"Wenn Du ein Land kennenlernen willst, gehe nicht zu den Ausgrabungsstätten, sondern in die Tavernen." Das habe er so oder so ähnlich einmal gelesen. Michael Höller hat den Spruch nur etwas abgewandelt und ihn zu seinem Lebensmotto gemacht: "Statt Tavernen sind es bei mir eben Stadien."[Allgemeine Zeitung / Rhein Main Presse, 1.8.2015]



Tag 1

Für diese Reise bedurfte es einiger Vorbereitungen, wie u.a. sich ein Visum für Russland und Belarus zu besorgen, das für jeweils 65 EUR zu haben war. Der Flieger nach Moskau ist gähnend leer, nur etwa 40 Leute wollen an diesem Morgen, einem 9/11, von Köln aus in die russische Hauptstadt. Die Einreise geht zügig, ich muss nicht mal mehr eine Migrationskarte ausfüllen. Die Daten scannt die Zollbeamtin vom Visa ab und druckt fein säuberlich die M-Karte aus. In Vnukovo werde ich von Ehefrau Elena und dem Moskowiter Alexej empfangen. Gleich geht’s in Alexejs Wagen auf Entdeckungsfahrt.




















Ziele sind u.a. die Stadien Luschniki und Dinamo (in dem seit dieser Saison nicht mehr gespielt wird!) mit Lew-Jaschin-Denkmal, der verfallende ground von Asmaral direkt hinter dem Regierungssitz im Stadtzentrum (wo beim Putsch 1993 die Panzer auffuhren und Jelzin seinen großen Auftritt hatte) und das Trainingsgelände von ZSKA samt benachbarter Stadionbaustelle. Ein Spiel ist an diesem ersten Tag nicht drin, wurde doch die Partie der 1. Division (2. Liga) zwischen MVD Rossia Moskau und NoSta Novotroitsk im Stadion Avantgard (in Domodedovo) abgesagt. Wegen gewisser Unregelmäßigkeiten, die ich nicht kapiert hab, musste MVD seinen Spielbetrieb einstellen. MVD ist übrigens das Ministerium für innere Angelegenheiten der Russischen Föderation. Hat unser Innenminister de Maizière auch ein Fußballteam?














Tag 2

12.09.09 * FK Moskau - Amkar Perm   0:2 * 14 Uhr * Premier Liga * Eduard Streltsov Stadion, Moskau * 6 900 Zuschauer * Eintritt: 150 RUB (3,48 EUR) * Flug Köln/Bonn -> Moskau-Vnukovo mit germanwings, einfach für 74,99 EUR *

Am Samstag treffen wir Alexej gegen 13 Uhr an der Metrostation Autosavodskaja. Er hat schon Tickets und Programm besorgt und sein Auto in Stadionnähe geparkt. Im Eduard-Streltsov-Stadion (früher Torpedo-Stadion, benannt nach dem „russischen Pelé“, der 1956 mit der Sowjetunion olympisches Gold holte) das 13 200 Zuschauer fassen kann, empfängt heute der 3. den 14. der Premier-Liga. Die Arena ist ziemlich marode, überall bröckelt der Putz. Der Name des Gastvereins Amkar leitet sich übrigens von den beiden Hauptprodukten (Ammoniak/Ammijak und Harnstoff/Karbamid) eines Düngemittelwerks in Perm ab, dessen Arbeiter den Klub 1993 gegründet haben.




Die Permer haben nicht wenige Sympathisanten dabei, auch wenn es keinen Fan-Block gibt und sich die Fans im ganzen Stadion verteilen. In der Halbzeit stören american-styled Cheerleader das russische Ambiente, das Catering an zwei Holztischen kommt schon nach kurzer Zeit ins Stocken, als es keine Getränke mehr gibt. FK Moskau wird seiner Favoritenrolle in keinem Falle gerecht und verliert sang- und klanglos 0:2. Am Ausgang bekommen wir Freikarten für das nächste Heimspiel in die Hand gedrückt.



