"Wenn Du ein Land kennenlernen willst, gehe nicht zu den Ausgrabungsstätten, sondern in die Tavernen." Das habe er so oder so ähnlich einmal gelesen. Michael Höller hat den Spruch nur etwas abgewandelt und ihn zu seinem Lebensmotto gemacht: "Statt Tavernen sind es bei mir eben Stadien."[Allgemeine Zeitung / Rhein Main Presse, 1.8.2015]






An diesem Wochenende wollte ich endlich mal mein "My Train"-Ticket von der Bahn (59 EUR für zwei Fahrten) anwenden. Frühzeitig legte ich mich auf Berlin fest: Freitag auf Samstag hin und sonntags zurück. Nur das es in der Hauptstadt am Samstag kein Spiel gab, daß mich wirklich vom Hopper-Hocker hätte reißen konnte. Dafür wurde ich im Umland fündig, wenn auch nicht - wie erhofft - in Eisenhüttenstadt: Mittags Stadion der Freundschaft in Frankfurt/Oder (bisher nur den Nebenplatz gemacht), am frühen Abend was in Guben und dazwischen wäre noch als Lückenfüller Ziltendorf möglich gewesen. Aber dann wurde das Spiel in Guben kurzfristig abgesagt. Also mußte was anderes her. So entschied ich mich für Halle/Saale, wo hopperfreundlich nacheinander Heimspiele von VfL und HFC terminiert waren. Da ich aber in Gubin/PL schon meine Übernachtung gebucht hatte, blieb Guben bzw. Gubin/PL auch ohne Spiel im Reiseplan. Und ich sollte es nicht bereuen...

Der Nachtzug nach Berlin hatte sich unterwegs schon reichlich Verspätung eingefahren, was an dem verheerenden Unwetter einige Tage zuvor lag (ich sage nur "Ahrtal"). So stieg ich spontan schon in Magdeburg Hbf aus und railte von dort aus weiter nach Halle/Saale. Dort kam ich dann früh genug an, um noch einen Abstecher nach Bitterfeld einzuschieben, wo, so meine Annahme, ein feiner LOST GROUND lockte.

Heimat des "Bitterfeld"-Syndroms.


Bitterfeld ist HFC-Land.


Wenn ich Bitterfeld höre, muß ich auch heute noch zuerst an Umweltverschmutzung und gesundheitsschädliche Lebensbedingungen denken. Als Wessi wußte man, daß Bitterfeld die schmutzigste Stadt der DDR, wenn nicht sogar ganz Europas, war. Der Abbau von Braunkohle und vielfältige Chemieindustrien verursachten eine massive Zerstörung der Natur. 30 Jahre nach Ende der DDR ist das alles Geschichte, aber ein Ort purer Lebensfreude scheint mit Bitterfeld bis heute nicht geworden zu sein.

Manchmal sieht ein Weg auf der Karte kürzer aus, als er in Wirklichkeit ist (seltener eher umgekehrt). Der Weg vom Bahnhof Bitterfeld zur Friedrich-Ludwig-Jahn-Straße war so einer: 2,6 km und das am frühen Morgen ohne Frühstück. Das Gelände war auf der Seite des Hotels Kastanienbaum nicht zugänglich und alles schien ziemlich zugewuchert zu sein. Ich versuchte mein Glück "hintenrum" über die Guts-Muths-Straße. Hier klappte es besser. Weil die Planzenwelt kräftig ins Kraut geschossen war und es nieselte, hatte ich in Kürze Schuhe und Hose klitschnass. Aber egal: Ich stieß nicht nur auf die ehemalige Umrandung des Platzes, die auch auf google-Map zu sehen ist, sondern sogar dort, wo der Dschungel am dichtestet war, auf einen Gedenkstein des VfL 1911 Bitterfeld. So geil!!! Auf dem Rückweg verpasste ich um Sekunden den Bus zum Bahnhof, so daß ich mich nochmal 2,6 km sputen mußte, um rechtzeitig den Zug zurück nach Halle/Saale zu erwischen.

LOST GROUND Friedrich-Ludwig-Jahn-Stadion, Bitterfeld


Gedenkstein des VfL 1911 Bitterfeld.



