"Wenn Du ein Land kennenlernen willst, gehe nicht zu den Ausgrabungsstätten, sondern in die Tavernen." Das habe er so oder so ähnlich einmal gelesen. Michael Höller hat den Spruch nur etwas abgewandelt und ihn zu seinem Lebensmotto gemacht: "Statt Tavernen sind es bei mir eben Stadien."[Allgemeine Zeitung / Rhein Main Presse, 1.8.2015]

Länderpunkt Albanien, Belarus und Länderpunkt Ukraine


 

"Musst Du wirklich dahin fahren?" "Pass bloß auf...!" So oder ähnlich wurden meine Absichten kommentiert, nach Albanien zu reisen.

Im Internet erfuhr ich in einem englischsprachigen Traveller-Forum, daß die Leute in Albanien sehr, sehr nett seien, die Männer aber gelegentlich dazu neigen würden, ihre Waffen offen zu tragen. Wild East eben. Beide Behauptungen fand ich nicht bestätigt! Aber das macht ja eben den Reiz einer Reise aus, daß man selbst guckt "was ist". Für mich jedenfalls. Und selten war ich so gespannt, wie eben auf das unbekannte Albanien.


Tag 1







Tag 2


Freitag der 13. ist seit gut 6 1/2 Stunden vorbei. Bin an Bord der "Ionis", genauer gesagt an Deck. Die ersten Gebirgsketten sind im rotblauen Dämmerlicht zu erkennen. Obwohl es hier zieht wie sonst wohl nur auf dem Gipfel eines 8000ers halte ich einige Augenblicke aus. Bis die Fähre den Hafen von Durres, der zweitgrößten Stadt des Landes, erreicht, dauert es aber noch über zwei Stunden. Später läuft die "Ionis" vorbei an rostigen Schiffen und unter Anweisungen des Kapitäns per Mikrofon ein und geht vor Anker.


Strahlendblauer Himmel, aber saukalt. Noch bevor ICH das Schiff verlassen kann, verlassen MICH zehn Euro für das Einreisevisum. Über die Heckklappe spaziere ich raus und steige gleich in einen klapprigen Bus. Der Fahrer erklärt mir in einer Mischung aus albanisch und italienisch (wie konnte ich das bloss verstehen ???), dass der Bus gratis zum irgendwohin fährt und in zwei Minuten startet. Der Mann ist superfreundlich, will mich aber offensichtlich nach dem Transfer an ein Taxi vermitteln. Höflich aber bestimmt lehne ich ab, stell mich nixverstehend oder kapiere wirklich nichts. Zweite Passkontrolle, bekomme auch zwei Stempelchen in den Reisepass. Da freut sich der Globetrotter!



Das Tor hinter dem Zoll ist von Einheimischen umzingelt. "Taksi, Taksi"-Rufe überhörend und Bettlerinnen ignorierend, denke ich nur "Augen zu und durch" und im Laufschritt gehts erstmal über einen Platz aus gefrorenem Matsch, Schotter, Plastikmüll und Baracken. Die hartnäckigste Bettlerin läßt erst locker, als ich etwa 200 m weiter am Busbahnhof ankomme.



Puh, erstmal die ersten Eindrücke verdauen, durchatmen und akklimatisieren. Was sehe ich? Eine große, ampellose Kreuzung, durch die wild aber unfallfrei Autos aus allen Richtungen kommen und in alle Richtungen im Straßenstaub wieder verschwinden. Hektische Menschen springen zwischen den rücksichts- losen Autos (zumeist Mercedes) und Bussen (zumeist aus Deutschland) über die Strasse. "355 Gelsenkirchen Machensplatz" hat ein Bus im Zielschild. Im Ruhrgebiet war der Bus aber schon lange nicht mehr unterwegs.



Im Bahnhof von Durres stehen vereinzelnde Waggons, die Bahnhofshalle ist leer. Dagegen umso mehr Betrieb auf dem Busbahnhof. In der Mitte abgewrackte Busse, die in alle Teile des Landes fahren werden (vor allem nach Tirana, in die Hauptstadt), drumherum Taksis.







Die Straßen haben größere bauliche "Mängel": Die Strecke nach Süden ist nur in der Mitte asphaltiert, sonst Schotter. Kanalisation ist vorhanden, aber keiner der tiefen Schächte hat nen Deckel. Bordsteine gibt es, der Gehweg ist aber noch holpriger als die Straße.

