"Wenn Du ein Land kennenlernen willst, gehe nicht zu den Ausgrabungsstätten, sondern in die Tavernen." Das habe er so oder so ähnlich einmal gelesen. Michael Höller hat den Spruch nur etwas abgewandelt und ihn zu seinem Lebensmotto gemacht: "Statt Tavernen sind es bei mir eben Stadien."[Allgemeine Zeitung / Rhein Main Presse, 1.8.2015]

 


1. Tag (Donnerstag, 18.10.)

Anreise zum Flughafen Dortmund mit der Bahn zu 19,90 EUR * Flug DTM -> SKP mit Wizzair zu 22,49 EUR * Bus von Skopje Flughafen via Bahnhof nach Prishtina zu 8,08 EUR * 3x Übernachtung mF im Hotel Prima, Prishtina zu je 35 EUR/Nacht

Flughafen Skopje.
Busbahnhof Skopje.


Pünktliche Landung in Skopje, Mazedonien. Mit dem Taxi in die Stadt zum Busbahnhof für 20 EUR ist mir eindeutig zu teuer. Dann lieber 70 Minuten auf den nächsten Bus warten. Der Hauptbahnhof ist ein Monstrum auf Säulen, das eine baldige Abrissbirne verdient hätte. Ich bewege mich auf unbekanntem Terrain, denn den Länderpunkt hatte ich zehn Jahre zuvor in Kumanovo gemacht: An- und Abreise mit dem Hellas-Express  Belgrad <-> Thessaloniki. Das waren noch Zeiten!

Mein erster Weg führt mich zum Fahrkartenschalter. Ich freue mich schon auf klapprige Zugstunden nach Prishtina (drei Stunden) und nach Thessaloniki (sechs Stunden, bzw. viereinhalb bis nach Gevgelija - falls der Zug an der griechischen Grenze endet). Doch meine Laune sinkt schlagartig auf -273,15 °C, als mir der Mann hinter der Glasscheibe erklärt, daß es derzeit keinen internationalen Zugverkehr gäbe. Keine Züge nach Prishtina, keine Züge nach Griechenland und nach Bulgarien auch nicht. Warum eigentlich? Ist mir auch schon egal. Sehnsüchtig denke ich an meinen überheizten Hellas-Express B335, in dem ich einst als einziger Fahrgast im Liegewagen-Waggon durch Ex-Jugoslawien rollte.

2008: Der Hellas-Express im Bahnhof von Belgrad und ein Fahrplan im Wartesaal von Kumanovo.


Die Erkenntnis, daß gar keine Züge fahren (im Netz gab es trotz intensiver Recherchen darauf keinerlei Hinweis) - geplant war montags 4:45 Uhr ab Skopje / 10:08 Uhr an Thessaloniki - wirft meine Reiseplanung ziemlich durcheinander. Die zusätzliche Gewissheit, daß täglich nur ein Bus Skopje in Richtung Thessaloniki verläßt - und dies auch immer nur um 17 Uhr tut - tut ein weiteres dazu. Grübel, grübel... starre Reisepläne und -routen sind nix für den Balkan.

Mit den Spielansetzungen habe ich auch kein Glück: Trotz Länderspiel des Kosovo sonntags auf den Färöer Inseln, wurde plötzlich ein ganzer Erstliga-Spieltag auf Di/Mi vorgezogen und der Folge-Spieltag komplett auf sonntags terminiert. Damit war meine erhoffte Fr+Sa oder Sa+So-Kombination im Kosovo für die Tonne. Alles sch....wierig!

Hauptbahnhof Skopje.
Philip-II-Arena, Skopje


Ich hole mir eine Fahrkarte für den Bus nach Prishtina und nutze die drei Stunden bis dahin mit etwas Sightseeing. Für kleines Geld fährt mich ein Taxi zum Nationalstadion Mazedoniens. Das Philip-II-Stadion ist über eine Einfahrt zugänglich und keiner stört sich daran, daß ich hier herumknipse. Nettes Stadion, keine zehn Jahre alt.

Customs Administration und Kale Fortress


Regierungsgebäude


Josip Broz (Tito).


Revolutionär Uzunov.


Standbild "Alexander von Mazedonien".


