"Wenn Du ein Land kennenlernen willst, gehe nicht zu den Ausgrabungsstätten, sondern in die Tavernen." Das habe er so oder so ähnlich einmal gelesen. Michael Höller hat den Spruch nur etwas abgewandelt und ihn zu seinem Lebensmotto gemacht: "Statt Tavernen sind es bei mir eben Stadien."[Allgemeine Zeitung / Rhein Main Presse, 1.8.2015]



31.12.21, 4. Tag

Riyadh East -> Dammam und zurück per Bahn zu 235,75 SAR

In Saudi-Arabien gibt es drei Personenzugstrecken, die untereinander nicht verbunden sind. Da ist einmal die Strecke Riyadh East nach Dammam (ca. 480 km), Riyadh North nach Jauf (ca. 950 km) und seit drei Jahren die Haramin-Highspeed-Strecke (für Pilger :-) ) von Medina nach Mekka über Jeddah (ca. 450 km). Erstgenannte die ist am stärksten frequentierte Route mit täglich sieben Verbindungen. Die wohl bekannteste Bahnstrecke, die einst vom Osmanischen Reich gebaute Hedschasbahn von Damaskus nach Medina, ist natürlich schon längst nicht mehr in Betrieb bzw. wird außerhalb von Saudi-Arabien nur noch auf kurzen Teilstrecken genutzt. Aber die Teile der Trasse und die alten Bahnhofsgebäude soll es noch geben.

Der Turm des Kingdom Centre im Nebel.


Bahnhof Riyadh East.


Wartehalle.


Fahrkartenschalter.


Zugmaterial aus der Anfangszeit der Eisenbahn in Saudi-Arabien.



Der Bahnhof Riyadh East liegt etwas abgelegen in einem Industriegebiet. Das Gebäude gleicht übrigens dem in Dammam 1:1. Etwa 40 Minuten vor der Abfahrt kann man sich zur Fahrkarten- und Gepäckkontrolle begeben und einsteigen. Heute Mittag regnet es in Strömen. Im Zug oder beim Aussteigen werden keine Tickets mehr kontrolliert. Für die Hinfahrt gab es nur noch business seats. Die Sitze sind etwas breiter und im Gegensatz zur 2. Klasse kommt hier regelmäßig jemand mit einem Wägelchen vorbei und verteilt kostenlos Wasser oder arabischen (ungenießbaren) Kaffee. Das Zugmaterial ist nicht so hochglänzend, wie einem die website der SAR Glauben machen will, aber alles in gutem Zustand.


Bahnhof Riyadh East.




Als alter Interrailer hat es für mich eine hohe Prio, hier in Saudi-Arabien eine Zugfahrt zu unternehmen. Die Gelegenheit, mal 2 x vier Stunden gemütlich auf Schienen eine Wüste zu durchqueren, bietet sich einem ja nicht allzu oft. Allerdings bekomme ich einen ziemlich blöden Platz, an dem es kein Fenster zum Rausgucken gibt. Bessere Plätze, die frei sind, gibt es leider nicht. So muß ich ab und zu zu den Waggontüren gehen, um einen Blick nach draußen werfen zu können. Auf der Rückfahrt wird es noch schlimmer: Alle Fenster haben Milchglas oder so, d.h. man kann nirgendswo nach draußen gucken. Aber da ist es ja schon dunkel, also sieht man eh nix. Jedenfalls ne Panoramafahrt durch die Wüste kann man mit der SAR knicken.

Auf dem Weg nach Dammam hält der Zug nur zweimal, in Hofuf und Abqaiq. Nach jeder Abfahrt aus einem Bahnhof wird eine kurze Ansage abgespielt (genauso wie bei Inlandsflügen auch), die auf westliche Gemüter sehr befremdlich wirken dürfte. Einfach mal dieses Video anklicken. Vergesst das Bild, es kommt auf den Ton an!



