"Wenn Du ein Land kennenlernen willst, gehe nicht zu den Ausgrabungsstätten, sondern in die Tavernen." Das habe er so oder so ähnlich einmal gelesen. Michael Höller hat den Spruch nur etwas abgewandelt und ihn zu seinem Lebensmotto gemacht: "Statt Tavernen sind es bei mir eben Stadien."[Allgemeine Zeitung / Rhein Main Presse, 1.8.2015]

Russland und Belarus (Teil 2)


Tag 10

Am nächsten Tag begegneten wir übrigens auf einem Moskauer Prominentenfriedhof Michail Gorbotschow leibhaftig, als er aus Anlaß ihres 10. Todestages das Grab seiner Frau besuchte. Nicht schlecht!






















Tag 13



23.09.09 * Dinamo Minsk - Granit Mikachevichy   1:0 * 16 Uhr * 1. Liga * Stadion Dinamo-Juni, Minsk * 1 700 Zuschauer * Eintritt: 10 000 BYR (2,48 EUR) * Zugfahrt Moskau Belarusskaja -> Minsk Pass. (750 km) 1 954 RUB (45,42 EUR) *

Der weißrussische Präsident L. weiß sich durch extravagante Bauwerke in der Hauptstadt zu verewigen. Demnächst soll auch das alternde Dinamo-Stadion in der Nähe des Bahnhofs grundlegend renoviert werden. Allerdings konnte damit wegen der unerwarteten Qualifikaton von BATE Borisov für die Gruppen- phase der neuen Europa-League noch nicht begonnen werden. Der Stammverein Dinamo ist dennoch schon ausgewichen, nämlich an den Stadtrand ins ehemalige Darida-Stadion, welches nun einfach Dinamo-Juni heisst. Der Fahrt mit der roten Metrolinie bis zur Endhaltestelle Kamennaya Gorka folgte ein 20minütiger Fußmarsch durch eine gigantische Baustelle für neue Wohnghettos.



Der Ground tat sich, nachdem wir einen kleinen Teich passiert hatten, hinter einem kleinen Wäldchen auf. Wegen der ungewöhnlich frühen Anstoßzeit kam nur die Hälfte der sonst üblichen Zuschauerkulisse. Eine Protestfahne zu diesem Anlaß wurde von den Polizisten schnell abgehängt. Wenig Stimmung, während Dinamo drückte und Granit eine Abwehr aus Granit zu haben schien (auf dieses Wortspiel konnte nicht verzichtet werden). In der Halbzeitpause konnten wir uns an einem Kiosk mit Backwaren und Softdrinks versorgen, immerhin! In Hälfte 2 gelang Dinamo doch noch der Siegtreffer, so das der Abstand auf Tabellenführer BATE gewahrt blieb. Rückmarsch durch die geisterhafte Szenerie der wachsenden Hochhäuser.  




Tag 14



24.09.09 * BATE Borisov - FK Vitebsk   3:1 * 19 Uhr * 1. Liga * Stadion Gorodskoi, Borisov * 4 500 Zuschauer * Eintritt: 5 000 BYR (1,24 EUR) * Zugfahrt Minsk-Institut Kulturny -> Borisov und zurück (162 km) 7 570 BYR (1,87 EUR) *

Meister BATE spielt zumeist einen Tag später als der Rest der Liga, so daß ich unter der Woche, sehr zum Leidwesen meiner Frau, gar zwei grounds machen konnte. Die 81 km weite Fahrt mit der Elektritschka (S-Bahn) von Minsk nach Borisov dauerte über zwei Stunden und hatte wahrlich nichts mit Eisenbahn-romantik zu tun. So heftiges Ruckeln und Holpern der Waggons hab ich selten erlebt, und das ununterbrochen... Die Fahrt führte übrigens durch Zhodino, wo ein weiterer Erstligist beheimatet ist. Den Ground kann man von der Bahn her gut erkennen.

In Borisov angekommen, rettete eine Frau einem Betrunkenen das Leben, in dem sie ihn gerade noch rechtzeitig vor Zugeinfahrt von den Gleisen zieht. Die meisten der ab Bahnhof fahrenden Marschrout-Taxis kommen am Stadion vorbei und nach weniger als 10 min standen wir vor dem Ground.




Die Arena ist klein, aber modern. Eine Tribüne ist überdacht. Der Personenkontrolle mittels Metallsuchgerät folgte der obligatorische Kauf eines kleinen Souvenirs. Zwar gab es kein Spielprogramm, jedoch aber ein Supporter-Flugblatt. Besonders frequentiert wurde an diesem kalten Abend eine Marktbude auf dem Stadiongelände, die 5-min-Suppen in transparenten Halbliterbechern verkaufte. Ich nahm mit einem pappigen Hot Dog vorlieb. Auf der gegenüber-liegenden Tribüne machten mit Trommeln und Blasmusik ein paar Einheimische etwas Krach. Passend dazu deren Fahne "Drums across Europe", die man Tage später in Minsk wieder hängen sah. BATE spielte an diesem Abend keineswegs auf internationaler Höhe und der Sieg über den FC Vitebsk, der keine Fans mitgebracht hatte, war sehr sehr beschwerlich. Und tschüß! 



