"Wenn Du ein Land kennenlernen willst, gehe nicht zu den Ausgrabungsstätten, sondern in die Tavernen." Das habe er so oder so ähnlich einmal gelesen. Michael Höller hat den Spruch nur etwas abgewandelt und ihn zu seinem Lebensmotto gemacht: "Statt Tavernen sind es bei mir eben Stadien."[Allgemeine Zeitung / Rhein Main Presse, 1.8.2015]

 

Tickets, Tickets, Tickets

Das letzte EURO-Turnier in den Alpen hat mich nicht besonders interessiert, weswegen ich damals kaum Bemühungen unternommen hatte, vor Ort präsent zu sein. Hohe Preise in der Schweiz und ein Exotik-Faktor von NULL. Ne, das mußte nicht sein...! Ganz anders natürlich 2012 die EURO in Polen und in der Ukraine. Ich mit meinem Faible für Osteuropa: Noch viele unbekannte Städte (von den acht Spielorten kenne ich nur drei), weite Entfernungen, fremde Eisenbahnstrecken, tolle Stadien, rätselhaftes Essen, weiche Währungen und harte Betten. Das wird sicherlich ein Spaß!!!

Doch am Anfang steht das Ticket, bzw. dessen Beschaffung. Ich bewerbe mich bei der UEFA um Karten für das Spiel A2-A3 in Warschau, die Viertelfinals in Donezk und Kiev sowie fürs Endspiel, jeweils Kategorie 3.

24.3.2011:   Das Ergebnis der Ticket-Verlosung: Zusage für das Viertelfinale in Donezk Kategorie 3. Jepp! Aber 2 233 km für nur ein match? Nicht ein Ding der Unmöglichkeit, aber noch ein paar Spiele dazu wären fein.

Im Spätsommer beginnt auf uefa.com der Ticket-Resale. Hier können angeblich bei der Verlosung zugeteilte Karten von Privatleuten wieder angeboten werden. Warum "angeblich" werde ich später erklären. Jetzt bin ich Dauergast in diesem Portal, klicke - wie schon zur WM 2006 - im Sekundentakt den Refresh-Button. Tagelang ist nichts im Angebot. Weder morgens, mittags, abends noch in der Nacht. Immer erscheint unter Individual Match Tickets nur "Dieser Eintrittskartentyp ist nicht verfügbar."

Es muß Ende August gewesen sein, als - welch Wunder - tatsächlich Karten im freien Verkauf landen. Für das ein oder andere Gruppenspiel in Kiev oder Donezk. Die nutzen mir nichts, will ja nicht zweimal in die Ukraine fliegen müssen.




1.9.2011:  Der große Tag!!! Plötzlich sind von einer Sekunde auf die andere gleich für ein Dutzend Spiele Karten zu haben. Verrückt. Sogar Kategorie 3 fürs Finale zu 50 EUR wird angeboten. Deswegen vorhin "angeblich". Denn wer ist schon so blöd und gibt Endspielkarten aus der Hand??? Die tickets kommen sicherlich auch aus anderen Quellen. Sonst ist das nicht erklärbar. Ich klicke flugs ein paar Tickets in den Warenkorb, sichere die Auswahl und starte den Bezahlvorgang. Sekunden vergehen wie Stunden. Bis zur Meldung "Sie haben keine Auswahl getroffen" oder so ähnlich. F**k!!! Ich probiere es nochmal und nochmal. Die Endspielkarten sind natürlich schon längst weg. Es wäre auch zu schön gewesen. Doch auf einmal die Erfolgsmeldung: "Your ticket order has been successful." Ich hab das Viertelfinale in Kiev Kategorie 2 gekriegt. Yeah! Aber es geht noch weiter. Fast jede Viertelstunde kommt ein neues Kontingent ins Portal. Bleibe am Drücker bzw. an der Tastatur. Auswählen, bezahlen wollen, auswählen, bezahlen wollen, auswählen, bezahlt! Der Wahnsinn: Hab das Eröffnungsspiel in Warschau Kategorie 3 und dazu das Gruppenspiel B3-B4 Kategorie 3 am Tag darauf in Lemberg ergattert. Kurz darauf klappt es noch einmal: Gruppenspiel C3-C4 in Posen Kategorie 2 am ersten Turnier-Sonntag. Damit hab ich Karten für drei Spiele an drei Tagen in Folge beisammen. Ich bin mehr als zufrieden. Die Freude wird nur kurz etwas getrübt als ich merke, daß Warschau -> Lemberg per Zug nicht zu machen ist. Obwohl Luftlinie nur 338 km auseinander, braucht man auf der Schiene dafür 10 bis 14 Stunden - in eine Richtung. Wenn abends um 19:45 Uhr in Warschau das Spiel zu Ende ist, schafft man es nicht bis 20:45 Uhr am nächsten Tag bis nach Lemberg. Geschweige denn am nächsten Tag wieder zurück und dann weiter nach Posen. Posen liegt Luftlinie 278 km von Warschau, ist aber unter drei Stunden Zugfahrt zu erreichen. Mal sehen, welche Möglichkeiten sich da bis Juni 2012 noch auftun. Notfalls wird Lemberg gestrichen, basta!

Obwohl ich eigentlich jetzt für meinen Geldbeutel genug Tickets (für fünf Spiele und fünf Grounds) beisammen habe, kann ich es nicht lassen, mich immer wieder ins Resale-Portal einzuloggen. Man weiß ja nie...  Jetzt sind durchgehend Karten verfügbar. Vor allem für Kiev und Donezk. Ab und zu auch für Charkow, Lemberg oder Warschau. Posen und Breslau sind ganz selten. Und für in Danzig hab ich nie welche gesehen. Karten für Spiele in Polen sind meist in Sekundenschnelle weg, während die für in der Ukraine auf deutlich geringeres Interesse stoßen.


4.9.2011: Mir gelingt es, das Halbfinale in Warschau Kategorie 3 zu ordern. Ich könnt durchdrehen!

8.9.2011: Wunder gibt es immer wieder! Waren eben nur die üblichen Kiev- und Donezk-Karten im resale, erscheint nach dem gefühlten 745 899sten Refresh-Drücken Spiel 31: Finale, Kiev, Kategorie 3, 50 EUR. Was geht denn da ab? Wo ist die Kreditkarte? Auswahl gesichert. Mit zittrigen Fingern die Bezahldaten einge-tippt. Bloß keinen Fehler machen und ab damit. Ungewöhnlich schnell ist der Bezahlvorgang beendet: "Your ticket order has been successful." Ne, oder? Doch, es stimmt: Finale in Kiev Kategorie 3 erwischt!!! Ein Sechser im Lotto ist ein Dreck dagegen! Man bedenke, Kategorie 1 für das Finale kostet hochoffiziell 600 EUR. In Kategorie 3 ist man für ´n schlappen Fuffziger dabei! Genau richtig für mein low budget.

An diesem Abend muß ich meiner Frau schwören, mich nie wieder ins Ticket-Portal einzuloggen, um weitere Karten zu ordern. Diesen Schwur halte ich... vielleicht.

8.5.2012: UPS meldet per mail, daß die EURO-tickets versandt wurden. Wurde auch mal langsam Zeit!



10.5.2012: Pünktlich um 9 Uhr klingelt der UPS-Kurier und übergibt drei Umschläge, die die ersehnten Tickets enthalten! Nett anzusehen, nur leider im Hochformat, die wichtigsten Daten in kleiner Schrift und Spielort und Stadion stehen nur auf dem Abriss drauf, der vermutlich beim Arenaentern verloren geht.

 

 

REISEROUTEN BEIDER TOUREN * blau = Flug (gestrichelt = ab/nach Deutschland), rot = Eisenbahn, schwarz = Auto

Reisevorbereitungen

4.10.2011: Wesentliche Reisevorbereitungen abgeschlossen: Vier Nächte in Ho(s)tels und fünf Flüge gebucht. Nicht mehr, um flexibel zu bleiben!  Und nicht weniger, um Wucherpreisen aus dem Weg zu gehen. Denn die warten auf den Spätbucher! Jetzt, wo sich viele Teams noch nicht einmal qualifiziert haben und keine einzige Partie steht, wird es schon an manchen "Stellen" eng: So hab ich z.B. den letzten verfügbaren Tagesflug am 24. Juni von Donezk nach Kiev in der Preisklasse zu 70,60 US-Dollar bekommen. Die nächst höhere Preisklasse: 350 US-Dollar.

Die Hotelpreise während des Turniers sind in den Spielorten überwiegend in schwindelerregende Höhen gestiegen. Zwei Beispiele aus "hrs": Ein EZ im "Monte-maxxx" ** in Warschau kostet am 8.6.2012 satte 364 EUR (sonst nur 50 EUR), ein EZ im "Wloski 'Businxxx" ***, Posen am 10.6.2011 gar 448,18 EUR (sonst nur 48,18 EUR - also das zehnfache). In der Ukraine sieht es insofern noch schlimmer aus, als das das Angebot an Hotelbetten knapp ist. In Donezk gibt es nicht ein einziges freies Zimmer! Die acht bis zwölf Unterkünfte sind schon längst von Offiziellen und Medienvertretern besetzt. Wieviele Hotels bis zur Endrunde noch fertig werden, ist ungewiss. Notfalls soll eine Zeltstadt in der Millionenstadt am Kalmius entstehen. Oder Shuttle- Flüge nach Kiev angeboten werden...?! Ich brauche jedenfalls für zwei Nächte ein Dach über dem Kopf. Bin darum jetzt bei couchsurfing.com angemeldet.

4.1.2012: Unterkunft während des VF in Donezk ist geritzt. Couchhoster Andrey wird mich während der zwei Tage aufnehmen! Dafür zicken die beim Hostel "Cinema Paradiso" in Poznan. Meine Zimmerbuchung zu ca. 35 EUR sei nicht gültig, das Hostel nicht verfügbar.  We have already inform you the reservation for 10.06.2012 is not valid, and we want to be sure, that you are informed about that. Für einen höheren Preis könne man mir jedoch ein Zimmer besorgen Noble Geste. Hab gleich bei hostels.com interveniert.

10.1.2012: "Natürlich" ist meine Buchung gültig, alles nur ein Mißverständnis, läßt mich das Hostel in Poznan wissen. Wahrscheinlich hat ihr Anna von hostel.com eine bitterböse mail geschickt. Danke Anna!

11.2.2012: Zwischen dem VF in Kiev und dem HF in Warschau werde ich für drei Nächte einen Abstecher nach Minsk machen. Züge fahren, soweit die Fahrpläne schon feststehen, ungünstig und Flüge sind noch relativ preiswert zu haben. So entscheide ich mich, weitere "Bausteine", d.h. Flüge und Hostels zu buchen. Komme jetzt insgesamt auf siebenmal je eine Ho(s)telnacht und zehn Flüge. Erholung geht anders.

11.5.2012: Nun sind es nur noch 30 Tage bis zur EURO und somit können Fahrkarten und Sitzplatzreservierungen für innerpolnische Züge online gebucht werden. Ich entscheide mich für den 3-Tage-Rail-Pass (PKP Intercity / "Polish Pass" für knapp 69 EUR inkl. kostenloser Reservierungen), wobei ich mal wieder ziemlich lange brauche, bis ich das endlich durchbekomme. Offen ist jedoch nach wie vor, wie die Strecke vom polnischen Grenzbahnhof Przemysl nach Lemberg (und vor allem wieder zurück) zurückgelegt werden soll. Direktzüge, die ins zeitliche Konzept passen, fahren nicht.

