"Wenn Du ein Land kennenlernen willst, gehe nicht zu den Ausgrabungsstätten, sondern in die Tavernen." Das habe er so oder so ähnlich einmal gelesen. Michael Höller hat den Spruch nur etwas abgewandelt und ihn zu seinem Lebensmotto gemacht: "Statt Tavernen sind es bei mir eben Stadien."[Allgemeine Zeitung / Rhein Main Presse, 1.8.2015]

 

 

 

 

 








2. November

Muß in KW 49 fünf Tage Resturlaub abbauen. Kein Problem, sind doch unter der Woche in Spanien die Rückspiele der Copa del Rey angesetzt. Heimrecht werden u.a. Atletico Madrid, Getafe und Rayo Vallecano haben – allesamt im Großraum Madrid und alle mit mir fehlenden Grounds . Flüge CGN -> MAD -> CGN gibt es für unter 70 EUR und mit Flugzeiten jeweils vormittags entscheide ich mich für Mittwoch hin und Freitag zurück. Damit die Familie nicht zu lange ohne ihr Oberhaupt bleiben muß… oder so ähnlich.

8. November

Die Spiele im spanischen Pokal sind terminiert worden. Atletico & Wanda Metropolitano geht in Erfüllung (da mittwochs), Getafe und Rayo Vallecano hingegen kann ich aus dem Kopf tun (schon dienstags). Als Zugabe bleibt am Donnerstag ein Heimspiel von Real Madrid. Muß ich nicht haben, kann man aber machen. Wenn man schon mal da ist.

20. November

Atletico und Real haben ihre Rückspiele gegen unterklassige Gegner. Daher sind die Eintrittskarten vergleichsweise günstig zu haben. Für 12 EUR gibt’s Atletico – Sant Andrae und für 22,20 EUR gibt es Real – Melilla.  

Aber die Sache bei den Königlichen hat einen Haken. Meine online bestellte Eintrittskarte bekomme ich nicht altmodisch in Papierform, ggf. auch als print@home. Nein, mir wird eine Datei zugemailt, für deren Öffnung/Anzeige ich die App „Wallet Pass“ auf meinem Handy installiert haben muß. App-Know how und ich sind völlig verschiedene Welten. Nach gefühlt unendlich oft misslungenen Installationsversuchen kämpfe ich mich durch Betriebsvoraussetzungen, Windows-Visionen und diverse Ratgeber-Foren. Offensichtlich läßt sich mein altes Handy nicht auf Windows 10 updaten und deswegen installiert sich diese verfuckte App nicht auf meinem Handy und deswegen habe ich kein gültiges Ticket für das Real-Spiel.

Soll ich mir nun nur für dieses dämliche Ticket ein neues Handy kaufen? Nein! Ich zeige Real den Mittelfinger und nehme ein anderes Match ins Visier: Real Avila - CD La Granja (Tercera Division) im 1132 Meter hoch gelegenen Estadio Municipal Adolfo Suárez. Die neunzig minütige Zugfahrt dort hin würde mit einem neuen Ground belohnt werden und kulturell sehr sehenswert soll Avila ja auch sein.

29. November

Im Netz verbreitet sich das Gerücht, daß das kurzfristig abgesagte Copa Libertadores-Final-Rückspiel River Plate – Boca Juniors aus Südamerika heraus verlegt werden könnte. Nach Doha! Oder vielleicht nach Miami? Medellín? Oder Madrid? Egal, Hauptsache Europa!

Kurz vor Mitternacht werden aus Gerüchten Wahrheiten: River – Boca steigt am 9. Dezember um 20:30 Uhr im Estadio Santiago Bernabeu, Madrid.

Verrückter Zufall, daß man gerade in dieser Woche vor Ort sein wird! Und noch verrückter wäre es, wenn man seinen Aufenthalt nicht um drei Tage verlängern würde, um zumindest etwas von dem südamerikanischen Flair einfangen zu können. Rückflug MAD -> CGN am frühen Montagmorgen ist für weniger als 30 EUR zu haben. Das weibliche Familien-Co-Oberhaupt gibt dunkelgrünes Licht! Parallel mit den Hotel-Preisen in Madrid steigt bei mir der Puls innerhalb von Minuten ins Absurde! Ich fühle mich an 2010 erinnert, an das Champions League Finale Bayern – Inter, ebenfalls in Madrid. Nun habe ich nur noch einen Gedanken: Ein Ticket müßte her!