12.09.09 * ZSKA Moskau - Kryljia Sovetow Samara   3:0 * 16:15 Uhr * Premier Liga * Lushniki-Stadion, Moskau * 11 000 Zuschauer * Eintritt: 170 RUB (3,95 EUR) *

Etwas zeitversetzt findet im nur wenige km entfernten Lushniki-Stadion ein weiteres Spiel statt. Auch wenn ich den Ground schon habe, so will ich mir denKkick nicht entgehen lassen. Alexej chauffiert uns auf gigantischen achtspurigen Strassen souverän durch den Moskauer Verkehr. Doch gegen Stau ist auch er machtlos. Erst zum Spielbeginn erreichen wir den Parkplatz am ehemaligen Leninstadion. Aber an den Kassen stehen noch Hunderte… Sch…! So sind wir dann auch erst zur 20. Minute drin im weiten Rund.






Das hat sich seit meinem letzten Besuch vor 15 Jahren sehr geändert: Sitzschalen und eine großzügige Überdachung sind dazugekommen. Wir sitzen im Block der ZSKA-Fans, der mindestens die Hälfte aller Zuschauer an diesem Nachmittag beherbergt. Auch wenn die gute Stimmung machen, so wirkt das in einem nur zu einem Sechstel gefüllten ground etwas mau. Wir sehen eine mir bisher unbekannte Choreographie: Auf Kommando werden tausende Schals hochgeworfen oder ausgerollt. Sieht lustig aus! Insgesamt hat sich der Anfahrtsstress gelohnt.



Alexej übt seine Gastgeberrolle perfekt aus, fährt Elena und mich dann noch zum Flughafen Scheremetyevo. Spassibo!

13.09.09 * FK Volgograd - Avtodor Vladikavkas   0:0 * 16 Uhr * 2. Division, Zone Süd * Stadion Olimpia, Volgograd * ca. 300 Zuschauer * Eintritt: 50 RUB (1,16 EUR) * Flug Moskau-Scheremetjevo -> Volgograd mit Aeroflot, einfach für 77 EUR *

Im Terminal Scheremetjevo 1 herrscht dichtestes Gedränge, wie man es sonst nur aus der U-Bahn kennt. Die Personenkontrollen vor dem Check-In sind ziemlich zeitaufwändig, man muß sogar die Schuhe ausziehen. Hatte ich anfangs etwas Bedenken mit Aeroflot zu fliegen, so zerstreuten sich diese recht schnell. Auf dem Flug nach Volgograd wird eine moderne Maschine eingesetzt, der Bordservice ist perfekt und Menü und Getränke gibt es gratis. Kurz vor Mitternacht landen wir nach 1 ½ Stunden auf historischem Boden: Vom Flughafen Gumrak konnten 1943 die letzte Flugzeuge den Kessel von Stalingrad verlassen. Der Airport ist sehr klein, es gibt nur eine Gepäckausgabe und um diese Zeit auch keine Busverbindung mehr in die Stadt. Mangels Alternative lassen wir uns für 900 Rubel im Taxi zum Hotel bringen. Zwischendurch warten wir an einem Bahnübergang, bis ein Güterzug diesen passiert hat. Ich zähle mindestens 300 Waggons, oder hab ich doppelt gesehen?

Tag 3

Das Hotel Oktyabrskaya erreichen wir um 1 Uhr morgens. Dadurch sinkt der Preis von für drei Übernachtungen auf für zwei Übernachtungen, obwohl wir trotzdem dreimal dort schlafen. Kundenfreundliches System! Das Hotel hat noch sowjetischen „Charme“ (nur Liebhabern zu empfehlen): Marmor, altertümliche Tapeten, alles abgenutzt. Im Zimmer klebt dunkelbraune Schlingware an den Wänden, Wasser bzw. braune Brühe gibt es erst gar nicht, dann nur kalt. Vom Hotelzimmer blicken wir auf den nächtlichen Bahnhof Volgograd 1, bevor wir einschlafen.







