"Wenn Du ein Land kennenlernen willst, gehe nicht zu den Ausgrabungsstätten, sondern in die Tavernen." Das habe er so oder so ähnlich einmal gelesen. Michael Höller hat den Spruch nur etwas abgewandelt und ihn zu seinem Lebensmotto gemacht: "Statt Tavernen sind es bei mir eben Stadien."[Allgemeine Zeitung / Rhein Main Presse, 1.8.2015]


Für 88,99 EUR hatte ich per Germanwings Köln/Bonn -> Belgrad gebucht: Freitag abends hin und Dienstag mittags zurück. Damit war der Länderpunkt Serbien abgesichert, denn am Samstag würde in Belgrad und Umgebung auf jeden Fall ein Spiel stattfinden. Durch die unerwartete Verschiebung von Rad Belgrad – Banat Zrenjanin von Sonntag auf Samstag 14.30 Uhr konnte ich sogar zwei matchs sehen. Vorgenanntes und als Zugabe noch Roter Stern – OFK Belgrad um 17.00 Uhr.

Als Bonus sollte noch der 38. Länderpunkt her und da blieb für Sonntag nur die 1. Liga Mazedonien und da insbesondere Skopje-Derby Vardar – Metalurg. Als aber etwa 24 h vor meiner Abreise aus Deutschland uefa.com und später auch kicker.de die Begegnung für Samstag ankündigten, alle anderen Internet-Quellen aber bei Sonntag blieben, wurde ich unsicher. Was stimmte denn nun? Flugs sich in einem mazedonischen Fußball-Forum registriert und mein Anliegen gepostet. Glücklicher- weise war der admin online und gab Auskunft: Vadar Skopje würde am Sonntag kicken, aber hinter GESCHLOSSENEN Toren. Danke! So konnte ich noch rechtzeitig auf die letzte Alternative, nämlich Kumanovo – Turnovo, umdisponieren.


















25.10.08 * FK Rad Belgrad – FK Banat Zrenjanin   1:1 * 14:30 Uhr * Meridian Super Liga (1. Liga), Serbien * Stadion Kralj Petar I * etwa 100 Zuschauer * Eintritt: ? (vergessen) * weil ich mich per Bus von der falschen Seite genähert hatte, musste ich den ground etwas suchen * liegt etwa 1 km stadtauswärts von den Stadien Marakana und Partizan (die fast direkt nebeneinander stehen) entfernt * Stadion besteht nur aus einer ziemlich maroden, doppelstöckigen Tribüne * mäßiges Spiel, keine Stimmung, aber schönes Vereinslied (wenn auch nur Coverversion von einem Italo-Schlager) * Länderpunkt 37 gefallen ! *












25.10.08 * Roter Stern Belgrad – OFK Belgrad   5:1 * 17:00 Uhr * Meridian Super Liga (1. Liga), Serbien * Stadion Crvena Zvezda (= Roter Stern), auch Marakana genannt * 2 500 Zuschauer * Eintritt: 300 Serbische Dinar (ca. 3,90 EUR) * Anreise mit germanwings: Köln -> Belgrad und retour für 88,99 EUR * Übernachtungen im Hotel „Prag“ für je 50 EUR, bei drei Nächten wurden mir nur zwei berechnet, fein ! * wirklich tolles Stadion und eine supergeile Stimmung !!! * dabei waren bloß zweitausendfünfhundert Leutchen da, nicht etwa 25 000 oder gar 75 000… * Keine Ahnung, warum nicht mehr Zuschauer kamen… OFK war immerhin ein Spitzenteam * passend auch tolles match und tolle Tore, ein rundherum gelungener Abend * nur das die Ordner mir beim Reingehen Akkus (nur die in der Digi-Kamera durften drin bleiben, warum auch immer) und Münzgeld abgenommen haben, ärgerte *













26.10.08  Milano Kumanovo – Horizont Turnovo   3:0

Für den Nachtzug Belgrad – Thessaloniki besorge ich mir für die Strecke bis Kumanovo und retour jeweils einen Schlagwagenplatz (3286 Serbische Dinar = 39,60 EUR die Zugfahrt plus jeweils 1500 RSD für den Schlafwagen). Bei Abfahrt um 22.20 Uhr und während der ganzen Hinfahrt bin ich der einzigste Fahrgast, den der Schaffner zu betreuen hat. Zur Betreuung gehört auch die Ausgabe eines „Remmels“, zwecks Verkeilung der Abteiltür. Sicher ist sicher! Trotz völlig überheiztem Abteil und dem metallischen Hämmern der Rangierer auf die Radreifen während der Stopps in den Bahnhöfen erreiche ich ausgeschlafen gegen 6.10 Uhr die letzte serbische Station. Der Schaffner händigt mir eine Migrationskarte aus, die ich ausfüllen muß. Während der Zug weiter rollt, bemerke ich Hundestaffeln, die das Grenzgebiet kontrollieren.





Beim Aufenthalt im ersten Bahnhof von Mazedonien werde ich Minuten lang von einem streunenden Hund angestarrt. Der sehr freundliche Schaffner sorgt dafür, dass ich gegen 7.45 Uhr mazedonischer Zeit noch rechtzeitig aus dem Zug hüpfen kann. Als der Zug wieder anfährt, stehe ich mit schwarz gekleideten Omas und vielen Taschen und Säcken etwas hilflos am Bahnsteig. Kumanovo, genau wie erwartet, ein totales Kaff!







