"Wenn Du ein Land kennenlernen willst, gehe nicht zu den Ausgrabungsstätten, sondern in die Tavernen." Das habe er so oder so ähnlich einmal gelesen. Michael Höller hat den Spruch nur etwas abgewandelt und ihn zu seinem Lebensmotto gemacht: "Statt Tavernen sind es bei mir eben Stadien."[Allgemeine Zeitung / Rhein Main Presse, 1.8.2015]


Hä? Was?

Es soll Leute geben, bei denen liegen Asterix & Obelix-Hefte als Klolektüre aus. Bei mir daheim sind es diverse Fußballzeit-schriften. Seit kurzem gehört auch das neue Heft „Zeitspiel – Magazin für Fußball- Zeitgeschichte“ dazu.

Zur Ironie der Geschichte gehört, daß nicht mir sondern meiner Frau auf besagtem Lokus und in besagter Zeitschrift eine ganzseitige Anzeige auffiel:

„Fußball in Nordkorea * Fußball Groundhopping Tour – 6 Tage * Highlights: Besuch vom Torch-Cup-Spiel & Kim Il Sung Stadion * ab 1 490 EUR“

„Michi, daß müßte doch was für dich sein…“ meinte Elena ziemlich geistesabwesend. Keine Ahnung, wie oft sie den Ausspruch inzwischen bereut hat.

„Hä? Was?“ oder so ähnlich muß ich reagiert haben. „Zeig mal her…!“ Eine Pauschalreise ist ja das allerletzte, was man als Groundhopper buchen würde, um zu Ground und Länderpunkt zu kommen. „Neckermänner“ werden solche Fußballreisende verächtlich genannt. Der Groundhopper mit Ehre im Leib organisiert seinen Trip grundsätzlich individuell. Aber nach Nord- korea? Da kommt man, das wußte ich immerhin schon, als Individualreisender gar nicht hinein.

Eine Pauschalreise zum Groundhopping nach Nordkorea klang für mich soooo bescheuert, daß es schon wieder genial war. Also das richtige für mich!

29.4.16

Pyongyang-Travel antwortet auf meine Anfrage, welche Spiele man denn sehen könnte:

„…gerne würden wir Ihnen ja die Details zu den geplanten Spielen mitteilen. Leider ist dies aber im Vorfeld nicht möglich, da natürlich im Internet nichts zu den Ansetzungen veröffentlicht wird und selbst unsere Kontakte nicht die genauen Spieldaten wissen. Wahrscheinlich erfahren wir das wieder erst im August. Was feststeht ist aber, dass zur Reisezeit der Torch Cup (Fackel Cup) stattfinden wird und wir Spiele besuchen werden. Es nehmen die ersten Herrenmannschaften der nordkoreanischen “Vereine” teil.

Im letzten Jahr haben wir ja schon einmal eine Groundhopping Tour veranstaltet. Die Spiele in Pyongyang fanden im Stadion 1. Mai statt. Wir sahen z.B. Leichtindustrie gegen 25. April. Im Kim Il Sung Stadion konnten wir ein Freundschaftsspiel zwischen den U19 Frauennationalmannschaften Chinas und Nordkoreas ansehen. Besichtigen konnten wir intensiv außerdem das Yanggakdo Stadion und das Sosan Stadion.

Wir gehen daher davon aus, dass auch dieses Jahr die Torch Cup Spiele im Stadion 1. Mai stattfinden. Mitunter können wir aber auch ein Spiel in einem anderen Stadion schauen. Ein Besuch des Kim Il Sung Stadions lässt sich sicherlich auch organisieren.

Aufgrund der Tatsache, dass es Nordkorea ist, können wir leider keine genaueren Informationen nennen.“

 

Vorbereitungen

4.5.16

Die Buchungsbestätigung von Pyongyang-Travel trifft ein:

Vor zwei Jahren hatte ich mal das Buch „Kim und Struppi – Ferien in Nordkorea“ von Christian Eisert gelesen. Zuerst interessiert (wegen der ungewöhnlichen Destination), später etwas widerwillig (wegen des etwas reißerischen, angestrengt humorvollen Schreibstiles). So stand Nordkorea zwar schon länger auf meiner „to hop“-Liste, aber aktuell war eher Indien oder was europäisches in der gedanklichen Planung gewesen.