Unterwegs zieht mich wieder eine heftige Stimmungsschwankung nach unten. Ich bekomme leichten Husten und mir wird an und zu warm. Was ist, wenn ich mich hier irgendwo doch mit Corona infiziere? Genügend Möglichkeiten (vor allem in den Taxis) gäbe es ja. Dabei trage ich selbst unter der Dusche ne FFP 2-Maske und hab schon wundgescheuerte Ohren von den Dingern. Die abgefuckte Tawakkalna App würde zwar nicht merken, wenn ich krank werde, aber da man gelegentlich auch ein Fieberthermometer an den Schädel gehalten bekommt, könnte eine Erkrankung entdeckt werden. Selbst wenn es nur ein normales Fieber wäre, müßte man sich testen lassen und auf das Ergebnis warten. Irgendwo in Europa würde mich das ganze Thema wahrscheinlich kalt lassen, aber hier in Saudi-Arabien sieht das anders aus. Ich denke wieder daran, wie es wäre, in einem fensterlosen Zimmer 14 Tage in Quarantäne gehen zu müssen. Corona ist ein Fluch!

Objekt der Begierde.


Pseudo-Saudi-Passnummer


Ich sehe schwarz!


Im Internet bin ich stets auf der Suche nach einer Eintrittskarte für das morgige Spiel in Jeddah. Plötzlich sind genau für mein Spiel Tickets auf makani.com buchbar. Yeah! Aber da gab es ja das Problem mit der saudischen Passnummer, die ich nicht habe. Bullshit! Ich kann im Netz keine Angaben dazu finden, ob für saudische Passnummern eine einheitliche Schreibweise (Anzahl an Ziffern, Buchstaben gehen ja nicht) existiert. Ich versuche irgendwelche Phantasiezahlen in das Feld reinzuhacken und tatsächlich, nach ein paar Minuten habe ich eine Kombination erwischt, die makani.com akzeptiert. Yeah! Ich fühle mich am Ziel. Aber makani.com sträubt sich. Ich kann die Eintrittskarte für Jeddah auf makani.com sehen, aber sobald ich mich mit meinem Account einlogge, legt sich ein schwarzer Kasten über das Ticket und nichts geht mehr. Und auch nur bei diesem einen meinem Spiel tritt das Phänomen auf. Ich probiere es gefühlt zwanzig Mal, aber es geht nicht weiter. Bullshit! Teamchef leistet von Braunschweig aus online support und empfiehlt, mir vom Hotelpersonal helfen zu lassen. Das nehme ich mir auch vor. Allerdings bin ich erst in etwa 12 Stunden wieder im Hotel in Riyadh.



Bahnhof Abqaiq.


Ankunft in Dammam.



31.12.21     Al Ettifaq FC - Al Fayjah     1:1   *   17:35 Uhr   *   MSB League (1. Liga)   *  Prince Mohammed bin Fahd Stadium, Dammam   *   Zuschauer: 3 733 * Eintritt: 30 SAR

Der Zug kommt mit einer halben Stunde Verspätung an. Touristisch verspreche ich mir von Dammam rein gar nichts und so lasse ich mich von Careem direkt zum Stadion bringen.

Am Eingang zum Stadiongelände prüft der Wachdienst die Tawakkalna App. Einlass in den Ground ist erst um 17 Uhr, so daß ich noch viel Zeit habe. Auf einem Parkplatz sind ein paar Buden und Stände aufgebaut. Man kann sich mit Eis, Kaffee oder Burgern stärken. Für einen wohltätigen Zweck werden handgemalte Bilder verkauft. Es gibt die Möglichkeit, auf eine Torwand zu schießen und nebenan wird eine kleine Auswahl an Ettifaq-Trikots und Schals angeboten.



Für 28 SAR wechselt ein Schal in mein Eigentum über. An der Kaffeebude ordere ich einen Kaffee. Welchen ich denn haben will? Americano sage ich, wohlwissend, das arabischer Kaffee eine undefinierbare Gewürzbrühe darstellt, die Kaffeebohnen nur von weitem gesehen hat. Der Typ in der Bude grinst und gibt mir gleich zwei Becher: Americano und arabisch.