Den Rückweg gehe ich entlang dem Fluß Vardar zu Fuß in die Innenstadt. Auf dem Hauptplatz von Skopje steht ein Standbild namens "Alexander von Mazedonien". Ich muß schmunzeln und male mir in Gedanken aus, was meine griechischen Freunde hier anstellen würden... Der Konflikt um die Namensgebung der ehemaligen jugoslawischen Republik Mazedonien (FYROM) zwischen Griechenland und seinem nördlichen Nachbarn dürfte bekannt sein. So ganz nachvollziehbar ist er für mich als Mitteleuropäer allerdings nicht. Alles eine Sache der Identität, wie mir einst ein Taxifahrer in Belfast sagte. Das trifft auf die Geschichte des Balkans in besonderer Weise zu. Das z.B. "Alexander der Große" von den heutigen slawischen Mazedoniern als "der ihre, der Alexander von Mazedonien" vereinnamt wird, passt den Griechen überhaupt nicht. Die Sache ist, wie könnte es anders sein, ziemlich vertrackt.

Um 17 Uhr losgefahren, ist der Bus schon nach 20 Minuten an der Grenze zum Kosovo und weitere 15 Minuten sind alle Zollkontrollen überstanden. Ein Beamter sammelt jeweils die Pässe im Bus ein, checkt sie in seinem Posten und ein Kollege des Busfahrers gibt sie an die Fahrgäste zurück.

Direkt hinter der Grenze, ab der Ortschaft Han i Elezit beginnt eine wahnsinnige Baustelle, wie ich sie allenfalls in China mal gesehen hab. Hier wird an einer Autobahn in Richtung Prishtina gebaut. Über unzählige Stützpfeiler und durch einige Tunnel führt die Trasse durch das Tal, in dem unten der Fluss Lepanac fließt. Keine Ahnung, wer dem kleinen Kosovo dieses Mega-Projekt finanziert. Der Bus nimmt noch die kurvenreiche, alte Strecke an den Berghängen, die bald in einen Dornröschenschlaf fallen dürfte.

Gigantisches Straßenprojekt entlang des Lepenac.
Prishtina, Kosovo.


Nach zwei Stunden sind die 92 km zurückgelegt und ich bin in der Hauptstadt des Kosovo, dem UEFA-Mitglied Nr. 55! Der Busbahnhof liegt etwas außerhalb der Innenstadt. Für nur drei EUR ("Special Price!") fährt mich ein Taxi vier Kilometer durch die Dunkelheit zum Hotel Prima - und ich wollte zu Fuß gegangen sein... aber Glück gehabt! Irgendwann später würde ich die gleiche Strecke im Taxi bei eingeschaltetem Taxameter zurücklegen: 2,75 EUR. Bett & Zimmer machen dem Namen des Hotels alle Ehre und so verbringe ich nach 18 Reisestunden eine angenehme Nachtruhe.


2. Tag (Freitag, 19.10.)

Freitag. Leider spielfrei. Dafür Zeit für einen Ausflug ins 40 Kilometer nördlich gelegene Mitrovica.

Obwohl der Busbahnhof von Prishtina über mindestens zehn Bussteige verfügt, bekomme ich auf Nachfrage, wo denn der Bus nach Mitrovica abfährt, nur Finger zu sehen, die irgendwo nach draußen deuten "... outside.... bridge...". Fahrpläne sind ohnehin Fehlanzeige. Natürlich stehe ich zuerst an der falschen Bridge, kann aber meinen Fehler alsbald korrigieren und an einer unbeschilderten Straßenecke in den tatsächlich richtigen Bus steigen. 1,50 EUR sind für die eine gute Stunde dauernde Fahrt abzudrücken.

Bushaltestelle nach kosovarischer Art.
Stillgelegtes Industriekombinat Trepča, Mitrovica.


Kurz vor der Einfahrt nach Mitrovica passiert man das ehemalige Industriekombinat Trepča, wo früher bis zu 20 000 Menschen arbeiteten, um die verschiedensten Bodenschätze zu fördern und aufzubereiten. Seit dem Jahr 2000 ist es geschlossen und das Gelände wurde nie saniert. Als dort später Flüchtlingslager eingerichtet wurden und man wiederum ein paar Jahre später bei dort lebenden Kindern Haarproben nahm und untersuchte, wurden die höchsten jemals bei Menschen ermittelten Bleiwerte festgestellt. Die Gegend ist bis heute extrem von Schwermetallen verseucht.