2015 sollen insgesamt nicht mehr als 2 600 Westler Nordkorea besucht haben. Das wären ja nicht mehr als 50 Touristen pro Woche. Plus Reisende aus asiatischen Ländern. Trotzdem total wenig. Verrückt!

Nach Pjöngjang gelangt man als Westler fast nur von Peking aus. Als Reisemöglichkeit stehen der Luftweg oder die Schiene zur Auswahl. Ich wähle den Zug. Das ist nicht unbedingt billiger, weil nun auch ein Visum für China fällig wird. Doch statt den direkten Nachtzug (Fahrtzeit knapp 22 Stunden) zu nehmen, plane ich aus Bequemlichkeit und Neugierde jeweils in der chinesischen Grenzstation Dandong umzusteigen und zu übernachten. So halte ich mir das Hintertürchen offen, irgendwie noch den Länderpunkt China mitzunehmen.

Mein Pauschalpaket beginnt und endet also an der nordkoreanischen Grenze. Die Anreise dorthin kann ich in Eigenregie organisieren. Also doch nicht 100% „Neckermann“.


6.5.16

Pyongyang Travel fordert eine Hoteladresse in Dandong, an die sie meine Zugfahrkarten Dandong  -> Pjöngjang und retour zustellen kann. Über Ctrip.cn buche ich ein Zimmer mit Frühstück im Yalu Hotel zu 291 CYN (= 40,77 EUR).

12.5.16

Nach langen Recherchen entscheide ich mich für Flüge nach und von Peking mit Emirates ab Düsseldorf via Dubai zu 665 EUR. Ich plane dabei vier Tage Aufenthalt in der chinesischen Hauptstadt ein. Wenn man schon mal da ist…

19.5.16

Erhalte vom Reisebüro meinen Pass mit Visum für die Demokratische Volksrepublik Korea zurück. Kostenpunkt: 99 EUR. Das ging fix und unkompliziert.


23.5.16

Buche ein Zimmer im Hotel Hanting Express Wangfujing 2 in Peking für fünf Übernachtungen zu 56,77 EUR / Nacht. Lage: Nicht zu weit von einer Metro-Station ent- fernt und in der Nähe der Verbotenen Stadt.

27.6.16

Da die Zugfahrt Dandong -> Pjöngjang (180 km) und zurück im Pauschalangebot inklusive ist, brauche ich also nur noch die Tickets für die innerchinesische Strecke Peking -> Dandong (ca. 850 km) und retour. Die Auswahl an Agenturen im Netz, die einem die Fahrkarten besorgen, ist groß. Die Preise variieren kaum. Ich löhne 139 EUR für beide Richtungen. Von meiner Bahncard 50 wollen die nix wissen.

Man kann sich aussuchen, ob man die Tickets selbst an einem Schalter im Bahnhof abholt oder man sie sich ins Hotel bringen läßt (etwas teurer). Ich versuche es mit der Selbstabholung. Der Buchung liegt eine detailierte Beschreibung bei, wie chinesische Zugtickets zu lesen sind. Kann also nichts schief gehen.

28.6.16

Das China Visa Service Center meldet sich bei mir per mail. Meine eingereichten Unterlagen seien nicht vollständig. Ich solle mal zurückrufen.

29.6.16

Mache ich. Der Herr am Telefon blättert sich durch unzählige Unterlagen, bis er meinen Visa-Antrag gefunden hat. Auf einer Hotelbuchung fehle mein Name. Es müsse sichergestellt sein, daß das Zimmer für MICH gebucht sei. Ich verspreche ihm, umgehend einen entsprechenden Buchungsbeleg zu mailen.

8.7.16

Das CVSC meldet sich erneut. Mein Visum kostet summa summarum 161,16 EUR. Ahrgs! Ich überweise die Kohle, drei Tage später hab ich meinen Reisepass wieder in Händen.