Gebäude am Bahnhof Bitterfeld.


17.7.21 * VfL Halle 1896 - 1. FC Merseburg II   7:1 * 11:00 Uhr * Freundschaft * HWG Stadion "Am Zoo", Halle/Saale * Zuschauer: 40 * Eintritt: 5 EUR * Anreise mit der Bahn zu 51,40 UER

Kommen und genießen! So erging es mir beim VfL Halle. Mein erstes Spiel in Deutschland seit 10 Monaten. Zeit für ein geruhsames Frühstück, bestehend aus mindestens 3 Gängen Stadionbratwurst. Das der Ground wirklich erste Sahne ist, braucht man wohl nicht zu erwähnen.



HWG-Stadion "Am Zoo", Halle/Saale.


17.7.21 * Hallescher FC - Holstein Kiel     2:2 * 15:00 Uhr * Freundschaft * Leuna-Chemie-Stadion, Halle/Saale * Zuschauer: 2 000 * Eintritt: 10 EUR * Abreise mit der Bahn bis Guben zu 31,80 EUR * 1x Ü im Pokoje Goscinne Atena, Gubin/PL zu 25,37 EUR

Dann mit der StraBa zur Konkurrenz, zu Chemie. Das Kurt-Wabbel-Stadion hab ich leider vor seinem Um- oder Neubeu nie gemacht. Den Rucksack hatte ich wohlweißlich am Bahnhof eingeschlossen, doch hier konnte ich trotz doppelter Corona-Impfung selbst meine Spiegelreflex-Kamera nicht mit reinbringen. War nicht so dramatisch, denn der Ground ist nicht von der Sorte, von dem man mehr als 10 Fotos machen muß. Spiel und Stimmung nicht so dolle, die fünfte Stadionwurst an dem Tag schmeckte dann auch nicht mehr so richtig. Wenigstens hab ich nun alle "großen Stadien namhafter DDR-Vereine" gekreuzt. Nach mehr als 30 Nachwende-Jahren wurde das auch mal Zeit. 

Überbleibsel vom Kurt-Wabbel-Stadion, Halle/Saale



Sitzplatzaufkleber


Leuna-Chemie-Stadion, Halle/Saale


Wieder in den Zug, weiter nach Cottbus. Hier war ich zuletzt im Februar 1992 gewesen, als Energie Cottbus in einer Amateurliga gegen Türkspor Berlin kickte. Cottbus... das sorgte noch monatelang selbst bei den hoppenden Kumpels in der heimischen Kneipe "Hexe Köbes" für Häme und Spott. Cottbus! Wie bescheuert kann man sein, daß man nach einem Spiel in München (Niederlage gegen Dynamo Dresden...) nach Cottbus fährt? Genauso gut hätte mir ein Spiel in Doberlug-Kirchhain anschauen können, die Lacher wären nicht weniger gewesen. Spätestens fünf Jahre später, Energie Cottbus stieg in die 2. Bundesliga auf, lachte dann keiner mehr - sondern die Jungs fuhren selber hin...

CR7 und Bale in Calau, Niederlausitz.


LOST GROUND Fichtesportplatz, Cottbus.


Ich gebe zu, ich habe an den drei Jahrzehnte zurückliegenden Ausflug nach Cottbus (und Forst) kaum noch Erinnerungen. Außer daß man auf dem Bahnhofsklo mit einem Eimer Wasser seine Hinterlassenschaften nachspülen mußte und das das Stadion der Freundschaft noch ne Laufbahn und nicht allzu hohe Stehränge hatte.

Diesmal gab ich mir nur eine Stunde Aufenthalt. Nicht etwa, um am Stadion von Energie nostalgisch zu werden. Nein, ich wollte mir den LOST GROUND Fichteplatz holen. Dazu wurde sogar in eine Stadtrundfahrt per Taxi investiert. Gelohnt hat es sich nicht unbedingt. Ich mußte etwa 100 Meter durch das kleine Wäldchen nebenan flitzen, um überhaupt einen Blick aufs Spielfeld zu bekommen. Und dann lag der dreistufige Ausbau auf der gegenüberliegenden Seite... Arrgs!!!

Wasserturm am Bahnhof Cottbus.