Jetzt muß ich mal langsam an Geld kommen. Sehe keine Wechselstuben, die Banken sind zwar bewacht, aber nicht offen. Der erste Geldautomat spuckt nix aus, ein zitronengelber Raiffeisen-ATM akzeptiert meine Karte. Wieviel brauch ich denn? 1 000 oder 50 000? Fällt mir ein, daß ich den Wechselkurs gar nicht kenne. Nicht lange gezögert, wähle ich 20 000 Leks und erhalte vier 5000er Scheine. Problem gelöst!

14.1.06   Teuta Durres - Skenderbeu Korce   1:1

Will zum Fußball, es spielt Teuta Durres - Skenderbeu Korce. Nur die Anstoßzeit kenne ich nicht. Gehe zu einem blauen Zeitungsbüdchen, gucke auf eine druckfrische Sportzeitung. Preis: 30 Leks. Huch, auf die 5 000 wird die Dame wohl nicht herausgeben können. Wieviel sind denn 5 000 Leks? Frequentiere eine Gaststätte, die sich angenehm von der Welt vor den Glasscheiben abhebt. Für 500 bestelle ich ein Bifstek (brauche ja Kleingeld für die Zeitung). Ist das einzigste, was ich auf der Menükarte entschlüsseln kann. Ach, ein bekanntes Bier heißt "Warrtainer", aber sowas trink ich nicht. Der junge Kellner bringt ein essbares Bifstek - und das soll was heißen - bin ich doch beim Essen sooo empfindlich.
Mit dem Wechselgeld renne ich gleich zurück zum Kiosk und halte bald das Sportblatt und einen halben Kilo Wechselgeld in der Hand. Hey, geil! Das Spiel ist um 13.30 Uhr, und sogar heute!!! Auf dem Titelbild: Mikael Balaku von Bajerni i Mynihut. He he...!

Entdecke eine Wechselstube. 124 Leks sind ein Euro. Mist, hab ich doch glatt 160 Euro am ATM gezogen. Schnell 3/4 der Summe wieder zurück in Euro getauscht, bevor ich mit den Leks nach Hause fahren muß und dafür wahrscheinlich keinen Pfifferling mehr bekomme.




Laufe in den nächsten Stunden die Straßen auf und ab, evt. entdecke ich ja das Stadion irgendwie?! Natürlich gibt es weder Stadtplan noch Touristeninfo! Besonders interessant finde ich die Tabakhändler und die Stände, wo man Kaffee per Generator angetriebener Kaffeemühle mahlt, eintütet und verkauft.
Die Bedenken, möglicherweise an der jeweils nächsten Straßenecke bestohlen, überfallen oder sonstwas zu werden, lege ich schnell ab. Zwar bin ich seit über 18 Stunden allein unter Albanern, fühle mich aber doch sicher. Selbst dann, als sich ein junger Bettler mit nur einem Bein flink an mich heranrobbt und mein rechtes Bein umklammert. Eine Spende von 50 Leks lassen den Jungen ab. Puh, hatte ich doch an dem Fuß in der Socke vorsorglich 150 Euros versteckt... die noch da sind. Die Leute nehmen im Allgemeinen meine Anwesenheit gleichgültig hin, werde als Blonder keineswegs merkwürdig beäugt. Wie schön!




Zum Stadion lasse ich mich per Taksi fahren. Es spielt der Tabellenneunte gegen den Siebten (bei 10 Teams) der ersten albanischen Liga. Der Kick vor ca.  1 000 Zuschauern ist ganz ok und nach Abpfiff bin ich am ZIEL MEINER REISE: Der fussballtechnisch 30. Länderpunkt ALBANIEN ist gemacht!

Später entdecke ich noch eine große Moschee, einen alten Turm und eine Hafenpromenade, wo ich mir den Sonnenuntergang gönne und für die Sammlung daheim etwas Strandsand mitnehme. In einer Fußballkneipe namens "Ronaldo" komme ich mit dem Wirt ins Gespräch. Er wundert sich natürlich über den Grund meiner Reise. Auf die Frage, was ICH von Durres halte, sage ich "ganz interessant", wobei er abwinkt und fast melancholisch anwortet "Das hier ist nichts, ... nichts!". Klar, was auf mich exotisch, abenteuerlich und daher interessant wirkt, ist für ihn Tristesse pur. Durres ist ein Ort, an dem keiner gerne und freiwillig ist. "Abseits der Touristenpfade", eine inflationär gebrauchte Floskel in der Reiseliteratur, trifft auf Durres zu, denn HIERHER verirrt sich KEIN Tourist. Hier sind nur Albaner - und ich.