10.7.16

Konsultiere meinen Hausarzt um abzuklären, wie sinnig die eine oder andere Impfung sein kann. Mein Hausarzt konsultiert, so wie ich zuvor auch, die Seite des Auswärtigen Amtes. Wir entscheiden uns für Japanische Enzephalitis („38% der Bevölkerung leben in Gebieten mit Übertragungsrisiko … durch nachtaktive Moskitos“) und Typhus. Tuberkulose sei nicht zu impfen, meint der Doc. Gegen Japanische Enzephalitis braucht es zwei Injektionen a 88 EUR, die es im Abstand von 28 Tagen zu bekommen gilt. Gegen Typhus nimmt man drei Tabletten, die aber – Stand heute – nicht so einfach zu bekommen sind. Das Beste: Bezahlt alles meine Kranken-kasse, die (man darf sie ja mal nennen) BKK Pfalz. Danke!

22.7.16

Ein Rundschreiben von Pyongyang Travel trudelt im mail-Postfach ein. Ich erfahre, daß es keine Reisegruppe geben wird, die von Anfang bis Ende zusammen bleiben wird. Stattdessen schwankt die Teilnehmerzahl während meiner Zeit vor Ort zwischen 7 und 21 Leuten. Es steht immer noch nicht fest, welche Spiele genau angeschaut werden können. Ich hoffe allerinständigst, daß letztendlich nicht nur Frauen oder Kinder über den Stadionrasen rennen werden. Ansonsten käme ich in arge innere Konflikte, ob ich diesen Länderpunkt überhaupt zählen könnte.

2.8.16

Pyongyang Travel informiert seine Reiseteilnehmer, daß die Torch Cup-Spiele wahrscheinlich im Sosan Stadium ausgetragen werden. Na ja, mit der großen May-Bowl war nicht wirklich zu rechnen gewesen. Google mal herum, was es in Pjöngjang denn so Stadien gibt: Rungrado May Day Stadium (150 000), Kim Il-Sung Stadium (100 000), Sosan Stadium (42 000) und das Yanggakdo Stadium (30 000).


11.8.16

Fünf Stunden vor der Abreise stelle ich fest, daß das für den 24.8. angesetzte Spiel Guoan Beijing - Yanbian Fuld im Workers Stadium verlegt wurde. Dafür tut sich die Möglichkeit auf, sonntags in Qin-irgendwas einen Kick zu sehen. Zwei Augenblicke später habe ich ne Zugfahrkarte nach Qinhuangdao gebucht. Es kann los gehen.




Der Trip

11.8.16   (1. Tag)

Pünktlich um 21.30 Uhr startet der Trip für mich ab DUS mit einem sechsstündigen Flug nach Dubai. Wenige Tage zuvor war dort nach der Landung ein Emirates-Flieger ausgebrannt. Kann ja diesmal nichts schiefgehen. Echt klasse: Das Bordprogramm, u.a. mit vielen deutsch synchronisierten Filmen.


12.8.16   (2. Tag)

Ankunft in den Vereinigten Arabischen Emiraten um 5.30 Uhr Ortszeit bei offiziell gemessenen 37°C und einer irren Schwüle. Für einen Ausflug in die Stadt reicht die Umsteigezeit nicht. Stattdessen wird im DXB (riesig !) der Meal Voucher von Emirates eingelöst und auf einer der bequemen Liegen bis zum Anschlußflug gefläzt.



10:30 Uhr geht es weiter nach Beijing. Flugzeit diesmal acht Stunden. Neben mir sitzt Leo, ein Chinese, der in Rom studiert und mit dem man etwas quatschen kann. Er warnt mich vor den Touristenfängern in der Forbidden City.


Im grünen Kasten: Unten das hellerleuchtete Südkorea, darüber das dunkle Nordkorea.