Kraftwerk Jänschwalde.


Aber der Tag hatte doch noch mindestens ein Highlight für mich übrig! Nicht nur der einsam und verlassen daliegende Bahnhof der (ehemaligen Wilhelm-Pieck-) Stadt Guben konnte mich begeistern. Besonders der leere Zeitungskiosk im Bahnhofsgebäude ließ mich für einen kurzen Augenblick an eine Zeitreise denken. Fehlten nur noch ein paar Ausgabes des "Neuen Deutschlands" in der Auslage und der Geruch von f6-Zigaretten in der Luft.

Bahnhof Guben.



Ostalgie pur!



Guben.



Manchmal sieht ein Weg auf der Karte kürzer aus, als...  ja, das hatte ich heute schon. Und in Guben war es wieder so. Doch Guben ist sehenswert, so machte mir das Herumgelatsche nicht viel aus. Ich war gespannt, was an der Grenze abging. Menschenmassen zu Fuß oder in Autos, die Schlage standen, um ihre Corona-Tests oder -Impfungen den Grenzpolizisten beider Länder vorzuzeigen, um dann endlich den Schlagbaum passieren zu können? Nein, es war gaaaanz anders: Keine Menschen, keine Autos, keine Schlagbäume, keine Grenzer, nix....!





Lausitzer Neiße.



So war meine Absteige in Polen 50 m hinter der Grenze schnell erreicht. Ich könnte ja schreiben "man hat kaum gemerkt, daß man Deutschland verlassen hat", aber das wäre gelogen. Der Typ ("Rezeptionist") in der Absteige sprach - obwohl nur 30 m Luftlinie von der Grenze entfernt lebend - kein Wort Deutsch und verstand nicht einmal Bahnhof. Unglaublich! Mein Zimmer bekam ich trotzdem irgendwie und nachdem sämtliche Blasen an den Füßen (vom Zugfahren) versorgt waren, konnte ich endlich mal die Beine strecken. Mit zunehmendem Alter verträgt man die Nächte in den (zum Schlafen) umbequemen ICEs der DB doch nicht mehr so gut...

So schnell, wie ich am Vortag nach Polen gekommen war, so schnell und früh war ich am Sonntag wieder weg. Carpe diem eben!

Nächstes Ziel: Eisenhüttenstadt. Oh, wie ich diesen Namen liebe! Hier konnte ich am 1. März 1992 mein (in Worten) längstes Fußballspiel sehen: Eisenhüttenstädter FC Stahl - Post Telekom Neubrandenburg. Sechs Monate zuvor hatte Stahl noch im Europapokal der Pokalsieger gegen Galatasaray gespielt. Vor nur 3 000 Zuschauern, warum auch immer. Und war natürlich nach zwei Niederlagen ausgeschieden. Ähnlich wie in Cottbus heute ein re-visit, nur leider ohne Spiel.



Bekenntnis der besonderen Art, Eisenhüttenstadt


Mein Stadtspaziergang begann natürlich am Bahnhof und führte mich östlich der Schienen auf die Straße der Republik und dann auf dieser westwärts in Richtung Stadtmitte. Die Straße der Republik ist die Hauptachse von Eisenhüttenstadt (früher Stalinstadt und die einzige echte sozialistische Stadtgründung auf deutschem Boden) und als solche ziemlich breit angelegt. Und an diesem Sonntagmorgen auch frei von Paraden, Menschen und deren Fahrzeugen. Passend zur Charakteristik Post-Sozialistischer Städte ein verlassener, riesiger Plattenbau an der Ecke Cottbusser Straße mit dem unübersehbaren Bekenntnis "Lang lebe Hansa!".

In der Nähe ein LOST GROUND der besonderen Art, nämlich das Inselstadion. Hier sollte mal für Stahl Eisenhüttenstadt ein Stadion für 20 000 Zuschauer entstehen. Die Erdwälle sind schon bzw. noch zu erkennen. Fertig wurde der Ground nie, jedoch der Platz kurzzeitig von Dynamo Eisenhüttenstadt genutzt.