Für den Fußball in Mitrovica ist Trepča insofern von großer Bedeutung, als daß das Kombinat der Namensgeber des örtlichen Fußballvereins KF Trepča ist. Ja, es gibt im heutigen Mitrovica genau genommen drei Vereine Trepča, die auch die gleichen Vereinsfarben und ähnliche Wappen führen. Hintergrund ist der ethnische Konflikt zwischen der serbischen und albanischen Bevölkerung der Stadt. Ich glaube es war 2017, als es bei "11 freunde" einen lesenswerten Artikel über Mitrovica und seine drei Klubs gab. Dort heißt es zum Schluß "...Die Frage, welches Trepča das einzig wahre ist, muß einstweilen unbeantwortet bleiben." Weil selbst auf wikipedia nur eine einseitige Version der Hintergründe zu lesen ist und ich nicht irgendwelchen Mist verbreiten will, bleibt mir nur der Verweis auf "11 freunde". Wen es interessiert: Ich kann das Heft bei Bedarf mal ausleihen ;-).

Die Farben des Fußballclubs KFTrepça.


Stadiumi Olimpik Adem Jashari, Mitrovica.


Zuerst steuere ich das Adem-Jashari Stadion an. Es ist der größte Ground im Kosovo (für 28 500 Zuschauer) und trägt den Namen eines UÇK-Mitbegründers. Klar, daß hier nur Albaner kicken und keine Serben mehr. Das war vor dem Kosovo-Krieg anders. Irgendein Sicherheits-Heini springt plötzlich aus seiner Hütte und verbietet mir das Fotografieren. Egal, da hab ich schon alle meine Eindrücke von der Stadionumrundung im Kasten.

Nicht weit davon entfernt, näher zum Stadtzentrum hin, liegt das kleinere Riza-Lushti-Stadion. 2015 hat ein Brand die Mitte der Haupttribüne schwer beschädigt, aber heute präsentiert sich das Bauwerk in einem sehr ansehnlichen Zustand.

Stadiumi Riza Lushta und Partisanen-Monument im Hintergrund, Mitrovica.



Mutter Teresa, geb. in Skopje, gestorben in Kalkutta.

Nach dem Kosovo-Krieg 1999 wurde Mitrovica de facto in einen Nord-(Albaner) und einen Südteil (Serben) gespalten. Bis heute ist die Brücke von Mitrovica auf der serbischen Seite durch Blockaden für den Straßenverkehr gesperrt. Aufgrund der jeweiligen Beflaggung kann es für niemanden Zweifel daran geben, auf welcher Seite man sich gerade befindet. Ich zitiere nochmal den Taxifahrer von Belfast: "Alles eine Frage der Identität." So wundert es mich auch nicht, daß hier immer noch KFOR-Autos durch die Straßen düsen.

Brücke von Mitrovica.
Massive Barrieren am Nordende der Brücke.


Serbische Beflaggung.


Moschee und Trepča-Loren (im Vordergrund).
88% der Bewohner des Kosovo sind Albaner.


Im Südteil findet gerade das Freitagsgebet der Muslime in und um der Moschee statt. Frage mich, was die Gläubigen im Winter bei eisigen Temperaturen machen? Ob sie dann auch draußen verweilen? Mit dem nächsten Bus geht es für mich zurück nach Prishtina.

In Prishtina sind die Sehenswürdigkeiten nicht gerade üppig gesät. So nimmt man die Bill Clinton-Statue am Bill Clinton-Boulevard gerne mit. Warum nur muß ich grinsen, wenn ich Bill da oben stehen sehe? Auch hab ich keine Ahnung, was er da in seiner rechten Hand hält. Eine Zigarrenkiste wird es sicherlich nicht sein...

Der Kosovo bedankt sich bei Bill Clinton für die Unterstützung der USA im Kampf gegen
(Rest-)"Jugoslawien" 1998/99 mit einer Drei-Meter-Statue.


Mit dem Bus 7B versuche ich, das alte Stadion des FC Prishtina zu finden. Hab zur Orientierung nur einen Routenplan der städtischen Busse dabei und bringe wohl irgendwas durcheinander. Ergo: Ich lande außerhalb der Stadt in der Pampa und weit und breit kein Stadion zu sehen. Mission failed.

Nach der ersten warmen Mahlzeit des Tages beim Türken (Linsensuppe, Döner, Cola und Espresso zu 5 EUR), nehme ich noch das Newborn-Monument und den Mutter Teresa-Boulevard in Augenschein, bevor es dunkel wird.