Landung um 22:20 Uhr Ortszeit. Aussteigen ist nicht. Ein Amtsarzt geht durch die Sitzreihen und prüft, ob evt. an Gelbfieber erkrankte Passagiere an Bord sein könnten. Später im Terminal müssen alle durch eine komische Schleuse gehen, in der Geräte aufgebaut sind, die wohl eine erhöhte Temperatur bei Reisenden erkennen können. Noch eine halbe Stunde am Zoll anstehen, Geld getauscht und schon laufe ich meinem persönlichen Chauffeur in die Arme. Für 30 $ hatte ich vorab einen Transfer zum Hotel gebucht, da die Metro schon dicht war.


13.8.16   (3. Tag)

Um Mitternacht bin ich am Hotel. Das Gebäude liegt in einer Seitenstraße und wäre für mich, der kein Chinesisch versteht, wohl unauffindbar gewesen. So machte sich der Chauffeur schon richtig bezahlt. An der Rezeption versteht keiner Englisch. Wurscht! Foyer und Flure des Hotels wirken eher schäbig, dagegen ist mein Zimmer wirklich top: Alles sauber und neu, die Klimaanlage erbringt Höchstleistungen!



Nach ein paar Stündchen Schlaf stolpere ich aus meinem Hotel direkt in die Metro-Station Dengshikou.

Das mit den Fahrkarten läuft etwas ungewöhnlich: Am Automaten sieht man einen Netzplan, auf dem man zuerst die Metrolinie drückt, auf der die Zielstation liegt. Dann wählt man aus, wo man aussteigen will und es wird der Fahrpreis (meist zwischen 3 und 5 Yuan) angezeigt.  Nach Zahlung spuckt der Automat eine Plastik- karte aus, die beim Verlassen der Metro eingezogen wird. Alternativ sucht man den Schalter auf und versucht der Person hinter der Scheibe auf chinenglish zu er- klären, wo man hin will. Klappt nicht immer…  Am Eingang wird stets das gesamte Gepäck durchleuchtet. Die Metro ist ziemlich sauber und modern, alle wichtigen Infos sind auf Englisch verfügbar.



Fahre zur South Railway Station, um meine vorbestellten Bahntickets abzuholen. Der Bahnhof ist gigantisch – genauso wie die Menschenmassen, die sich in ihm bewegen. Lange Schlangen an den Fahrkartenschaltern. Aber wo kann ich meine Tickets abholen?

Ich halte einem jungen Mann einen Zettel vor die Nase, den mir die Online-Ticketagentur gemailt hatte und auf dem zweisprachig einige nützliche Sätze stehen, wie z.B. „Wo ist der Abholschalter?“. Er weist auf den Schalter vor mir. Beim Warten lerne ich: In China geht es auch in der endlosesten Schlange schnell voran.  

Lege am Schalter Pass und Reservierungsnummer vor und – ratzfatz – habe ich meine Fahrkarten. Juut!


Zurück in die Innenstadt, zum Tiananmen (Platz des Himmlischen Friedens). Um überhaupt auf diesen riesigen Platz zu gelangen, muß man durch einen Security Check. Ab ins Getümmel!


Am Mittelpunkt Chinas scheint sich am diesem Tag die Hälfte deren Bevölkerung eingefunden zu haben. Der Tiananmen wird umgeben vom Parlamentsgebäude, dem Chinesischen Nationalmuseum, dem Mausoleum von Mao Zedong und dem Tor zur Verbotenen Stadt. In der Mittagshitze ist es irre schwül.



Ich wühle mich durch das Tor des Himmlischen Friedens in den öffentlichen Teil der Verbotenen Stadt. Irgendwie werden gerade keine Eintrittskarten für die Kaiserlischen Palastanlage verkauft. Macht gar nichts, wollte sowieso nicht rein. Die Paläste sehen eh alle gleich aus. Kennst du einen, kennst du alle…!

Beijing Enterprises - Qingdao Huanghai   1:2

Ein kleiner Elektrobus hilft mir, dem unsäglichen Getümmel zu entrinnen. Ab Wangfujing, der Pekinger Einkaufsmeile, nehme ich eine Metro in den Norden zum Olympiagelände von 2008.