Das Wandern war an diesem Tag nicht des Höllers Lust und weil auch keine Busse in Sichtweite kamen, änderte ich kurzfristig meinen Plan. Statt weitere Kilometer bis zum Stadion der Hüttenwerker abzureißen, um dann evt. vor einem verschlossenen Gelände zu stehen, machte ich kehrt und mich auf den Weg nach Berlin. Live-Fußball rief!


LOST GROUND Inselstadion, Eisenhüttenstadt


Oder-Spree-Kanal und Getreidespeicher, Eisenhüttenstadt




18.7.21 * Wittenauer SC Concordia - Reinickendorfer Füchse   1:3 * 11:00 Uhr * Freundschaft * Stadion Wittenau, Berlin * Zuschauer: 80 * Eintritt: frei * Anreise mit der Bahn von Guben zu 19 EUR

Groß die Freude, daß nicht - wie angekündigt - auf dem Nebenplatz, sondern im Stadion auf Rasen gespielt wurde. Catering hab ich schwer vermisst: Ein Grillstand hätte heute mit mir ein gutes Geschäft machen können. Stattdessen verzog ich mich in den Schatten der Bäume auf die schon ziemlich zugewucherten Ränge und ließ mich von den dort in Massen herumschwirrenden Mücken malträtieren. Kein Paradies ohne Schattenseiten!

Stadion Wittenau, Berlin




18.7.21 * Weißenseer SC - BSV Al-Dersimspor   2:3 * 14:00 Uhr * Freundschaft * Stadion Buschallee, Berlin * Zuschauer: 40 * Eintritt: frei EUR * Heimfahrt mit der Bahn zu 29,95 EUR

Auf den nächsten Kick brauchte ich nicht lange zu warten. Das Stadion Buschallee hat mit einigen interessante Fakten aufzuwarten: 1.) Kapazität vor dem Krieg 8 000 Zuschauer 2.) Austragungsort eines von zwei ersten Spielen nach dem 2. Weltkrieg in Berlin und 3.) Installation der ersten Flutlichtanlage in Ost-Berlin 1956. Auch hier konnte mich kein Grillgut erfreuen und so kam es wohl dazu, daß ich zwischendurch mal an einen Baum gelehnt einnickte. Wie gut, daß Schlafen beim Groundhopping nicht ausdrücklich verboten ist. Erinnere mich, vor Jahrzehnten mit dem dicken Hammer in Lohhof besoffen hinterm Gebüsch gelegen zu haben. Da gab es noch keine Groundhopping-Polizei. Ein Glück!


Stadion Buschallee, Berlin


Sitzholz, Berlin


am Alex, Berlin


Der Vollständigkeit halber: Die Rückfahrt ins Rheinland war aufgrund des Hochwassers Tage zuvor geprägt von Verspätungen und mangelhafter Kommunikation durch die DB. Morgens um 2:30 Uhr nach Hause zu kommen muß ich auch nicht jedes Wochenende haben.



Nach einer ruhigen Nacht im Schlaflabor des örtlichen Krankenhauses wurde man schon am frühen Morgen gegen 6 Uhr entlassen. Die nächsten drei Wochenenden waren mit Fußballreisen verplant, da Frau und Kinder die Sommerferien in Belarus verbrachten. Die erste Tour sollte nach Belgien führen (die zweite nach Ostdeutschland, die dritte nach Polen).

Zu Hause den Rucksack geholt und mit dem nächsten ICE nach Brüssel gerailt. Fußball stand noch ganz im Zeichen von Corona, so gab es bei den angesetzten Spielen keine große Auswahl. Da Stadionfreund und Molenbeek-Supporter Stephane Lievens für mich am Vortag dankenswerterweise ein Ticket für den Test RWD - Eupen in Braine-l'Alleud mitbesorgt hatte, war die Entscheidung gefallen, wo man hoppen würde können. Zudem konnte ich nach meiner Ankunft in Brüssel noch locker einen neuen LOST GROUND mitnehmen.