22.5.2012: Meiner Frau kommt die wirkliche glorreiche Idee, über einen Autoclub in Lemberg einen Fahrer zu finden, der uns an der polnischen Grenze empfängt, nach Lemberg fährt und uns direkt nach Spielende am Stadion abholt und zurück zur Grenze bringt. In der ehemaligen UdSSR gibt es wohl für fast jede Automarke einen Autoclub, in dem sich Fahrer und Freaks zusammentun, und u.a. Chauffeurdienste anbieten. Einen Fahrer des BMW-Club in Minsk hatten wir z.B. 2007 für unsere Fahrt zum Standesamt angeheuert. Einer mit BMW wollte 180 EUR haben, einer vom VW-Club nur 105 EUR. Den letzteren haben wir "gebucht". Somit ist jetzt die gesamte Reiseroute für die EURO organisiert.

28.5.2012: In einem dritten newsletter der polnischen Bahn wird mitgeteilt, daß es nun für die EURO 2012 "Direktverbindungen" von Krakau nach Lemberg gibt. Dabei handelt es sich aber lediglich um Züge, die an Spieltagen nach Lemberg ab Przemysl fahren und auch nur hin und nicht zurück. Passt alles nicht, also bleibt es bei unserem Chauffeur-Arrangement mit Juri.

13.6.2012: Erhalte von HostelBookers.com-Mitarbeiterin Sandra eine knappe mail. Inhalt: Man würde nicht mehr mit dem "Hotel Mir" in Kiev kooperieren und somit wäre meine dortige Buchung gecancelled. Das das die Nacht nach dem Finale betrifft, für die ich nun zwei Wochen vorher kaum mehr eine adäquate Bleibe zu 50 EUR finden werde, schreibt sie nicht. Aber ich weiß das! Dicken Driss!

20.6.2012: Nach dem Storno des "Hotel Mir" hatte ich über HRS für die Finalnacht in Kiev doch noch ein Zimmerchen zu moderatem Preiws (gar unter 50 EUR) ergattert. Als ich mir zwei Tage vor der Abreise noch die genaue Lage und die Anfahrt zum "Hotel La Vilia" ausdrucken will, werde ich stutzig. Die Markierung auf der Karte von HRS, wo das Hotel zu finden sein sollte, stimmt überhaupt nicht mit der Adresse und der Wegbeschreibng überein. Dort gibt es wohl alles, aber sicherlich kein Hotel. Die angegebene Straße Uspeshna findet google.map gar nicht, dafür aber ein "Hotel La Vilia" in der Academica Williams Straße, was wiederum zur HRS-Wegbeschreibung (Entfernung zur Metro Vasilkivska: 1,5 km) passt. Aber warum der andere Straßenname? Erst bei einem russischen Provider kann ich die Straße Uspeshna und gar das Hotel (nochmal ?) finden. Es liegt zeimlich weit am westlichen Stadtrand, fernab jeder Metrostation. Definitiv nicht identisch! Als ich noch auf die website des Hotels stoße, verstehe ich gar nichts mehr: In einer Grafik ist das Hotel an der Academica Williams Straße eingezeichnet, auf den Fotos des Hotels ist deutlich der Straßenname Uspehna zu lesen. Die HRS-hotline kann mir mitten in der Nacht nicht helfen, ich solle in einer e-mail mein Problem den Kollegen im "office" schildern. Gesagt, getan.

21.6.2012: Da sich HRS bis 14 Uhr nicht bei mir gemeldet hat (absolute Frechheit !), storniere ich kurzerhand das mysteriöse Hotel und angele mir bei opodo was Neues. Über 100 EUR ist dafür zu zahlen (na ja, *knurr*) und das Hostel soll direkt neben dem Finalstadion liegen! Kann kaum glauben, dass in einer solchen Toplage keine zwei Wochen vor dem Endspiel noch ein Einzelzimmer frei sein soll, was nicht mindestens 1 000 EUR kostet. Aber ich lasse mich ja gerne positiv überraschen. Oder ich schlafe die Nacht am Bahnhof, ist mir jetzt auch sch... egal!

  


 


8.6.2012 * Polen - Griechenland   1:1 * Eröffnungsspiel, Vorrunde Gruppe A * 18:00 Uhr * Stadion Narodowy w Warszawie, Warschau * 56 070 Zuschauer * Eintritt: 45 EUR für Kat. 3 plus Gebühren * Anreise: Flug Köln/Bonn -> Katowice mit wizz-air zu 43,99 EUR * Übernachtung oF im Etap Hotel Katowice zu 32,29 EUR * Bahnfahrt Katowice -> Warszawa Centralne zu 68,46 EUR für den Polish Pass (3 Tage-Rail-Ticket, gültig in ganz Polen)

1. Tag

Für mich beginnt am Nachmittag des 7. Juni das Abenteuer EURO 2012, meinem ersten Auswärtsturnier seit der EM 1992 in Schweden. Am Flughafen Köln/Bonn trifft neben mir auch Kölner Pöbel ein, lauthals die Onkelz singend: "...Senioritas im Arm, Tequila lauwarm...". Es geht aber nicht nach Mexiko, sondern mit einer halben Stunde Verspätung nach Katowice. Vom dortigen Airport bringt mich ein Shuttlebus über 33 km nagelneue, teilweise nur einspurige Autobahnen zum Bahnhof von Katowice, wo ich gegen 16 Uhr ankomme.



Ich will etwas Groundspotting betreiben und so werfe ich mein Gepäck ins Schließfach und lasse mich im Taxi zum Stadion von GKS Katowice fahren. Da an dem ganzen Gelände alles ziemlich alt und marode scheint, stechen die neuen Hochsicherheits-Drehkreuze, mit Kamera- und evt. auch Fototechnik ausgestattet, direkt ins Auge. Ein Tor ins Innere des grounds ist zwar verriegelt, aber nicht abgeschlossen und so kann ich reinschlüpfen, um ein paar bessere Fotos zu machen.



Danach lasse ich mich zum Stadion Slaski nach Chorzow bringen. Der Fahrer stellt dabei das Taximeter auf Tarif 4, die teuerste Stufe, ein. Will ihn fragen, ob das der Deutschen-Tarif ist, aber lasse es sein. Ansonsten verlaufen alle anderen von mir in Polen unternommenen Taxifahrten vollkommen korrekt und ohne Tricks. Das Slaski liegt ganz in der Nähe des GKS-Stadions am anderen Ende eines großen Parks am Stadtrand von Chorzow. Das Nationalstadion ist eine riesige Baustelle. Bis auf einige Kassenhäuschen und Teile der Außenmauern ist alles vom alten ground abgerissen worden. Das neue Marathontor (ähnlich dem alten angelegt) und die erste Dachkonstruktion steht bereits.



Mit der Tram geht es für mich weiter bis zur Raclawicka, wo das Stadion von Ruch Chorzow steht. Der ground ist relativ klein, sieht von außen unkomfortabel aus und ist gesichert wie eine Festung. Bei dem allgemein bekannten Hooligan-Problem in Polen wirkt eine an der Stadionmauer offensichtlich offiziell angebrachte historische, martialische Reiterszene auf mich sehr befremdlich.



Vom unweit des Ruch-Stadions liegenden Bahnhof Chorzow-Batory will ich weiter nach Zabrze zum Stadion von Gornik. Der Bahnhof ist menschenleer, die Ticket-Schalter sind zugemauert, Automaten gibt es ebenso wenig wie einen verständlichen Fahrplan. Erst als sich ein Mädchen auf eines der Bahnsteige verirrt, kann ich nachfragen und erfahre, daß der nächste Zug wohl erst in 40 Minuten fahren wird. Da es dann schon fast 20 Uhr sein wird, wird mir das zu spät (weil zu dunkel) und ich entscheide mich stattdessen, mit der Tram sechs Haltestellen zum Stadion OSiR Skalka nach Swietochlowice (berühmtester Sohn der Stadt: Glücksrad-Moderator und Dschungel-Camper Peter Bond) zu fahren. Der Ground liegt an einem kleinen Naherholungssee, ist frei zugänglich und hat den morbiden Flair wie so einige andere der polnischen Altstadien auch: Kaum Sitzschalen oder Bänke haben den Zahn der Zeit überstanden, fast nur noch die Betonbeine sind geblieben. Aber es gibt noch Spielbetrieb und der Rasen ist gut in Schuß.



Mit der Tram zuckele ich durch grau-schwarze Straßenzüge der Bergbau- und Hüttenindustriestädte bis Katowice-Glowny und nehme ein Taxi zum Etap-Hotel.


2. Tag

Schlecht geschlafen, am nächsten Morgen früh ausgecheckt, wandere ich wieder zur Glowny-Station zurück. Die Stadt ist eine Baustelle wie ehemals die am Pots- damer Platz. Zahlreiche Straßen in der Innenstadt sind unpassierbar, weil nicht nur der Tram- Knotenpunkt, sondern auch der Hauptbahnhof grundlegend erneuert wird. So brauche ich einige Zeit, bis ich den versteckten Zugang des provisorischen Bahnhofs überhaupt finde.

Hier sind Dutzende Polska-Fans unterwegs, einheitlich ausgestattet mit Trikots, Fahnen und Biervorräten. Im Zug nach Warschau sehe ich die erste Gruppe mit einem Papp-Schild, mittels dessen Eintrittskarten gesucht werden. Während der 2:45 h dauernden Fahrt steigen immer mehr Fußballfans zu (heute sind alle Polen Fußballfans), die sich nach Ankunft im Bahnhof Centralna in die Innenstadt ergießen. Sternförmig auf die Hauptstadt zu reisen aus allen Landesteilen polnische Fans an, um das Eröffnungsspiel entweder im Stadion oder in der Fanzone beim Public Viewing zu verfolgen.



Ähnlich wie München beim CL-Finale "dahoam" ist heute Warschau ganz in Weiß-Rot und die Stimmung und Atmosphäre genauso gigantisch! Ausnahmezustand pur! An keinem anderen Tag der EURO werde ich hier oder in einer anderen Stadt eine Stimmung erleben, die nur annähernd an den ersten Tag in Warschau heran-kommen wird. Ganz Polen erwartet einen historischen Augenblick und genießt es ganz offensichtlich, zumindest heute die Aufmerksamkeit der ganzen Fußballwelt zu haben.



Um 12 Uhr will ich mich an der südlichen Ecke des Centralna mit meinem Kumpel Chris aus Belgien und Ralph aus Hamburg (den ich bisher nur aus dem tooor.de- Forum kenne) treffen. Chris ist auf die Sekunde pünktlich, hat aber ein Reporter-/ Kamera-Team aus Brüssel im Schlepptau, die ihn interviewen wollen (was später auch gesendet wird) und verschwindet mit denen kurz auf der Fanmeile. In der Zwischenzeit kommt Ralph und man begrüßt sich. Ich lerne in ihm einen netten Kerl und zuverlässigen Reisebegleiter kennen. Endlich zu dritt, geben wir unser Gepäck am Bahnhof auf und fahren im Taxi zum neuen Stadion von Legia, der Pepsi- Arena raus. Natürlich kommen wir nicht rein, lungern kurz im Addidas-Shop herum und gehen zu Fuß in die Innenstadt zurück.



Nach unserem Mittagessen fällt ein erster heftiger Regenschauer. Mit der Tram fahren wir den kurzen Weg zum Stadion, trennen uns von Ralph (der in Kat. 1 und somit ganz woanders sitzen wird als Chris und ich) und gucken uns noch was um. Kaum Schwarzmarkt, umso mehr sind Flaggen-auf-die-Backe-Maler(innen) unter- wegs.