Sonntag Vormittag: Erkundung der Stadt, Umrundung des zwischen Wolga und Mamajew-Hügel liegenden Zentralstadions. Hier fand 2009 kein Spiel mehr statt. Beide Volgograder Clubs spielen im Stadion Olimpia. Auf der Flussseite finden wir intakte Eingänge und blau-weiße Bestuhlung vor, die den Namen „Rotor“ bilden. Die Seite zur Stadt hin ist hingegen vergammelt und verwildert. Wir entdecken eine offene Türe ins Stadioninnere, doch in der dahinter liegenden Halle sitzt eine Alte in einem Kämmerchen und hält Wache. Fotografieren erlaubt sie nicht. In dem Stadionbau gibt es wohl noch eine Boxtrainingshalle, auf dessen Zugang sie ein Auge hat.














Gegen 15 Uhr brechen Elena und ich auf zum Ground, es bleibt uns eine Stunde bis zum Anpfiff. Weder Taxifahrer noch jugendliche Passanten wissen, wo der FK Volgograd seine Heimspiele austrägt. Langsam werde ich nervös. Also müssen wir uns doch auf die von Google Map ausgespuckten Infos verlassen und ein Gelände aufsuchen, was aus der Luft nun gar nicht nach Stadion oder Sportplatz aussieht. Also ab in die Straßenbahn und losgezuckelt. Mir wird klar, wenn wir hier falsch liegen, dann kann ich Spiel und Ground knicken, was hoppertechnisch 2 671 km fern der Heimat natürlich eine Katastrophe wäre. Ich ärgere mich, dass ich nicht darauf bestanden hab, schon vormittags den Ground zu „checken“.

Etwa um 15:45 Uhr steigt ein Jugendlicher in die Straßenbahn und will partout nicht bezahlen. Der Fahrer weigert sich darauf hin weiterzufahren. Das Gemecker der anderen Passagiere beeindruckt das kleine Arschloch überhaupt nicht. Erst als einer der Mitfahrer dem Sack eine Fahrkarte kauft, rollt die Straßenbahn weiter. Kurz vor vier dann die Gewissheit: Stadion gefunden, Spiel findet statt!



Zwei Tickets gelöst und rein in das Stadion Olimpia (Olympiastadion zu schreiben, wäre etwas vermessen). Die Anlage erinnert mich irgendwie an den Ground von Cambridge City. Den Fanblock des FK Volgograd füllen 15 Supporter, aus dem Kaukasus ist wohl niemand mitgekommen. Wie immer in Russland ist viel Polizei anwesend. Das Spiel ist mittelmäßig und verdient weder Tore noch Sieger. Am Ende bin ich froh, einen neuen „entferntesten Ground“ gemacht zu haben. Tja, was einem Groundhopper so alles wichtig ist.








Allerdings ist unsere Reise nach Russland keine reine Hopping-Tour. Mit Ehefrau im Schlepptau wäre das auch kaum machbar, he he! Und dann hätte ich sicherlich nicht Volgograd angesteuert, sondern mich am Spielplan orientiert, wäre in Moskau geblieben und hätte so einige Grounds und Spiele mehr machen können. Manchmal muss man kompromissfähig bleiben.


Tag 4




























Tag 5-8





























Elena und ich bleiben noch zwei Tage in Volgograd, bevor wir weiter nach Rostov am Don und Kamensk-Schachtinskij reisen, diesmal per Eisenbahn. Dabei geht es um gewisse „Ermittlungen“ in familiärer Angelegenheit, die schon einen eigenen Bericht wert sind, aber hier „off topic“ wären.





