Am Olympic Sports Center (OSC), wo Beijing Enterprises am Abend spielen soll, verkauft mir eine herumlaufende Frau für 50 Yuan eine Eintrittskarte. Hatte gelesen, daß Schwarzmarkthändler vor den Spielen Tickets anbieten. Warum sie das auch tun, obwohl das Spiel kaum ausverkauft sein wird und sie nicht mehr verlangen, als als Face Value auf dem Ticket draufsteht, kapiere ich nicht. 


Mir bleibt noch Zeit, um zum nebenanliegenden Nationalstadion, dem „Bird´s Nest“ zu latschen. Auch hier Security Check und ein Chinesenauflauf. Eine Stadiontour war gerade nicht zu haben und nach einem Blick auf den „Water Cube“ (Nationales Schwimmzentrum) suche ich frühzeitig erneut das OSC auf.



An den Garküchen gibt es nichts nach meinem Geschmack. Da schon eher am Club Shop: Für 50 Yuan wandern Schal und Wimpel in meinem Besitz über. Fans von der Gastmannschaft sammeln sich und posieren vor dem Ground. Muß eine Stunde warten, bis endlich Einlaß gewährt wird.



Da kann ich etwas darüber sinnieren, wie ist es so um den Fußball im Reich der Mitte bestellt ist: China (1,3 Millarden Einwohner) tummelt sich derzeit (August 2016) auf Rang 81 der Fußball-Weltrangliste, noch hinter St. Kitts und Nevis aus der Karibik (ca. 54 000 Einwohner).

Eigentlich wäre reichlich Geld da, um eigene Nachwuchstalente zu fördern. Das will man auch tun. Sogar „Jahrhundert-Clubs“ wie Manchester United, die in der Volksseele und Fußballkultur fest etabliert sind, sollen entstehen. Doch wenn Sponsoren die Vereine so fest in der Hand haben, wie in China, dann wird das Wunschdenken bleiben. Alle paar Jahre werden Namen und Logos der Vereine entsprechend dem neuen Sponsor oder Eigentümer geändert. Beijing Enterprises FC (Logo: Adler) verdankt seinen Namen der Beijing Enterprises Holdings Limited und hieß vor kurzem noch FC Baxy Beijing (Logo: Römischer Reiter auf Pferd). In der Chinese Super League mußten gar alle 16 Clubs zwingend den Namen des Sponsors in den Namen aufnehmen. Eingefleischte Fans sind enttäuscht, denn sie haben längst kapiert, daß so in China niemals etwas wie Fußballtradition wachsen wird. Diese ist ohnehin unbezahlbar.



Für die Sponsoren ist es natürlich lohnender, mit der Kohle alt- bzw. ausgediente „Stars“ wie Gervinho oder Demba Ba anzulocken, statt in die Jugend zu investier- en. So darf der einheimische Fußballnachwuchs noch wohl lange auf seine Chance warten. Vielleicht sehen wir statt China eher mal St. Kitts und Nevis bei einer WM- Endrunde.


Bei der Eingangskontrolle wird mir erklärt, daß ich keine Getränke in Plastikflaschen mit reinnehmen darf. Als ich darauf hin die Halbliterflasche austrinke, flippt die Ordnerin – flankiert von ein paar Polizisten – fast aus… „Oh, nooo…!“ Bescheuert! Im Stadion wundere ich mich über Wurst am Stil und über einen Ordner, der mit einem Self Balance Scooter herumsaust.



Tausend Besucher in einem Ground, in dem über 36 000 Leute Platz haben, sind etwas schmal – auch wenn es nur die zweite Liga ist. Schätze etwa 300 Anhänger der Gäste aus Qingdao. Dort, 500 km von Peking entfernt, steht die Brauerei „Tsingtao“, deren Bier rund um den Globus zu haben ist. Die Braustätte wurde übrigens 1903 von deutschen Kolonisten gegründet. Im Ultra-Block von Enterprise hängen bloß drei Dutzend Gestalten herum.



Als die Nationalhymne verklungen ist, beginnt ein schwaches Spiel. Qingdao, deren Fans fast alle ein Vereinstrikot tragen und die einen der Marseillaise ziemlich ähnlichen Gesang abliefern, ist etwas stärker, macht in der 20. Minute das 0:1.