Americano gegen Arabisch


Treppe ins Stadioninnere.


Irgendwann ist es Zeit reinzugehen. Mir wird Fieber gemessen, ich werde gefragt, ob ich Drogen dabei hätte und mein Ticket wird gescannt. Dann stellt sich heraus, daß man mich in den falschen Eingang reingelassen hat. Ich bin im Family Stand, d.h. da sind Männer nur in Begleitung von Frauen und Kindern erlaubt. Ich muss zu den Singles. Also ganz raus, wieder Tawakkalna, wieder Fiebermessen, wieder die Drogengewissensfrage wieder das Ticket scannen (was sogar ein zweites Mal funktioniert) und ich bin endlich drin.

In einem Bereich liegen Teppiche aus, auf denen zahlreiche Fans noch Gebete absolvieren. Ob es dabei auch um Allahs Unterstützung für den eigenen Verein geht, weiß ich nicht.



Das Prince Mohammed bin Fahd Stadium hat eine Kapazität von 35 000 Plätzen. Heute sind aber nicht alle Blöcke geöffnet und in denen, die geöffnet sind, ist nur jeweils jeder dritte Sitzplatz zur Nutzung freigegeben. Die Ordner haben viel damit zu tun, die reinströmenden Fans immer wieder zu ermahnen, Abstand zu halten und Maske zu tragen. Von einem Ultra bekomme ich einen Stapel Notizblockzettel in die Hand gedrückt, den ich beim Einlaufen von Ettifaq hochwerfen soll.

Ultra-Wurfmaterial



Es regnet das ganze Spiel über in Strömen. Auf dem Platz treffen zwei Mannschaften aufeinander, die im Mittelfeld der ersten Liga herumkrebsen. Die Ultras von Ettifaq machen gute Stimmung. Es wird ausdauernd laut gesungen, Lautsprecher und Trommeln kommen zum Einsatz. Die Performance klingt schon fast afrikanisch und gefällt mir sehr gut. Velleicht sogar mit am Besten überhaupt, was ich so in der Welt schon mitbekommen habe. Es macht richtig Spaß zuzuhören und man bedauert es, wenn die Gesänge durch die Halbzeitpause unterbrochen werden. Ein Fan zieht durch sein Outfit die ganze Aufmerksamkeit auf sich. Er trägt in den Farben von Ettifaq ein überdimensioniertes Trikot, hat ne dicke Brille auf und merkwürdige "Haare". Dazu wedelt er mit seinen Armen, an denen Plastikstreifen wie überlanges Lametta heraushängen. Erinnert an ein verrücktes Huhn! Soviel Extravaganz hätte ich in Saudi-Arabien nicht erwartet.

Ich gehe heute schon etwas vor dem Abpfiff raus, denn ich will die letzte Verbindung nach Riyadh keinesfalls verpassen. Auf der Rückfahrt döse ich nur herum, schlafen kann ich nicht.

Blick in die 2. Klasse



Der Zug trifft sogar 20 Minuten früher, d.h. 23:40 Uhr in der Hauptstadt ein. Ich bin gespannt, welche Szenen sich um Mitternacht auf den Straßen abspielen werden. Zur Erinnerung: Es ist Silvester und das neue Jahr 2022 steht bevor. Noch 10 Sekunden.... 5, 4, 3, 2, 1..... nichts. Es passiert absolut nichts. Keine Rakete, kein Hupkonzert, keine besoffene Menschenmenge. Am Radio läuft das Gebrabbel des Moderators unverändert weiter. Ich raune meinem Taxifahrer ein Happy New Year zu, doch der versteht gar nicht, was ich meine. You sleepy? bekomme ich zur Antwort. Ja, sleepy und nicht happy.

An der Hotelrezeption haue ich den diensthabenden Mitarbeiter an, mit für Jeddah auf makami.com das Ticket zu bestellen. Ich würde ihn dafür großzügig entlohnen. Er versteht mein Problem, meint aber, er hätte kein credit mehr. Na ja, zwingen kann ich den guten Mann nicht. Bullshit! Frohes Neues!