Terrein Zoniënwoudlaan


Dazu fuhr ich von Bruxelles Midi bis zum Bahnhof Sint-Genesius-Rode. Ab dort stand mir ein Spaziergang von 2x 1,8 km zur Kreuzung Zoniënwoudlaan / Eigenbrakelse Steenweg bevor. Hinter dem dortigen Delhaize-Supermarkt befindet sich auf eine Anhöhe der ehemalige Platz des KSV Alsemberg. Das Gelände war zwar abgesperrt, aber von der Hauptstraße aus relativ leicht zu begehen. Trotzdem wollte ich es zuerst mal "hintenrum" versuchen, um weniger Aufsehen bei der lokalen Bevölkerung zu erregen. Aber das führte nur dazu, daß ich bald an einem steilen Hang zwischen privaten Wohnhäusern und einem gut gesicherten Logistikgelände festhing. Oh Kacke! Es brauchte an diesem Mittag ernsthafte körperliche Anstrengungen meinerseits, um aus diesem Dschungel wieder herauszukommen. Selber Schuld. Also doch "vornerum" rein und gut war es.

Stade Gaston Reiff (im Hintergrund der Butte du Lion), Braine-l'Alleud


10.7.21 * RWD Molenbeek - KAS Eupen   0:1 * 15:00 Uhr * Freundschaft * Stade Gaston Reiff, Braine-'l Alleud * Zuschauer: 300 * Eintritt: 10 EUR * An-, Ab- und Herumreisen mit der Bahn und Metro zu 117,80 EUR * 1x Ü im Hostel Artistic World zu 37 EUR

In der Nähe des heutigen Spiels tobte einst die historische Schlacht von Waterloo. Je nach Standort kann man den 40 m hohen Löwenhügel, das Hauptmonument des Gemetzels erkennen. Das Wetter hatte zwischenzeitlich voll und ganz auf Starkregen umgeschwenkt und so wurde der Besuch dieses Matches wahrlich kein Vergnügen. Vor dem Ground hatte ich die Ehre, endlich Stephane Lievens persönlich kennenzulernen. Schon sehr oft hatte mich der Brüsseler mit seinen Fotos von LOST GROUNDS zu Reisen und Ausflügen inspiriert und mir mit wichtigen Tipps zu Vereinen und Stadien geholfen.

Erstes Spiel nach dem Lockdown: Freude pur!



Es war das erste Spiel für beide Teams seit Verhängung des Lockdowns, für das wieder Zuschauer zugelassen waren. Eigentlich sollte es Tickets nur im Vorverkauf geben. Letztendlich hätte man sich auch vor Ort noch damit versorgen können. Vermute, das Kack-Wetter konnte keine zusätzlichen Besucher spontan nach Braine-l' Alleud locken.

Nach hopper-fotografischer Inspektion des Stade Gaston Reiff war ich so durchnäßt, daß mir das Unterstellen unter die Partyzelte an der Vereinskneipe nicht mehr viel half. Und die überdachte Tribüne stand allein den Vereinen zur Verfügung. Das Spiel hatte sich längst dem Wetter angepasst: Grottig! Die Pleite gegen Eupen dürfte den Molenbeeker ziemlich egal gewesen sein. Nach mehr als zweistündigem Bierekippen war der Haufen mehr als angeheitert. Ich lief mit stehendem Wasser in den Schuhen zurück zum Bahnhof.

Regen im Stade Gaston Reiff, Braine-l'Alleud




Obwohl ich das trockene, warme Hotelzimmer in Brüssel so sehr herbeisehnte, konnte ich am Abend auf die alte Pferderennbahn in Boitsfort am südlichen Rande von Brüssel nicht verzichten. Vor ein paar Jahren müßte das noch ein herrlich heruntergekommener LOST PLACE gewesen sein, doch inzwischen hat man die Tribüne wieder fein renoviert und im Umfeld Gastronomie angesiedelt. Die Rennbahn war für mich nur insofern von Interesse, als hier doch tatsächlich eine Zeit lang Fußball gespielt wurde, nämlich vom Royal Racing Club de Boitsfort und evt. weiteren Vereinen. Dabei ist bis heute nicht ganz klar, wann die Fußballzeit im Hippodrome begann und wann sie endete. So grob geschätzt dürfte es sich um die Zeit 1950 - 1975 gehandelt haben.