Nach dem Seitenwechsel hat Enterprise mehr Spielanteile, vergibt aber einige gute Chancen. Ein eiskalter Konter beschert den Gästen das 0:2, der Anschluß für Beijing fünf Minuten später ist zwar verdient, bringt aber keine Punkte. Eine nicht ganz unwichtige Erkenntnis wird mir bewußt: Länderpunkt China ist gefallen.





Später vor dem Stadion eine ärgerliche Überraschung: Anders als der Fahrplan es vorsieht, ist die Metrostation der Linie 8 längst geschlossen. Irgendein Typ bietet mir an, mich für 100 Yuan zu meinem Hotel zu fahren. Das ist zu viel, aber 10 km durch Stadt und Nacht latschen will ich auch nicht. Natürlich weiß der Mann gar nicht, wo mein Hotel ist und mein Chinesisch („Denshikou“) versteht er auch nicht. Dank einer Handystandleitung zu seiner Frau erreichen wir eine halbe Stunde später meine Unterkunft. Geschafft!


14.8.16   (4. Tag)

Hebei China Fortune FC - Liaoning Whowin   0:0

Zum Ausschlafen brauche ich bis Mittag. Fahre anschließend wieder zur Beijing South Railway Station. Mir gelingt es tatsächlich, einem Geldautomaten, der nur chinesisch kann, Bares zu entlocken. Ich bin stolz auf mich.



Danach beobachte ich eine Stunde Chinesen beim Herumlaufen. Ich muß kapieren, wie man seinen gebuchten Zug findet und einsteigt. An den Wochenenden, heute ist Sonntag, sind die Züge im Reich der Mitte stets voll und so brummt es im Südbahnhof wie in einem Bienenkorb. Von der Ebene mit Restaurants und Supermärkten geht es in langen Schlangen über Rolltreppen nach oben. Nur Inhaber einer Fahrkarte gelangen in den gigantischen Wartesaal. Wie am Flughafen sind paarweise Gates aneinandergereiht. Etwa eine halbe Stunde vor Abfahrt kommen ein paar Damen und beginnen mit der Abfertigung. Man hält denen seinen Ausweis vor die Nase und steckt die Fahrkarte ins Drehkreuz. Familien mit kleinen Kindern dürfen zuerst durch. Da jeder Zug als Kennung einen lateinischen Buchstaben und eine Zahl trägt, kann man auch als Nichtchinese nichts falsch machen. Auf der Rolltreppe geht es runter zu großzügige Bahnsteigen.



Ich will nach Qinhuangdao zum Fußball und steige in den Zug der Kategorie G. Der bietet absolute Hochgeschwindigkeit, d.h. 250 - 400 km/h. Der Höchstwert, den ich unterwegs auf dem Display im Waggon ablesen werde, lautet 305 km/h. Modernstes Zugmaterial, klimatisierte Großraumwagen (in dem sich fünf (!) Sitze in einer Reihe befinden) und auf Sauberkeit achtende Zugbegleiter erwarten mich. Die Sitzbänke kann man (z.B. nach einem Kopfbahnhof) um 180° drehen. Verrückt!



Für die knapp 400 km lange Strecke via Tianjin braucht der G397 zwei Stunden. Die Reise geht vorbei an Feldern, Strommasten und riesigen Hochhaussiedlungen. Dagegen kann Manhattan meist abkacken.



In Qinhuangdao reihe ich mich am Bahnhof gleich in die Schlange der Taxiwartenden ein. Ich zeige dem Fahrer einen Ausschnitt von google map mit dem Stadion von oben. Das kapiert er sofort. Für nur 21 Yuan rast er mit mir 20 Minuten lang durch die 2,7 Millionen-Stadt.



Der Ground des Hebei CFFC heißt ähnlich wie der gestern in Peking und wohl auch noch einige andere im Lande: Olympic Sports Centre Stadium. Für Olympia 2008 gebaut, stand es mit seinen 33 572 Plätzen für einige Spiele des Fußballturniers zur Verfügung.