1.1.22, 5. Tag

Flug Riyadh -> Jeddah mit flyadeal zu 76,88 EUR * 2x ÜF im Hotel Golden Hotel, Jeddah zu je 60,95 EUR

Mein 10:00 Uhr -Flug nach Jeddah verzögert sich um fast zwei Stunden. Dadurch verliere ich wertvolle Zeit, die ich lieber damit verbracht hätte, in Jeddahs Altstadt herumzulaufen. Es sind viele Pilger an Bord, die auf dem Weg nach Mekka sind. Sie tragen um die Hüfte ein festes Tuch und ein weiteres locker über den Oberkörper geschwungen, alles ganz in Weiß. Diese Leute wirken auf mich wie aus der Zeit gefallen und ständig muß ich an Gandhi denken.



Abbildung eines Mekka-Pilgers auf einem Spende-Automat


Aquarium am Flughafen Jeddah


Bei der Ankunft am Roten Meer trifft mich die Wetterkeule mit voller Wucht: Brennende Sonne und 27° C. Auf meinem Hotelzimmer läuft die Klimaanlage schon auf Hochtouren, Temperaturen nicht weiter über dem Gefrierpunkt.

Hotelzimmer im Hotel Golden Hotel


Ausblick aus dem Hotel.


Inzwischen sind die Eintrittskarten für das heutige Spiel auf makami.com verschwunden. Da brauch ich hier im Hotel gar nicht mehr nachzufragen, ob man ein Ticket für mich bestellt. Durch Zufall habe ich festgestellt, daß es in der Stadt einen Al Ahli Store geben soll. Vielleicht kann mir das Verkaufspersonal irgendwie helfen. Taxi gerufen, hingefahren. Aber, aber... an der angegebenen Adresse gibt es gar keinen Al Ahli Store mehr. Bullshit! Der Taxifahrer erzählt mir, daß er früher auch Al Ahli-Fan gewesen sei, aber die wären jetzt ganz schlecht. Er unterstützt nun Al Hilal, den Champions League-Sieger. Er gibt mir noch den Tip, heute recht früh am Stadion zu sein und zu den Bussen der Al Shabab-Fans zu gehen. Dort würde der Verein kostenlose Karten an seine Anhänger verteilen. Das kann ich mir in Zeiten von online-Tickets nicht so recht vorstellen.

Dieser trouble um Eintrittskarten geht mir gehörig auf den Keks. Ich hab schon gar keine Lust mehr, am Abend zum Stadion rauszufahren, um dann vor verschlossenen Türen zu stehen. Das zöge mich noch mehr runter und das kann ich jetzt gar nicht gebrauchen. Die können mich einfach mal...! Aber Teamchef ermuntert mich via Messenger, es dennoch zu versuchen. Die Araber sind im Allgemeinen recht freundlich und hilfsbereit, meint er. Das überzeugt mich und gibt mir den nötigen Kick, mich doch wieder in ein Taxi zu setzen und den Flutlichtern entgegen zu brausen.


1.1.22   Al Ahli Saudi FC - Al Shabab Club   3:4   *   19:50 Uhr   *   MSB League (1. Liga)   *   Prince Abdullah Al Faisal Stadium, Jeddah   *   Zuschauer: 7 870   * Eintritt: 50 SAR

Etwa anderthalb Stunden vor Spielbeginn bin ich am Ground. Da ist schon mächtig was los. Ich suche mir ein Gate aus, auf das ziemlich viele Fußgänger zusteuern. Den Tawakkalna-Kontrollring durchlaufe ich ohne Probleme. Dann stehe ich vor den Drehkreuzen. Ich muß mich an die Situation vor zweieinhalb Monaten erinnern, als ich in Diyarbakir sogar mit Ticket vor einem Drehkreuz stand und trotzdem nicht reingekommen bin. Jetzt hab ich nicht einmal das.