Hippodrome de Boitsfort


in einer Metrostration, Brüssel


Am nächsten Morgen waren meine Klamotten noch klamm, aber es sollte wenigstens nicht mehr regnen. Im ganzen Land war kein Spiel aufzutreiben und so beschäftigte ich mich damit, noch ein paar LOST GROUNDS abzuklappern. Das war durchaus eine lohnenswerte Alternative, denn mir sollten nach dem gestrigen Hippodrome noch ein paar weitere hochkarätige Plätze bevorstehen.

Bahnhof Marchienne au Pont



Erste Station war Marchienne du Pont, ein berüchtigter Stadtteil von Charleroi. So schön der Name auch klingt, um so abgefahrener ist die Gegend - selbst für Belgien außergewöhnlich! Was für Polen Bytom und für Deutschland Duisburg-Marxloh ist, das dürfte für Belgien Marchienne du Pont sein. Der Ort ist selbst bei Sonnenschein ziemlich düster. Und das nicht nur wegen der alten Gebäude und Industrieanlagen, sondern auch wegen seiner Bewohner, die überwiegend dem sozialschwachen Millieu angehören, um es vorsichtig auszudrücken.

Rue de la Providence, Marchienne au Pont


Blick von einer Brücke auf die Sambre, Marchienne au Pont


Das spürte ich besonders, als ich um das Stade Communal herumschlich. Ich war hier um herauszufinden, ob es sich dabei um einen LOST GROUND handelte oder nicht. Leider war es geschlossen, ein paar Fotos über den Zaun waren dennoch möglich. Fazit: Der charmante Ground ist für mein Befinden nicht LOST, auch wenn hier kein Ligaspielbetrieb mehr stattfindet. Die Jugend von Olympic Charleroi nutzt das Gelände derzeit.

Stade Communal Marchienne


Schiffe auf der Sambre


Kirchenschiff?!


Charleroi


Die Sommerferien scheint man in Belgien intensiv dafür zu nutzen, um die Infrastruktur abzupäppeln. So gab es u.a. an diesem Wochenende zahlreiche Einschränkungen im ÖPNV. In Charleroi fuhr beispielsweise die Metro, mit der ich seit meinem ersten Besuch hier auf Kriegsfuß stehe, nicht alle Stationen an und auch sonst war nur zu erahnen, wann, wo und ob überhaupt irgendwie eine Bahn in die Richtung fuhr, in die ich wollte. Das kostete wertvolle Zeit.

Nächstes Ziel in Charleroi war die Radrennbahn Gilly. Diese ist deshalb so geil, weil sie erstens eine Radrennbahn ist :-), zweitens ein LOST PLACE ist und drittens dennoch einen Bezug zum Fußball hat. Die Tribüne des Velodromes diente nämlich während der EURO 2000 im Stade du Pays als dritter Rang und somit temporär der Schaffung zusätzlicher Zuschauerkapazitäten.

Complex Rue des Vallées (Fußballplatz)


Velodrome de Charleroi


Die Sportanlage war natürlich gut abgeriegelt, aber ich "mußte" unbedingt rein. Zaun überwinden ging nicht und auf keinen Fall wollte ich wieder so eine sinnlose Aktion wie am Vortag starten, d.h. mich irgendwelche zugewuchterten Hänge hinaufkämpfen. Schließlich fand ich doch eine gute Möglichkeit über eine Bergehalde an der Rückseite des Velodromes in Innere zu gelangen. Die Trampelpfade zeigten, daß das wohl der übliche Weg für Liebhaber dieser Stätte ist.


Danach ging es für mich zum Bahnhof Charleroi Sud, von wo ich nach Namur wollte. Wegen den schon erwähnten Baumaßnahmen gab es ab Jemeppe-sur-Sambre SEV. In Namur wollte ich mit dem Mietfahrrad von Blue-Bike ein paar Grounds abklappern, aber da hatte ich Pech. Während ich am Vortag in Sint-Genesius-Rode mindestens 20 Räder hab herumstehen sehen, gab es in Namur kein einziges (bzw. die letzten beiden freien Blue-Bikes wurden mir von einem Pärchen vor der Nase weggeschnappt). Mist!