 

30. November

Man muß kein besonderer Fußball-Experte zu sein, um zu wissen, daß die Begegnung River Plate - Boca Juniors das Derby schlechthin ist. Nicht nur in Buenos Aires, nicht nur in Südamerika, sondern weltweit. Erstmals in der Geschichte der Copa Libertadores, vergleichbar der Champions League in Europa, treffen diese Teams in zwei Finalspielen aufeinander. Das ist so ähnlich wie [Bayern vs. Dortmund in Wembley 2013] 10! Mindestens!

Und welche Tragik steckt in den bisherigen Ereignissen um die Entscheidungsfindung des Titelträgers 2018. 10. November: Fans sind schon in La Boca in der Bombonera, als ein Starkregen alles überflutet. Das erste Finalspiel wird um einen Tag verschoben, die Boca-Fans feiern trotzdem. 11. November: Eine zweimalige Führung des Gastgebers kann River Plate jeweils ausgleichen. Nach 90 Minuten steht es 2:2. Für das Rückspiel im 16 km nördlich gelegenen Stadion El Monumental ist noch alles offen. 23. November: Das Abschlußtraining in der Bombonera führt Boca vor vollen Rängen aus. Für das morgige Spiel sind keine Boca-Fans zugelassen. 24. November: Fans von River Plate attackieren den Bus mit den Spielern der Boca Juniors, wobei Fensterscheiben zu Bruch gehen und Insassen verletzt werden. Spielabsage, Chaos! Boca wird fordern, den Titel am grünen Tisch zugesprochen zu bekommen – River Plate besteht auf einer Neuansetzung im heimischen El Monumental.

Und nun die Entscheidung, die Partie doch auszutragen. Allerdings knapp 10 000 Kilometer von Buenos Aires entfernt, in Madrid. Davon kann man halten, was man will. Man denke an die Fans, die Tickets für das Spiel ihres Lebens in Händen haben… und die diese nun in der Pfeife rauchen können. Copa Libertadores bedeutet ja so ungefähr „Pokal der Befreier“. Mit Befreier sind jene Volkshelden gemeint, die einst gegen die spanischen Eroberer kämpften. Nun findet das Finale des Befreier-Pokals im Herzen des Feindeslandes statt. Kurios! Einen Königsweg aus dem Dilemma gibt es nicht und die Argumente pro/contra wertet jeder aus seiner individuellen Sicht anders. Doch die Zeit drängt, der Sieger der Copa wird am 18. Dezember zur FIFA Club WM in den V.A. Emiraten erwartet. Die beiden betroffenen Vereine sind übrigens mit der Austragung in Madrid nicht einverstanden und legen Protest ein. Dennoch laufen bei beiden Clubs die Vorbereitungen auf den Trip nach Europa sofort an. Das Risiko, wegen Nichtantretens später vor Gericht eine Schlappe zu erleiden, ist zu groß.

1. Dezember

250 000 Argentinier leben in Spanien, was die Entscheidung pro Madrid nicht unwesentlich beeinflußt haben dürfte. Bei der Royal Spanish Football Association legen direkt nach Bekanntgabe des Spielortes Anrufer die Telefonzentrale lahm. Schon jetzt gibt es bei ViaNOgo Karten im Angebot, die billigste zu 450 EUR plus Gebühren. Au weia! Zunächst wird spekuliert, daß den 60 000 Kartenbesitzern von River Plate ein „Vorkaufsrecht“ eingeräumt wird. Kaufen, d.h. Geld für neue Tickets ausgeben, sollen sie nicht müssen. Da aber der billigste Platz im Bernabeu genauso viel kosten wird, wie der teuerste im El Monumental (80 EUR), wird das schwierig werden. Dann wird bekannt, daß es für maximal 10 000 Personen aus Buenos Aires eine „Eintrittsgarantie“ geben wird. Jeder Verein bekommt 5 000 Karten und verteilt diese unter seinen Fans.

Argentinier, die in Spanien wohnen, sollen 42 000 Karten (fifty-fifty verteilt auf Boca- und River-Anhänger) bekommen. 5 000 Tickets sollen an Offizielle und Mitglieder von Real Madrid gehen und einige Tickets schließlich in den freien Verkauf.  Aus Sicherheitsgründen wird man nicht alle 81 000 möglichen Plätze im Bernabeu-Stadion besetzen. Zunächst ist sogar davon die Rede, es würde einen Kartenverkauf an den Stadionkassen geben. Diese gute Gelegenheit, heftige Tumulte zu schüren, läßt man letztendich doch aus.