Dann die Rückfahrt... Noch ahne ich nicht, daß die völlig anders verlaufen wird, wie ich mir das gedacht hatte. Es beginnen die langen Stunden des Wartens. Die Route heimwärts ist identisch mit der Anreise: Fähre nach Bari (Apulien, Süditalien) und dann mit hlx billigfliegend (27,15 EUR für Hin- und Rück) heim.

18 Uhr: Stehe mit einem Dutzend Leuten frierend auf dem matschigen Vorplatz vor dem Zoll. Ringsum Ticketbuden in Containern, ein Fährterminal gibt es nicht. Wann läßt man uns rein?
19 Uhr.
20 Uhr, ich spüre meine Füße kaum noch. Jetzt stehen gut 400 Leute vor dem Zoll. Die Beamten lassen keinen rein.
20.15 Uhr: Alle sind ungeduldig und es kommt zum großen Gedränge. Alle Passagiere müssen mit Sack und Pack einzelnd durch ein kleines Tor. Zum Glück bin ich weit vorne und komme bald durch. Am Zoll noch einen Augenblick warten, dann bekomm ich wieder zwei Stempelchen. Der Zöllner fragt mich was, verstehe aber nichts. Man läßt mich doch ausreisen.
Die Masse verteilt sich auf dem Hafengelände vor drei ankernde Schiffe, die alle Bari als Ziel haben. Vor der Heckklappe heißt es natürlich warten. LKWs, PKWs und Fußgänger müssen sich in Reihe aufstellen. Ich muß an die Arche Noah denken...
21 Uhr, wir können rein. Ein Mr. Wichtig reißt die Bordkarten ab. An Bord lege ich mich im Sitzplatzbereich quer über vier Pullman-Sitze und schlafe fast erforen sofort ein.
23 Uhr: Ich werde wach. Huch, wir fahren ja noch nicht. Dabei sollte es doch schon vor einer Stunde losgehen! Immer mehr Reisende kommen auf das Schiff.
Mitternacht.


Tag 3

1 Uhr.
2 Uhr. Die Fähre bleibt im Hafen und saugt sich mit albanischen Gastarbeitern voll. Auf der Hinfahrt fast leer, ist jetzt jeder Platz besetzt. Auch auf dem Boden, in der Bordbar, in den Gängen, auf den Treppen liegen Menschenleiber auf dem Boden dicht an dicht.
Kann die ganze Zeit nicht schlafen.
2.15 Uhr. Mit über vier Stunden Verspätung geht es endlich los. Mein Zeitpuffer zwischen Ankunft Fähre und Abflug Flieger in Bari von ursprünglich fünfein- halb Stunden schrumpft gefährlich. Ich frage nach, wann wir in Bari ankommen würden. Antwort: 11 Uhr. Um 13.30 Uhr startet mein Taxipreisflieger, hm... knapp, aber noch sorge ich mich nicht. Versuche noch was zu schlafen.
3.30 Uhr: Wechsel wg. Rückenschmerzen vom Sitz auf dem Boden und streck mich aus. Weiterschlafen.
6.30 Uhr : Ich kann das Dunkel des Pullman-Sitzbereiches, die Menschenmasse und die schlechte Luft nicht mehr ertragen. Die Bar ist bestialisch mit Zigaretten verqualmt, also geh ich nach draußen an Deck. Da ist es zwar kalt, aber frische Luft gibt es auch nicht... penetrant stinkt es nach Motoren und Öl. Aber wenigstens keine Leute.



