Eigentlich hab ich ja lieber meine Ruhe und man weiß ja nie, welche Touristenfalle daraus noch erwachsen kann. Aber einfach abzulehnen schien mir mega-unhöflich zu sein. Letztendlich hatten wir eine nette Unterhaltung z.B. darüber, warum ich in Deutschland keine Türken im Freundeskreis habe oder wie sich Türken in Deutschland und Türken in der Türkei unterscheiden. Jedenfalls erboste sich der Lehrer sehr darüber, daß die Türken aus Deutschland zwar (durch Wahlen) eine Regierung mitbestimmen, aber unter dieser dann nicht leben (müssen/wollen). Von wegen Touristenfalle :-).




5. Tag

Busfahrt Diyarbakir → Mardin zu 3,91  EUR * 2 x ÜF im Zinciriye Hotel, Mardin zu je 52,65 EUR

Mal wieder nicht ausschlafen können. Um 8:30 Uhr fuhr mein Bus nach Mardin. Irgendwo auf wikivoyage hatte ich gelesen, daß Busse nach Mardin nicht vom DİŞTİ Otogar abfahren, sondern von einer anderen Stelle, die an der Straße nach Mardin läge und irgendwas mit "İLÇE" hieß. Die vermeintliche Stelle hatte ich auf google maps lokalisiert und hielt den Ausdruck meinem Taxifahrer unter die Nase. Der kapierte natürlich nix und fragte nur "Otogari?" Jaha! Also fuhr er los und brachte mich zu tatsächlich zu einem "İLÇE" Busbahnhof, aber dieser lag direkt neben dem DİŞTİ Otogar und so gar nicht an der Straße nach Mardin. Schei...! Aber hier fuhren tatsächlich Kleinbusse nach Mardin ab, aber die wollte ich nicht. Schnell wurde mir klar, daß der mir wohlbekannte DİŞTİ Otogar nebenan doch der richtige war. In diesem Falle taugte die Quelle Internet nix und der vermeintlich "blöde" Taxifahrer hatte recht.

Frühstück



Im Busbahnhof mußte ich erfahren, daß mein 8:30 Uhr-Bus gar nicht fahren würde, sondern erst um 10:30 Uhr. Was solls? So lief ich noch etwas an der Hauptverkehrsachse E99 herum, um ein schönes Motiv zu finden, das ich zuvor schon erspäht hatte: Ein steiniges Feld mit wenig Gras und einer Schafherde mit Schäfer, dazu kontrastreich im Hintergrund eine Wand aus modernen Hochhäusern. Als ich die Stelle finde, waren Schäfer und Schafe schon weg. Mist!

Am Otogar stand ein Bus, der mein Aufsehen erregte, denn der würde gleich via Cizre in den Irak fahren, genauer gesagt nach Duhok und Erbil. Geil, dachte ich mir. War gespannt, welche Gestalten dort jetzt einsteigen würden... bis mir klar wurde, das das mein Bus (nach Mardin) war. :-)

Schafherde samt Schäfer sind schon weg.





Bei der Ausfahrt aus der Stadt die gewohnte Passkontrolle an einer Straßensperre. Die Landschaft war hier eine ganz andere als die in Richtung Şanlıurfa: Es gab keine langweiligen Ebenen, sondern abwechslungsreiche Hügel- und Berglandschaften mit spärlichem Baumbewuchs.



Nach zwei Stunden Fahrt kam der Bus in Mardin an. Die Neustadt ist ähnlich seelenlos wie die in Şanlıurfa und wahrscheinlich in vielen anderen Städten auch. Mit dem Taxi ging es weiter in die Altstadt von Mardin. Bei der Fahrt kam mein Adrenalin ähnlich zum Ausstoß, wie zuletzt bei der Ankunft in Tchiatura, Georgien. So eine geile Stadt! Mardin ist einzigartig, unvergleichbar!

Die Häuser schmiegen sich an den Berg bis kurz unterhalb des Gipfelplateaus, wo die Felswände steil aufragen. Auf dem Berg ganz oben befindet sich das Mardin Kalesi, das meines Wissens nach nicht zugänglich ist, weil das türkische Militär da oben sitzt. Etwas tiefer, unter der Zinciriye Medresesi lag mein Hotel.


Zinciriye OTEL: Zimmer fensterlos tief im Berg


Esel als Lasttiere.