Ich steuere einen der Männer vor den Drehkreuzen an und erkläre ihm, daß ich keine Eintrittskarte habe. Ich hätte ja gerne eine gekauft, aber ohne saudische Passnummer ging das eben nicht. Er sucht Blickkontakt zu dem Polizisten hinter dem Zaun im Stadioninnere und meint, daß er mich ohne Ticket leider nicht reinlassen könne. Ich erkläre ihm freundlich, daß ich heute extra aus Riyadh angereist sei, nur um dieses Spiel zu sehen. Da hat der Mann plötzlich eine Idee und sagt zu mir, ich solle mal einen Augenblick am Drehkreuz stehenbleiben.

Ich sehe, wie er auf zwei etwa 10jährige Jungs zugeht, die hinter einer Absperrung herumlungern. Er spricht mit ihnen und winkt mich heran. Der Mann erklärt mir, daß einer der Jungs mir ein Ticket verkaufen könnte. Der Kleine wedelt schon aufgeregt mit dem Ausdruck auf DIN A4-Papier herum. 50 SAR wolle er dafür haben. Klar, machen wir! Deal! Um Nummer sicher zu gehen, nimmt der Mann das Ticket von dem Jungen, hält es an den Scanner vom Drehkreuz und als es die gewünschte Reaktion gibt, signalisiert er mir, daß diese Eintrittskarte in Ordnung ist.

Einen Augenblick später bin ich tatsächlich drin und ich spüre für einen kurzen Moment eine gaaaaaanz leichte Euphorie! Yeah, geschafft! Ich muß gleich dem Teamchef Bericht erstatten und bedanke mich, daß er mich dazu motiviert hat, auch ohne Ticket heute hier raus zu fahren.

Ticket, Du machst mich glücklich!






Nach einem ersten Blick ins noch leere Stadion versorge ich mich an einem Kiosk mit Getränken. Ich bekomme zwei Becher (mit Alufolie oben drauf), in denen das Wasser noch zu Hälfte gefroren ist. Ich versuche, das Eis mit meinen Händen aufzutauen, als ein Mann neben mir das sieht und mir sein ungeöffnetes, ungefrorenes Wasser gibt. Tolle Geste!


Al Ahli - Fans




Auch wenn gar nicht so viele Zuschauer ins Stadion kommen (oder gelassen werden?), wie ich vermutet hätte, so bildet die Kulisse dennoch einen würdigen Rahmen für ein tolles Spiel. Auf der Nordseite stehen in einem Block etwa 200 Anhänger von Al Shabab aus Riyadh und die sind schon nach 18 Minuten aus dem Häuschen, als ihr Team mit 2:0 in Führung geht. Ein geniales Dribbling a la Matthäus von der Mittellinie aus wird sauber mit einem Tor abgeschlossen. Das ist der erwartete Spielverlauf, denn Al Shabab ist Zweiter in der Tabelle und Al Ahli nur im unteren Viertel der 16er Liga zu finden. Doch plötzlich kann Al Shabab gar nix mehr und Al Ahli gewinnt die Oberhand. Es gelingt ihnen sogar, zur 52. Minute das Spiel zu drehen und mit 3:2 in Führung zu gehen. Im Stadion geht es richtig ab. Nach 70 Minuten dann ein Doppelschlag von Al Shabab und die Gäste können den Sieg in den letzten Minuten verteidigen. Mein bestes Spiel seit langer Zeit, wirklich sehenswert. Hätte ich hier auf der arabischen Halbinsel so nicht erwartet. Super!


Nichts ist so, wie es scheint: Auswärtssieg!


Nach dem Spiel brauche ich dringend einen Kaffee und was zu Beißen. Stelle mich in Stadionnähe bei einem McDonalds an. Weil man hier das Corona- Management sehr genau einhält, dauert es über eine halbe Stunde, bis ich endlich reingelassen werde. Was soll es? Nach dem genialen Abend ist mir alles egal.



2.1.22, 6. Tag

Spielfrei! Tag zur freien Verfügung in Jeddah!