Plötzlich ein großer Tumult, als einige FEMEN-Aktivistinnen mit freien Oberkörpern lauthals "Fuck the EURO!" schreien und mit Feuerlöschern um sich spritzen. Von denen hatte man schon im TV was gehört bzw. vielmehr was gesehen. Mit EURO ist selbstredend nicht die Währung oder die EU gemeint, sondern die Sportveran-staltung, die heute hier eröffnet wird. Sofort sind die Mädels von Passanten und Presseleuten umzingelt. Ich muss im Auftrag dieser Website auch fotografieren, ist ja logisch! Fast genau so schnell wie die Journalisten da waren, erscheinen nun Sicherheitskräfte und Polizisten auf der Bildfläche. Sie versuchen die Aktivistinnen zu trennen, abzudrängeln und mundtot zu machen, ohne dabei zu sehr brutal zu werden. Doch das gelingt denen nur schlecht, denn die Mädels kreischen hysterisch wie von Sinnen immer weiter "Fuck the EURO !" und wenden sich wie Aale immer wieder erfolgreich aus dem Zugriff. Es braucht - ich übertreibe nicht - mehr als zehn kräftige Kerle, um eine von den Furien zu fixieren. Die Aktivistinnen werden halbnackt weggetragen und vermutlich erstmal eingebuchtet. Als wolle der Himmel die Damen rächen, setzt unmittelbar darauf sintflutartiger Regen ein.



Sofort flüchten alle vom Vorplatz und versuchen, sich irgendwo unterzustellen. Chris und ich suchen Schutz unter Bäumen, dicht gedrängt an einen Zaun. Es hilft nichts, wir werden nass bis auf die Knochen. Die tickets duchweichen, in der Spiegelreflex steht das Wasser... unglaublich! Als der Regen leicht nachläßt, gehen wir schnell ins Stadion rein.


Die Kontrollen verlaufen wie folgt ab: Zuerst zeigt man sein Ticket vor, was auf der Rückseite in einem dafür vorgesehenen Feld (mit einem Spezialstift ?) abgehakt wird. Danach wird man mehr oder weniger gründlich durchsucht und ("Adler machen") abgetastet. Am Blockeingang wird darauf geguckt, ob das Ticket einen Haken hat und dann geht man, wenn der Barcode-Scan zuvor grünes Licht gegeben hat, durch das Drehkreuz. Die ganze Prozedur verläuft recht zügig.

Das Dach der Arena ist für das heutige Spiel geschlossen, so dass wir nicht befürchten müssen, während des Spiels noch nasser zu werden. Der Ground wirkt auf mich viel größer, als es die Zuschauerkapazität aussagt. Die Stimmung ist einfach großartig: Ausgelassene Feierlaune bei allen! Zu 95% ist das Stadion mit weiß- roten Polen bevölkert und es gibt auch eine etwa 1 000 Mann starke griechische Gruppe. Neutrale Zuschauer (so wie wir) kann ich nur wenige erkennen. An den Fressbuden kann man mit Bratwurst, Hamburgern u.a. (fr)essbares kaufen, zum UEFA-Preis. Ich erwähne das hier, weil das nicht unbedingt selbstverständlich ist, wie das weitere Turnier noch zeigen wird.





Wo ich im Stadion saß... ("I was there" von uefa.com)

Die Eröffnungszeremonie, wie allgemein üblich eine bunte Choreographie von Jugendlichen und/oder Tänzer(innen), ist angenehm bescheiden, da ohne bunte Showeffekte und recht kurz gehalten. Vor Anpfiff halten alle Zuschauer die auf den Plätzen ausliegenden Pappstücke (Brandgefahr ???) hoch und es ergibt sich im weiten Rund eine tolle Choreographie aus (so weit ich das sehen kann) den Flaggen der teilnehmenden Ländern und dem UEFA-Motto "Respect". Bevor die beiden Nationalhymnen erklingen, werden noch quasi die Vereinslieder der Verbände gespielt, das polnische hört sich ganz witzig an.



Pünktlich um 18 Uhr der Anstoß, die Stimmung ist auf dem Höhepunkt. Einige meinen ja, Eröffnungsspiele seien meist langweilig (und auch sonst nichts besonderes, was den leicht höheren Ticket-Preis rechtfertigen würde) - zumindest diesmal ist es anders! Die Gastgeber legen los wie die Feuerwehr, permanent unterstützt von einem frenetisch-euphorischen Publikum. Lewandowski macht das 1:0 und es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis die Führung ausgebaut wird. Nach dem Platzverweis ist das Spiel entschieden, so denke ich, denn die Griechen hatten bis dahin nichts gezeigt, was die Polen in Gefahr gebracht hätte. Aber es kommt anders: Die Hellenen machen den Ausgleich (ich gerade beim Pinkeln, wie immer...) und verschießen gar einen Elfmeter. Die Atmosphäre im ground kühlt deutlich ab, bleibt aber allgemein heiter. Das 1:1 ist bloß ein Ausrutscher und keiner der Weiß-Roten zweifelt daran, das Polska das Viertelfinale erreichen wird.



Lange nach dem Abpfiff treffen Chris und ich wieder auf Ralph. Die Hauptstraße vom Stadion über die Weichsel-Brücke bis ins Zentrum ist für den Verkehr vollständig gesperrt. So laufen wir, bei immer noch warmen Temperaturen und ohne Regen zum Bahnhof Centralna. Die Fanmeile liegt in unmittelbarer Nähe und so herrscht auch nach Mitternacht immer noch Party in Warschau. So ein verrücktes Fußballfest wird die Stadt so schnell nicht mehr erleben.




9.6.2012 * Deutschland - Portugal   1:0 * Vorrunde Gruppe B * 21:45 Uhr * Arena Lviv, Lviv * 32 990 Zuschauer * Eintritt: 30 EUR für Kat. 3 plus Gebühren * Anreise: Warszawa Centralna -> Krakow Glowny im Schlafwagen zu 32,05 EUR, weiter per Bahn bis Przemysl mit Polish Pass * bis zur ukrainischen Grenze (Medyka) im Minibus zu 0,46 EUR * Transfer von Sheheni nach Lviv durch VW-Club-Fahrer, anteilig 16,50 EUR *

Wir holen unsere Sachen von der Gepäckaufbewahrung und warten auf unseren 0:55-Uhr-Zug nach Krakau. Die Sonderzüge heimwärts sind randvoll mit Nordpolen und Südpolen (und die wiederum randvoll mit Tyske, oder wie deren Bier heißt). So sind wir froh, für die Reise nach Krakau einen Schlafwagen gebucht zu haben. Ralph und sein Waggon ist am Ende des Zuges, Chris und meiner an der Spitze. In den 3er-Abteilen sind wir zusammen mit einem Polen aus Krakau, der jetzt nach Hause und weiter nach Katowice fährt, um von dort aus mit Wizzair nach Kiev zu fliegen, um ein Vorrundenspiel zu sehen.

3. Tag

Das Abteil ist ziemlich staubig, weswegen wir am nächsten Morgen alle allergieartige Husten- und Niesattacken haben. Ankunft ist für 6:08-Uhr geplant, um 7:00 Uhr soll es weiter nach Przemysl (Wie man das ausspricht, weiß man bis heute nicht. Meist nennen wir es "Pr..." und nuscheln uns was dazu.). Doch unser Schlafwagenzug hat seine Eigenschaft ganz wörtlich genommen und braucht für die 320 km weit länger als die fahrplanmäßigen ohnehin lachhaften fünf Stunden. Wie kann das sein? Um 7:00 Uhr rollen wir in Krakau-Glowny ein und springen hektisch zum Gleis, wo unser Anschlußzug stehen soll. Doch der hat auch Verspätung, zehn Minuten. Durchatmen!

Der Zug nach Przemysl ist gut besetzt, aber richtig viele deutsche Fußballfans sind in ihm nicht unterwegs. Ich hatte das Szenario im Kopf, wir würden evt. die fünf Stunden gen ukrainischer Grenze im Gang stehend verbringen müssen. Alles, was mit der Reiseverbindung Krakau -> Lviv im Zusammenhang stand, war bis dahin völlig ungewiss: Wieviele Fans sind unterwegs? Wie sind die Grenzer drauf? Wieviel Zeit würde der Grenzübertritt in Anspruch nehmen usw. Im Vorfeld hatte dazu niemand gesicherte Erkenntnisse. Wie denn auch, es handelt sich hier um einen Ausnahmezustand, der mit dem normalen Grenzverkehr nichts zu tun hat.



Per Handy orten wir Ralph, der in einem anderen Krakauer Bahnhof umsteigen mußte, aber dennoch in unserem Zug sitzt. Die langweilige Fahrt verbringen wir mit quatschen, schlafen (und ich mit dem Herunterwürgen dreier trockener Brotkringel, die ich in Krakau als Frühstück erworben hatte).

Pünktlich erreichen wir Przemysl. Der Sonderzug nach Lviv, der vor wenigen Minuten hätte abfahren sollen, steht noch da. Man kann erkennen, daß sich viele Fans im Zug aufhalten. Am Bahnsteig, der von den anderen abgezäunt ist (da wohl schon zum Zollbereich der Ukraine gehörend), stehen viele Polizisten. Wir kümmern uns nicht weiter darum, sondern eilen zum Bahnhofsvorplatz und entern das einzigste Marschrutka, an dem "Medyka" steht. Der Kleinbus füllt sich schnell und nicht alle Deutsche kommen mit. Etwa 15 Minuen dauert die Fahrt bis unmittelbar vor den Grenzposten. Dort stehen Babuschkas herum (die mich zuerst an Omas auf Butterfahrt erinnern), die Vodka und Zigaretten anbieten. Die Preise dafür sind in der Ukraine wesentlich billiger und so pendeln die Omas mit der erlaubten Menge wohl täglich hin und her.



Wir nehmen den Fußweg über die Grenze, von dem man schon viel gehört hat. Es geht unverhofft ziemlich schnell. Erst passieren wir das polnische Grenzkabuff, dann latschen wir noch ein Stück und lassen uns im ukrainischen Häuschen das Einreinsedatum in den Reisepass stempeln. Eher unnütze Faltblätter für EURO-Reisende gibt es gratis dazu.



Hinter dem Zoll erwarten uns, wie abgesprochen und von meiner Frau hervorragend arrangiert, Juri und sein Freund Andrej vom VW-Club Lviv auf uns. Juri hat gegen Entgeld zugesagt, uns von der Grenze abzuholen und nach dem Spiel wieder dorthin zurück zu bringen. Beide wirken auf mich sehr jung, ruhig, bescheiden und vor allem seriös und nett. Von dem schlechten Zustand der Straßen zwischen Grenze und Lviv ist nichts zu merken. Der Asphalt ist ziemlich neu und Juri gibt Vollgas. Nur wenn uns entgegenkommende Autos mit Lichthupe vor Geschwindigkeitskontrollen warnen, geht er etwas runter.

Kurz vor Lviv steuern wir ein Restaurant in gehobener Landeskategorie an und bestellen mit Juris Hilfe ukrainische Gerichte. Besonderheit hier: Am Tisch gibt es eine Klingel, mit der man das Servierpersonal heranklingeln kann. Funktioniert wohl nicht ganz, denn zweimal erscheint der Oberkellner und mosert herum, was das Klingeln soll, obwohl wir gar nicht gedrückt hatten. Ich tausche mit Juri 30 EUR in Grivna und er installiert mir eine ukrainische SIM-Card, die er mir für mein Handy besogt hatte. Das Essen ist gut und preiswert (vier Gerichte und Getränke für ca. 18 EUR), nur die Portionen sind für uns etwas klein geraten.