Von hier aus hatte ich dieselbe phantastische Aussicht, wie sie im Film "The Cut" gezeigt wird. Unten im Tal kann man noch ein paar kleine Dörfer erkennen und dann verschmilzt die Landschaft, der Horizont und der Himmel zu einem einzigen Schleier. Irgendwo dahinten, nur 37 km entfernt, liegt Syrien. Die Grenze ist wohl geschlossen. Hab auch keine Busse gesehen, die nach Syrien fahren.

Restaurant Seyr-i Merdin mit Dachterasse


Touri-Läden an der 1. Cadde


Zinciriye Medresesi





Nach einem üppigen Mittagessen (Standard: Adana Kebap) auf der Dachterasse des Seyr-i Merdin lief ich die Hauptstraße in Richtung Westen entlang. Alles Touri- und Schmuckläden. Mardin ist ein sehr populäres Reiseziel für inländische Touristen. Schon bald führte die Straße steil den Berg nach unten. Ich zweigte rechts ab, wo ich das Stadion von Mardin 1969 Spor vermutete und fand es auch bald.

Kleiner Ground, schon etwas in die Jahre gekommen. Sympathische Farben. Ich konnte locker reingehen und fotografieren. Nach dem Ärger wegen des HES-Codes in Diyarbakir ging ich davon aus, daß es am nächsten hier damit kein Problem geben würde. Irgendwie zu provinziell, dachte ich mir.


Das für den Hopper vielleicht wichtigste Loch! :-)







LOST GROUND Kleinspielfeld



Ich ging die Ringstraße weiter, bis ich ganz unterhalb der Altstadt von Mardin stand, die sich imposant vor mir aufbaute. Wieviele Treppenstufen durch die verwinkelten Gassen zu Erklimmen wohl nötig wären, um es bis vor mein Hotel zu schaffen? Ich wollte (und konnte) es nicht ausprobieren und nahm bei einsetzender Dämmerung zurück den Berg hoch ein Taxi.

Nachwuchs-Straßenkicker



Wieviele Gläubige wohl diese Schwelle der Zinciriye Medresesi schon überschritten haben?





Den Abend verbrachte ich draußen auf der Terasse eines Cafés und schweifte mit dem Blick in die Ferne. Ob ich in meinem Leben Syrien würde jemals bereisen können?


Mardin Kalesi



6. Tag

Natürlich ließ ich mich auch heute nicht ausschlafen. Stattdessen klingelte früh der Wecker, damit ich den Sonnenaufgang nicht verpassen würde. Doch (keine) Überraschung: Es regnete so in Strömen, daß ich mein Höhlenzimmer gar nicht erst verlassen konnte. Das laute Donnern eines Gewitters die ganze Nacht durch hatte mich irgendwie schon darauf eingestimmt und einen störungsfreien Schlaf verhindert. Daher: Weiterschlafen!





Am späten Vormittag hatte sich das Wetter beruhigt. Frühstück und dann Besichtigung der östlichen Altstadt. Ein Traum! Als Transportmittel kommen Esel (für Lasten) und Pferde (für Menschen) in den engen Gassen zum Einsatz. Das Getrappel der Hufe auf den Pflastersteinen hat etwas archaisches an sich, wie ich fand.











13.10.2021 * Mardin 1969 Spor - Esenler Erokspor   1:1 * 14:00 Uhr * TFF 3. Lig (4. Liga) * 21 Kasim Sehir Stadyumu, Mardin * Eintritt: 5 TL * Zuschauer: ca 500

Gegen 13 Uhr machte ich mich wieder auf zum Stadion von Mardin. Jetzt würde es sich entscheiden, ob die Tour hoppermäßig vollends eine Pleite würde, oder diesbezüglich noch gerettet werden konnte. Am Ground angekommen, dachte ich nur "Ach Du Scheiße...!". Es standen tatsächlich wieder Security-Heinis mit ihren HES-ipads vor den Eingängen. Verdammt, ich sah auch dieses Spiel schon den Tigris hinabschwimmen...