7.30 Uhr Es beginnt zu regnen, dann zu hageln und die Sonne kommt wieder raus. Durch das Wellblechdach auf Deck tropft es durch alle Ritzen.
9.30 Uhr Die ersten Albaner stellen sich vor die verschlossene Luke, hinter der die Treppe zum LKW-Deck und dann zum Ausgang führt. Ich bin auch ganz vorne, hab es ja in Bari dann ziemlich eilig.
10.30 Uhr Immer noch kein Land in Sicht. Es ist kalt. Warten.
10.45 Uhr Eine Durchsage: In 30 min sollen wir in Bari ankommen. Die Zeit drängt...
11.30 Uhr Die Fähre hat sich rückwärts an ihren Liegeplatz manövriert und festgemacht. Ich werde langsam wirklich nervös, gucke ständig auf die Uhr. In zwei Stunden geht das Flugzeug! Doch wider Erwarten wird die Fußgängerluke gar nicht geöffnet, sondern alle müssen über die Autorampe aufs unterste Deck. Sch...! Wollte ich der erste sein, bin ich nun der letzte (steht das nicht auch so in der Bibel ?) der das Schiff verläßt. Heilloses Gedrängel, die etwa 500 Passagiere der Fähre haben es ja auch eilig...
11.45 Uhr Bin an Land, als die nächste Überraschung auf mich lauert: Vor dem Zollabfertigungsgebäude stehen Passagiere von mindestens drei Schiffen, sicher nicht weniger als 1000 Menschen! Und Albaner werden an einer italienischen Grenze nicht einfach durchgewunken, da wird alles genau kontrolliert. Meine Hoffnung auf eine Heimkehr noch am gleichen Tag schwindet.

12.30 Uhr Kann mein Blick kaum von der Armbanduhr lassen. Nur Schneckentempo geht es vorwärts. Alle sind durch die Verspätung gereizt: Direkt vor mir kommt es zu einer wüsten Schlägerei zwischen mindestens acht Leuten. Blut fließt, die Polizisten greifen nicht ein.
Im Zollgebäude drin muß ich ernüchternd feststellen, daß die Menschenschlange nochmal so lang ist... nur noch ein Wunder würde mich das Flugzeug erwischen lassen.Wunder gibt es immer wieder - aber nicht heute und nicht für mich! Um 13.30 Uhr bin ich durch die Zollkontrolle, in der gleichen Minute hebt der hlx-Taxiflieger nach Kölle ab. Meinen persönlichen Flug Nr. 111 kann ich an diesem Sonntag nicht mehr absolvieren.
13.35 Uhr Wie komme ich jetzt heim? Muß doch morgen arbeiten. Ich laufe vom Hafen Richtung Bari Centrale. Schnell ein Blick in die Zeitung: Vielleicht kann man aus der Not eine Tugend machen und noch ein Spiel der Serie A mitbekommen? Nein, außer Roma gegen Milan sind alle Begegnungen um 15 Uhr und in die italienische Hauptstadt würde ich es nicht mehr schaffen.
Ich muß telefonieren. Münzen nehmen die Telefone nicht an, meine Kreditkarte wird vom Operator nicht angenommen. Und eine Telefonkarte ist nicht zu kriegen. Alle Läden sind zu. Sonntagnachmittags ist Bari tot.
Erst am Bahnhof kriege ich Telefonkarten. Freundin ist nicht zu Hause, also rufe ich bei der Ex-Frau an. Sie soll mir einen Überblick über Rückflugmöglichkeiten ab Bari (oder Rom oder Neapel) geben, indem sie ins Internet geht. Ex-Frau ist da, kapiert aber in der Hektik nichts und beim dritten Anruf geht sie gar nicht mehr dran. Toll! Laße mir im Bahnhof eine Zugverbindung nach Köln geben. Mit Umweg über München würde die Reise 24 Stunden dauern, das verkrafte ich nicht!
14.40 Uhr Ich fahre mit dem Bus zum Flughafen, vielleicht geht noch ein Billigflieger nach Hannover oder Stuttgart??? Nix da, nach Minsk wäre noch was möglich gewesen... aber nach Germania? An diesem Tag keine Chance! Oh oh!



15.15 Uhr Bin bei der netten Dame am Ticketschalter. Ich spüre, jetzt wird es teuer. Buche für den nächsten Tag, wieder 13.30 Uhr Abflugzeit per hlx. 209 EUR, nix Taxipreis! Die Kreditkarte funktioniert wieder nicht. Ob ihr die albanischen ATMs nicht bekommen sind? Zum Glück hab ich noch Cash! Gebucht! Im Touristenbüro bekomm ich ein Hotelzimmer organisiert, 55 EUR - mit Frühstück!


Tag 4

Die restliche Heimreise am nächsten Tag verlief dann weniger spektakulär!

Sollte ich jetzt beim Schreiben den Eindruck erweckt haben, der Trip nach und von Albanien hätte mir keinen Spaß gemacht? Irrtum! War eine meiner besten Fußballreisen! Neckermann kann jeder...!