Lost in... Llukar.
Gedenkstein für Opfer von NATO und KFOR in Prishtina.


Der morgige Tag darf auf keinen Fall ohne Fußball verlaufen. Immer wieder schaue ich auf die Verbandsseite des Kosovo und dort ist unverändert zu lesen, daß alle Spiele des Wochenendes zeitgleich am Sonntag durchgeführt werden. So bleibt mir nichts anderes übrig, als wieder zurück nach Mazedonien zu zuckeln, mir in Tetovo das Zweitligaspiel Teteks - Gench Kalemler Gostivar anzusehen und wieder nach Prishtna zurückzukehren. Aber auf diese Busfahrerei hab ich gar keinen Bock.

Als ich irgendwann beim Espressoschlürfen mal die site des FC Prishtina (für den Länderpunkt visiere ich, da am bequemsten zu erreichen, FC Prishtina - KEK-u im stark renovierten Fadil-Vokrri-Stadion an) ansurfe, bekomme ich große Augen und ein wohliges Gefühl macht sich in meinem Magen breit: Kick-off ist am Samstag, 15 Uhr. Soll ich einer Vereinsseite mehr als einer Verbandsseite trauen? Ja, die Hoffnung stirbt zuletzt. Und ich "muß" nicht geschätzte zweimal dreieinhalb Stunden in einem Bus nach/von Tetovo verbringen.  


3. Tag (Samstag, 20.10.)

Für mich wird es erst ab 15 Uhr ernst. So lasse ich mir für den Vormittag vom Hotel-Chef einen Fahrer zum Amselfeld organisieren.

In den frühen 1980er Jahren erfuhr man vor deutschen TV-Bildschirmen ja nur, daß Amselfelder (Wein) ohne Stiele und Stengel gekeltert werde [Für die Jüngeren unter uns: So lautete die Werbebotschaft für Amselfelder.]. Als aber 1989, 600 Jahre nach der Schlacht zwischen Serben und Osmanen an dieser Stelle, der jugoslawische Präsident Milosevic eine nationalistische Rede hielt und dem Kosovo die unter Tito teilweise gewährte Autonomie entzog, wurde auch ich mir bewußt, daß es sich bei dem Amselfeld um einen historischen Ort handeln muß.

Der Gazimestan ist ein Turm, der 1953 aufgestellt wurde, um an die Schlacht auf dem Amselfeld zu erinnern. Dort steht geschrieben, daß es Pflicht eines jeden Serben sei, für sein Vaterland zu sterben. Heute wird der Turm streng bewacht (ich muss während des Besuches meinen Ausweis beim Wachpersonal abgeben), denn den Kosovo-Albanern (Übrigens: "Kos" ist das serbische Wort für Amsel) ist der Klotz ein Dorn im Auge.

Gazimestan
Schlacht auf dem Amselfeld (1389): Aufstellung der Heere.


Von oben habe ich eine gute Aussicht auf die Umgebung. Amseln gibt es hier keine mehr, sie wurden von Dohlen und Nebelkrähen verdrängt.

Heute lerne ich gar ein neues Wort. Türbe! Eine Türbe ist eine muslimische Grabstätte (ähnlich wie Mausoleum). Eine solche steht nur ein paar Autominuten vom Gazimestan entfernt. Diese Türbe ist das älteste türkische Bauwerk im Kosovo. 1389 wurde hier der osmanische Heerführer Sultan Murad I. getötet. Als wir dort ankommen, verschwindet gerade eine türkische Diplomaten-Delegation, eskortiert von viel Polizei. Nun bin ich mit Murad allein. Wahrscheinlich hätte ich ihn (bzw. seine Eingeweide, denn nur die werden hier aufbewahrt) unbemerkt mitnehmen können. Als ich raus gehe, kommen hektisch einige Diplomaten und Polizisten zurück und sichern das Gebäude.

Türbe von Sultan Murad I.


Auf dem Rückweg frage ich meinen Fahrer, ob er mich noch am alten Stadion vom FC Prishtina vorbeifahren kann. Er kennt kein solches und so halte ich ihm einen Stadtplan unter die Nase. Ob ich nicht lieber einen Park besichtigen wolle, fragt er. Nein, es muß dieses (ehemalige ?) Stadion sein. Irgendwann stehen wir vor einer Halle, in der offensichtlich kleine Jungs Fußball spielen. Ein Mann dort erklärt mir freundlich auf Deutsch, daß es hier nur diese Halle gäbe und keinen Sportplatz. Na ja, einen zweiten Versuch war es wert.