Das Reisen mit der Eisenbahn in Russland kann ganz angenehm sein, wenn man mal von den Toiletten absieht. Züge verkehren reichlich und sind pünktlich. Für die Besorgung von Tickets sollte man aber etwas Zeit einkalkulieren, denn Schlangestehen am Kartenschalter ist unumgänglich. Denn es gibt keinen Internetverkauf und nur wenige Auskunftsterminals. Die Fahrpläne sind unübersichtlich und Englisch versteht keiner. Tickets haben immer Zugbindung, Rabatt- oder Frühbucher-systeme gibt es nicht. Wichtig auch, dass man in bar zahlen (VISA wird nur selten akzeptiert) und immer die Reisepässe dabei haben muss (Pass-Nr. werden auf den Fahrscheinen eingetragen). Wenn man das alles geschafft hat, kann es auf eine gemütliche, langsame Reise gehen. Das Bordradio sorgt dann für eine melancholische Untermalung.


Tag 9





19.09.09 * Saturn Moskovskaja - Spartak Moskau   2:1 * 14 Uhr * Premier Liga * Stadion Saturn, Ramenskoje * 13 500 Zuschauer * Eintritt: offiziell 370 Rubel (8,60 EUR), gezahlt ca. 23 EUR * Zugfahrt Volgograd 1 -> Rostov am Don -> Kamenskaja -> Moskau-Kasanskaja (1 798 km) 5 541 RUB (129 EUR)



Die Geschichte dieses kuriosen Spiels ist schnell erzählt: Spartak brauchte beim Moskauer Vorort-Club Saturn unbedingt einen Sieg, um weiter oben mitspielen zu können. Nach einer engagiert geführten Partie von Moskovskaja und deren verdienten 1:0-Führung sah es aber bis zur 52. Minute gar nicht danach aus, als könnte Spartak in Ramenskoje was reißen. Aber dann pfiff der Schiri Elfmeter für die Gäste. Die Fans feierten bereits mit großem Feuerwerk, während sich die Ausführung des Strafstoßes wegen Gemeckers der Saturn-Spieler verzögerte.





Einem Spartak-Fan dauerte das offensichtlich zu lange, denn von der Seitenlinie aus lief er am Strafraum entlang auf den Punkt zu und versenkte vor den Augen der verduzten Spieler den Ball anstandslos. Daraufhin ließ er sich natürlich feiern und drehte einen großen Bogen über das ganze Spielfeld, ohne das ein Ordner daran dachte, den Flitzer einzufangen. Damit aber noch nicht genug: Aleks von Spartak verwandelte nun den regulären Elfer und die Euphorie im Spartak-Block war auf einem weiteren Höhepunkt ...aber der Schiri ließ den Treffer nicht gelten. Den Wiederholungsschuß versenkte Aleks nun glücklich zum 1:1 und in der Kurve der Moskowiter ging endgültig die Post ab. Allerdings nur für wenige Augenblicke, denn Saturn markierte unbeeindruckt im unmittelbaren Gegenzug nur Sekunden später den Siegtreffer. Das passiert eigentlich immer nur dann, wenn ich zum Pinkeln mal austreten musste. Glück gehabt!







19.09.09 * Lokomotive Moskau - FK Moskau   1:0 * 18 Uhr * Premier Liga * Stadion Lokomotiv, Moskau * 13 430 Zuschauer * Eintritt: 450 RUB (10,46 EUR) *

Um nicht wieder in zeitliche Bedrängnis wie eine Woche zuvor bei ZSKA zu kommen, ging ich mit Elena schon vormittags zum Lokomotiv-Stadion, um Alexej und mir Tickets zu sichern. Der Lok-ground ist ziemlich modern, aber auch wesentlich kleiner als z.B. Lushniki. Zuletzt fand hier das Länderspiel Russland – Argentinien statt. Um 10.15 Uhr stellten wir uns in die noch kurze Reihe vor den Ticketschalter, bis 11 Uhr wurde die noch wesentlich länger. Dank eines hochmodernen Ticketsystems konnte man sich die Plätze im Stadion am Bildschirm aussuchen. Vor dem Anstoß am Abend gab es zu meiner Überraschung erstmal ein offiziell gezündetes Feuerwerk, warum auch immer?! Die Stimmung war gut, auch wenn die Arena fast leer wirkte; das Spiel na ja. Und sonst? Man sollte Spielberichte nicht erst vier Monate nach dem Abpfiff schreiben…








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