 



13.08.06       Lokomotive Baranowitschi – Lokomotive Minsk     1:2 n.V.

Der zweite Teil (die Begegnungen am Sonntag) des Achtelfinals im weißrussischen Pokalwettbewerb bescherte zahlreiche Spiele in der Provinz, d.h. weit abseits von der Hauptstadt. Der am leichtesten zu machende Ground war eben jener in Baranowitschi (Betonung auf der zweiten Silbe „.-ra“). Die Stadt liegt etwa 180 km westlich von Minsk an der Hauptbahnlinie Berlin – Moskau und ist gleichzeitig Endhaltepunkt des Nahverkehrs mit der Elektritschka. Die Reise dauerte gut drei Stunden (und kostete umgerechnet 1,95 EUR), wobei alle paar Minuten gehalten wurde, z.T. scheinbar auf freiem Feld. Immer wieder stiegen Gruppen von Pilzesammlern ein oder aus. Fliegende Händler boten im Zug Zeitschriften oder Süßigkeiten an.






Unterwegs waren Elena und ich hungrig geworden und die Nahrungsbeschaffung erwies sich nach Ankunft in Baranowitschi als echtes Problem. Zwar gab es einen riesigen Markt, wo fast alle Gebrauchsgüter, Gemüse und Fische zu haben waren, aber halt nix, was in meinen Augen als „essbar“ gelten konnte. Letztendlich gönnten wir uns Hot Dogs (im ausrangierten Wohnwagen zubereitet) zu je 51 Cent und Kwass. Neben dem Bahnhof gab es ein Eisenbahn-museum mit kuriosen Loks und Waggons und direkt hinter der Bahnstrecke, in nur wenigen Minuten über eine Brücke zu erreichen lag das Stadion Lokomotiv.







Es herrschte unerwartet starker Andrang (denn hier spielte ja nur ein namenloses Kellerkind aus der ersten Liga bei einem Zweitligisten): 3500 Leute fanden in den ground und das match wurde damit zur bestbesuchtesten in dieser Pokalrunde überhaupt. Das billigste Ticket kostete 55 Cent, wir jedoch nahmen Topplätze im Logenblock für je 5000 Rubel (1,85 EUR). Als Programm diente ein farbkopiertes DIN A 4-Blatt zu 30 Cent. Nach fünf Minuten hieß es schon 0:1 für die in Rot spielenden Gäste, ein weiterer Treffer wurde den Hauptstädtern wegen Abseits nicht gegeben. Aus Minsk war eine Gruppe von etwa ein Dutzend Jugendlichen angereist, die eine Fahne präsentierten und rumgröhlten.


Zur Halbzeit wurde dann einer von denen mit nacktem Oberkörper von der Polizei in Gewahrsam genommen und im Auto aus dem Stadion gefahren. Der Ground bestand aus nur einer Tribüne, die allerdings war in sehr gutem Zustand (entweder ganz neu oder komplett renoviert) . Wem die Blase drückte, musste sich vor einem von zwei Dixiklos einreihen. Alles in allem herrschte gute Stimmung. Die Blau-Weißen aus Baranowitschi wurden zwar nicht supportet, aber es gab lautstarkes Mitfiebern. Nach 90 Minuten stand es 1:1, die Verlängerung entschieden dann die Gäste für sich.




Am Bahnhof taten wir doch noch was Essbares auf und stärkten uns noch mit Hot Dogs, Piroschki, Zimtbrötchen und Kaffee für die Heimreise nach Minsk. Diesmal nahmen wir einen Fernzug, der aber mit 2 ½ Stunden nur unwesentlich schneller unterwegs war, als die Elektrischka. Holzklasse kann man hier wörtlich nehmen: Harte Holzbänke sorgten für eine beschwerliche Fahrt.

Auch als erfahrener Interrailer konnte ich noch neue Erfahrungen machen: Die Fahrkarte war für jeweils einen bestimmten Waggon ausgestellt. Beim Einsteigen kontrollierten zwei uniformierte Damen, ob man auch in den richtigen Waggon kletterte. Natürlich wurde während der Fahrt noch mal kontrolliert, wobei jeweils ein 3er-Team von Schaffner(innen) für nur einen Waggon zuständig ist. Aber zunächst verzögerte sich die Abfahrt, als ein Betrunkener beim Anfahren der Lok sich irgendwie selbst in Gefahr brachte und es eine Notbremsung gab. Landete wieder einer im Knast von Baranowitschi. Merkwürdige Regelungen bei der Toilettennutzung. 20 Minuten nach Abfahrt und 35 Minuten vor Ankunft in Minsk wurden die Aborte geschlossen. Klar fallen die Fäkalien nach dem Abziehen direkt auf die Gleise, aber diese Vorsichtsmaßnahmen brachten mich doch sehr zum Erstaunen. Erklärte sich auch, warum man pro Waggon soviel Personal benötigt -> seperater WC-Schließdienst. Sauber! Von Rationalisierung keine Spur!