Wir fahren anschließend weiter in die Innenstadt. Hier sind die Verkehrsverhältnisse ziemlich krass: Die Straßen sind gepflastert und die Pflastersteine weisen enorme Höhenunterschiede auf. Zwischendrin liegen noch die Tram-Schienen und machen das ganze noch schlimmer. Ich wundere mich sehr darüber, wie hier die Straßenbahnen überhaupt fahren können. Als Beifahrer im Auto bekomme ich recht schnell ziemliche Kopfschmerzen. Obwohl die Lviv Arena kilometerweit außerhalb der Stadt liegt, sind im Zentrum immer wieder ganze Straßenzüge für den Autoverkehr gesperrt. Ralph hat in einem Studentenwohnheim eine Unterkunft zu 120 EUR / Nacht gebucht, ohne jedoch bei der Reservierung eine Adresse zu erhalten. Weil Juri das Ding aber kennt, da er selbst dort studiert hat, finden wir es auf Anhieb. Genial! Während Ralph dort eincheckt, fahren Juri und Andrej Chris und mich sowohl zum Ukraina- (wo bisher Karpaty Lviv spielte) als auch zum SKA- Stadion, welches völlig neu bestuhlt wurde und u.a. als Trainingsplatz der deutschen Mannschaft dient. Dank Juris Initiative kommen wir in beide Grounds rein und können reichlich Fotos machen.






Es beginnt, wie am Vorabend, wieder stark zu regnen und nachdem wir Ralph eingesammelt haben, fahren wir zum Stadion raus, in dessen Nähe Juri wohnt. Weil Ralph keinen Schirm dabei hat, bringt Juris Freundin Oxana ihm einen vorbei. An der Hauptstraße, von der der einzige Weg zur Arena abzweigt, herrschen turbu- lente Szenen. Juri läßt uns dort raus und wir verabreden uns für nach dem Spiel wieder an dieser Stelle.






Die Szenerie rund um die Arena und der ground selber wirken auf mich irgendwie merkwürdig, auch wenn ich es zunächst nicht genau beschreiben kann, was so komisch ist. Die Arena ist gar nicht sooo toll, wie ich es durch Eindrücke von Bildern oder vom Fernsehen her gedacht hatte. Und trotzdem ist sie modern, westlich und genau so, dass sie gar nicht in diese Umgebung, in diese Stadt passt. Das ist es: Der ground wirkt wie ein Fremdkörper. Vor den Drehtüren Ostblock, im innern UEFA-Land.





12 000 Deutsche sollen im Stadion sein. Mich wundert es wirklich, wo die auf einmal alle herkommen, denn beim Herumfahren in Lviv haben wir kaum mal welche gesehen. Es wird bekannt, dass die Holländer ihr erstes Spiel verloren haben. Super! Die Stimmung geht in Ordnung. Es gibt eine Choreo mit Papierblättern, von denen später einige zusammengeknüllt auf dem Spielfeld landen, was wiederum in den Medien für Empörung sorgt. Aus Portugal sind auch einige Fans angereist, sogar beim Grenzverkehr in Medyka konnte man einige antreffen. Zur Halbzeit muß ich mich maßlos darüber ärgern, dass es an den Fressbuden nichts zu beißen gibt. Zwar stehen verschiedene sandwiches auf der Preisliste, doch es sind wohl im ganzen Stadion keine vorhanden. Unfassbar! Es wird eine EURO ausgerichtet und im Stadion gibt es nichts zu Essen. Die Schuldigen würde ich mal für ne Woche bei Atlanta-Brause und ohne feste Nahrung in der Lviv Arena einsperren. Das Spiel wird verdientermaßen , wenn auch nicht souverän, von der deutschen Elf gewonnen.



Nach dem Spiel gebe ich Chris noch etwas Zeit, sich wegen gebrauchter Tickets umzuhören. Danach laufen wir gemeinsam zum Treffpunkt, wo Juri schon auf uns wartet. Diesmal ist seine Freundin Oxana mit dabei und wir starten direkt durch in Richtung polnische Grenze. Unterwegs geraten wir in eine Polizeikontrolle, Juri muss sich ausweisen und wir können weiterdüsen. An der Grenze wollen wir endlich was essen, aber bis auf einen Süßigkeitenkiosk ist alles verrammelt. Wir verab-schieden uns von Juri und Oxana, entlohnen Juri für seine zuverlässigen Dienste und wandern durch die Zollstationen zurück nach Polen.

Dort haben wir ein Problem, mit dem ich gar nicht gerechnet hätte und was mir erst jetzt ins Bewusstsein rückt: Dort stehen mitten in der Nacht gar keine Minibusse oder Taxis, die Leute zum Bahnhof von Przemysl bringen wollen. Und es kommen immer mehr Deutsche über die Grenze. Ich male mir aus, wie sich 50 Leute um ein Taxi prügeln. So ein Mist! Zum Glück laufen die meisten Deutschen in irgendeine unbestimmte Richtung weiter, evt. zu einem Busparkplatz. Chris fragt zwei polnische Mädels, wie man an ein Taxi kommt und die geben uns den Tip, zur nebenan gelegenen Pizzeria zu gehen, um von dort zu telefonieren. Von allein würde um diese Zeit hier kein Taxi herkommen. So machen wir es auch. Die Bedienungen in der Pizzeria sind sehr freundlich und rufen für uns ein Taxi. Als ich meine Cola ausge-trunken habe und wir nach draußen gehen, rollt das Taxi gerade an und bevor wir an der Straße sind, haben sich schon zwei andere Deutsche reingesetzt. Als wir dem Fahrer erklären, dass wir ihn bestellt hätten, meinte er nur, in 5 min würde das nächste kommen und braust davon.

3. Tag

Ich gucke auf die Uhr und stelle erschreckt fest, dass schon in 15 min unser Zug von Przemysl abfährt. Wenn wir den nicht erwischen, müssen wir die Nacht am Bahnhof abhängen und kommen erst ziemlich spät in Poznan an. Es rollt ein Wagen vor und einer der drei Insassen spricht uns an, wo wir hinwollten. Offensichtlich haben wir das gleiche Ziel und für 10 EUR würde man uns mitnehmen. Nicht lange gefackelt, steigen wir ein und es geht los. Weit kommen wir nicht, denn nach 100 m werden wir von Zollbeamten gestoppt. Wer wir seien, wo wir hin wollen und was wir dabei hätten. Die Zeit läuft uns davon. Mit Taschenlampen wird das Wageninnere abgeleuchtet, auf eine Durchsuchung zum Glück verzichtet. Die Fahrerin rast nun los in Richtung Przemysl. Erst jetzt verstehen wir, dass die Fahrerin und ein Beifahrer als „schwarzes Taxi“ fungieren und der Dritte als Bekannter zufällig mitfährt. Uns ist es auch egal, als wir durch den Bahnhof joggen und wirklich auf den letzten Drücker den Zug nach Krakau erwischen. Geschafft haben es außer uns nur wenige andere Fußballreisende und so können sich Chris und ich in einem Abteil breit machen und bis zur Ankunft in Krakow Glowny ungestört schlafen.


10.6.2012 * Irland - Kroatien   1:3 * Vorrunde Gruppe C * 20:45 Uhr * Stadion Miejski, Poznan * 39 550 Zuschauer * Eintritt: 70 EUR für Kat. 2 plus Gebühren * Anreise: von Lviv Transfer durch VW-Club-Fahrer anteilig 27,50 EUR, Grenze Medyka bis Przemysl im illegalen Taxi zu 5 EUR * von Przemysl über Krakow und Warszawa nach Poznan Glowny im Zug mit Polish Pass * Übernachtung im Hostel Cinema-Paradiso, anteilig 17,50 EUR * Abreise: Flug mit Wizzair von Poznan nach Dortmund zu 112 EUR

Weiter geht es mit der Bahn über Warschau nach Poznan, wo wir nachmittags eintrudeln. Weil Chris für dieses Spiel noch keine Karte hat, fahren wir gleich nach dem Einchecken ins Hostel Cinema-Paradiso und einer Dusche zum Stadion. Es werden zahlreich tickets angeboten, doch noch weit über Normalpreis und Chris will noch etwas zocken, was ihm auch gelingt.

Währenddessen amüsiere ich mich über die zahlreichen Iren, die sich am Rande des Stadions an einer Kneipe mit Würstchenbude sammeln, saufen und lauthals ihre Lieder singen. Plötzlich ist ein Ball da, um den von nun an ununterbrochen mit vollem Körpereinsatz gekämpft und der vom jeweiligen Schützen unter Auferbietung allen fußballerischen Könnens in die Luft oder in die Menge gedroschen wird. Regeln gibt es keine, und wenn doch, nur diese: Auch die Stromleitung über den Köpfen aller darf getroffen werden, mehrere Bälle im Spiel sind erlaubt und wer mal einen Ball unwiederbringlich ins Nirgendwo kickt, wird gnadenlos ausgebuht und muß mit einer Bierdusche seiner Kumpels rechnen. Der Höhepunkt des Spiels kommt, als sich ein älterer, unbeteiligter Zuschauer unter die Spieler mischt, der - nun ja - eine gewisse Ähnlichkeit mit Irlands Couch Giovanni Trapattoni hat. Der Mann wird sofort von den irischen Fans umringt, beinahe in die Luft geworfen und jeder will mit ihm fotografiert werden. Er wird lautstark mit "Ohhh Trapattoni! He used to be Italian, but he is an Irish now!" gefeiert und genießt sichtlich die ihm unerwartet zu Teil gewordene Aufmerksamkeit. Ob der falsche Trapp tatsächlich kapiert hat, warum er hier so plötzlich Kultstatus erlangt? Ich wüßte es zu gerne.

















Zum Spielbeginn regnet es wieder. Der ground in Poznan ist nett, aber nichts Besonderes. Die Stimmung dagegen schon. Spiele mit irischer Beteiligung sind ja berühmt dafür. Schade nur, dass Trapps Elf schon im ersten match (gegen schwächsten Gegner der Runde) eine Klatsche erhält und somit der Traum vom Weiter-kommen nach nur 90 min ausgeträumt ist. No one beat the Irish? Maybe next time! Den Fans aus Irland zumindest hätte ich es sehr gegönnt. Dafür machen die Kroaten auf den Rängen Party und es werden auch Bengalos entzündet. Ein Freak rennt gegen Spielende quer über den Rasen auf Trainer Slaven Bilic zu, um ihn zu umarmen. Der ist darüber aber wenig erfreut und dürfte wohl froh gewesen sein, dass der Freak schnell eingefangen und abgeführt wird. Nach dem Spiel treffe ich mich mit Chris wieder und wir fahren zum Hostel zurück.







4. Tag



Am nächsten Tag schaue ich nach einer kurzen Besichtigung der Altstadt mit Chris beim alten Warta-Stadion vorbei. Das hier kein Spielbetrieb mehr stattfinden würde, habe ich geahnt. Aber nicht, dass das letzte match schon vor 20 Jahren stattgefunden hatte. Das Stadion besteht aus einem aufgeschütteten Wall. Von außen ist der Wall fast vollständig mit Bäumen bewachsen und die ehemaligen Ein- und Aufgänge sind ziemlich verrottet. Die WC-Anlagen werden von Obdachlosen genutzt.



Bei unserem Rundgang kommen wir an zwei ehemaligen Stadiongebäuden vorbei, in denen auch recht mittellose Leute leben. Von dort kann man ins Innere des Stadions schauen. Zwei scharfe Hunde halten uns aber ab, da mal einfach reinzugehen. Einer der Bewohner der Hütten bemerkt unser Interesse und lädt uns mit Händen und Füßen ein, an den Hunden vorbei mit ins Innere zu gehen. Das lassen wir uns nicht zweimal sagen. Auch die Innenseite des Stadionwalles ist mit dicken Bäumen und Sträuchern dicht bewachsen. Nur bei genauerem Hinsehen kann man noch einzelne Stufen auf den Rängen erkennen. Kann sein, dass auf dem Platz ab und zu noch irgendwelche Jungs herumbolzen. Habe jedenfalls noch nie in einem vollständig erhaltenen, toten Stadion gestanden. Es ist ähnlich wie das Poststadion in Berlin, nur dass man dort wohl noch den Rasen in Ordnung hält und offizielle Amateurspiele austrägt. Beim Rausgehen gebe ich dem Mann etwas Geld für Futter für die bedauernswerten Hunde.