UÇK: Befreiungsarmee als Straßenname.


Ich hab hier nichts gegessen. Hätte nur Schluckauf bekommen... Isch schwöre!


Nein, das Foto wurde NICHT in Sachsen aufgenommen.


Stadiumi Ramiz Sadiku, Prishtina


Im Süden der Stadt, in der Nähe des Hospitals, habe ich später etwas mehr Glück. Das per google maps als LOST GROUND eingeschätzte, namenlose Gelände entpuppt sich als aktive Spielstätte des KF Ramiz Sadiku. Sadiku war ein albanischer Volksheld und fiel im Zweiten Weltkrieg. Ich schaue gemeinsam mit einer handvoll Jugendlicher ein wenig dem Training auf dem Rasen zu.


20.10.18   *   FC Prishtina - KF KEK-u Kastriot   3:0   *   1. Liga   *   Stadiumi Fadil Vokrri, Pristina   *   400 Zuschauer

Pünktlich 14 Uhr und damit eine Stunde vor Anpfiff laufe ich dann aber am Stadiumi Fadil Vokrri ein. Ein Mann mit gelber Sicherheitsweste steht mit einem Stapel Eintrittskarten in der Hand herum. Geil, allerletzte Zweifel beseitigt. Hier und heute fällt Länderpunkt 62 bzw. UEFA 54/55 (und ein Kick morgen in Skopje ist auch noch drin).

Im Hintergrund: Grässlichkeit hat einen Namen: Youth and Sports Center Prishtina.


Bin lange Zeit einziger Besucher im Ground. Zur Unterhaltung tönen zwei, maximal drei verschiedene Lieder in Dauerschleife durch die Lautsprecher. "Prisch-tin-e-eeeeehhhh...." in kaum unterscheidbaren Variationen. Erst kurz vor Anpfiff stürmt ein Haufen junger, sehr junger Ultras die Gegengerade. Deren Support ist analog der Musik vom Band: Eintönig und einfach nur langweilig. Wer nicht mitjohlt, wird von dem Capo verscheucht. Nur ich darf bleiben, will es aber nicht. Das Match ist mäßig, alle drei Tore fallen erst in der zweiten Hälfte. Abwechslung durch ein Stadionprogramm oder etwas Kaffee gibt es nicht. Tippe auf etwa 400 Zuschauer. Fans vom Team des Energiekonzerns KEK-u kann ich keine ausmachen. Um 16:45 Uhr ist das Ziel dieser Tour erreicht!



Die letzten maximal zwei hellen Stunden des Tages nutze ich, um das Stadion des KF Flamurtari zu spotten. Als mich das Taxi an der Straße rausläßt, stehe ich - wie am Vormittag schon - vor einer Fußballhalle (Ambiente: Pferdestall). Doch in diesem Falle gibt es den erhofften Sportplatz dazu. Gar mit einer schicken, landesüblichen Tribüne. Wie mir ein im Stadiumi Fadil Vokrri gefundener Ticket-Fetzen verriet, spielt die erste Mannschaft des KF Flamurtari hier am Clubhaus nicht mehr.

Tribüne am Vereinsgelände des KF Flamurtari


Wohin der Weg des Kosovo führt, weiß keiner so genau...




Den Abend des erfolgreichen Tages lasse ich im Eis Caffee Venezia 2, daß für die Tage in Prishtina zu meiner Stammkneipe geworden ist, bei ein paar Espresso ausklingen. Hier im Café gibt es vermutlich alles, nur kein Eis. Das Schild scheint mir von einer Eisdiele im deutschsprachigen Raum hier in den Balkan gebracht worden zu sein. Sehr nett!


4. Tag (Sonntag, 21.10.)

Bus von Prishtina nach Skopje zu 5,50 EUR * 1x Übernachtung mF im Astera Apart Hotel, Skopje zu 40,71 EUR

Bin ich schon um 8:50 Uhr am Busbahnhof in Prishtina, kommt der 9:00 Uhr-Bus nach Skopje einfach nicht. Weiterreise also erst um 10 Uhr. Diesmal dauert es an der Grenze etwas länger. Das mein Reisepass keinen Ausreisestempel bekommt, muß hoffentlich nichts bedeuten.