 










16.08.06       Weißrussland – Andorra     3:0

Große Ereignisse werfen bekanntlich ihre Schatten voraus. So wurde dieses Zusammentreffen europäischer Kickereliten auf Minsks Prachtboulevard, dem „Prospekt der Sieger“, mit Plakaten und fahrbahnüberspannenden Banner hinreichend angekündigt Tickets für dieses Freundschaftsspiel im Dinamostadion besorgten Elena und ich uns schon am Vortag an den Stadionkassen: 15 000 Rubel (entsprechen 5,55 EUR) für jeweils einen Logenplatz. Das sind die Plätze auf der Haupttribüne, die von der Oberrangtribüne überdeckt werden und somit die einzigsten die Regenschutz bieten.



Kick off war um 20:45 Uhr Ortszeit, Flutlichtspiel! Komischerweise gab es weder Programme noch Stände oder Händler, die Fanartikel oder ähnliches anboten. Einzig im Angebot waren Tschebureki, Wareniki und ähnliche Spezialitäten der russsichen Küche, die auch reißenden Absatz fanden. Etwa 8 000 Besucher wollten das match sehen, away-Supporter aus Andorra waren wie erwartet keine auszumachen. Gibt es überhaupt solche? Trotz eines ziemlich schwachen Spiels des Favoriten um Alexander Hleb wurden die weißrussischen Kicker von ihren Fans gut unterstützt. Einige La Ola-Versuche scheiterten allerdings. Wie auch bei Spielen vorher ist mir die deutlich größere Polizeipräsenz im Stadion (im Vergleich z.B. zu Deutschland) aufgefallen. Ich weiß zwar nicht, wie es um die weißrussische Hooliganszene steht (laut Internet gibt es ja eine solche), aber ich denke, die Polizisten dienen eher dazu, das Volk in Schach zu halten. Denn immerhin herrscht in Weißrussland eine strenge Diktatur, die letzte in Europa.


 













21.08.06     Lokomotive Minsk – Naftan Novopolotsk     3:3    (in Molodetschno)

Warum Lok Minsk seine Heimspiele nicht in der Hauptstadt austrägt, weiß ich immer noch nicht. Stadien wären sicher ausreichend vorhanden und im eigenen Lokstadion spielt immerhin die eigene Reserve. Stattdessen weicht man in relativ weit entfernte Städte aus: Letztes Jahr trat Lok in Smorgon an, jetzt in Molodetschno.



So fuhren Elena und ich (grippe- und durchfallgeplagt) an diesem Montag eben nach Molodetschno, nördlich von Minsk gelegen, wieder mal Endhaltepunkt der Elektritschka und in gut zwei Stunden erreicht. Molodetschno ist sicher kein Dorf, aber alles hat doch sehr provinziellen Charakter. Lustig fand ich die Kirmes in der Stadt, wo ein Schwanenkarussell im Schatten einer Lenin-Statue seine Runden drehte. Nach etwa einem halbstündigen Fußmarsch durch die Stadt erreichten wir am Rande eines Parks den Gradskoie Ground (heißt soviel wie „Städtisches Stadion“). Eintritt diesmal einheitlich 1000 Rubel (= 37 Cent) auf allen Plätzen. Beim Reingehen musste man wie immer den Ordnungskräften einen kurzen Blick in den Rucksack gewähren.


Das ungemütliche Stadion hat zwei Tribünen auf jeder Längsseite und ausschließlich Sitzplätze. Das lahme Spiel (Belarus, 1. Liga, Anstoß 17 Uhr Ortszeit) nahmen wir zum Anlaß, die Sitzschalen genau zu zählen: exakt 4132, also ca. 1000 mehr als im Informer angegeben. Die etwa 1 500 Besucher kamen wohl zu 98% aus Molodetschno, unterstützten aber geschlossen das „Heimteam“ aus Minsk. Dann gabs da noch die dreizehn Lok-Fans mit Fahne, die wir schon aus Baranowitschi kannten. Auf der gleichen Tribüne, nur am anderen Ende (und somit für die jeweils andere Fangruppe außer Sichtweite, wie clever!) standen ebenfalls genau dreizehn Gestalten aus Novopolotsk mit Fahne. Ab und zu erklangen Anfeuerungsrufe, aber einen verbalen Schlagabtausch von Gesängen gab es nicht.