Später kommen wir an der Hauptstraße an einem kleinen Denkmal vorbei, dass jüdische Embleme und die Wörter Miejski Stadion trägt. Später lese ich im Internet, dass in dem Ground während des 2. Weltkrieges Juden hingerichtet wurden (Fotos vom Warta-Stadion unter Stadionfotos -> Lost Grounds).

Am Bahnhof von Poznan trenne ich mich gegen Mittag von Chris. Er fährt zurück nach Warschau, um von dort nach Brüssel zu fliegen. Ich dagegen fahre im Bus zum Flughafen Poznan, von wo mich Wizzair nach Dortmund bringt. Fazit der 1. EURO-Tour: Geil war´s, mehr davon!!!




 

     

23.6.2012 * Spanien - Frankreich   2:0 * Viertelfinale * 21:45 Uhr * Donbass Arena, Donezk * 47 000 Zuschauer * Eintritt: 40 EUR für Kat. 3 plus Gebühren * Anreise: Bahnfahrt nach Frankfurt-Flughafen zu 32,50 EUR und Flug von Frankfurt über Kiev-Borispol nach Donezk mit Ukrainian International Airlines zu 234,08 EUR * Übernachtung bei Couchsurfing-Host (kostenlos) *

1. Tag

Über Kiev-Borispol erreiche ich am Freitagabend nach 21 Uhr den Flughafen von Donezk, ein modernes, riesiges und für das bisschen Luftverkehr völlig überdimen-sioniertes Gebilde.



Von meinem Couchsurfing-Host Andrej habe ich eine ziemlich genaue Beschreibung erhalten, wie ich zu unserem Treffpunkt, dem „Steak House“ in der Theatralny Ave., gelangen soll. Nur fährt nirgends ein Bus Nr. 1 ab. Die Volunteers sprechen zwar Englisch, haben aber von den Bussen keine Ahnung und die Mitarbeiter, die an den Bushaltestellen herumstehen, verstehen kein Englisch. Das Am-Taxistand-Schlangestehen-System durchschaue ich nicht, weil es – wie ich später erfahre – nämlich keines gibt. Nach einer ¾ Stunde kommt endlich ein Bus. Es ist zwar die Nr. 5, aber ich denke, Hauptsache mal vom Flughafen wegkommen, als dort noch bis Mitternacht stehen. Zum Glück erkenne ich die von Andrej beschriebene Stelle, an der ich in eine Tram umsteigen soll. Die Tram fährt ziemlich holprig durch die Straßen und weil der Fahrer ab und zu mal Weichen umstellt und nach jeder Haltestelle von den Eingestiegenen das Fahrgeld eintreiben muss, in dem er selbst durch die Tram läuft, dauert es halt ein wenig. Man kommt an der beleuchteten Donbass Arena vorbei und schon bald steige ich aus. Laut Stadtplan befinde ich mich mitten in der Innenstadt, doch die Gegend sieht eher wie ein schummriges Vorstadtviertel aus. Ziemlich dunkel und menschenleer.



Ich verlaufe mich noch ein paar Mal, bis ich das „Steak House“ finde. Sofort werde ich von Andrej (28), seinem Freund Sergej und der Couchsurfing-Koryphäe Misa (32, w) aus Tokio begrüßt. Die ganze Bar hockt vor der Großbildleinwand, um Deutschland – Griechenland zu sehen. Löws Elf führt bereits 1:0 und die weiteren deutschen Treffer werden frenetisch gefeiert. Wir essen und trinken gemeinsam, tauschen uns über die EURO und Couchsurfing aus und nach Mitternacht fahre ich mit Andrej im Taxi zu ihm nach Hause.

Andrej wohnt in einem typischen Zwei-Zimmer-Appartment im 9. Stock einer Plattenbausiedlung älteren Datums. Erst vor kurzem konnte der Student es sich leisten, von zu Hause auszuziehen. Für die paar qm bezahlt er 150 EUR im Monat. Die Zimmer sind sehr karg und überwiegend mit Gegenständen aus Sowjetzeiten möbliert. Nur Andrejs Laptop ist nagelneu. Zwei Nächte werde ich bei ihm auf einer zusammenklappbaren Liege verbringen. Die kalte Dusche (nach 22:30 Uhr gibt es hier kein warmes Wasser mehr) macht mir nichts aus, denn es ist immer noch drückend heiß.

2. Tag



Am nächsten Morgen gegen 8 Uhr zeigt das Thermometer auf dem maroden Balkon schon 32° C im Schatten. Das wird wieder ein ziemlich brutalheißer Tag werden! Durch die kontinentale Lage der Stadt erlebt Donezk sehr heiße Sommer und ebenso kalte Winter. Wegen der extremen Temperaturschwankungen halten sich hier Straßenbeläge nicht lange. Schon nach kurzer Zeit werden sie rissig und beginnen zu bröckeln.



Als ich aufstehe, sitzt Andrej bereits in der Küche und schält Kartoffeln. Es gibt Bratkartoffeln mit Speck und Gurken zum Frühstück. Meinem Wunsche folgend, fahren wir zuerst zur Fanzone, neben der die Zeche Maxim Gorkij noch ihren Dienst tut. Wir gucken uns dort das alte Shakter-Stadion an, wo am 15.10.1995 um 17:05 Uhr beim Spiel Shakter Donezk - Tawrija Simferopol der damalige Vereins- (und Gangster- ?) Boss Akhat Bragin mit einigen seiner Leibwächtern auf der Ehrentribüne in die Luft gesprengt wurde.  Die Sprengkraft der Bombe soll so groß gewesen sein, daß von Bragin nur noch ein Unterarm samt Rolex übrig geblieben ist. Dann geht es zum Ground von Metalurg, der einen guten Eindruck macht. Nur rein kommen wir in beide nicht.





Später besuchen wir in der Innenstadt den Fan-Shop von Shakter und treffen uns mit Misa. Am Nachmittag kocht Andrej für uns drei in seinem Appartment. Misa erzählt etwas von ihrem Arbeitsleben daheim und wie schrecklich sie das findet. Ich finde es verrückt, wenn eine 32jährige aus Japan alleine nur wegen Fußball durch Europa jettet. Die EURO ist dabei nicht Misas erstes Großereignis. Wegen der Hitze beschließen wir, nicht weiter in der Stadt herumzulaufen, sondern in Andrejs Wohnung auf den Abend zu warten.








Die Donbass Arena ist wirklich sehenswert. Beleuchtet sieht sie aus wie ein in der Erde steckender Diamant. Es herrscht eine angenehme Atmosphäre vor dem dritten Viertelfinale des Turniers: Ein bisschen Schwarzmarkt, ein bisschen Karneval und viel Vorfreude. Die Nähe der Grenze zu Russland ist spürbar, denn es sind viele Russen vor Ort. Überhaupt fühlen sich die Einheimischen eher als Russen denn als Ukrainer. In Kiev und in der Westukraine ist das ganz anders.



Die Spanier sind den Franzosen, was die mitgebrachten Fans betrifft, weit überlegen. Neben mir sitzen zwei Franzosen mit Perücken und Trikots, die sich aber später im Gespräch als irgendwelche Kaukausier zu erkennen geben . Andrej erzählt, dass die Fußballfans immer nur für einen (Spiel-)Tag in der Stadt seien. Zwischen den Partien verlassen die Fans die Stadt, kaum welche bleiben länger als dringend nötig.



Wo ich im Stadion saß... ("I was there" von uefa.com)

Es wird für mich das langweiligste meiner sieben EURO-Spiele. Spanien ist Favorit und lässt daran keinen Zweifel aufkommen. Die Franzosen tun oder können nichts und scheiden so folgerichtig aus. Es gibt kaum spielerische Glanzpunkte und die ständigen La Ola-Versuche schaffen es kaum einmal rum. In der Sitzreihe vor mir ist einer eingeschlafen. Er hat nichts verpasst!






3. Tag

Ich bleibe noch eine Nacht bei Andrej. Am nächsten Morgen kocht er Pelmehni zum Frühstück und organisiert für mich ein seriöses Taxi zum Flughafen. Komme reichlich früh dort an und wundere mich über die lange Schlange beim Check-In für den Flug nach Kiev.

Abflug soll um 9:20 Uhr sein und seit etwa 7:30 Uhr stehe ich in der Reihe. Obwohl die Flugabfertiger da sind, geht es nicht vorwärts. Von den vielleicht 40 Schaltern im Flughafen sind nur zwei besetzt und an denen stehen die Menschen schon bis zu den Türen raus. Es scheint ein EDV-Problem zu geben. Erst gegen 9:00 Uhr beginnt die Check-In-Prozedur und man erhält handgeschriebene Bordkarten. Ich staune nicht schlecht, als wir für unseren 558-km-Flug in einem Langstrecken-flieger für über 300 Leute Platz nehmen können. Adiós Donezk!



24.6.2012 * Italien - England   0:0, 4:2 n.E. * Viertelfinale * 21:45 Uhr * Stadion NSK Olimpijskij, Kiev * 64 340 Zuschauer * Eintritt: 40 EUR für Kat. 3 plus Gebühren * Anreise: Flug mit Aerosvit von Donezk nach Kiev-Borispol zu 53,18 EUR * Übernachtung: im EZ Hostel Olimp zu 55 EUR *

Nach verspäteter Ankunft in Kiev heißt es auch dort am Flughafen erst einmal warten. Wenn man für hunderte Leute nur ein 10 m langes Gepäckausgabeband hat, dann ist das jedenfalls ziemlich unpraktisch, weil sich alles knubbelt – wenn überhaupt mal mehr als zwei Koffer hintereinander herauskommen.



Ich habe eine Nacht im Hostel Olimp in der Nähe der Metrostation Druzhby Narodiv gebucht. Das hat den landestypischen Stil: Totale Katastrophe! Von außen weist gar nichts auf ein Hostel in dem Gebäude hin. Kein Schild, nichts. Erst, wenn man ins das Hochhaus reingegangen ist und bei der Blockwärterin nachfragt, wird man einer Beschilderung aus handgeschriebenen Zetteln hinterhergeschickt.





Nun ja, die Rezeption, bestehend aus einem Laptop und einer freundlichen Alexandra befindet sich in einer Art Wartezimmer. Es werden Formalitäten, d.h. die Bezahlung, geklärt und dann bringt mich Alexandras Assistentin auf´s Zimmer. Der Fahrstuhl in den 5. Stock ist schon grenzwertig, aber was jetzt kommt, ist Ukraine pur: Bei den Räumlichkeiten, wie bei dem ganzen Haus, handelt es sich wohl ursprünglich um ein Studentenwohnheim. Die Türen und Fensterrahmen stammen wohl noch aus Stalins Zeiten und tragen zentimeterdicke Farbschichten. Den Fußboden aus Linoleum taxiere ich auf mindestens sechzig Jahre. Wo er mal hochgekommen ist, hat man ihn mit einem Dutzend Nägeln wieder runtergeklopft. Von dem Vorraum im Appartment zweigen zwei Einzelzimmer von der Größe einer Besenkammer ab. Bad und WC teilt man sich mit einem zweiten Gast. Das Bad wurde nicht geputzt, auf dem Boden sind im Schmutz die Fußspuren des Vorgängers zu erkennen. Duschen kommt hier nicht in Frage, selbst wenn ich schon jetzt so ziemlich durchschwitzt bin. Als ich versuche, mir zumindest die Hände zu waschen, kommt nicht einmal Wasser aus der Leitung. Im WC ist der Keramik-Deckel des Spülkastens zersprungen und liegt herum. Die Klobrille hängt lieblos halb an der Befestigung und überhaupt stinkt es extrem nach Pisse. Die Tapeten in meinem Zimmerchen sind alt und in Bettnähe abgewetzt, wenn nicht sogar schimmelig. So genau will ich das gar nicht prüfen, denn zum Glück steht das Bett mit etwas Abstand zur Wand. Zumindest das oberste Bettlaken scheint sauber und frisch gewaschen. Auch hier werde ich nicht genauer nachschauen (wie die Decken darunter aussehen), sondern ich werde mich in der Nacht einfach nur angeekelt oben drauf legen und hoffen, dass mich keine Tierchen befallen oder gar anknabbern.