Mein Hotel habe ich bewußt nach dem Kriterium ausgewählt, nahe an der historischen Altstadt von Jeddah, Al Balad, zu sein. Diese ist ein weiteres UNESCO Weltkulturerbe von Saudi-Arabien. Doch um dorthin zu gelangen, muß ich zunächst durch ein Gassen-Labyrinth, das nicht zum historischen Erbe gehört und direkt hinter meinem Hotel beginnt. Die Gegend ist mit das Heftigste, was ich je gesehen habe. Es gibt sogar Obdachlose, die in den Ecken liegen. Ich war zwar noch nie in Gaza, aber genau so stelle ich mir es dort vor. Man kann hier ohne Übertreibung von einem Slum sprechen. Sehr krass! Ein Taxifahrer hatte mir erzählt, daß Kronprinz Mohammed bin Salman (von "Reportern ohne Grenzen" des Mordes an dem Journalisten Jamal Khashoggi angeklagt) die Gegend in den nächsten fünf Jahren komplett abreißen und umgestalten will.


Al Balad ist ein wahres Highlight und verzaubert mich auf Anhieb. Diese einzigartige Architektur von hohen Häusern, gebaut aus Korallenschutt, Lehm und Holz, gibt es nur noch in Jeddah. Charakteristisch für diese Bauwerke sind die hölzernen Fenstererker, die sogenannten Roshan. Sie dienen nicht nur dem Schutz der Privatsphäre, sondern unterstützen auch die Luftzirkulation. Inzwischen sind die allermeisten dieser historischen Gebäude verschwunden. Aber die wenigen, die vom Abriss verschont geblieben sind, werden derzeit saniert und renoviert. Dabei gefallen mir die alten, baufälligen Häuser mit ihren oft zersplitterten Holzerkern optisch besser, als die wenigen bereits vollständig aufgepeppten Gebäude.














مسجد ابراهيم بن عبدالله الجفالي


Flag Pole: Der größte der Welt, leider ohne Fahne.



In den nächsten Stunden laufe ich noch durch die Geschäftsstraßen von Al Hindawiya, gehe zum Postamt, lass mich zum Flag Pole (dem größten Fahnenmast der Welt - leider heute ohne Fahne) fahren und erwandere mir das Stadttor Bab Makkah. Lonely Planet verrät dazu: "Das Mekka-Tor war in der Vergangenheit das wichtigste Tor für Jeddah, den offiziellen Pilgerhafen Arabiens. Es steht am Anfang der Straße, die in die heiligste Stadt des Islam führt. In den letzten 14 Jahrhunderten haben Milliarden von Pilgern das Tor passiert."

Zur Kaaba bitte links abbiegen.


Bab Makkah (Mekka-Tor)


Am späten Nachmittag sind die Füße müde und brauchen eine Pause. Jetzt noch zu einem Restaurant zu latschen, um dort stundenlang auf Einlass zu warten, kommt gar nicht in Frage. Zeit und Gelegenheit mal den Lieferservice von Careem auszuprobieren. Premiere, denn ich hab noch nie Lieferando & Co. genutzt. Schon auf dem Weg zum Hotel gebe ich meine Bestellung auf (bei McDonalds - "...da weiß man, was man hat. Guten Abend!"), die Lieferung soll in 45 Minuten da sein. Tatsächlich wird schon in 20 Minuten geliefert, wovon 15 Minuten auf den Transport von der Filiale zum Hotel entfallen. Ich bin beeindruckt, das ging ratz-fatz.


King Fahd´s Fountain


Als ich abends aus dem Hotelfenster gucke, fällt mein Blick auf die riesige King Fahd´s Fountain. Ja, die könnte ich mir noch anschauen. Careem macht´s möglich, hin da! Das Ding steht in der Nähe der Corniche direkt am Roten Meer. Hier ist die Hotel- und Touristenzone der Stadt. Statt enge Gassen und Chaos prägen hier Spaziergänger, picknickende Familien und Neonlicht das Bild. Die Fontäne ist, wie könnte es anders sein, mit 312 m die höchste der Welt. Jeddah hat noch weitere Superlative auf Lager: Den höchsten Leuchtturm (131 m) und (am Flughafen) die größte Dachkontruktion (40,5 Hektar = 40 Fußballfelder) der Welt. Was sein muß, muss sein.