Elena und ich saßen auf einer beängstigend anmutenden Stahltribüne, deren Treppenstufen aus Betonklötzen bestand. Ähnlich wie bei einer Freitreppe konnte man von seinem Sitzplatz auf den bis zu 10 m tiefen Boden gucken. Grund genug, alle seine Besitztümer während des Spiels krampfhaft festzuhalten. Höhepunkt war dann die 93. Minute, als Naftan der Ausgleich zum 3:3 gelang. Ein Tag in der weißrussichen Provinz ging zu Ende.

 
















25.08.06    WEDER CSKA Kiev – Dinamo ISS     NOCH Obolon Kiev – Naftovik Ukrnafta

Für den Freitag war in der Ukraine ein kompletter Spieltag der 2. Liga angesetzt. Hier und heute sollte mein 32. Länderpunkt fallen. Nachdem Elena und ich mit dem Nachtzug aus Minsk gegen 9 Uhr in Kiev eingetroffen waren und wir unser Gepäck in der Jugendherberge abgegeben hatten, besorgten wir uns die obligatorische Hopperlektüre, d.h. alle verfügbaren Sportzeitungen in der Landessprache. Das brachte uns nicht viel, denn die genaue Anstoßzeit des Spiels CSKA – Dinamo ISS bekamen wir so nicht heraus. Also nutzten wir den sonnigen Mittag, um uns das Kiever Höhlenkloster anzuschauen. Sagenhaft, einfach gigantisch! In der Stadt herrschte Volksfeststimmung, denn der Tag der Unabhängigkeit war wegen eines kurz zuvor passierten Flugzeugunglücks eben auf dieses Wochenende verschoben worden.











Daher hielt ich einen früheren Spielbeginn als z.B. 20 Uhr abends für möglich und wir bemühten uns, schon rechtzeitig den Ground von CSKA zu lokalisieren. Das war einfach, denn der Ground lag nur wenige Gehminuten vom Kiever Hauptbahnhof entfernt. Gegen 17 Uhr dort angelangt, schwante mir schon übles, als es weder Spielankündigungsplakate gab noch ein dort diensthabender Soldat was von einem Spiel wusste. Kassenhäuschen und Stadion sahen zudem ziemlich verwahrlost aus. Ob hier überhaupt noch gespielt würde? Elena und ich liefen um das CSKA Stadion herum, trafen auf ein paar Rentner. Dann wurde die Sache schnell klar: CSKA spielte auf einem Platz irgendwo am Standrand und der kick hatte schon längst angefangen. Frust!



Am Bahnhof enterten wir schnell ein Internet Cafe, um evt. einen Ersatzkick aufzutun. Nach Angaben eines großen deutschen Wettanbieters zufolgte sollte das Heimspiel von Obolon Kiev, ebenfalls 2. Liga Ukraine, um 17 Uhr deutscher Zeit, d.h. 19 Uhr in Kiev beginnen. Irgendwie fanden wir auch heraus, wo sich der ground befinden sollte. Also „hin da“: Mit der Metro zur Endhaltestelle und dann durchgefragt, kam uns bald ein große Bus mit jungen Männern entgegen, die wie Sportler (Fußballer ?) aussahen. Elena scherzte „Das sind sicher die Spieler...“. Stadion gefunden, einmal um die Baustelle und menschenleere Spielstätte herumgelaufen, folgte die Enttäuschung auf dem Fuße: Wir fanden ein Spielplakat, wo die Anpfiffzeit des heutigen matchs (mehrfach überschrieben und überklebt) mit 17 Uhr angegeben war. F***!!! Jetzt war es etwa 19.20 Uhr. Länderpunkt ade, zumindest für diesen Tag. Rätselhaft bleibt mir aber, wieso man im Internet auf den Obolon-Kick noch hätte wetten können, während das Spiel schon längst beendet war???




