Schnell raus hier und ab in die Stadt. Am Valerij-Lobanowski-Stadion von Dinamo Kiev ist Ticket Collection für die Engländer. Vielleicht deswegen ist der Ground, anders als bei meinem ersten Besuch vor drei Jahren, offen und zugänglich. Der Ground gefällt mir außerordentlich gut. Er ist nicht besonders groß, vollkommen unüberdacht und liegt idyllisch von Wald umgeben in einem Park. Sollte man bei Gelegenheit hoppen!

Am Unabhängigkeitsplatz befindet sich die Fanzone. Es sind am späten Nachmittag nicht besonders viele Leute drin. Statt Fanzone könnte man es auch eher Kommerzmeile der Sponsoren nennen. Man darf weder Getränke (OK) noch irgendwelche Lebensmittel (hä???) mit reinbringen und meinen Fotoapparat hat der Sicherheitsdienst auch komisch angeguckt. Ob ich damit Filmen kann? Nicht erlaubt? Auch außerhalb der Fanzone kann ich nirgends größere Gruppen italienischer oder englischer Fans, die dem Spiel entgegenfiebern, entdecken.



Die Metrostation Olympijskij ist während der Begegnung gesperrt, so dass man von den beiden nächstgelegenen Stationen aus hin laufen muß. Auch hier das gewohnte EURO-Bild: Ein bisschen Schwarzmarkt, ein bisschen Karneval und ein paar nervende „bialo czerwoni“-Polen. Einen homogenen Fanmob sieht man nirgends.




Das neue Stadion Olimpijskij ist OK, aber irgendwie nicht mein Geschmack. Warschau und Donezk sind auf jeden Fall besser. Bin schon früh drin und nur langsam füllen sich die Ränge – mehr mit Italienern als mit Engländern. Wundere mich überhaupt, warum die nur so wenig Fans mitgebracht haben, gelten die Engländer doch als sehr reisefreudig. Oder haben sich die Tommies von so exotischen Spielorten wie Donezk und Kiev abschrecken lassen? Wer es weiß, soll es mir sagen! Hier wird der Gegner der deutschen Mannschaft im Halbfinale ausgespielt und so drücke ich selbstredend den Engländern die Daumen. Die Engländer kann man schlagen, bei den Italienern wird es schwierig. Nicht, weil die Italiener besser wären. Italiener sind Italiener und die gewinnen immer irgendwie, selten glamorös… und besonders gegen Deutschland. Also: „Come on England!“

Wo ich im Stadion saß... ("I was there" von uefa.com)


Die Begegnung verläuft mit mehr Dramatik als der gestrige Langweiler Spanien – Frankreich. Die Engländer sind wenigstens bemüht, was die Franzosen nie waren. Italien gelingt es auch nach 120 min nicht, die optische Überlegenheit in einen Sieg zu verwandeln. Elfmeterschießen. Keine Spezialität der Engländer, die somit aus dem Turnier rausfliegen. Mist! Das Spiel endet um ca. 0:25 Uhr, also am nächsten Morgen. Hab ich in meinen 775 Spielen bisher auch noch nicht gehabt.




Wenn ich daran denke, was für ein Hostelzimmer auf mich wartet, würde ich lieber die Nacht durchmachen. Aber man ist ja nicht mehr der jüngste. Gott sei gedankt, dass ich im Hostel Olimp nur eine Nacht gebucht hatte. Wer hier freiwillig zwei Nächte bleibt, muß ziemlich hart gesotten sein. Ich bin es nicht.

4. Tag

Am nächsten Morgen verlasse ich das Olimp so früh wie möglich und mach mich auf die Socken zum Flughafen. In Minsk warten Frau und Sohn auf mich, die dort Eltern bzw. Großeltern besuchen. Hab dann drei Nächte ein vernünftiges Bett und die EURO (nicht der Fußball) hat für mich drei Tage Pause.



6. Tag

27.6.2012 * Torpedo-Belaz Zhodino - FK Minsk   2:1 * 1. Liga, Weißrussland * 18:00 Uhr * Stadion Torpedo, Zhodino * 1 100 Zuschauer * Eintritt:  12 000 BLR (= 1,20 EUR) * Anreise: Flug mit Belavia von Kiew-Borispol nach Minsk zu 96 EUR und Zugfahrt von Minsk nach Zhodino und zurück zu 6 700 BLR (= 0,67 EUR) * Übernachtungen: bei den Schwiegereltern (kostenlos) *

Der Flieger von Kiev nach Minsk ist voll. Geschäftsreisende, Gastarbeiter aus Asien und einige EURO-Touristen sind an Bord. Landung bei stark bewölktem Himmel, alles grau in grau. Die Szenerie wirkt etwas gespenstisch: Auf dem Rollfeld stehen nur Belavia-Maschinen herum und von außen wirkt der Flughafen, erbaut in „sowjet-schem“ Marmor und Aluminium, menschenleer. Von hektischem Treiben keine Spur. Bei der Einreise muß man Schlange stehen. Es gibt sieben Schalter, die jedoch nicht alle besetzt sind. Diese Anzahl sagt viel über die Frequenz internationalen Reiseverkehrs nach Weißrussland aus. Als ich dran bin, werde ich nach meiner medizinischen Versicherung gefragt. Hab ich keine. „Second floor !“ Zurück, an der Warteschlange entlang eile ich hoch in den 1. Stock und stelle mich wieder an einer Schlange an. Zwei Damen füllen handschriftlich Versicherungspolicen aus, das dauert. Als ich meine für zwei EUR noch was erhalte, stelle ich mich unten zur Einreise wieder an. Diesmal klappt es: Von der ausgefüllten Migrationskarte erhalte ich einen Abschnitt zurück und mein 60 EUR-Visum wird abgestempelt. Jetzt muß ich meine Tasche in einem Haufen von Reisegepäck-stücken suchen. Vor dem „Red Channel“ des Zolls wieder eine Schlange. Ich schlüpfe durch den „Green Channel“ und kann meinen Schwiegervater begrüßen, der schon seit über einer Stunde auf mich wartet.

Weißrussland ist schon ziemlich einzigartig und gar nicht mit der Ukraine oder Russland zu ver-gleichen. Das fällt einem schon auf der Fahrt vom Flughafen in die Hauptstadt ins Auge: Kilometerlange, schnurgerade Straßen, auf denen kaum ein Auto unterwegs ist werden gesäumt von grünen, weiten Feldern. Werbetafeln dagegen sieht man auf dem Lande nirgends und auch in der Stadt eher selten. Dafür schon eher Parolen wie „Blühe, schönes Belarus!“ und ähnliches.

Am nächsten Tag wird unser Sohn Martin in einer kleinen russisch-orthodoxen Kirche in Minsk getauft und am Mittwoch nutze ich die zweite Tageshälfte, um in Zhodino einen weiteren Erstliga-ground zu machen. Ungeachtet der EURO ist ein kompletter Spieltag der weißrussischen Liga angesetzt. Diesmal muß ich mich aber ganz alleine durchschlagen. Ohne EURO-Wegweisern und ohne Volunteers ist mir dabei etwas mulmig. Elena besorgt mir Bustickets und Jetons für die Metro und los geht es! Vom Minsker Stadtteil Tscheschowka mit Bus 16 oder 21 zur Metrostation Autosavodskaja, im Zentrum umsteigen und bis Institut Kultury fahren. Geschafft! Zum Glück finde ich schnell den richtigen Schalter für die Elektritschka-tickets, löse für Hin- und Rück- fahrt und springe in einen Bummelzug, der als Ziel Borisov anzeigt. Pünktlich um 15:40 Uhr setzt sich der Zug in Bewegung.



Die Fahrt dauert eine gute Stunde. Obwohl ich die Stationen abgezählt hatte, bin ich unsicher, als der Zug in Zhodino-Paudnjowaje hält. Statt Paudnjowaje hätte sie Juschnoje heißen sollen. Weil hier viele Leute den Zug verlassen, steige ich auch aus. Später erfahre ich, dass Paudnjowaje der weißrussische und Juschnoje der im allgemeinen verwendete russische Name der Station ist. Gerade in dem Moment, als ich aussteige, fällt ein kräftiger Regenschauer und ich muß mich in dem kleinen Bahnhofsgebäude eine Zeit lang unterstellen. Als die Sonne wieder zum Vorschein kommt, bahne ich mir den Weg durch einen Park, vorbei an Fahrgeschäf- ten für Kinder bis zum Stadion.



Der Ground ist nicht besonders groß und die Tribünen sehen ziemlich neu aus. Die Haupttribüne ist überdacht und der Eintritt hierfür kostet umgerechnet 1,20 EUR. Die Gegentribüne hat kein Dach, trägt dafür jedoch den Schriftzug BELAZ (Werk für Spezial-LKWs). An einem kleinen Tisch verkauft ein Mann Programme (ein DIN A 4-Blatt in Farbe), diverse Vereinsembleme auf Magnetfolien und drei verschiedene Wimpel. Ich nehme den kleinsten der drei und bekomme gratis noch den Hinweis dazu, ich solle hier nicht fotografieren. Aber das will ich nun gar nicht verstehen und knipste freudig weiter drauflos.


Die Mannschaften kommen auf´s Feld, drehen sich zur einsam wehenden Landesflagge und alle stehen auf, um die Nationalhymne Belarus zu hören. Links von mir auf der Haupttribüne stehen, von der Miliz stets gut bewacht, etwa 80 lautstarke, sportlich-zivil gekleidete Zhodino-Fans. Quer gegenüber halten sich 20 FK Minsk-Supporter auf, die nach etwa einer halben Stunde durch weitere 30 Mannen ergänzt werden. Der Trupp hat wohl einen Zug nach mir genommen, ist erst gegen 18:19 Uhr in Juschnoe angekommen und hat den direkten Weg durch den Wald genommen. Nach minutenlanger Diskussion mit Ordner und Miliz dürfen sie endlich rein. Ob mit oder gar ohne Ticket kann ich nicht sagen, an den Kassenhäuschen waren sie jedenfalls nicht.



Zhodino ist Letzter der weißrussischen 11er-Liga, der FK Minsk tummelt sich im Mittelfeld. Torpedo geht in der 1. Hälfte in Führung, zur Halbzeit kann Minsk noch ausgleichen, aber der erneuten Führung der Gastgeber haben Hauptstädter nichts entgegenzusetzen, so dass das 2:1 in Ordnung geht. Die Heimreise ins Domizil der Schwiegereltern verläuft ohne Hindernisse, so dass ich den Ausflug in die weißrussische Provinz als Erfolg verbuchen kann.