Bei der Rückkehr kapiere ich erst, warum mein Hotel "Golden Hotel" heißt. Es liegt inmitten des Gold-Basars, einer Ansammlung von hunderten Juwelier-Geschäften, die erst mit Beginn der Dunkelheit öffnen. Hatte mich schon gewundert, wieso vor den ganzen Läden mit heruntergelassenen Rolladen tagsüber soviel Sicherheitspersonal herumlungerte.

Erst am Abend geöffnet: Einer von hunderten Juwelieren.




3.1.22, 7. Tag

Flug Jeddah -> Riyadh mit flyadeal zu 51,02 EUR

Als die morgendliche Sonne über dem Hedschas-Gebirge aufgeht, wird mir klar, daß ich liebend gerne noch ein, zwei Tage hier in der Gegend geblieben wäre. Aber die Pflicht ruft, in Riyadh rollt der Ball.


Farbenspiel am Flughafen Jeddah


King Abdullah Sports City, Jeddah



Anflug über Riyadh


King Fahd International Stadium, Riyadh


Am Flughafen Riyadh werde ich Koffer und Rucksack bei der Gepäckaufbewahrung abgeben, um dann ohne Balast zum Al Riyadh Club rausfahren zu können. Da mein Rucksack nicht abschließbar ist, kommt mir die glorreiche Idee, zur Sicherheit das Ding mit Folie einwrappen zu lassen. Bei der Aufgabe der Sachen teilt mir die schwarz verschleierte Dame mit, daß die Folie entfernt und der Koffer aufgeschlossen werden muß. Sonst sei keine Einlagerung möglich. Schließlich müssen wir da reingucken, um zu kontrollieren, meint sie. Superidee von mir, das mit dem Einwrappen.

Ich hab in Riyadh nichts mehr zu erledigen, so hänge ich noch bis 14 Uhr am Flughafen ab und lasse mich dann von Careem einmal quer durch die ganze Stadt zum Stadion rausfahren.


3.1.22   Diraiyah - Bishah  FC   2:0   *   15:20 Uhr   *   Saudi League 1st Division (2. Liga)   *   Al Riyadh Club Stadium, Riyadh   *   Zuschauer: 50  *   Eintritt: frei

Es ist schon krass, daß zuschauermäßig die zweite Liga in Saudi-Arabien niemanden zu interessieren scheint. Vielleicht liegt es heute auch nur daran, daß hier der 17. gegen den 20. und damit letzten der Tabelle antritt. Immerhin ist das saudische Fernsehen vor Ort. Aber am krassesten ist die Gruppe von Fans, die die Gäste aus Bisha unterstützt. Ob die 10 jungen Leute tatsächlich an einem Montagnachmittag aus dem über 700 km entfernten Städtchen angereist sind? Ich hätte sie fragen sollen.





R E S P E K T !

Al Riyadh Club Stadium


Wenn Fans mit Megaphonen ins Stadion kommen, werde ich in der Regel argwöhnisch. Weil in der Regel irgendwelches Geplärre folgt, was mir ultra-mäßig auf den Sack geht. Und als die Typen ihre Megaphone an den Verstärker anschließen, fühle ich mich bestätigt. Das Ding beginnt zu quietschen, das selbst den Gehörlosen unter den Zuschauern die Trommelfelle gefrieren. Aber die Jungs kriegen die Kiste in den Griff und dann starten ein 90 minütiges Musikprogramm, daß ich so in Stadien noch nicht gehört habe. Einer von zwei oder drei Älteren greift sich das Mikro und singt, während die anderen den Hintergrundchor stellen und die Handtrommeln betätigen. Insbesondere die Tatsache, daß vielleicht nur 50 Leute insgesamt im Stadion sind und die ihre Darbietung somit fast unter Ausschluß der Öffentlichkeit stattfindet und die dazu alle so viel Freunde bei ihrem Tun haben, fasziniert mich. Natürlich ist es ihnen völlig schnuppe, daß ihr Team mal wieder ne Klatsche kassiert und am Tabellenende kleben bleibt. Was soll´s? Es wird ein richtig unterhaltsamer Nachmittag in Riyadh, aber weniger wegen dem Spiel auf dem Rasen (war aber auch OK), als vielmehr wegen den lauten Jungs aus Bisha! Danke!