Doch eigentlich erwiesen sich die nicht vorhandenen Fahrräder als Glücksfall. Denn so konnte ich daran gehindert werden, mit dem Rad hoch auf die Zitadelle von Namur zu fahren (vermutlich wäre ich nie oben angekommen). Stattdessen zu Fuß unterwegs, stellte ich fest, daß es eine Seilbahn hinauf gibt und diese Möglichkeit gefiel mir viel besser :-). Da oben auf dem Hügel gibt es einen Platz namens Esplanade, der mich brennend interessierte. Denn auch auf diesem historischen Platz vor königlicher Kulisse rollte einst der Ball. Es war vor langer Zeit einst die Heimat des Excelsior Sporting Club Namur gewesen.

Esplanade de la Citadelle de Namur



Blick aus der Seilbahn auf die Altstadt von Namur


Zitadelle und Seilbahn, Namur


Mangels Fahrrad und inzwischen mangels Zeit konnte ich nur noch das Stade de Communal des Bas-Prés erwandern. Ein lohnenswertes Ziel vor allem auch deshalb, weil es nächsen Jahr abgerissen werden soll. Schade, schönes Teil.

Weniger lohnenswert war dagegen der weite Weg zur Rue Henri Blès, wo von einem erhofften LOST GROUND nichts mehr zu sehen war, weil inzwischen ein großes Schulgebäude oder ähnliches draufstand. Von dort wollte ich mit einem Bus zurück zum Bahnhof, aber der Busfahrer weigerte sich, mich mitzunehmen. Weil ich keine MOBIB-Card oder so n Dreck hatte. Das es auch Leute gibt, die nur 1x in ihrem Leben in Namur Bus fahren und sich so keine App downloaden oder sich vorher irgend ne spezielle Bus-Card besorgen wollen, na damit kann man als Verkehrsbetrieb wirklich nicht rechnen. Macht nichts, nochmal 3 km latschen.

Nichtsdestototz ein tolles Wochenende, nur der heftige Regen in Braine-l'Alleud mußte wirklich nicht sein.

Stade Communal des Bas-Prés, Namur


Zugreparaturzentrum, Namur




Spielfreie Tages-Bahn&Bike-Tour nach Mannheim und in die Pfalz. Hab mir eine lange Liste zurecht gelegt, die es abzuklappert gilt. Ich beginne im Mannheimer Stadtteil Waldhof, einem Arbeiterwohnviertel aus dem 19. Jahrhundert. Hier ist nicht nur die Keimzelle des SV Waldhof 07 sondern auch die Gegend, in der Sepp Herberger, Trainer der deutschen Weltmeistermannschaft 1954, geboren wurde und aufwuchs.

Graffiti in der Nähe des Bahnhofs Mannheim-Waldhof.




power up: Legenden auf Stromkästen.


Eingeweiht 2015, am 118. Geburtstag Herbergers.



Soll Stadionassoziationen wecken: Seppl-Herberger-Platz mit Banden.





Hinter dem Platz liegt die ehemalige Waldhofschule, in der auch Sepp Herberger die Schulbank drückte.


Sepp und Eva Herberger.




Am 11. April 1907 wurde in der Gaststätte "Zum Tannenbaum" der SV Waldhof 07 mit den Farben Blau-Schwarz-Blau gegründet.





Der Sandacker wurde 1911 eröffnet und war der zweite Platz des SV Waldhof Mannheim. Hier entwickelte sich Herberger zum Nationalspieler. Der Ground lag auf dem Werksgelände der damaligen Spiegelfabrik, jetzt Saint Gobain Glass Industry und hatte sogar eine Holztribüne. Heute ist die Stelle von Bäumen und Gestrüpp überwuchert.



Erster Platz des SV Waldhof war das wegen seines Zustandes so genannte "Schlammloch". Seit 1907 wird hier gespielt und so gehört der Ground zu einem der ältesten noch bespielten in Deutschland. Auch dieser Platz liegt auf dem Werksgelände der ehemaligen Spiegelfabrik. Seit 1950 wird das Schlammloch von der Privatmannschaft WV Harmonia Waldhof genutzt, die inzwischen dem SV Waldhof angegliedert ist.