Check-In im Hotel gegenüber des Bahnhofs.


Doppeldecker in Skopje.

 

In diesem Verschlag vor meinem Hotel leben Leute. Flüchtlinge?
Meine Unterkunft: Asteras Apart Hotel. Die Welt ist manchmal ungerecht!


Für den heutigen Tag hab ich mir das Spiel Vardar Skopje - KF Shkendija Tetovo im schon gespotteten Philip-II-Stadion vorgemerkt. Doch zuvor möchte ich das nach Eisenbahn klingende Stadion Železarnica umrunden. Ich gehe zum Taxistand am Bahnhof und bin schnell von Fahrern umringt. Ich tippe mit dem Finger auf einen Ausdruck von google map: Železarnica! Allgemeines Rätselraten. Als ich als Deutscher enttarnt werde, wird nach Easy (oder Isi ?, eigentlich Ismet) gerufen. Der steht in der Nähe und spricht perfektes Deutsch. Jetzt nimmt der Tag an Fahrt auf.

Ja, er kann mich zu diesem Stadion bringen. Prima, einsteigen! Easy ist vielleicht Ende 30 und voller Energie. Er redet ununterbrochen. Der Lebenslauf von Easy ist genauso rastlos wie er selbst: Zehn Jahre war der Albaner in Deutschland. Ich erfahre von seiner Kneipe in Lippstadt, von seiner Teilnahme am Sprachkurs als Asylant, von seiner Führerscheinprüfung in Deutschland und dem Verlust seines Lappens wegen Alkohol am Steuer. Jetzt ist er verheiratet und hat einen kleinen Sohn.

Zuerst landen wir am Stahlwerk Arcelor Mittal. Der Pförtner erklärt Easy den Weg zum Ground: Liegt quasi umme Ecke. Hier wirkt alles ziemlich verlottert. Vor dem Clubhaus des Vereins Metalurg Skopje hängen zwei Albaner ab. Easy quatscht die an, so wie er jeden und alles anquatscht. Keiner da, alles zu. Das Spielfeld ist von einem fast blickdichten Metallzaun umgeben. Da es so schwierig wird, etwas vom Innenraum abzulichten, rüttelt Easy heftig an jedem Tor und will für mich Teile des Zaunes umbiegen. Lieber nicht! Fast auf dem Boden liegend, kann ich doch einen Einblick kriegen.

Blick ins Stadion Železarnica, Skopje.


Sloga Jugomagnat ist offiziell nicht der Vorgänger des heutigen FC Shkupi.


Ich will nun zur Philip-II-Arena, zum Vardar-Spiel. Doch Easy hat verstanden, daß ich Stadien liebe und so entscheidet er sich ungefragt, mich vorher noch zum Stadion Čair zu fahren. Dort spielen "wir Albaner", wie Easy sagt. Der Ground des FC Shkupi (albanisch für Skopje, schon klar, ne?) sagt mir nix. Als wir ankommen, herrscht dort reger Betrieb, denn auch hier wird gleich gespielt.

Easy fällt mehreren Polizisten um den Hals, begrüßt zahlreiche Leute (wie hochrangige Mafiosi in amerikanischen Gangster-Filmen) und haut Offizielle an, um uns schon vor dem geplanten Einlaß ins Stadion zu bringen. Das klappt nicht. Easy läßt nicht locker, er will mir unbedingt das Stadion "seiner Albaner" von Innen zeigen. So marschiert er mit mir schnurstracks an der Polizei vorbei durch die einzig offene Türe ins Stadion und wir stehen zwischen den Spielern von Shkupi. Lerne: Wirke selbstsicher, zielstrebig, sei dreist und mutig - und Du kommst überall hin. Vermutlich wäre Easy auf diese Art auch bis ins Schlafzimmer der Queen vorgedrungen. Easy ist es wichtig, daß ich genug Fotos machen kann und hält mir den Rücken frei. Geiler Ground, tolle Atmosphäre! Dann geht es im Eilschritt zu seinem Auto, einem "privaten" Taxi, und wir rasen zum Philip-II-Stadion in die Innenstadt zurück.

Shvercerat ("Währungsschmuggler"): Sympathisanten von Shkupi


Philip-II-Stadion, Skopje


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