Tag 15-16





Tag 17

27.09.09 * FK Gomel - Dinamo Brest   3:1 * 18 Uhr * Stadion Centralny, Gomel * 4 100 Zuschauer * Eintritt: 6 000 BYR (1,48 EUR) * Zugfahrt Minsk Pass -> Gomel und retour (570 km) 38 570 BYR (9,54 EUR) *

Morgens früh um 7 Uhr ist die Welt noch in Ordung und es fährt ein Zug von Minsk nach Gomel, gerade einmal 130 km von Tschernobyl entfernt. Durchschnittliche Reisegeschwindigkeit: Unter 60 km/h. Unterwegs hielt der Zug in Zhlobin, wo Heerscharen von Kuscheltierverkäufer(innen) die Bahnsteige bevölkerten. Aber warum gerade hier? Eine Mitreisende klärte auf: In der Stadt gibt es zwar eine Fabrik für solche Stofftiere, aber die Leute machen diese Tiere mit den Schablonen und Formen aus der Fabrik zu Hause in Heimarbeit aus Resten etc.  







Ankunft in Gomel gegen Mittag. Schöner Bahnhof! Und die Stadt verfügt meines Erachtens über den schönsten ground des Landes! Allerdings muß man erst an einem bedrohlich thronenden Panzer auf einem Betonsockel vorbei, will man sich dem Zentralstadion nähern. Eine Besonderheit: Alle Zuschauer gehen durch das "Marathontor" ins Stadioninnere und verteilen sich von dort auf die Ränge. Keine Programme oder Wimpel im Angebot, nur Schals. Vor dem Anpfiff und in der Pause wurden Tore der "Lüchse" (FK Gomel) aus älteren Spielzeiten gezeigt,  noch im Stadion vor der Umbauphase. Da gab es noch eine Laufbahn und unüberdachte Tribünen. Welch ein gigantischer Fortschritt zu diesem Prachtbau von heute!





200 Supporter der "Green-White Front" aus Gomel übten sich im Gesangsduell mit einer halben Busladung Fans aus Brest. Ausgehängte Fahnen mit einer nicht zu identifizierenden Botschaft wurden von den Ordnern schnell entfernt. Zur 85. min stand es 2:0 für Gomel, als ich kurz zum Pinkeln rausgehe, nur 45 sec später steht es 3:1. Mist... !!! Alles in allem aber ein schwaches Spiel. Der 2. Ligist DSK Gomel spielt übrigens auch in diesem Stadion.



Kurz vor Mitternacht stiegen wir in den Zug Volgograd - Brest. Hier traf ich nach 3 Wochen endlich wieder einen Deutschen :-). Der etwa 80jährige war auf dem Heimweg von Gomel nach Duisburg. Unsere Fahrt endete allerdings schon um 4.30 Uhr am nächsten Morgen in Minsk.




Tag 21

 


01.10.09 * BATE Borisov - FC Everton   1:2 * 20 Uhr * Dinamo Stadion, Minsk * 23 000 Zuschauer * Eintritt: 40 000 BYR (9,89 EUR) * Zugfahrt Minsk Pass -> Kiev (570 km) 126 370 BYR (31,27 EUR), Flug mit Wizzair Kiev-Borispol -> Köln/Bonn, einfach für  42,24 EUR * 

Valik hielt die Tickets fest in seiner Hand und lotste mich durch die strengen Sicherheitskontrollen vor, um und im Stadion Dinamo. Vor großen Namen zeigte die Werkself eines Elektronikausrüsters für Autos und Traktoren keinen Respekt: Im letzten Jahr hatten hier Juventus und Real Madrid einen schweren Stand gehabt. Aber einen Sieg gab es noch nie zu bejubeln. Diesmal war erstmals ein britisches Team zu Gast im politisch abgeschotteten „Schurkenstaat“ Belarus und die „Toffees“ aus Liverpool sollten BATE die Heimpremiere in der Europa League versüßen.


Völlig aus dem Nichts sorgte in der 16. Minute Likhtarovich mit einer „Granate“ für das 1:0 der Weißrussen. War das Publikum bisher schon in Hochstimmung gewesen, so geriet es nun völlig in Ekstase. Valik hielt es kaum noch auf seinem Platz und auch ich konnte mir eine gewisse Begeisterung nicht verkneifen. Aus allen Ecken des Stadions schallte es „Ba-Täh, Ba-Täh…“. Hier spielte nicht BATE gegen Everton, sondern Weißrussland gegen den Rest der Welt! Und Weißrussland hielt nun die Welt in Atem! Fast ein Dutzend Male rollte La Ola durch das weite, abendliche Rund.
Beim Toilettengang in der Pause waren Valik und ich noch zuversichtlich, aber zum Anpfiff der 2. Hälfte hatten Gott und die Welt sich gegen BATE verschworen. Sturm zog auf, es schüttete wie aus Kübeln und der Wind fegte durch zehntausende von Regenschirmen. Jetzt erst konnte Everton das Spiel drehen. Nach dem 1:2 fiel das ganze Stadion in eine minutenlange Schockstarre. Kein Aufbäumen, nichts als Leere in den Köpfen… Nur der Rest der Welt, vertreten durch 600 Merseysider, war nun erstmals zu hören und feierte im Block heftig ab. Ich wollte nur noch raus, blieb Valik zu Liebe aber noch bis zum bitteren Ende.
Später im Auto fragte mich Valik erstaunt: „Warum bist Du so traurig?“ „Na, wegen des Spielergebnis natürlich…!“ Da fängt Valik heftig an zu lachen: „Hey, wir haben ein spannendes match gesehen. Das Resultat ist doch egal…“ Toll, dachte ich mir, ich und meine eingebildete Weltverschwörung!