Zuerst umrundete ich das Stadion zur Hälfte. An der Haupttribüne gingen nur vereinzelt Leute rein, während es an der Gegengeraden zwei Eingänge gab, wo zeitweise Gedrängel herrschte. Ich kaufte mir zwei Tickets zu je 5 TYR. Um nicht aufzufallen (obwohl ich das in meinem typisch deutschen Jack-Wolfskin-Outdoor-Look samt Cap zweifelsohne tun würde), waren Rucksack und Spiegelreflex im Hotel geblieben. An jedem der Eingänge standen zwei HES-Typen, dahinter zwei Drehtüren-Bewacher, dan ein Drehtüren-Bediener und im Inneren ein Ticket-Kontrolleur, flankiert von drei Polizisten. Großes Aufgebot!



Zu meinem Glück waren die HES-Typen durch das ständige Scannen abgelenkt und so mogelte ich mich an denen vorbei und drängelte mich vor das Drehkreuz. Ich erwartete, daß mich jemand an der Schulter packen und zurückziehen würde, doch es passierte nichts. Im Drehkreuz wurde mir das Ticket abgenommen (vorausahnend hatte ich ja noch ein zweites Ticket übrig) und ich wurde reingedreht. Geschafft! Geil! War überglücklich! :-)



Auf der schattigen Tribüne versammelten sich zur frühen Nachmittagszeit etwa 500 Leute, die von Wasser- und Teeverkäufern umschwirrt wurden. Den Support lieferten 50 pubertierende Ultra-Nachwuchskräfte. Die Gäste aus Istanbul waren offensichtlich ohne Anhang nach Südostanatolien gekommen. Mardin 1969 Spor hatte bisher in sechs Spielen nur einen Sieg verbuchten können und lag auf Platz 16 der Tabelle, während Esenler als Sechster ungleich besser platziert war.

Das Spiel lieferte viele, viele Fouls und nur selten mal Torraumszenen. Enseler wirkte irgendwie spielerisch stabiler. Dennoch gelang Mardin nach 66 Minuten das viel umjubelte 1:0. Den wichtigen Sieg vor Augen, kassierten die Gastgeber in der 91. Minute den ziemlich bitteren Ausgleich. Es folgte ein heftiges Gerangel auf dem Rasen. Nach dem Schlußpfiff gebärdete sich ein Mardin-Spieler wie toll und ging alleine auf das Schiri-Trio los. Die Polizei mußte eingreifen und mit ihren Schutzschildern die Pfeifenmänner abschirmen. Etliche Mitspieler hatten erhebliche Mühe, um den randalierenden Kicker vom Feld zu zerren.






Fazit: Mission Mardin erfolgreich abgeschlossen!

Am Abend begannen bei mir heftige Durchfälle, die mich die nächsten neun Tage auch nicht in Ruhe lassen würden. Kann man auf Reisen ja gar nicht gebrauchen, aber gehören zum Berufsrisiko eines Goundhoppers dazu...


7. Tag

MQM → SAW → CGN mit Pegasus zu 112,63 EUR


Kadiköy, Istanbul


Am nächsten Morgen 10:15 Uhr Abflug von dem kleinen, aber feinen Flughafen Mardin nach Istanbul. Der Flughafen SAW wurde damit zwischenzeitlich zu meinem im Ausland am häufigsten frequentierten Airport (15 Starts/Landungen). Mein langgehegtes Vorhaben, endlich mal die Prinzeninsel Büyükada mit seinem alten griechischen Waisenhaus (ein kurioser LOST PLACE) zu besuchen, erfüllte ich mir mal wieder nicht. Der Zeitplan war durch eine zweistündige Verschiebung des Fluges von Mardin zu eng geworden und meine Mobilität schien mir wegen des Durch... erheblich eingeschränkt. Nächtes Mal bestimmt!

So verbrachte ich einen ruhigen Nachmittag an den Fähranlegern in Kadiköy und genoss die wohl letzten warmen Sonnenstrahlen des Jahres.



8. Tag

In CGN erwischte ich gerade noch die letzte S-Bahn, sonst hätte ich dort mitten in der Nacht drei Stunden festgesessen. 30 Stunden später war ich wieder am Köln/Bonner Flughafen, diesmal ging es mit Frau und Kindern nach Danzig. Immer weiter...!

Tage später bekam ich heraus, daß mein mangelhafter Mobilfunkempfang nicht an einem riesigen weißen Fleck im wilden Kurdistan lag, sondern an den von mir höchstpersönlich falsch manipulierten Handyeinstellungen. Args....!

Kurdistan, ich komme wieder!