Besuch in der Spiegelstraße, dem Geburtsort von Sepp Herberger im Waldhof. Hier baute Saint-Gobain, der Konzern in dem ich selber seit über 30 Jahren beschäftigt bin, 1853 eine Spiegelfabrik. Dort arbeitete Vater Herberger, die Familie lebte in der Wohnsiedlung, der Spiegelkolonie, nebenan. 1897 wurde hier Sepp Herberger geboren und verbrachte seine ersten Lebensjahre in der Siedlung. Nur wenige Meter von der Gedenkplakette befindet sich heute der Haupteingang des Saint-Gobain-Werkes Mannheim. Statt Spiegel wurde hier zuletzt Gußglass produziert. Ende letzten Jahres wurde das Werk nach 168 Jahren geschlossen.





Waldhof war mal erstklassig...


Saint Gobain ISOVER G+H ist immer noch weltklasse! (Sitzkissen aus den 1980er Jahren)


Mit Bahn und Rad weiter nach Haßloch(Pfalz). Das Dorf mit seinen 20 000 Einwohnern ist so durchschnittlich, daß es von einigen Konzernen als Testmarkt genutzt wird. Durchschnittlich in Bezug auf die Bevölkerungsstruktur, die quasi ein kleines Abbild der Bundesrepublik darstellt: Das Mengenverhältnis von Kindern, Rentnern, Alleinstehenden und Familien entspricht in etwa der Gesamtdeutschlands. So sind im Haßlocher Einzelhandel vorab Produkte erhältlich, die im Rest-Deutschland erst in Zukunft eingeführt werden sollen.

Pfalzplatz.


Droschlenplatz an der Radrennbahn.


In Haßloch erwarten mich drei interessante LOST GROUNDs und ein weiterer, wo nur Freizeitkicker spielten und wo außer Bäumen kaum was zu sehen ist. Als da wären: 1. Der Pfalzplatz, Spielstätte des FK Germania Haßloch von 1928 - 1936 und des 1. FC 08 Haßloch nach dessen Wiedergründung von 1965 - 1967. Heute wird ein Viertel des Platzes von einem Kindergarten belegt. 2. Der Droschlenplatz wurde bis 1928 (!) von Germania Haßloch genutzt. Das Gestänge stammt noch aus dieser Zeit.

Der dritte hat es sprichwörtlich in sich: Nach dem Zweiten Weltkrieg, als sich der FV 1921 Haßloch wiedergründete, siedelte er sich in unmittelbarer Nachbarschaft der Radrennbahn an, wo er auch heute noch beheimatet ist. Im Innenraum der Radrennbahn, die kurioserweise ihrerseits selbst ein LOST PLACE ist, befand sich der Athletenplatz. Neben Fußball fand hier auch Feldhandball usw. statt. All diese Infos bekam ich Tage vor meinem Trip von dem "Chronisten" des FV 1921 Haßloch, Herrn Thomas Dill-Korter. Bedankt!

Radrennbahn Haßloch. In deren Mitte befand sich einst der Athlethenplatz.






Von Haßloch(Pfalz) ging es noch weiter nach Kaiserslautern. Erbsenberg statt Betzenberg! Das tolle Waldstadion am Erbsenberg des VfR Kaiserslautern ist glücklicherweise nicht LOST und eine wahre Perle.



Deutschland hat unzählige Weltklasse-Fußballer hervorgebracht. Mein Favorit von allen ist Fritz Walter. Er spielte zwar lange vor meiner Zeit und von seinen Ballkünsten habe ich allenfalls kurze Filmschnippsel gesehen. Aber das was von ihm überliefert ist, sein skandalfreies Leben während und nach seiner aktiven Zeit, seine Bodenständigkeit und Bescheidenheit in Verbindung mit der herausragenden historischen Bedeutung des WM-Sieges 1954 für Deutschland - das alles ist einzigartig. So ist es mal an der Zeit, seine Grabstätte auf dem Lauterer Friedhof aufzusuchen. Habe sie nach einiger Sucherei gefunden. Über Geschmack läßt sich freilich streiten - seinem Heldenstatus tut die meines Erachtens mißglückte Statue auf seinem Grab keinen Abbruch.

Grab von Italia und Fritz Walter.



Skulptureninstallation "Fußball ohne Grenzen", K´lautern




Sportplatz Schraderstraße, Frankenthal/Pfalz