Erste Orientierungsversuche: Ich gehe den kurzen Weg bis zur nächsten Tankstelle an der Straße. Dort frage ich an der Kasse auf Englisch eine nette junge Dame nach dem „city center“ und einem Geldautomat. „Immer gerade aus, über die Brücke, bis zum Geschäft „Victor“, dann rechts.“ Offensichtlich bin ich hier Exot: „Oh, Sie sind Deutscher! Was machen Sie hier in dieser Stadt?“ „Ein Fußballspiel gucken!“ „… oh, ich wusste gar nicht, dass heute ein Spiel ist!“ „Kein besonderes, nur ein Ligaspiel!“ „…“ Offensichtlich bin ich jetzt sehr exotisch.





Nach etwa 1,5 km Landstraße ereiche ich die Stadt. Auf einem Großmarkt werden vor allem Paprika gehandelt. Säckeweise, tausende Säcke! Inzwischen hab ich mir am ATM 5000 Mazedonische Dinar gezogen,  aber den Wechselkurs zu EUR vergessen. Mangels Stadtplan irre ich etwas durch die Stadt. Wenn ich Fotos mache, gucken mich die Einheimischen grimmig an. Schließlich finde ich das „Stadtzentrum“, einen Platz mit einer Arbeitnehmer-Statue. Da ich noch Zeit hab und immer noch nicht weiß, wo das Stadion ist, spaziere ich auf einen Hügel am Rande der Stadt, wo ein Kriegerdenkmal steht. Im Gewirr der Häuser kann ich in der Nähe eines Minaretts ein rotes, stadionähnliches Gebilde erkennen. Nun weiß ich wenigstens grob die Richtung.













Im kleinen Restaurant „Famille“ gönne ich mir Chicken, Pommes und Banana Split. Ich frage den Kellner nach dem Milano Stadion. Der Mann weiß es nicht, fragt seinen Vater, der mir mit Begeisterung den Weg beschreibt und auf einem Stück Papier aufmalt. Dann aber sagt er, er hole mir ein Taxi, was mich hinfahren würde und stürmt auf die Straße. Ich kann das nicht abwehren und nachdem der Inhaber dem Fahrer 40 Dinar zugesteckt hat, bin ich schon auf dem Weg zum ground. Tolle Geste! Wir kommen an einer langen Mauer an, wo ein jemand ein Tor verriegelt. Nein, das sei nicht das richtige Stadion, das läge etwa 500 m weiter. Pünktlich um 12 Uhr, also eine Stunde vor Anpfiff bin ich da. Allein hätte ich das nie gefunden.

Am Milano Stadion lungern schon einige Kinder und Polizisten herum. Ich wandere um das Stadion. Alles neu! Eine Tribüne mit roten Sitzschalen (die ich schon vom Berg aus gesehen hatte), eine weitere Tribüne noch im Bau. Rundherum eine Betonmauer. Stolpere hinter dem Stadion über dicke Knochen, Schädel, Kiefer mit Zähnen, Hörner, Hufe von Kühen und Schafen… hier hat man wohl Schlachtabfälle mit untergepflügt… pfui!  Am Eingang und im ground gibt es weder Kontrollen, noch Tickets oder Catering, geschweige denn Souvenirs. Ein besoffener Rentner krakelt lauthals herum, zum Glück nur bis zum Anpfiff. Die Fans sind etwa 30 Kinder im Alter von 10 – 12 Jahren, angeführt von einem Trommler. Dessen Musikgerät trägt die Aufschrift „FC Bashkimi“, der Name der lokalen Konkurrenz.



Tippe auf etwa 600 Zuschauer, keine away-Supporter. In der 15. min das 1:0, 9 min später steht es schon 2:0 für Milano Kumanovo. Milano ist übrigens ein großes Werk in der Stadt und somit der Hauptsponsor und Namensgeber des Clubs.  Während der 2. Hälfte falle ich etwas in Dämmerschlaf , aber spätestens nach dem 3:0 bin ich wieder wach. Kumanovo ist völlig überlegen, zwei Spieler von Horizont Turnovo müssen verletzt raus, u.a. der Torwart.


Nach dem Abpfiff ist innerhalb von 5 min der ground leer, nur Riesenmengen von Sonnenblumenkernen bleiben übrig. Schweinerei. Damit ist der 38. Länderpunkt gemacht! Shakehands to myself!




Bis zur Abfahrt des Zuges zurück nach Belgrad bleiben mir noch gut fünf Stunden, die ich überwiegend dinnierend im wohl feinsten Restaurant der Stadt oder wartend am wohl abgefucktesten Bahnhof der Welt verbringe. Fast pünktlich um 20.06 Uhr rollt der Zug aus Thessaloniki ein. Der Waggon und Schaffner ist der selbe wie auf der Hinfahrt. Werde nett begrüßt und nachdem ich mein Abteil wieder verrammelt hab, falle ich in geruhsamen Schlaf. Fazit: Ein Wochenende, zwei Länderpunkte, drei Spiele! Voller Erfolg. Und das Städtchen Kumanovo werde ich so schnell nicht vergessen.