 7. Tag

28.6.2012 * Deutschland - Italien   1:2 * Halbfinale * 20:45 Uhr * Stadion Narodowy w Warszawie, Warschau * 55 540 Zuschauer * Eintritt: 45 EUR für Kat. 3 plus Gebühren * Anreise: Flug mit Belavia von Minsk nach Warschau zu 85 EUR * Übernachtungen: 1x im EZ Wilson Hostel zu 30 EUR und 1x im EZ Hostel Witt zu 40 EUR *

Donnerstag, Tag des Habfinales, Tag der Entscheidung! Um 7.00 Uhr lässt mich mein Schwiegervater am Minsker Flughafen raus, der Check-In beginnt aber erst eine Stunde später. Wie fast alles, ist auch dieser Ablauf anders als sonst allgemein hin üblich: Man steht vor einer Schiebetüre und wird einzeln samt Reisegepäck eingelassen. Es erfolgt eine Sicherheitskontrolle des gesamten Gepäcks von einem selbst. Dann kann ich einchecken und erhalte meine Bordkarte. Es folgt die Passkontrolle und zu guter letzt am Gate nochmals eine Kontrolle von Reisendem samt Bordgepäck.




Der kleine Flieger ist mit 50 Passagieren voll und man ist pünktlich in WAW. Am Bahnhof Centralna gebe ich mein Gepäck auf. Vor dem Gebäude ein erster Schwarz-markt: Mehr als 20 Leute bieten hier tickets an. Ich laufe etwas durch die Stadt. Warschau hat sich in den letzten fünf, sechs Jahren sehr verändert: Fast ist kein Unterschied mehr zu einer westlichen Hauptstadt zu erkennen. Wo sich während des 2. Weltkrieges das Jüdische Ghetto befand, stehen heute nur noch wenige alte Backsteinhäuser, die zwischen den Hochhäusern aus Betonplatten oder Glas und Stahl wie faulende Stumpen aussehen.



Am Nachmittag checke ich im Wilson Hostel ein. Ich habe das Venus-Zimmer mit sechs Etagenbetten, wobei fünf diese Nacht leer bleiben werden. Das Hostel ist sehr sauber, modern und sehr empfehlenswert. Am nördlichen Stadtrand noch den Ground von Hutnik angeschaut, fahre ich zum Nationalstadion.



Dort ist der größte Schwarzmarkt im Gange, den ich je gesehen habe. Hunderte Händler, aber auch Fans, die umdisponiert haben, bieten Karten an. Nicht nur für das heutige Halbfinale, sondern auch für das Endspiel am Sonntag. Die Polizei sieht dem Treiben desinteressiert zu. Fußball-Karneval gibt es heute nur wenig.









Deutsche Fans sind eindeutig in der Überzahl, die Einheimischen tendieren mehrheitlich zu Italien. Von einem Podolski- oder Klose-Bonus für das DFB-Team ist nichts zu spüren. Wie beim Eröffnungsspiel sitze ich in der Blauen Kurve, d.h. im deutschen Block. Die Stimmung ist nicht so überschwänglich wie bei Spiel #1, aber diesmal ist das Stadiondach offen. Der Fan-Club Nationalmannschaft hat wohl als Choreo das Ausrollen einer riesigen Fahne mit einem „D“ drauf organisiert, die Italiener haben nichts derartiges zu bieten. Es gibt auch wieder eine „Respect“- Choreographie mit Pappschildern. Die Polen nerven mich allmählich gehörig mit ihrem „Polska bialo czerwoni“.




Wo ich im Stadion saß... ("I was there" von uefa.com)

Der Spielverlauf ist bekannt. Der deutsche Sturmlauf zwischen der 45. und 60. min ist geil und der support des deutschen Anhang ist es in dieser Phase erst recht. Aber alles andere ist so ziemlich enttäuschend. Verdient ausgeschieden, keine Frage. Gegen England hätten wir wohl gewonnen, aber gegen die Italiener hatte ich mir persönlich schon vorher kaum Chancen ausgerechnet. Schade, dass ich Recht behalten musste.



Nach dem Spiel bieten wieder viele, viele Leute Finalkarten an, doch ich sehe keinen, der Interesse bekundet. Vermutlich ist das Preisniveau noch viel zu hoch. Auf der Wisla-Brücke bekomme ich die Live-Schaltung einer WDR-Reporterin mit, die von enttäuschten deutschen Fans und vom enttäuschten polnischen Präsidenten spricht, der statt der 500 000 Besucher aus Germany mit 1 Mio deutscher Fans während der EURO gerechnet hatte. Erst als die Live-Schaltung beendet ist, branden um der Reporterin tosende „Deutschlaaaand, Deutschlaaand“-Sprechchöre auf. Zum Glück erst nachher, sonst wäre das Szenario von den traurigen deutschen Fans nicht ganz glaubhaft rüber gekommen.

Ich laufe zurück in die Innenstadt. In den Kneipen der Altstadt sitzen die Deutschen an den Tischen und schlürfen Bier, während Italiener und Polen auf den Straßen hüpfen und feiern.



 

 

 8. Tag


1.7.2012 * Spanien - Italien   4:0 * Endspiel * 21:45 Uhr * Stadion Olimpijskij, Kiev * 63 170 Zuschauer * Eintritt: 50 EUR für Kat. 3 plus Gebühren * Anreise: geplant war Flug mit AirBaltic von Warschau über Riga nach Kiev-Borispol zu 88,23  EUR * Übernachtung: im Appartment des Eigentümers vom Hostel Olive zu 111 EUR * Abreise: Flug mit Aerosvit von Kiev-Borispol nach Düsseldorf zu 112 EUR *

Am Tag danach checke ich gegen 9:30 Uhr aus (hatte leider nicht für zwei Tage in Folge ein brauchbares Zimmer in Warschau finden können), entdeckte im Stadtteil Marymont ein richtig altes und daher sehenswertes Stadion und laufe noch mal rund um den Ground von Polonia.



Nachdem die EURO in Polen gelaufen ist, prägen die Einheimischen wieder das Straßenbild von Warschau. Es ist letzter Schultag vor den Ferien und Zeugnisaus- gabe, denn alle Mädels laufen adrett gekleidet, meist in schwarz/weiß, und mit Blumen herum. Später trifft man öfters auf Frauen, die bergeweiße Blumensträuße nach Hause schleppen – offensichtlich die Lehrerinnen.


Am Nachmittag checke ich ins Hostel Witt in relativer Nähe zum Centralna ein. Besonderheit: Man muß auf Handy anrufen, um beim ersten Eintreffen überhaupt reinzukommen und bei Anwesenheit kann man von innen die Zimmer nicht abschließen. „Hier klaut keiner was!“ meint der Rezeptionist. Schon klar, denke ich mir. Den Tag verbringe ich schlafen und am Abend wandere ich durch die Altstadt.

Am Samstag bin ich schon früh unterwegs, um noch das Stadion SKR in Augenschein zu nehmen. Möglicherweise ist hier nur Leichtathletik betrieben worden, denn die Tribünen sind U-förmig angelegt und als markante Besonderheit sticht ein Stadionturm hervor. Rasen und Laufbahn sind OK, alles andere – insbesondere die Holzbänke der Tribünen – ist total, total verkommen. Die Zeit reicht mir noch, um kurz am Gwardia-Stadion vorbeizufahren. Hier hat sich seit meinem letzten Besuch vor acht Jahren nichts getan, außer, das nichts getan wurde und so Verfall und Vegetation stark zugenommen haben. Tribüne und Sprechertürmchen sind marode und deshalb abgesperrt. Keine Ahnung, ob es hier noch Spielbetrieb gibt.



Um 11:00 Uhr checke ich aus und fahre zum Warschauer Chopin-Flughafen. Um 15:00 geht es mit AirBaltic nach Riga. Nach einer Übernachtung in der lettischen Hauptstadt soll es dann nach Kiev zum Finale gehen. Dieser Umweg ist wesentlich billiger als alle anderen Direktverbindungen, die im Herbst 2011 angeboten wurden. Der Flieger ist eine kleine Fokker mit 50 Sitzplätzen. Dem Outfit nach zu urteilen (Trikot- oder Akkreditierungs-kartenträger), wollen nahezu alle Mitreisenden nach Kiev. Der Abflug in Warschau verzögert sich, weil offensichtlich die Anzahl der Passagiere nicht stimmt. Mehrfach wird durchgezählt und werden Listen gecheckt, bis plötzlich eine Stewardess zu mir kommt und fragt, ob ich Michael Hoeller sei („Ja!“) und ob jemand neben mir sitze („Nein !“). Dann scheint alles klar zu sein und wir rollen auf die Startbahn, die Propeller rotieren… und werden wieder abgeschaltet. Wir rollen zur Parkposition zurück.



Der Kapitän meldet aus dem Cockpit, die Temperatur im Flugzeuginneren sei zu hoch und daher hätte der Start abgebrochen werden müssen. Die Stewardessen öffnen Einstiegsluke und alle Gepäckfächer über unseren Köpfen. Nach meinem Empfinden ist es zwar in der Maschine warm, aber nicht übermäßig heiß. Wenige Minuten später die Anordnung des Kapitäns: Alle aussteigen! Bis der Bus kommt, der uns zum Terminal zurückbringen soll, dauert es. Wie es weitergehen soll, kann uns keiner sagen. Inzwischen sind die Damen vom Bodenpersonal wieder da, die uns am Gate abgefertigt hatten. Aber auch sie wissen natürlich nichts. Inzwischen sind alle Passagiere ruhig und geduldig geworden. Irgendwann wird bekannt gegeben, dass um 17:20 Uhr ein erneuter Start erfolgen soll. Es wird 17:20 Uhr, es wird 18:00 Uhr. Nichts passiert. Plötzlich wird es hektisch: Die Damen am Gate verkünden, dass der Flug GESTRICHEN ist. Alles weitere sei im Flughafenbüro von AirBaltic zu erfragen. Es gibt keine weiteren Infos.

Alle 50 Reisende rennen quer durch den Flughafen zum genannten Büro, in das gerade mal zwei Schreibtische passen. Es bildet sich sofort eine lange Schlange. Nicht auszudenken, wenn hier statt der 50 die sonst üblichen 200 Passagiere warten würden. Ich bin gut positioniert, habe etwa 10 Leute vor mir und 40 hinter mir. Das scheint nicht ganz unwichtig zu sein, denn die ersten bekommen die besten Möglichkeiten angeboten. Aber noch hat keiner einen blassen Schimmer, mit was die beiden Mitarbeiter von Airbaltic uns jetzt kommen. Erste Gerüchte sickern durch die Bürotüre in die Warteschlange: Bus nach Kiev? Flug über Moskau? Über Frankfurt? Ich bleibe gespannt. Als ich endlich dran bin, werde ich ohne gefragt zu werden, auf den nächsten Tag 10:45 Uhr mit aerosvit direkt WAW -> KBP umgebucht. Zwischendurch kommen einige Reisende zurück, die man auf Lufthansa nach Kiev über Frankfurt umgebucht hatte und die in wenigen Minuten starten sollten. Aber Lufthansa hat die ausgegebenen Passagierscheine nicht akzeptiert. Chaos total bricht aus! Warten! Ist der Platz sicher oder standby, frage ich. „Sicher!“ Na dann! Accomodation? „Tragen Sie sich in diese Liste ein!“ Danke. Am Infopoint des Terminals warten alle, die auf den nächsten Tag umgebucht wurden. Dazu gehören u.a. sechs Jungs aus Dubai (die ich die ganze Zeit für Spanier gehalten hatte), sechs HK-Chinesen, zwei Spanier, drei Ehepaare, darunter eines aus San Francisco, eine Lettin und zwei belgische Reporter.