Irgendwann geht auch diese Reise dem Ende entgegen. Ich ordere ein letztes Mal via Careem ein Taxi, daß mich zurück zum Flughafen bringen soll. Der Fahrer ist einer der wenigen, der vernünftig Englisch sprechen kann. Er wundert sich natürlich darüber, daß ich mir hier gerade ein Fußballspiel angeschaut habe. Seiner Meinung nach ist, und das ist jetzt kein Flachs, die beste Mannschaft der Welt Bayern Mun-chen! Wobei er das ch wie in Buch ausspricht. Thomas Muller, der sei super! Lewandowski auch, aber der sei ja Pole. Nein, Thomas Muller sei sein Held. Ich kann es kaum fassen. Sehr sympathisch der Mann!

Wir quatschen noch etwas über Fußball, als mich mein Captain fragt, was ich von Manchester City halte. Die haben gerade bei Arsenal gewonnen und sind Erster der Premier League. Unbedarft antworte ich ihm, daß ich City eigentlich gar nicht mag. Why not? bekomme ich zu hören und werde angeschaut. Tja weil, äh.... weil das ein Scheißverein ist, der Unmengen zweifelhaftes Geld von Wüstenscheichs in den Vereinsarsch geblasen bekommt! Hab ich natürlich so nicht gesagt. Wäre wohl nicht so gut angekommen, auch wenn es kein saudisches Geld ist. Wie gut, daß wir jetzt am Flughafen sind und ich aussteigen kann. City hin und her - wir sind uns in einer Sache einig: Bayern Mun-chen are the best!

Bis zu meinem Abflug sind es noch sieben Stunden (plus zwei wg. Verspätung des Lufthansa-Fliegers aus Bahrain). Das lange Abhängen macht mir nichts aus, denn ich bin froh, bald meinen Ausreisestempel im Reisepass zu haben. Diese Tour war irgendwie anders, als die vorherigen. Das Reiseziel war mir unbekannt und ich habe viele interessante, neue und fast nur positive Eindrücke gewonnen. Soweit wie immer. Den Unterschied aber hat wohl dieses Damoklesschwert in Gestalt von Corona gemacht. Das ich permanent einer Gefahr ausgesetzt gewesen bin, die ich nicht beeinflussen konnte und die mich (zumindest psychisch) hätte hart treffen können. Damit meine ich nicht die (medizinisch-biologische) Gefahr durch Ansteckung. Ich meine damit die Bedrohung durch ein wirres Geflecht aus sich ständig verändernden Gesetzen und (Ein-/Ausreise-) Bestimmungen kombiniert mit der Abhängigkeit von Funktionen mysteriöser Applikationen auf Handys (Stichwort Tawakkalna) - was letztendlich dazu hätte führen können, daß mich Behörden oder Staatsorgane am freien Bewegen im Lande und/oder an der freien Ausreise aus Saudi-Arabien hindern und mich (z.B. in Quarantäne) festsetzen. Klingt kompliziert, ist es vielleicht auch :-). Jedenfalls brauche ich solche Stunden wie kurz nach der Einreise und dem Empfang dieser bedrohlichen Tawakkalna notification nie wieder. Die haben mich vollkommen auf dem falschen Fuß erwischt.

Fazit: Saudi-Arabien, ich würde vielleicht mal wiederkommen. Aber erst nach dieser Corona-Scheiße!

جامع مطار الملك خالد الدولي