Sorge macht man sich wegen der Barra Bravas, dem Ultra-Hooligan-Verschnitt aus den Vierteln Buenos Aires. Anders als bei europäischen Hooligans, die sich auf´s Prügeln und/oder Saufen konzentrieren und sonst ein „normales Leben“ führen, geht das „Übel“ bei den Barra Bravas viel weiter. In einem Land, in dem die Korruption blüht, stecken die Barra Bravas – oft von der Polizei geschützt - sehr stark in kriminellen Strukturen, in denen Mord und Totschlag keine Seltenheit sind. Deren Einflußnahme auf die Vereinsführung des eigenen Clubs kann erschreckene Ausmaße annehmen.

Die lokalen Sicherheitsbehörden fühlen sich von der Sportpolitik überrumpelt. Während zur Weihnachtszeit ohnehin schon viele Touristen in der Stadt seien (Hotelauslastung 75%), kämen nun noch Tausende Fußballfans, Funktionäre und Medienleute dazu. Zudem gilt in Madrid die erhöhte Sicherheitsstufe 4 wegen der Gefahr terroristischer Anschläge. Die Verkehrsknotenpunkte zu sichern wird eine Mammutaufgabe werden, zu deren Vorbereitung nur eine Woche Zeit sein wird.

Die Spanische FA wird mit der Organisation der Ticketvergabe betraut und es wird entschieden, die Vertriebswege von Real Madrid zu nutzen. Ach Du…. Bullshit! Damit taucht tatsächlich das Problem mit den e-Tickets wieder auf. „Die auf das Mobiltelefon heruntergeladene Datei ist das einzig gültige Zugangsdokument für den Ticketinhaber“ heißt es im Laufe des Tages. Ich sah mich schon mit einem Pappschild „Suche Karte“ durch die Straßenschluchten Madrids laufen, aber daraus wird wohl nix. Startseite für den Online-Verkauf ist die website der CONMEBOL. Vom Sonntag 20 Uhr bis Dienstag 18 Uhr haben Fans von River Plate die Möglichkeit, Tickets für die Nordkurve zu erwerben. Im Time Slot Dienstag 20 Uhr bis Donnerstag 18 Uhr sollen Boca-Anhänger Karten für die Fondo Sur bestellen können. Erst danach werden Tickets für die „Allgemeinheit“ freigeschaltet. Wie man allerdings regeln will, daß die Leute ausschließlich im Time Slot ihres Clubs bestellen und nicht der Versuchung erliegen, sich auf der „falsche Seite“ zu platzieren (Hauptsache dabei, oder?), bleibt ein Rätsel.

2. Dezember

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Heute um 20 Uhr beginnt das Bestell-Zeitfenster für River Plate. Pünktlich sitze ich am PC und starte immer wieder www.conmebol.de. Es ist schon 20:06 Uhr und immer noch ist nirgendwo etwas von einem Verkaufsportal zu sehen. Erst als ich mal die Spracheinstellung von Spanisch auf Portugisisch ändere, ploppt plötzlich ein Banner auf: "Compra Tus Entradas". Das ist das, worauf ich gewartet habe.



Dann geht alles ganz schnell: Man wird weitergeleitet auf entradas.com, die spanische Variante von eventim.de. Ich wähle aus, daß ich eine Karte haben möchte, es erscheint die Blockübersicht der Fondo Norte, ich suche nach der preiswertesten Kategorie und schieße mitten in den Pulk verfügbarer Sitzplätze. Volltreffer! Der Platz ist reserviert und ich kann in Ruhe den Zahlvorgang durchführen. Fertig! Puh, das ging ziemlich einfach. Ich hatte fest damit gerechnet, daß es irgendeine Art von Geoblocking geben würde. Vielleicht, daß nur Adressen in Spanien oder spanische Kreditkarten oder ID-Nummern akzeptiert werden würden. Schließlich sollten diese Tickets ausdrücklich an River-Fans in Spanien gehen und nicht nach Argentinien oder anderswo hin. Nun bin ich auch Fan des  Club Atlético River Plate! Hasta la vista, River!

3. Dezember

Ich investiere tatsächlich knapp einhundert EUR in ein neues Handy. Na ja, mein altes hatte nun auch schon mehr als drei Jahre in meiner Hosentasche verbracht. Nun klappt das Installieren der App "Passwallet" in Sekunden und Ruck-Zuck hab ich mein Final-Ticket auf dem Display. Erleichterung macht sich in meinem Körper breit. Aber bevor es mir gelingen wird, nächsten Sonntag die drei Sicherheitsringe rund um das Bernabeu-Stadion zu passieren, meinen Sitz einzunehmen und zu sehen, wie zwei Spieler einer Mannschaft am Anstoßpunkt sich den Ball zuschieben... vorher werde ich mir nicht sicher sein können, daß diese Eintrittskarten-Datei irgendeinen Wert hat. Denn dafür hatte die Dramaturgie dieses Finales bisher einfach zu viele Wendungen parat.