Eine überaus hektische Mitarbeiterin des Flughafens taucht auf und teilt mit, dass wir die Nacht in einem ****-Hotel in direkter Airport-Nähe verbringen werden. Transfer, Abendessen und Frühstück inklusive. Das ist deutlich besser als eine verpflegungs- freie 20-EUR-Absteige in Riga, die ich gebucht hatte, he he…! „Mit welcher Airline werden Sie denn nach Kiev fliegen?“ fragt sie mich. „Mit aerosvit.“ „Oh je, die haben an Spieltagen immer bis zu drei Stunden Verspätung…“ Na Klasse, denke ich mir.  Der Shuttle-Bus vom Hotel holt uns ab. Um 20 Uhr kann ich einchecken, um 21 Uhr gibt es Dinner. Die Zeit dazwischen nutze ich für ein als puren Luxus empfundenes Bad. Am Tisch quatsche ich etwas mit der Lettin, einem n-tv-online-Journalisten und dem Ehepaar aus den USA und freue mich schon auf´s ****Bett!


9. Tag

Sonntag! Finaltag! Bin schon um 7:00 Uhr am üppigen Frühstücksbuffet und um 8:45 Uhr am Flughafen. Boarding soll um 10:05 Uhr sein, mit einer Verspätung von 45 min heben wir endlich ab. Alles in allem hat Airbaltic den Ausfall des Fluges wirklich sehr gut im Sinne aller Fluggäste geregelt. Kann man nicht meckern!

Von Kiev-Borispol nehme ich den Bus zur Metrostation Borispilka. Im Bus treffe ich überraschend auf den Hamburger Ralph und seinen Bruder, bis Sports Palast tauschen wir Reiseerlebnisse aus. Seit Spiel #4 in Lviv hat jeder viel erlebt. Die beiden wohnen außerhalb, ich jedoch, so denke ich bis dahin, nur eine Station vom Stadion entfernt. Dort floriert schon erwartungsgemäß der Schwarzmarkt.

Nur etwa 5 min zu Fuß entfernt befindet sich das Hostel Olive. Wie schon oben unter Reisevorbereitungen erwähnt, hatte ich erst vor wenigen Tagen hier ein Zimmer gebucht und es waren meinem Gefühl nach gewisse Zweifel angebracht, was es mit diesem Angebot auf sich hatte. Ein tatsächlich freies Zimmer einen Steinwurf entfernt vom Finalstadion für „nur“ 111 EUR konnte es einfach nicht mehr geben. Ich sollte Recht behalten. Der Haken war mir in einer e-mail mitgeteilt worden: Das Einzelzimmer befände sich nicht im Hostel Olive, sondern in einem klimatisierten Appartment nur 15 min entfernt. Ob ich einverstanden wäre, wurde noch gefragt. Man würde mich persönlich dorthin begleiten. Ja, hab ich geantwortet. Hatte ja keine andere Wahl. Ich vermutete, dass auf diese Weise noch einige dutzend mehr privat zur Verfügung stehende Zimmer an Suchende weitervermittelt würden. Doch da hatte ich mich getäuscht.

Im Hostel Olive werde ich von Kate in Empfang genommen, einem sehr plapperhaften crazy-liken Mädchen Anfang 20. Sie würde jetzt mit der Arbeit hier fertig sein und mit mir in das Appartment fahren. Dort könnten wir ein bisschen bleiben und uns ausruhen. Ich muß leicht irritiert wirken, denn Kate fragt, ob bei mir alles OK sei. Sie lässt durchblicken, dass es sich bei dem Appartment um das des Hostel-Eigentümers handelt, der für mich ein Zimmer zur Verfügung stellt. So langsam kapiere ich, dass ich nicht der fünfte Gast bin, den Kate zu seinem Appartment begleitet, sondern der erste und einzige.

Als ihr Bodyguard gesellt sich flugs ein arabisch wirkender Mann zu uns, der auch im Hostel rumläuft und zu dritt machen wir uns auf den Weg zu dem Appartment. Wir quatschen die ganze Zeit auf Englisch und der Araber erzählt, dass er erst seit kurzem in Kiev sei. Auch hier dauert es etwas, bis ich kapiere, dass der Araber ein gewöhnlicher Gast im Hostel ist, der den Tag damit verbringt, mit Kate herumzuflirten. Wo ich herkomme, werde ich vom ihm gefragt. „From Germany!“ „Which part of Germany?“ „Cologne.“ antworte ich. „Ich komme aus Gummersbach!“ meint der Araber, der sich nun als ein Türke namens Denniz zu erkennen gibt. Hatte ja mit allem gerechnet, aber nicht damit. Zumal Denniz, übrigens ein sehr sympathischer Kerl, der erste Türke ist, den ich perfekt Englisch sprechen höre. Denniz hatte seine eigene Finalkarte bei einer Wette verloren, war aber trotzdem nach Kiev gekommen und auf der Suche nach einem Ticket. Er zeigt mir ein Foto, in dem er mindestens sechs Finaltickets in der Hand hält. Die hatte er wohl in der Zwischenzeit abgesetzt.



Das Appartment befindet sich in der Nähe der Metro Pozniaki, mitten in einem Wohnsilogebiet. Chorweiler 10! Die Wohnung ist russischer Durchschnitt. Man merkt schnell, dass hier üblicherweise nur ein Mann (ohne Frau) wohnt und man im Kiever Hostel-Gewerbe nicht gerade superreich wird. Als Zimmer dient mir das Schlafzimmer des Hostelbesitzers. Während Denniz über Handy auf UEFA.com versucht noch eine Karte zu bekommen und Kate anderweitig herumtelefoniert, mache ich mich gegen 18 Uhr auf den Weg. In einem klimatisierten russisch-asiatischen Restaurant gehe ich erstmal vernünftig was essen und fahre danach zurück in die Innenstadt.



Ich steige beim Ploshcha Lva Tolstoho aus. Der Weg von der Metrostation bis zum Stadion ist fast ein einziger Schwarzmarkt. Es sind auch Karten darunter, die von der UEFA erst vor Tagen verkauft wurden (zu erkennen am unterschiedlichen Layout). Keine Ahnung, auf welchem Preisniveau die Geschäfte laufen.















Wo ich im Stadion saß... ("I was there" von uefa.com)

Ich gehe schon ziemlich früh ins Stadion. Wetter und Stimmung sind prächtig. Aus Spanien sind deutlich mehr Fans angereist als aus Italien. Die Sympathien der neutralen Zuschauer (viele Ukrainer und Polen sind anwesend) sind ausgeglichen. Sitze im selben Bereich wie beim Viertelfinale Italien – England. Wetter und Stimmung sind prächtig.






Es gibt eine kurze Closing Ceremony, dann das übliche Ritual Aufstellungen, Hymnen und Anpfiff. In der ersten Hälfte können die Italiener noch mithalten, in der zweiten aber setzen sich die Spanier überlegen durch und verteidigen als erster Europameister ihren Titel. Es folgt die Pokalübergabe, Konfettiregen geht über die Sieger nieder und Feuerwerke auf dem Stadiondach und in der Stadt werden gezündet. Das Endspiel hat etwas für die vielen lahmen Kicks während der EURO entschädigt. Die Italiener verlassen den Ground schnell, die Spanier lassen sich Zeit und feiern. Ich will noch viel von der besonderen Atmosphäre aufsaugen und verlasse das Stadion erst um 1:00 Uhr morgens.















10. Tag

Laufe zurück zur Metro, kaufe ne Flasche Wasser und fahre zum Appartment. Ich habe keinen Schlüssel dabei, weil sich Kate noch im Appartment ausruhen wollte, als ich losging. Aber auf jeden Fall sei jemand da wenn ich käme, entweder sie selbst oder „a guy“, hatte mir Kate versichert. Stehe vor der Appartmenttür und klingele mehrfach vergeblich. Mist, hätte ich mir ja denken können. Doch dann öffnet der guy, Mitte 20 und schmal. Der Typ Marke Eierdieb namens Boris empfängt mich in Unterhosen und stapft wortlos zurück in sein Zimmer. Nach einer erfrischenden Dusche lege ich mich schlafen.


Gegen 8 Uhr wache ich auf, packe meine Sachen und will gehen. Denke, ich sollte Boris wecken, damit er mir aufmacht. Klopfe an seine Zimmertüre, doch es rührt sich nichts. Probiere die Appartmenttüre: Abgeschlossen, logisch! Probiere es wieder bei Boris. Nichts. Öffne die Türe und… der Kerl ist weg. Super! Ich muß zum Flughafen und sitze nun eingeschlossen in einem Kiever Appartment ohne eine Handynummer und ohne sonstige Kommunikationsmöglichkeiten. Bevor ich den Fön kriege, klingelt es. Ich gucke durch den Türspion. Ein Mann, aber nicht Boris. Offensichtlich der Hostelbesitzer. Ich erkläre ihm auf Englisch, dass ich keinen Schlüssel habe und alleine bin. Er antwortet etwas, was ich aber nicht verstehe und er verschwindet. 10 min später ist er mit einem zweiten Mann, aber nicht Boris, wieder da und kommt rein. Die Männer begrüßen mich freundlich, entschuldigen sich für das Einsperren, fragen nach, ob alles in Ordnung war und ich solle doch, wenn ich wieder in Kiev sei, wieder zum Hostel Olive kommen. Um 9:00 Uhr bin ich endlich raus, gebe mir bei McD eine Überdosis Rühreier und fahre zum Flughafen Borispil.

Ich laufe zum International Terminal, wo ich auch angekommen war. Natürlich falsch! Der Rückflug nach Düsseldorf wird ab dem alten Domestic Terminal abgewickelt. Ich lasse mir beim Einchecken usw. viel Zeit und sitze schon um 11:45 Uhr in der Abflughalle am Gate. Boarding time ist 12:25 Uhr, Abflug 13:15 Uhr. Bis 13:30 Uhr tut sich gar nichts, nur die Halle wird immer voller. Die Reisenden stehen sich schon gegenseitig auf den Füssen, so eng wird es. In dem Gewusel treffe ich nach fast zwei Jahrzehnten erstmals wieder auf Jochen W., ehemalige Eisingen Crew und FC Bayern-Vielfahrer, der mit seiner Frau unterwegs ist, und wir quatschen etwas. Irgendwann wird 14:25 Uhr als neue Startzeit auf einem der kleinen departure-Bildschirme angegeben. Warum, was? Keine Durchsage, das Bodenpersonal zuckt nur mit den Schultern. Immer mehr Maschinen verspäten sich und die Passagiere wollen den Damen an der Flugabfertigung langsam an den Kragen. Statt Düssel- dorf wird am Gate B2 Warschau vorgezogen. Der Check-In dauert über eine Stunde. Spinnen die denn? Dann wird Stockholm aufgerufen. Die Israelis nach Tel Aviv, die nach uns abfliegen sollten, sind auch alle schon verschwunden. Plötzlich sagt neben mir einer, Düsseldorf werde am Gate B1 A abgefertigt. Hin da! Aber warum gibt es keine Durchsagen oder Anzeigen auf den Bildschirmen? Jetzt ist es schon 15:45 Uhr. Bis alle im Flieger sitzen, dauert es eine Ewigkeit. Mit einer Verspätung von 3,5 h geht es endlich los – und für mich die EURO 2012 zu Ende.

Was bleibt? Erinnerungen an tolle und kuriose Erlebnisse und das gemeinsame Reisen mit netten Leuten. Polen war komfortabel, die Ukraine bleibt verrückt. Das Niveau der Spiele war schlecht (eher Nebensache). Man neigt ja gerne dazu, über die UEFA zu meckern. Aber deren Organisation in den Gastgeberstädten in puncto Information (vor allem durch die zahlreichen Volunteers) und Abwicklung des Nahverkehrs auch für sprachunkundige Reisende war vorbildlich!