28.08.06     Chernomorets Odessa – Zorya Lugansk     2:0

Eine ukrainische Website verkündete die Verlegung dieses 1. Liga-Spiels auf den Montagabend. Um aber aus unerfindlichen Gründen nicht doch wieder in die Röhre zu gucken, suchten Elena und ich den ground schon am Vortag auf. Das Stadion lag in einem Park, nicht weit von Hafen und Altstadt entfernt. An einem großen Tor mit der Überschrift „Zentralstadion“ luden uns die Wachmänner förmlich dazu ein, die Clubverwaltung im Stadioninneren aufzusuchen, um evt. schon mal Tickets für das morgige Spiel zu kaufen. Yeah, tatsächlich sollte am nächsten Tag gespielt werden, Länderpunkt gebongt! Als Elena für mich fragte, ob ich ein Foto von der Kartenzentrale machen dürfe und dabei zur Sprache kam, dass ich Deutscher sei, erlaubte uns die nette Dame sogar, durch den Spielertunnel direkt in den ground auf den „heiligen“ Rasen zu gehen. Geiler Blick und geile Fotos wurden uns so ermöglicht.









Etwa 28 Stunden später waren wir dann wieder am Stadion, übrigens dem zweitgrößten im Lande. Es gab massig Devotionalienhändler und auch Stände, an denen Scampis, Krebse oder so n Zeugs verkauft wurden. Wääh! Das Match war das Duell zweier Teams aus dem unteren Tabellendrittel und zog gut 8 000 Besucher an. Sogar aus der Ostukraine war eine Busladung Fans angereist. Und das an einem Montagabend, Respekt! Es gab zweierlei Programme und sogar Bier, allerdings kappte man bei allen Getränken kurzerhand den Flaschenhals (um zu vermeiden, dass damit geworfen wurde). Die Stimmung war ganz gut, das Spiel weniger... Irgendwie hab ich das Gefühl, seit der WM eine unsichtbare Dauerkarte „FC Langeweile – Erbärmlich United“ bei mir zu tragen (und die nur in Baranowitschi vergessen zu haben). Zur Halbzeitpause ging das Flutlicht an. Und sonst? Tja, 2:0 und stark umjubelt siegte das Team von Schwarz- meer Odessa. Und ich konnte dann tatsächlich den 32. LÄNDERPUNKT feiern!

 







30.08.06      Dinamo Kiev 2 – Obolon Kiev     NICHT GESEHEN

Nach unserer Ankunft aus Odessa , wieder mal mit dem Nachtzug unterwegs gewesen, fuhren Elena und ich in strömendem Regen zu unserer Jugendher-berge. Doch die hatten wegen Bauarbeiten kein Wasser und wir mussten in eine andere JH ausweichen, am anderen Ende der Stadt. Waren wir also schon mal ziemlich abgef****.

Aber es kam noch besser: Inzwischen hab auch ich verstanden, dass man dem Informer nicht blind vertrauen darf und so bat ich Elena, mal bei Dinamo Kiev anzurufen um nachzufragen, in welchem Ground heute die zweite Mannschaft antreten würde. Antwort: „Wieso interessiert Sie das? Wer sind Sie über- haupt? Das Spiel findet auf einem Sportplatz statt, aber Zuschauer sind nicht zugelassen...“ Da blieb mir ja die Luft weg, Frechheit!



Aus einer Zeitung erfuhren wir zwar noch, wie der Sportplatz hieß und über den Stadtplan in einem Buchgeschäft, wo der so UNGEFÄHR liegen sollte (im äußersten Süden), aber ich hatte keinen Bock mehr! Ich bin Groundhopper und wollte ins Dinamo Stadion und nicht irgendeinen dämlichen Bolzplatz sehen!. Also entschloss ich mich mit Elena, zumindest die großen Grounds von Kiev anzugucken, halt ohne Spiel: Zuerst zum Dinamo Stadion (oder: Valery Lobanovsky Stadion, wo wir nicht reinkamen) und zum ukrainischen Nationalstadion, dem Olimpijskij bzw. Respublikanski Stadion. Hier konnten wir sogar reinlaufen, fein!




Fazit: Vier Spiele, drei neue grounds, ein Länderpunkt – ist gerade noch OK, da noch zwei weitere Spiele und grounds durchaus möglich waren! Aber bei dieser Reise stand sowieso nicht der Fußball im Mittelpunkt, sondern ganz andere Erlebnisse (vier Tage in der weißrussischen Wildnis, Hochzeit in der Ukraine und und und...).!