Drei Stunden vor dem Anstoß ist schon reichlich Trubel angesagt. Die Ultras von Liaoning sammeln sich vor dem Stadion und ziehen trommelnd, fahnen- wehend und skandierend von dannen. Ein zahnloser Opa bietet mir für 180 Yuan = Face Value ne "VIP"-Karte an. Vielleicht arbeitet er offiziell für den Club, obwohl er nicht danach aussieht?! Ich nehme die. Die junge Verkäuferin für Trikots und Schals nebenan spricht Englisch. Ich kaufe ihr einen Schal ab. Obwohl die Trikot ziemlich dünn sind, ist es mir dafür bei dieser Hitze vor Ort viel zu warm. Die Dame erklärt mir, daß die Stadiontore um 18 Uhr öffnen. Ein Typ versorgt mich ungefragt mit einer Wasserflasche und einem Stadionprogramm. Cool!



Laufe eine halbe Runde um das Stadion. Würde gerne zum etwa 200 m entfernten Strand gehen, doch eine Bahnlinie versperrt mir den Weg. Warte am Straßenrand in der Abendhitze auf den Einlaß. Bekomme wieder von einem Fan Wasser zugesteckt. Sehe wohl ziemlich verdurstet aus.




Im Stadion stelle ich überrascht fest, daß ich nicht die einzige Langnase bin. 8 000 km entfernt der Heimat in einem mir vor Tagen noch völlig unbekannten Ort an der Küste des Gelben Meeres setzen sich  plötzlich vier andere deutsche Groundhopper neben mich. Das die Jungs ebenfalls in den nächsten Tagen Nordkorea ansteuern werden, wundert mich dann gar nicht mehr. Germans are everywhere.







Gut 16 000 Besucher machen eine laute Stimmung, bekommen aber trotz fehlender Tore ein um Klassen besseres Spiel geboten, als ich gestern in Peking. Das Publikum ist sehr ultramäßig drauf. Von Hebai verteilen sich mehrere Gruppen mit Fahnen im ganzen Stadion. Konfetti fliegt schonmal, eine Handylicht- Choreo gibt es auch. Nur Böller knallen es keine, dabei wäre das doch noch am naheliegendsten gewesen...





Ich versuche irgendeine Sache in Bezug auf Stadionbesuche oder Fankultur zu finden, die man als "typisch chinesisch" bezeichnen könnte... und finde nichts. Die ganze Veranstaltung wirkt auf mich sehr kommerziell und gesteuert. Natürlich sind die Fans von dem Geschehen auf dem Rasen richtig begeistert und gehen emotional voll mit. Doch insbesondere das Ultra-Gehabe scheint mir sehr austauschbar zu sein. Dabei beziehe ich meine Erlebnisse vom Vortag mit ein. Das gleiche Szenario könnte man so in einigen anderen Stadien Europas auch erleben. Denke, das "typisch chinesische" ist, das es nichts "typisch chinesisches" gibt. Noch mehr Spiele in China zu gucken, bringt vermutlich keinen besonderen Mehrwert - evt. von brisanten Derbies mal abgesehen.



Nach dem Abpfiff machen wir Deutsche (Sebastian, Uwe, Kai, Sascha and me) uns im Taxi auf den Weg zurück zum Bahnhof. Wie es der Zufall will, hatten wir alle den gleichen Zug für die Rückfahrt gebucht.



Ernst versorgen wir uns mit Flüssigem, dann trauen sich drei von uns, an einem kleinen Grillstand etwas zu bestellen. Einige Damen des horizontalen Gewerbes kreisen umher, sehen in uns aber offenbar keine potentiellen Kunden. Gut so! Entgegen meiner Befürchtung, schmeckt das gegrillte Zeug echt gut und hat keinerlei negative Auswirkungen auf meine Befindlichkeiten. Sebastian hat bei einer jungen Bierverkäuferin offensichtlich Eindruck gemacht. Sie läuft ihm aus dem Geschäft hinterher, um ein Selfie zu bekommen.





Um 23:39 Uhr rollt unser Zug D4606 in Qinhuangdao ein.


---> FORTSETZUNG ---> China und Nordkorea (2)